Senckenberg Forschungsinstitut und Naturmuseum Frankfurt

Entomologie II

Leider gibt es in der Umgangssprache einige unglückliche und fehlerhafte Gebräuche, die, noch dazu im Vergleich zum Englischen, zu Begriffsverwirrungen führen können. Deswegen hier einige Erklärungen:

 


 

Was sind im Deutschen ...

 
  •  ...Schmetterlinge?

„Schmetterlinge“ ist der deutsche Oberbegriff für alle Gruppen der Ordnung Lepidoptera oder Schuppenflügler. Es ist dies die Schwesterordnung zu den Trichoptera oder Köcherfliegen. Es gibt weltweit eine unbekannte Zahl zwischen etwa 150.000 (soviel wie heute beschriebene Arten) und bis zu 1,5 Millionen Arten von Schmetterlingen.
„Schmetterlinge“ sind also viel mehr als nur die Tagfalter; Tagfalter machen nur etwa 10–15% aller Schmetterlingsarten aus!

  •  ... Falter?

„Falter“ ist im Deutschen ein Synonym für Schmetterlinge, wird aber in der Regel nur in Zusammensetzungen (Tagfalter, Nachtfalter, Eulenfalter etc.) gebraucht.
„Falter“ wird außerdem benutzt, um das ausgewachsene Entwicklungsstadium in der vollständigen Metamorphose eines Schmetterlings zu benennen: Ei, Raupe, Puppe, Falter. Falter ist also auch im eingeschränkten Sinn die Imago eines Schmetterlings.
— „Falter“ ist also im Deutschen kein Gegensatz zu „Schmetterling“! 

  •  ... Motten?

„Motten“ ist im Deutschen eine sehr eingeschränkte Bezeichnung, die nur einige Gruppen der Kleinschmetterlinge (siehe unten), insbesondere die Echten Motten (Tineidae) und einige verwandte Gruppen sowie beispielsweise manche Miniermotten (und in einigen anderen zusammengesetzten Wörtern), bezeichnet. 

 


 

Im Unterschied zum Englischen:


  •  butterflies

„Butterflies“ bezeichnet im Englischen nur die Tagfalter.
[Manche Deutschen vermuten, daß „butterflies“ eine Übersetzung von „Schmetterlingen“ sei, und reden dann, wenn sie „Nachtfalter“ meinen, von „night butterflies“ — für englische Muttersprachler ein reichlich konfuser Ausdruck, der oft zu Gelächter führt.]

  •  moths

„Moths“ bezeichnet im Englischen alles, was kein echter Tagfalter ist — also etwa 80–90% aller Schmetterlingsarten.
Es entspricht im Gebrauch ungefährt unserem Begriff „Nachtfalter“, ist aber viel strikter definiert, etwa ähnlich wie der Begriff „Heterocera“ (= Nachtfalter im weitesten Sinn, im Gegensatz zu „Rhopalocera“ oder “Diurna” = Tagfalter).

... im Englischen gibt es also keinen nichtfachsprachlichen Überbegriff für die Ordnung Lepidoptera!

Wer im Englischen „Schmetterlinge“ meint, muß also immer von „butterflies and moths“ sprechen — oder fachsprachlich von Lepidoptera.

 


 

Kurze Erläuterung von zwei deutschen Begriffspaaren:

 


 

  • Tagfalter — Nachtfalter:
     
    Tagfalter (oder Diurna) bezeichnet eine einheitliche, natürliche (monophyletische) Gruppe, nämlich die beiden nah verwandten Überfamilien Papilionoidea (= Echte Tagfalter) und Hesperioidea (= Dickkopffalter). Alle Tagfalter fliegen bei Tag oder (selten) in der Dämmerung.
    Nachtfalter hingegen ist der ganze große Rest (= alles, was kein Tagfalter ist): etwa 80–90% der Arten, ein heterogenes Gemengsel aus den verschiedensten Überfamilien, die untereinander kaum näher verwandt sind; es handelt sich dabei um einen reinen Sortierbegriff, der keine nähere verwandtschaftliche Zusammengehörigkeit ausdrückt. — Nachtfalter fliegen meist bei Nacht; es gibt aber auch viele obligatorisch tagaktive „Nachtfalter“, wie etwa bei den Widderchen (Zygaenidae) oder den tropischen Agaristinae, einer Unterfamilie der Eulen (Noctuidae), oder beispielsweise bei den tropischen Castniidae.
 
  • Großschmetterlinge — Kleinschmetterlinge:
     
    Großschmetterlinge (oder Makrolepidoptera) bezeichnet die höheren Schmetterlinge, im System je nach Autor entweder schon ab etwa den Cossiden oder auch erst ab den Bombycoidea und ebenfalls wahrscheinlich eine monophyletische (natürliche) Einheit darstellend. Das heißt, die Tagfalter zusammen mit einigen Teilgruppen der Nachtfalter sind Großschmetterlinge — also insgesamt etwa 60–75% aller Schmetterlingsarten sind Großschmetterlinge.
    Kleinschmetterlinge (oder Mikrolepidoptera) bezeichnet wieder „den Rest“, darunter auch durchaus körperlich große bis sogar sehr große Vertreter wie einige teilweise gigantische Hepialidae (Wurzelbohrer) der südlichen Hemisphäre. Auch diese „Restgruppe“ ist keine monophyletische (natürliche) Einheit, sondern eine untereinander wenig verwandte paraphyletische „Sortiereinheit“.
    „Kleinschmetterlinge“ ist kein Synonym zu „Motten“; Motten ist die kleinere, strikter definierte Einheit („Motten“ sind allerdings auch kein Monophylum!).
  • Ein solches Durcheinander von natürlichen Gruppen und unnatürlichen „Restgruppen“, die nur als Sortiereinheiten gelten können, gibt es immer wieder: Zwar sind die Tagfalter (= Hesperioidea und Papilionoidea), Eulen (= Noctuidae) und Spanner (= Geometridae) — die drei artenreichsten Gruppen der Großschmetterlinge — jeweils für sich genommen natürliche Verwandtschaftseinheiten, aber die „Spinner und Schwärmer“, die vierte „Großgruppe“ der Makrolepidoptera, sind wieder ein unnatürliches Konglomerat, in dem die verschiedensten, untereinander nicht näher verwandten Familien (von Kleinschmetterlingen wie Widderchen und Glasflüglern über Großschmetterlinge wie die Echten Spinner, zu denen auch die Schwärmer gehören, bis hin zu einigen Familien aus der nächsten Verwandtschaft der Eulen!) zusammengewürfelt wurden.

Wer über Schmetterlingsgruppen exakt reden möchte, sollte also anstelle dieser schlecht oder unzureichend definierten deutschen Gruppenbezeichnungen besser die wissenschaftlichen (oder gelegentlich auch deutschen) Namen der Familien und Überfamilien benutzen, deren Abgrenzung voneinander der Regel besser definiert (und besser phylogenetisch begründet) ist.

 

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