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Senckenberg Forschungsinstitut und Naturmuseum Frankfurt

Paläozoologie III

schematischer Körperbau 

   

Körperbau eines Brachiopoden, schematisch. Medianer Längsschnitt, der die wesentlichen Organe des rezenten artikulaten Brachiopoden Terebratulina retusa zeigt. Zeichnung: U. Jansen.

 

    

Die Brachiopoden („Armfüßer“, „Lampenmuscheln“) stellen einen eigenständigen Tierstamm dar, der vom unteren Unter-Kambrium (540 Millionen Jahre vor heute) bis heute nachgewiesen ist. Es handelt sich ausschließlich um Meeresbewohner, die in der Erdgeschichte ein weites Spektrum von verschiedenen Lebens- und Ablagerungsräumen bewohnt haben. Sie kommen heute vom Gezeitenbereich bis in die Tiefsee vor und hatten sicherlich auch in der geologischen Vergangenheit eine große Tiefenverbreitung.

Die Brachiopoden sind Meerestiere mit zwei Schalenklappen, wodurch sie äußerlich Muscheln ähneln. Obwohl sie auch ökologische Nischen wie viele Muscheln besetzen, haben sie systematisch mit diesen überhaupt nichts zu tun, weil sie anatomisch vollkommen anders aufgebaut sind.

Ihre Schale besteht aus einer Ventral- und einer Dorsalklappe , welche meist unterschiedlich gekrümmt und jeweils bilateral-symmetrisch sind. Die Größe der Schale ausgewachsener Tiere erreicht wenige mm bis über 20 cm; meist betragen Länge und Breite zwischen 1 und 7 cm. Die Schale umgibt den wesentlichen Weichkörper des Tieres.

Nach einem meist kurzen, wenige Stunden oder Tage andauerndem, planktischen Larvalstadium sind die Tiere meist mit einem fleischigen Stiel an einem Substrat befestigt, seltener direkt mit der Schale fest daran zementiert, oder sie liegen einem Substrat lose auf. Der Stiel tritt hinten aus der Schale durch ein so genanntes Delthyrium, ein abgeschlossenes Stielloch oder zwischen den beiden Klappen heraus. Die Schalenklappen bestehen aus Kalziumkarbonat (Kalk) oder organo-phosphatischer Substanz, wobei die Schalenstruktur sehr unterschiedlich sein kann. Schalensubstanz und -struktur sind für die Unterteilung der Brachiopoden in systematische Großgruppen wesentlich. Die kalkigen Schalen können z.B. punktat oder impunktat sein, also mit winzigen Poren ausgestattet sein oder nicht. Ventral- und Dorsalklappen können in sehr verschiedener Weise gekrümmt (konkav, konvex, genikulat, resupinat), glatt oder berippt und häufig von einer ausgeprägten Längsfalte durchsetzt (Sinus und Sattel) sein. Bei der größten Brachiopoden-Gruppe, den Rhynchonelliformea („Articulata“), sind die beiden Klappen hinten meist durch Schlosszähne und korrespondierende Zahngruben scharnierähnlich miteinander verbunden und können durch Öffner- und Schließmuskeln geöffnet und geschlossen werden. Bei den übrigen Formen, den Linguliformea und den Craniiformea („Inarticulata“), fehlt diese Artikulation.

Der von den beiden Klappen eingeschlossene Raum enthält etwa in seinem hinteren Drittel die Hauptmasse des Weichkörpers und davor die so genannte Mantelkammer, die als Filtrierkammer fungiert. In diese Mantelkammer ragt von hinten her ein Paar von fleischigen, mit Tentakeln besetzten Armen (Lophophoren) hinein, mit denen das Tier bei gering geöffneter Schale einen Wasserstrom von außen in die Mantelkammer hinein und wieder hinaus erzeugt. Mit dem einströmenden Wasser gelangen in Suspension befindliche Nahrungspartikel hinein, die von den Tentakeln eingefangen und zum Mund geführt werden. Die fleischigen Arme werden häufig durch kalkige Gerüste der Dorsalklappe gestützt, deren Gestalt für die Unterscheidung der verschiedenen Ordnungen der Rhynchonelliformea bedeutend ist. Sie haben die Form von einfachen Platten, Spangen, Schlaufen oder Spiralen. 


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