Senckenberg Forschung

Restaurierung hist. anatom. Sammlungen

Restaurierung der historischen anatomischen Sammlungen

Senckenberg verfügt über mehrere Sammlungen zur vergleichenden Anatomie, Embryologie (Entwicklungsgeschichte) und Histologie. In diesen sind sehr seltene und zum Teil bereits aus dem 19. Jahrhundert stammende Präparate enthalten.

Die Bewahrung und Bearbeitung dieser historischen Sammlungen stellt eine wichtige Position im Erhalt und der Weiterentwicklung entscheidender Gebiete der Grundlagenforschung in der Biologie und Paläontologie dar. Vergleichende Anatomie und Histologie sind in vielerlei Hinsicht eine Basis für taxonomische, systematische, phylogenetische, organismische und evolutionsbiologische Fragestellungen.

Die weit über 10.000 Objekte umfassende anatomische Sammlung und die beinahe noch einmal so große histologische Sammlung sind beeindruckend, die imposante Erscheinung besonders der Groß-Präparate lässt sie immer wieder zum absoluten Höhepunkt der Führungen durch das senckenbergische Sammlungsdepot werden.

Leider befindet sich die anatomische Sammlung zur Zeit in einem bedenklichen Zustand und bei vielen Präparaten ist eine ausreichende Konservierung nicht mehr sichergestellt. Um den kulturellen und wissenschaftlichen Wert dieser Sammlungen zu erhalten und sie für die wissenschaftliche Bearbeitung wieder nutzbar zu machen, müssen umgehend Maßnahmen zur Rettung der Sammlung ergriffen werden.

Diese Maßnahmen werden in den nächsten Jahren gefördert im KUR-Programm zur Konservierung und Restaurierung von mobilem Kulturgut durch die
Kulturstiftung des Bundes (Kulturstiftung des Bundes)
gemeinsam mit der
Kulturstiftung der Länder (Kulturstiftung der Länder).

Weitergehende Hintergrund-Informationen zu den zu restaurierenden Sammlungen
Vergleichend anatomische Forschungen haben seit Beginn der senckenbergischen Arbeitstätigkeit im Jahr 1817 einen wichtigen Anteil eingenommen. Es bestand ein nur schwer zu überwindendes Dilemma einerseits zwischen der vordringlichen Aufgabe, in den systematischen Sammlungen die Objekte zu bewahren und andererseits der Notwendigkeit etwas über den Körperbau und die Funktionsweise der Organismen, den Organsystemen und den Geweben zu erfahren, um eine korrekte taxonomisch/systematische Zuordnung vornehmen zu können. Hierbei kam man um eine anatomische und histologische Bearbeitung, d.h. gelegentlich auch um eine verbrauchende Bearbeitung (mithin also Zerstörung von Objekten) nicht herum. Die anatomische Sammlung Senckenbergs wuchs in dieser Zeit zwar an, aber nicht so schnell, wie andere Sammlungen. Präparationen mußten meist vom jeweiligen Sektionsleiter genehmigt werden und es standen nur spezielle Präparate (z.B. aus Zoologischen Gärten) zur Verfügung. Dafür aber wurde großer Wert auf eine umsichtige und kunstvolle Präparation gelegt und die Präparate schließlich in die vergleichend anatomische Sammlung übernommen. Viele der hergestellten Präparate waren Bestandteil der alten Vorkriegsausstellung und wurden zu Lehrzwecken verwendet (vergl. Chronik der Senckenbergischen Naturforschenden Gesellschaft von W. Schäfer). Bis zum Jahre 1914 waren, insbesondere durch das Wirken des damaligen Direktors Fritz Römer, etwa 4.000 Präparate zur vergleichenden Anatomie und Entwicklungsgeschichte gesammelt worden. Mit dem Tod Fritz Römers war die Sammlung dann verwaist und sie wurde während des Krieges als Alkohol-Reservoir genutzt. Erst in den sechziger Jahren wurde durch Neueinrichtung der Sektion Vergleichende und Funktionelle Anatomie die Sammlung neu inventarisiert und zumindest einige der Präparate bearbeitet.

An vielen Instituten und Forschungsmuseen werden anatomische Sammlungen kaum gepflegt und neue Präparate werden heute nicht mehr hergestellt. Mehr noch: bei personellen Umstrukturierungen werden anatomische Sammlungen als Belastung angesehen und häufig über eine Entsorgung nachgedacht; teilweise sind wertvolle anatomische und histologische Präparate wohl auch schon weggeworfen worden. In diesem Zusammenhang ist es glücklicherweise gelungen, zwei sehr bedeutende anatomische und histologische Sammlungen, nämlich die von Georgi Pilleri aus Bern und die von Dietrich Starck aus der Dr. Senckenbergischen Anatomie des Universitätsklinikums Frankfurt am Main, in den Bestand der Senckenbergischen vergleichenden Anatomie zu übernehmen und damit zumindest vorläufig zu retten. Nunmehr umfaßt die vergleichend anatomische Sammlung (inklusive der embryologischen Sammlung) ca. 10.000 bis 12.000 Präparate. Hinzu kommen noch mehrere tausend histologische Präparate von Georgi Pilleri, Fritz Römer, Herrmann von Meyer und Wolfgang F. Gutmann.

Bedeutung dieser historischen Sammlungen
Anatomische und histologische Präparate, wie sie in den vergleichend anatomischen Sammlung des Senckenberg vorliegen, sind heutzutage nur noch schwer oder überhaupt nicht mehr zu beschaffen, weil diese Tiere auch von Wissenschaftlern nicht mehr zu Forschungszwecken gefangen und getötet werden dürfen oder weil sie sogar schon ausgestorben sind. In der Senckenbergsammlung befinden sich z.B. Augen und andere Organsysteme des ausgestorbenen Quagga, Proben von Mammutfleisch, Organe und Gewebeproben von Blau- und Finnwal, das Herz eines Seiwals (mittlerweile in der Walaustellung des Museums), Organe, Nervensystem, Muskulatur, etc. von nahezu allen Großsäugerarten, von denen viele kurz vor dem Aussterben stehen. In den systematischen Sammlungen sind Großsäuger notwendigerweise nicht als Totalpräparate, sondern nur als Skelette und/oder Felle vorhanden, da hier ja nur die für Taxonomie und Systematik relevanten "Teile des Körpers" von Bedeutung sind. Die anatomische Sammlung ist somit die notwendige Ergänzung zu den Teil- und Trockenpräparaten der systematischen Sammlungen. Einige auswärtige Kollegen haben diesen Wert der senckenbergischen Sammlungen erkannt, so daß es hin und wieder Anfragen zur Untersuchung einzelner Präparate gibt, einerseits weil über die anatomische Sammlung seltene Organismen bereits in präparierter Form zur Verfügung stehen, andererseits weil die in der Anatomie etablierten organspezifischen Fixierungsmethoden die optimale Qualität der Präparate sichergestellt haben. Das Material aus den systematischen Sammlungen ist meist nur in Alkohol fixiert worden, was für eine taxonomische Untersuchung ausreichend ist, aber die Möglichkeiten zur  anatomisch-präparativen, histologischen, immunhistochemischen oder molekular-genetischen Untersuchungen stark einschränkt oder unmöglich macht. Anatomische Sammlungen stellen somit einen wichtigen und bedeutenden Materialfundus für verschiedene Forschungsfelder dar. Nur eine anatomische Sammlung bietet nämlich den direkten Zugriff auf "homologe" Gewebeproben verschiedenster Organismen.

Die histologische und anatomische Bearbeitung von Organismen, Organsystemen und Geweben ist eine Grundlage für Forschungsvorhaben in verschiedenen biologischen Disziplinen, insbesondere der organismischen Biologie und in der Evolutionsforschung. Histologische Präparate haben in der Biologie einen ähnlichen Stellenwert wie Dünnschliff-Präparate in der Geologie und Paläontologie, denn sie liefern den Einblick in die Feinstrukturen, den mechanischen Zusammenhalt und mikroskopischen Aufbau der Organismen, können aber auch nur im organismischen (anatomischen) Kontext sinnvoll interpretiert werden, ebenso wie Dünnschliffpräparate sich nur im Kontext des geologischen Rahmens sinnvoll interpretieren lassen. Histologische Präparate sind in vielen Fällen auch für systematische Arbeiten von grundlegender Bedeutung, da spezifische Färbungen es gestatten, Gewebetypen und Bauweisen zu differenzieren.

Anatomische Präparate bilden eine wesentliche Ergänzung für das Verständnis von Körperbau und Funktionsweise von Organen und Geweben. Die Kenntnis von Anatomie und Histologie bildet eine Basis für Systematik und Taxonomie, die, wenn sie gleichermaßen für rezente und fossile Tiere gültig sein sollen, auf die anatomisch präparative Erschließung des rezenten und aktualistische Interpretation des fossilen Materials angewiesen ist. Fossile Knochenstrukturen lassen sich z.B. nur mit aktualistischen Bezügen korrekt interpretieren. Dennoch wird jede Fossilrekonstruktion nicht nur vom anatomischen Grundwissen sondern auch vom vorherrschenden Weltbild in der Wissenschaft geprägt. Da sich Weltbilder im Laufe der Zeit ändern, werden auch anatomische Beobachtungen heute anders gedeutet als vor hundert Jahren. Folglich sehen Rekonstruktionen fossiler Organismen heute ganz anders aus. Wenn sich jedoch die Anatomie nicht weiterentwickeln kann, sodass in Zukunft das anatomische Wissen und die Weltbilder des letzten und vorletzten Jahrhunderts als Grundlage für Fossilrekonstruktionen dient, dann ist auch um die Weiterentwicklung der Paläontologie zu fürchten. Ähnliche Bedenken sind für die moderne Molekularbiologie zu äußern, denn auch hier ist ein an herrschende Weltbilder angepaßtes anatomisches Basiswissen notwendig, um molekulare Untersuchungen in adäquater Weise durchzuführen (beispielsweise, um Genexprimierungen in bestimmten Organsystemen oder Körperabschnitten korrekt zu interpretieren); die Wissenschaftler benötigen korrekte und mechanisch kohärente anatomische Darstellungen der von ihnen untersuchten Tiere.

Projektträger
Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung, Frankfurt am Main

Kooperationspartner
Museum für Naturkunde Berlin

Publikationen zum Projekt und zur Ausstellung
Restaurierung
Ausstellung

Link zur SeSam-Datenbank (digitalisierte Objekte)

Kontakt
Andreas Allspach
Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung
Senckenberganlage 25
60325 Frankfurt am Main
Tel.: +49 (0)69 75421369
 

 

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