Senckenberg Forschung

Wilhelmshaven

Wandern die Ostfriesischen Inseln – und wenn ja, wie schnell und wohin?

Ein Vortrag im Rahmen der Bilderausstellung "Schönheit imVerborgenen - Mikrokosmos Ozean im Wattenmeer Besucherzentrum am 27.01.2018 um 19:00 Uhr.

Die früheste Bildung einer Inselkette entlang der südlichen Nordseeküste lässt sich nicht mehr sicher bestimmen, weil es keine geologischen Befunde darüber gibt. Der Prozess begann aber vermutlich als der steigende Meeresspiegel vor ca. 8000 Jahren den Fuß der höher liegenden Geest bei ca. -20 m (relativ zum heutigen, mittleren Meeresspiegel) erreicht hatte. Im flachen Nordseebecken betrug der Tidenhub damals weniger als 1 m. Das Meer drang dabei in die unteren Ausläufer der Fluss- und Bachläufe ein und bildete Ästuare, die durch Geestrücken und Geestsporne voneinander getrennt waren. Letztere wurden durch Seegang angegriffen und langsam aufgearbeitet. Auch die küstennahe Schorre wurde aufgrund des noch flachen Wassers weiterhin abgetragen. Das auf diese Weise freigesetzte Lockermaterial wurde überwiegend in die benachbarten Ästuare eingetragen, wo es zum Ausgleich des steigenden Meeresspiegels beitrug. Bei diesem Prozess bildeten sich zwangsläufig kurze Nehrungen, die seitlich an die Geestsporne angelagert waren und die Ästuare an den Mündungen zur Nordsee einengten. Während sich auf den Nehrungen Küstendünen etablierten, bildeten sich in ihrem Schutze vermutlich bereits schmale Randwatten und Salzwiesen aus.

Mit steigendem Meeresspiegel stieg auch der Tidenhub an, was den Angriff des Seegangs auf die Küste verstärkte und diese langsam zurückweichen ließ (ca. 30 m/Jhdt.). Gleichzeitig weiteten sich die seitlichen Randwatten auf Kosten der Geestsporne aus. Dieser Prozess führte schließlich dazu, dass die Geestflächen hinter den Dünengürteln bei Hochwasser überflutet und die Nehrungen vom Festland abgeschnitten wurden. Die dadurch entstandene Inselkette unterlag nun den bekannten hydraulischen Gesetzmäßigkeiten von Insel-Watt-Systemen, die sich in vorhersagbaren Verhältnissen zwischen den Wasservolumen der Gezeiten, den bei Hochwasser überfluteten Flächen, den hydraulischen Querschnitten der Seegaten (Breite und Tiefe der Rinnen zwischen den Inseln), und den Längen der Inseln ausdrücken. Mit anderen Worten, je größer das Wasservolume der Tide in einem Gezeitenbecken, desto größer die überflutete Fläche, desto größer der hydraulische Querschnitt der Seegaten und desto kleiner die Insel. Das Prinzip gilt natürlich auch umgekehrt.

Zunächst war der landwärts Versatz der Küste im Zuge des Meeresspiegelanstiegs noch sehr gering, weil ausreichend Sediment aus externen Quellen, d. h. dem vorgelagerten Meeresgrund, zum Ausgleich zur Verfügung stand. Dies änderte sich anfänglich schleichend, später zunehmend schneller, weil die seewärtige Quelle allmählich verhungerte, bis schließlich kein Sediment mehr vom südlichen Nordseebecken zur Verfügung stand. Diese Situation war erreicht als das Nordseebecken eine Wassertiefe von ca. 15 m überschritt. Das Insel-Watt-System musste fortan auf das eigene Sedimentreservoir zurückgreifen, um das vom Meeresspiegelanstieg erzeugte Defizit auszugleichen. Dies bedingte zwangsläufig eine landwärts Verlagerung der Inseln. Hier gilt das Prinzip, je weniger Sediment aus externen Quellen zur Verfügung steht, desto schneller müssen sich die Inseln landwärts bewegen; im Falle der Ostfriesischen Inseln gegenwärtig ca. 1 km pro Meter Meeresspiegelanstieg. Dass dieser Prozess tatsächlich stattfindet wurde durch Kernbohrungen auf den Inseln nachgewiesen. Diese ergaben nämlich, dass die Ablagerungen unter der Flugsanddecke der Inseln dem Rückseitenwatt zuzuordnen sind. Allerdings wurde dieser natürliche Vorgang durch Eingriffe des Menschen in historischer Zeit empfindlich gestört.

Durch den Deichbau wurden die Wattflächen verkleinert. In der Folge wurden die Tidevolumen geringer, was wiederum zu kleineren Rinnenquerschnitten und folglich zu Inselausdehnungen führte. Vor den Seegaten lagen aber noch die großen Ebbdeltas aus den Zeiten vor dem Deichbau. Von diesem Sedimentüberschuss hat das Insel-Watt-System in den vergangenen Jahrhunderten gelebt. Da dieser Puffer heute weitgehend aufgebraucht ist, wird sich das zukünftig in einem beschleunigten Wanderungsverhalten der Inseln ausdrücken. Es steht zu bezweifeln ob der Mensch diesen Vorgang wird aufhalten können.

Prof. Dr. Burghard W. Flemming

Senckenberg, Abteilung für Meeresforschung, Wilhelmshaven

https://die-welt-baut-ihr-museum.de