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Die Gründung der Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung geht nicht direkt auf den Arzt, und Naturforscher Dr. Johann Christian Senckenberg (1707-1772) zurück, sie wurde aber in Gedenken und Verehrung seiner Stiftung nach ihm benannt. Senckenberg begründete 1763 seine Stiftung, in die sein ganzes Vermögen in Höhe von 95 000 Gulden einfloß und gliederte sie in zwei Abbteilungen: 1) eine praktische; das Bürgerhospital, welches heute noch besteht, in dem damals auch Arme unentgeltlich versorgt wurden, und 2) eine wissenschaftliche; das Medizinische Institut am Eschenheimer Turm, mit dem Botanischen Garten, und der reichhaltigen Bibliothek, die auch Laien Zugang zu den Wissenschaften gewähren sollte, wie auch der naturhistorischen Sammlung, dem chemischen Laboratorium und schließlich dem Anatomischen Theater.
Aus diesem Anatomischen Theater geht eine besonders bemerkenswerte Geschichte hervor. Als das Gebäude, in dem sich das Anatomische Theater befinden sollte noch nicht fertiggestellt war, besichtigte Senckenberg am 15. November 1772 die Baustelle. Am obersten Gerüst angelangt, lenkte er wohl zu unbedacht seine Schritte und fiel aus großer Höhe hinunter. Nach wenigen Stunden starb er an den Folgen eines Schädelbruchs. Da er nun aber vor seinem Tode bereits bestimmt hatte, seinen Leichnam zu Forschungszwecken der Wissenschaft zu überlassen, war er der erste Mensch, der im noch unfertigen Bau des Anatomischen Theaters, seziert wurde. Nach dem Tode Senckenbergs entwickelte sich das Bürgerhospital, das reichliche Spenden der Bürger Frankfurts erhielt, sehr erfreulich. Die Arbeit der wissenschaftlichen Institute hingegen drohte aufgrund kleinlicher Verwaltungsstreitigkeiten und Widerständen persönlicher Art im Rat der Stadt, der versuchte die Selbständigkeit der Institution zu untergraben, zu scheitern. Die aufkommenden wirtschaftliche wie auch politischen Erschütterungen ließen der Wissenschaft zu wenig Raum, um sich im Sinne des Stifters weiterzuentwickeln.
In den zwanziger Jahren des neunzehnten Jahrhunderts nimmt die Geschichte dennoch vorteilhaft ihren Lauf. Der weitere Hergang wird von zwei Einflüssen maßgeblich geprägt. Zum einen beschäftigte sich Goethe im Jahre 1815 bei einem längeren Aufenthalt in Frankfurt eingehender mit den Zuständen der Stiftung Senckenbergs und stellte dabei in einer veröffentlichten Schrift fest, daß er hohes Lob für den Stifter übrig hatte aber nur tadelnde Kritik für dessen Nachfolger, die sein Werk nicht nach seinem Geiste pflegten. Dazu kam, daß sich zur gleichen Zeit eine Gruppe von 32 Bürgern vor allem um den, an der Senckenbergischen Anatomie als Lehrer beschäftigten, Arzt Dr. Ph. J. Cretzschmar und Dr. Neuburg, ärztlicher Pfleger am Medizinischen Institut, herausbildete. Dieser Verband wies sich zum einen durch wissenschaftliches Interesse und Forscherdrang und zum anderen durch den Wissensdurst leidenschaftlicher Sammler aus. Da nun Goethes Kritik und Anregungen die stärkste Werbung für den Naturforschenden Verein darstellte, erhöhte sich auch die Bereitwilligkeit der Stiftungsverwaltung, dem neuen Verein zu genehmigen, daß sie ihre Arbeit in Senckenbergs Namen weiterführe.
Teile der Bibliothek wie auch der naturhistorischen Sammlung der Stiftung Senckenberg konnten im Gebäude am Eschenheimer Turm übernommen werden. Dort fand die SGN auch ihren ersten Sitz.
"Bei ihrer Gründung hatte sich die SNG ein hohes zweifaches Ziel gesteckt: Naturwissenschaftliche Sammlungen anzulegen und zugleich für deren Unterbringung ein Natur-Museum zu erbauen. Bereits im ersten Jahrzehnt des Lebens der SGN ist dieses Ziel, zu dessen Verwirklichung Forschungseifer und naturwissenschaftliche Kenntnisse mit Finanzkraft und wirtschaftlicher Umsicht verknüpft sein mußten, durch glückliche Umstände erreicht worden. NEUBURGS Organisationstalent, CRETZSCHMARs Gabe, für die Naturkunde zu begeistern, RÜPPELLs erste Forschungsreise nach Ägypten mit allen ihren Strapazen und Gefahren, die ungeahnte Naturschätze nach Frankfurt strömen ließ, die stille Gönnerhand des Staatsrates v. BETHMANN, die Beziehungen CARL v. HEYDENS zum Frankfurter Senat und den führenden Familien der Stadt, hochherzige Spenden reicher Bürger, die gewissenhafte Erledigung der Gesellschafts-Korrespondenz durch Dr. MAPPES - all das mußte zusammenwirken, um das große Doppelziel in kurzer Zeit zu erreichen." Aus: Chronik der Senckenbergischen Naturforschenden Gesellschaft 1817-1966 von Waldemar Kramer
Über die Gründung der Senckenberg Gesellschaft für Naturforschug gibt es eine weitere Anekdote, die Eduard Rüppell, einer der bedeutendsten Forschungsreisenden aufschrieb: "Einige Monate vor meiner Rückkehr nach Frankfurt hatte sich daselbst (am 22.November 1817) ein Verein zur Beförderung naturwissenschaftlicher Studien und zur Anlegung hierzu geeigneter Sammlungen gebildet; zum Angedenken an den hochverdienten, freisinnigen und wissenschaftlichen Frankfurter Doktor JOHANN CHRISTIAN SENCKENBERG, der ungefähr eine gleiche Idee durch die Stiftung des nach ihm benamten Medizinischen Institutes verwirklichen wollte, hatte man den neuen Verein die Senckenbergische Naturforschende Gesellschaft getauft. Die erste Veranlassung zur Idee der Begründung dieses Vereins, der seither größtenteils durch die von mir gemachten Schenkungen einen so glänzenden Aufschwung erhielt, ist so originell, daß ich nicht umhin kann, dieselbe mitzuteilen, wie sie mir Doktor NEUBURG, der erste Direktor dieser Naturforschenden Gesellschaft, selbst mitgeteilt hat. "In der Frankfurter (Herbst?) Messe von 1817 wurde unter andern Kuriositäten dem schaulustigen Publikum ein lebender schwarzer Seehund aus dem adriatischen Meere (Phoca oder Pelagia monachus) gezeigt, der sich durch Körper-Größe und vollkommene Zähmung besonders auszeichnete. Gegen Ende der Messe erkrankte das Tier, welches nun, da die Holzbude auf dem Paradeplatz, worin es ausgestellt war, weggeräumt werden mußte, in dem Hof des Wirtshauses zur Reichskrone einquartiert ward. Daselbst krepierte es bald nachher, und der Eigentümer dieses in naturhistorischer Beziehung seltenen Tieres suchte nun dessen Körper an ein Zoologisches Kabinett einer benachbarten Universität zu verkaufen. Er schrieb deshalb nach Gießen und Heidelberg; aber die gerade statthabenden Vakanzen verzögerten die Beantwortung. Das Tier ging inzwischen in Fäulnis über, und auf Anzeige und Bitte des Gastwirts ließ es die Polizei nach der Salmiakhütte abführen. So wurde ein höchst seltenes europäisches Säugetier in Frankfurt barbarisch zerstört, weil niemand dort sich für dessen Erhaltung interessierte. Einige der wackeren Bürger, welche für wissenschaftliches Streben Sinn hatten, mußte dieser Vorfall doch wurmen, und damit ein ähnlicher Skandal sich nicht mehr wiederhole, vereinigten sich mehrere Liebhaber der Naturgeschichte unter dem Vorsitz des Dr. NEUBURG zur Begründung der in Rede stehenden Gesellschaft. NEUBURG, der selbst eine kleine Sammlung deutscher Säugetiere und Vögel hatte, verehrte [vermachte] ihr dieselben bald nachher, und dieses war der Anfang eines naturhistorischen Museums in Frankfurt!" "Als ich in der Folge einstens (es war im Jahr 1835) es als eine Art von Undank erklärte, daß in unserem Museum kein Exemplar einer Phoca monachus aufgestellt sei, welchem Tier wir doch indirekt die Begründung unseres Vereins verdankten, da fand sich Doktor CRETZSCHMAR, der damalige zweite Gesellschafts-Direktor, veranlaßt, in einem am Stiftungsfeste von ihm abgelesenen Vortrag eine lange Geschichte zu erzählen, nach welcher die eigentliche Ursache der Begründung der Senckenbergischen Naturforschenden Gesellschaft ein von ihm gemachter Versuch gewesen wäre, unter Mitwirkung mehrerer Ärzte und Freunde der Naturgeschichte die Geldmittel zusammen zu bringen, um ein vollständiges Exemplar der Pariser Encyclopédie Méthodique zu acquirieren, welche ihm der Buchhändler PANCOUQUE angeblich mit einem nambaren Rabatt angetragen habe. So ein Ankauf wäre meines Erachtens in wissenschaftlicher Beziehung eine höchst nutzlose Geldverwendung gewesen, die jedenfalls weder damals noch später verwirklicht wurde. Der anspruchslosen Mitteilung des Dr. NEUBURG, die vorstehend aufgezeichnet ist, gebe ich unbedingt vollen Glauben, da sie ohnedies durch die akzessorischen Tatsachen belegt wird ... "
Aus: Robert Mertens: Eduard Rüppel. Leben und Werk eines Forschungsreisenden. Verlag Waldemar Kramer, Frankfurt am Main 1949. - Dritter Teil: Literarischer Nachlaß, IX Autobiographisches Bruchstück, Seite 226-227.
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