Senckenberg Forschungsinstitut und Naturmuseum Frankfurt

Malakologie
 

Titel Forschung

 

Grundlagenforschung auf dem Gebiet der Systematik und Taxonomie schafft die zwingend notwendige Basis für Aussagen z. B. über Verbreitung in Raum und Zeit, Ökologie, Evolution und physiologische Leistungen eines Organismus und ist damit auch unabdingbare Voraussetzung für angewandte Forschung. Jede solcher Aussagen muß auf einer exakten Bestimmung und Zuordnung des Objekts basieren. Taxonomische Arbeit bedarf langfristiger Erfahrung und einer Forschungssammlung als Arbeitsmittel. Dementsprechend liegt der Schwerpunkt der in der Sektion Malakologie betriebenen Forschung auf der taxonomischen Grundlagenforschung. Hierfür verfügt die Sektion mit einer der größten und wichtigsten malakologischen Sammlungen der Welt über ein hervorragendes Forschungsinstrument und zugleich unschätzbares Datenarchiv. Die Sektion Malakologie ist also dem Forschungsbereich Biodiversität und Systematik zugeordnet.

Den großen Teilgebieten der Sammlung  entsprechen folgende Forschungsschwerpunkte:

Marine Malakologie 


Taxonomie und Biodiversität mariner Molluskenfaunen der arabischen Meere (R. JANSSEN)

Rotes Meer, Golf von Aden, Persischer Golf und die Insel Sokotra unterscheiden Conus Rotes Meersich in der Biodiversität ihrer Molluskenfaunen z. T. sehr deutlich, auch die spezifische Zusammensetzung der Faunen zeigt teilweise signifikante Unterschiede. Diese Unterschiede sollen herausgearbeitet und im ökologisch-ozeanographischen sowie biogeographischen Kontext erklärt werden. Notwendige Basis dafür ist wiederum eine abgeklärte Taxonomie. Grundlage für die Arbeiten sind die umfangreichen Materialien aus dem Tiefwasser des Roten Meeres und des Golfs von Aden, die durch verschiedene deutsche Forschungsschiffe (SONNE, VALDIVIA, METEOR) gesammelt wurden, sowie eigene und von  Kollegen durchgeführte Aufsammlungen im Eu- und flachen Sublitoral des Roten Meeres, des Persischen Golfes sowie von der Insel Sokotra.
In Zusammenarbeit mit M. ZUSCHIN (Wien) werden derzeit Flachwassergastropoden aus dem Roten Meer von Ägypten taxonomisch und aktuopaläontologisch bearbeitet. Die Pectinidae aus dem Tiefwasser des Roten Meeres und des Golfs von Aden werden zusammen mit H. DIJKSTRA (Amsterdam) untersucht. Propeamussiidae Rotes Meer
Im Rahmen des seit 2011 laufenden arabisch-deutschen Kooperationsprojektes „Red Sea Biodiversity Survey“  haben zwei Sammelreisen reichhaltiges Material erbracht, das in nächster Zeit bearbeitet werden soll.  In einem internationalen Buchprojekt werden „Physical and biological constraints on the deep sea benthic molluscs“ des Roten Meeres dargestellt (mit M. TAVIANI, Bologna). Ferner ist eine umfangreiche Molluskenausbeute von der Insel Sokotra in Bearbeitung.

Tiefwassermollusken, speziell Mollusken aus chemosynthetischen Habitaten  (R. JANSSEN).

Seit ihrer Entdeckung in den 60iger Jahren bilden chemosynthetischeBathymodiolus tangaroa tuerkayi Faunengemeinschaften einen besonderen Schwerpunkt in der Erforschung mariner Biota. Das durch entsprechende  deutsche Forschungsvorhaben gesammelte Material wird u. a. auch im Senckenberg Forschungsinstitut hinterlegt und bearbeitet. Bisher wurden mehrere neue Arten von Bivalven der Familien Vesicoymidae und Mytilidae beschrieben (u.a. COSEL & JANSSEN 2008, KRYLOVA & JANSSEN 2007). Weitere Bearbeitungen sind nach Maßgabe neu gesammelten Materials vorgesehen.

Terrestrische Malakologie


Taxonomie und Evolution der Clausiliidae (ehrenamtl. Mitarbeiter H. NORDSIECK)

Der Hauptforschungsgegenstand, die Schließmundschnecken (Clausiliidae), sind eine der am besten bekannten Familien der Landlungenschnecken. Sie sind in natürlichen Lebensräumen (Wald- und Felsbiotope) verhältnismäßig häufig und stehen für die Forschung in Sammlungen mit einer großen Zahl von Proben und Individuen zur Verfügung. Die Clausiliensammlung des Senckenberg Forschungsinstituts und Naturmuseums Frankfurt ist eine der bedeutendsten der Welt; wegen ihres Reichtums an Typen ist sie eine einzigartige Vergleichssammlung.
Die Clausilien sind reich an morphologischen Merkmalen, an solchen des Gehäuses, weil sie einen komplizierten Verschlußapparat besitzen, und an solchen des Genitalapparats, weil sie simultane Phaedusa paviei; VietnamZwitter sind. Sie zeigen eine hohe Diversität, sowohl auf Artniveau (etwa 1300 rezente Arten bekannt) als auch auf höherem taxonomischem Niveau (gegenwärtig 9 Unterfamilien).
Die Forschung betrifft rezente europäische und außereuropäische Gruppen (Ostasien, Südamerika) sowie fossile Gruppen.
Bei den rezenten europäischen Gruppen stehen Diversität und Evolution der Gruppen im Vordergrund. Besonders interessant sind die Gruppen Südeuropas, Felsenschnecken, die hohe Diversität auf Artniveau zeigen. Diese Diversität wird in bestimmten Gruppen durch alternative Formen des Verschlußapparats, verschiedene Windungsrichtung des Gehäuses und Artbastardierung noch erhöht.
Bei den außereuropäischen Gruppen steht die taxonomische Arbeit noch im Vordergrund. Sie ist von besonderer Bedeutung für Konservierungsplanungen, da viele Arten charakteristisch für naturnahe Biotope sind.
Bei den fossilen Clausilien, die hauptsächlich im Tertiär und Quartär vorkommen, ermöglicht das merkmalsreiche Gehäuse eine sichere Einordnung der Arten in höhere taxonomische Einheiten. Die Arten haben im allgemeinen eine große biostratigraphische Bedeutung. Faunenwandel fossiler Clausilien ermöglichen Rückschlüsse auf klimatische Änderungen. Durch Analyse ihrer Merkmale kann die Beurteilung der Merkmalszustände (plesio-/apomorph) rezenter Gruppen überprüft werden.
Aktuelle Forschungsprojekte sind:
1. Clausilienfauna der chinesischen Provinz Guangxi;
2. Arthybridisierung bei der Gattung Alopia;
3. Unterart-Konzepte bei südeuropäischen Clausilien;
4. Clausilienfaunen des Plio-Pleistozäns Mitteleuropas.

Terrestrische Malakofauna des ostmediterranen Raumes und der arabischen Länder (ehrenamtl. Mitarbeiter Dr. E. NEUBERT)

 

Auf den bedeutenden Sammlungsteil der Süßwassermuscheln ist ein DFG-Projekt (Laufzeit 2012 bis 2015) gerichtet:

Digitalisierung und taxonomische Überarbeitung der Unionida-Sammlung des Senckenberg Forschungsinstituts und Naturmuseums Frankfurt a. M.  (wissensch. Mitarbeiter K.-O. NAGEL)

Die Sammlung der Süßwassermuscheln (Unionida) des Senckenberg Forschungsinstituts und Naturmuseums Frankfurt ist eine weltweit bedeutendsten ihrer Art und enthält u.a. sehr umfassende Bestände europäischer Flussmuscheln aus nahezu allen Gewässersystemen, die bis auf die erste Hälfte des 19. Jhdts. zurückgehen, sowie umfangreiches Typen- und Belegmaterial. Damit ist diese Sammlung einEpioblasma flexuosa; USA (ausgestorben) international häufig nachgefragtes Forschungsinstrument und stellt ein  unschätzbares Datenarchiv dar. Die gegenwärtige veraltete systematische Ordnung der Sammlung, der überholte taxonomische Bearbeitungsstand vor allem paläarktischer Arten (z. B. Anodontinae), eine unvollständige Integration von bedeutenden Neuzugängen und vor allem die fehlende digitale Inventarisierung des  Gesamtbestandes (ca. 20.000 Serien) erschweren und behindern die Nutzung der Sammlung für vielfältige aktuelle Fragestellungen z.B. der Taxonomie, aber auch des Naturschutzes und der ökologisch/klimatisch bedingten Änderungen der Verbreitungsgebiete. Das  Projekt soll die Sammlung durch eine taxonomische Überarbeitung insbesondere der paläarktischen Bestände und die digitale Inventarisierung wenigstens der europäischen Bestände in der Objektdatenbank SeSam einer wesentlich breiteren und auf aktuelle Fragestellungen (Veränderung von Verbreitungsarealen, moderne Revision der Taxonomie) ausgerichteten Nutzung erschließen.   Die Najaden-Serie des Monats (NSdM)

Tertiär-Mollusken


Oligozäne und miozäne Mollusken des Nordseebeckens (R. JANSSEN)

Parallel zu taxonomischen Spezialbearbeitungen einzelner Gattungen wird die Molluskenfauna des Oligo-Miozäns des Nordseebeckens in Form kritischer taxonomisch-revisorischer Kataloge inventarisiert, um eine Grundlage für weiterführende Arbeiten, z. B. die biostratigraphische Anwendung zu schaffen. Die Arbeiten an den Katalogen stützen sich auf eine umfassende Auswertung der diesbezüglichen Literatur, auf sehr umfangreiches Sammlungsmaterial, Spezialbearbeitungen wichtiger Lokalfaunen sowie die Untersuchung und photographische Dokumentation des jeweiligen Typusmaterials. Taxonomische Revisionen der oberoligozänen Pyramidellidae und Pectinidae sowie miozäner Turridae stehen zur Zeit im Vordergrund. Eine Revision der untermiozänen Fauna von Klintinghoved (Dänemark) wurde in Zusammenarbeit mit dänischen Forschern begonnen.

Taxonomie, Evolution und Biostratigraphie mariner Molluskengruppen aus dem Tertiär Europas (R. JANSSEN)

Mollusken spielen im Tertiär Europas nach wie vor eine zentrale Rolle in der regionalen Biostratigraphie und bei der Rekonstruktion paläogeographischer Beziehungen der Tertiärbecken. Die Kenntnisse der Faunen einzelner Tertiärbecken Sternberger Gestein, Slg. Piehlbasieren jedoch noch immer großenteils auf häufig veralteten Gesamtmonographien und auf der unkritischen Verwendung  tradierter Artbestimmungen. Auch sind die evolutiven Beziehungen vieler Arten bis auf wenige Ausnahmen kaum untersucht. Es zeigt sich, daß viele Bestimmngen und die auf sie begründeten Schlußfolgerungen hinsichtlich stratigraphischer und geographischer Verbreitung einer kritischen taxonomischen Revision nicht standhalten. Die Loslösung von einer auf einzelne Lokalitäten und/oder stratigraphische Horizonte fokussierten Faunenbearbeitung und die Hinwendung zu einer taxonomischen Bearbeitung systematischer Einheiten über regionale und stratigraphische Grenzen hinweg eröffnet neue Perspektiven für die Klärung  systematisch-evolutiver Zusammenhänge, stratigraphischer Reichweiten  sowie der regionalen Verbreitung von Arten. In Einzelfällen kann auch der Anschluß an entsprechende rezente Arten aus dem europäischen und westafrikanischen Faunengebiet gesucht werden, woraus sich eine interessante Verbindung mit der Rezent-Malakologie ergibt. Aus Vergleichen fossiler geographischer Verbreitungmuster mit heutiger Verbreitung sind Rückschlüsse auf Temperaturtoleranzen und klimatisch bedingte Arealverschiebungen möglich. Für diese Arbeiten ist ein umfassendes Vergleichsmaterial aus nahezu allen europäischen Tertiärgebieten sowie der rezenten Faunen unerlässlich. Bedingt durch die jeweils notwendige Einarbeitung in regional und stratigraphisch sehr unterschiedliche Faunen gestaltet sich die Arbeit sehr zeitintensiv und kann nur als Langzeitvorhaben umgesetzt werden. Aktuell stehen Vetigastropoden, Turriden und taxodonte Bivalven im Fokus.

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