Senckenberg am Meer Wilhelmshaven

Aktuopaläontologie

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Aktualismus als Forschungsprinzip


Historische Entwicklung des Aktualismus als Idee

Dass zwischen Fossilien und lebenden Organismen eine Verbindung bestehen musste, wurde gedanklich schon im klassischen Altertum vollzogen (z.B. XENOPHANES, 6. Jhdt. v.Chr.) und auch danach von scharfen Beobachtern, u. a. LEONARDO DA VINCI, immer wieder aufs Neue erkannt. Dennoch kann hier nicht von der Anwendung dessen gesprochen werden, was man als aktualistische Methode bezeichnen würde. Dieses Verdienst ist DE MAILLET (1715) zuzusprechen, der offenbar als erster auf das Studium und die Deutung rezenter Sedimente zur Interpretation fossiler Ablagerungen zurückgegriffen hat. Auch DE BUFFON (1749) mit seiner "Histoire Naturelle" ist hier zu nennen. Noch deutlicher wird der Arzt FÜCHSEL (1761) in seiner „Geschichte des Landes und des Meeres, aus der Geschichte Thüringens durch Beschreibung der Berge ermittelt“. Er führt den Begriff „Formation“ in die Geologie ein und löst sich als erster von der biblischen Schöpfungsgeschichte, in deren Sinne alle Naturbeobachtungen des christlichen Abendlandes bis dahin gedeutet wurden. Mit der Aussage: „Die Art und Weise, wie die Natur bis zur heutigen Zeit wirkt und Körper hervorbringt, ist als Norm zu setzen; eine andere kennen wir nicht“, legt FÜCHSEL das Fundament für den Aktualismus als Methode geowissenschaftlicher Forschung. Ihm folgt JAMES HUTTON (1726-1797) mit dem Werk "Theory of the Earth" (1795), in welchem die aktualistische Betrachtungsweise allgegenwärtig ist.

Bevor sich der Aktualismus endgültig durchsetzen konnte, erlitt er zunächst mit der Kataklysmentheorie von CUVIER (1769-1832) einen herben Rückschlag. CUVIER vertrat die Ansicht, dass Arten grundsätzlich unveränderlich seien und dass Artenwechsel, wie er sie in fossilen Ablagerungen des Pariser Beckens beobachtet hatte, durch katastrophenartige Ereignisse zustande gekommen sein müssen. Infolge dessen mussten vormalige Arten vernichtet und danach folgende Arten neu eingewandert oder „neu erschaffen“ worden sein. In abgewandelter Form wirkt diese Theorie bis heute im neobiblischen, wissenschaftsfeindlichen Kreationismus weiterhin nach. Diese Betrachtungsweise hatte natürlich auch Folgen für die Geologie im weiteren Sinne und daran konnten zunächst auch so prominente Vertreter des Aktualismus wie KARL ERNST ADOLF VON HOFF (1771-1837) und CHARLES LYELL (1797-1875) nichts ändern. Fast gleichzeitig veröffentlichten VON HOFF und LYELL ihre Standardwerke (1822-1834 bzw. 1827), in welchen dem Aktualismus eine richtungsweisende Rolle eingeräumt wurde. So unterstreicht VON HOFF, dass besondere Hypothesen zur Erklärung früherer Vorgänge nur dann herangezogen werden dürften, wenn heutige Vorgänge dazu nicht ausreichten. In der Aussage entspricht dies ganz dem Geiste LYELL's, den man häufig mit dem bekannten Spruch „The present is the key to the past“ (Die Gegenwart ist der Schlüssel zur Vergangenheit) in Verbindung bringt. Tatsächlich wurde die Redewendung in dieser prägnanten Form aber erst von SIR ARCHIBALD GEIKIE (1905) formuliert. LYELL ist somit weder der Vater des Gedankens noch erster Anwender des Prinzips gewesen. Erst mit dem Siegeszug des epochalen Werkes von CHARLES DARWIN (1859) über die Abstammung der Arten, konnte die Katastrophenlehre CUVIER’scher Prägung überwunden werden. Der moderne Aktualismus-Begriff ist allerdings nicht mit dem Uniformitätsprinzip früherer Zeiten zu verwechseln, ebenso wenig wie die moderne Ereignisstratigraphie als Beleg für die Katastrophentheorie zu bewerten wäre.

Ein wichtiger Wegbereiter systematisch geplanter aktuogeologischer Forschung war ohne Zweifel JOHANNES WALTHER (1860-1937), als er in seinem Lehrbuch „Einleitung in die Geologie als historische Wissenschaft“ (1893/94) erstmals auf einen fundamentalen stratigraphischen Grundsatz hinwies, nämlich: "..., dass primär sich nur solche Facies und Faciesbezirke geologisch überlagern können, die in der Gegenwart nebeneinander zu beobachten sind". Mit der Erkenntnis, dass die Stratigraphie fossiler Sedimentabfolgen mit den in ihr erhaltenen Fossilien die Rekonstruktion der Paläoumwelt und damit ganzer Ablagerungs- und Lebensräume erlaubte, öffnete endgültig das Tor zur Aktuogeologie (und Aktuopaläontologie). In der Folge gründete RUDOLF RICHTER (1881-1957) im Jahre 1928 in Wilhelmshaven die weltweit erste Forschungseinrichtung zur konsequenten Anwendung des aktualistischen Prinzips.


Das Verdienst RUDOLF RICHTER's

Den vielleicht ersten Hinweis auf sein aktuogeologisches bzw. aktuopaläontologisches Interesse bezeugt RUDOLF RICHTER im Jahre 1920 als er einen devonischen „Pfeifenquarzit“ mit einer rezenten Sandkoralle vergleicht. Bis 1926 veröffentlicht er weitere fünfzehn Beiträge über paläontologische und geologische Flachseebeobachtungen. Ebenfalls im Jahre 1926 berichtet er über eine geologische Exkursion ins Wattenmeer. Es ist nicht klar, was RUDOLF RICHTER zu diesem unvermittelten Einstieg in die aktualistische Forschung trieb. War es die Faszination der aufstrebenden Meeresforschung, die auch zunehmend Untersuchung des Meeresbodens einbezog? Oder war es schlicht die Erkenntnis, dass zur richtigen Deutung fossiler Lebensspuren (Devon) Rezentbeobachtungen hilfreich wären? Oder waren es gegensätzliche Deutungen zur Paläoumwelt im Hunsrückschiefer (stilles Wasser hier, bewegtes Wasser dort), die ihm die Notwendigkeit von Rezentbeobachtungen geradezu aufdrängte. Oder war es gar der direkte Einfluss von JOHANNES WALTHER, womöglich mit seiner Abhandlung "Lithogenesis der Gegenwart" (1894, Teil 3 der "Einleitung in die Geologie als historische Wissenschaft")? RICHTER selbst gibt wenig Aufschluss darüber in seinen Veröffentlichungen. Jedenfalls scheinen die Erlebnisse und Erfahrungen im Wattenmeer einen so nachhaltigen Eindruck auf ihn gemacht zu haben, dass er sich veranlasst sah, eine Forschungsstation an der Küste zu gründen. Es war die erste Forschungseinrichtung ihrer Art weltweit. Der durchschlagende wissenschaftliche Erfolg der Station bescherte RUDOLF RICHTER die posthume Würdigung als Pionier der Wattforschung durch ROBERT N. GINSBURG (1975), der ihn mit seinem Portrait im Frontteil des Buches "Tidal Deposits" verewigt hat.

Die offizielle Gründung von „Senckenberg“ - Forschungsstelle für Meeresgeologie am 1. April 1928 in Wilhelmshaven löste eine anfangs kaum vorauszusehende, nachhaltige Forschungslawine aus. In der Zeitschrift „Natur und Museum“ begründet RICHTER diesen Schritt zunächst mit der einführenden Feststellung: "Meeresgeologie war schon lange eine besonders gepflegte Arbeitsrichtung unserer Gesellschaft" und fährt danach fort: "Wer die Vorgänge auf dem Meeresgrunde kennt, hat auch den Schlüssel für das Verständnis der Schichtgesteine". Auch beruft er sich auf die Existenz von Stützpunkten anderer Disziplinen, u.a. an Binnenseen, an aktiven Vulkanen und auch am Meer für die Zoologie, jedoch fehle eben eine solche Station für die Geologie: "Ohne festen Stützpunkt kann aber auch der Geologe keine planmäßige Forschung am Meere betreiben". Man beachte auch die Terminologie, z. B. die Bezeichnung "Meeresgeologie", ein Begriff, der im deutschen Sprachraum damals keineswegs gebräuchlich war; oder "Senckenberg am Meer", eine Bezeichnung, die schon kurz nach der Gründung eingeführt wurde und auch für die Nummerierung, und damit Herausstellung der wissenschaftlichen Mitteilungen verwendet wurde.

RICHTER hatte sich schon vorher mit der Abgrenzung zwischen Aktuopaläontologie und Paläobiologie auseinander gesetzt und die von ihm eingeführten Begriffe "Aktuogeologie" und Aktuopaläontologie" erstmals klar definierte. Danach befasst er sich mit der wissenschaftlichen Aufgabenstellung der Forschungsstation. Hier werden neben spezifischen Aufgaben der Geologie auch notwendige paläontologische Untersuchungen zur Spurenkunde, Todes- und Einbettungslehre sowie Biofazieskunde herausgestellt. Interessant ist auch die Betonung der realistisch eingeschätzten Möglichkeit einer "Arbeitsgemeinschaft" mit der Reichsmarine, die zu jener Zeit eine wasserbauliche Versuchsanstalt in Wilhelmshaven unterhielt, und u. a. auch eine Strömungsrinne betrieb. Dieses Potential wurde später tatsächlich zum Vorteil beider Seiten genutzt. Folgerichtig wurde die Station schon ein Jahr nach ihrer Gründung in  „Senckenberg“ - Forschungsstelle für Meeresgeologie und Meerespaläontologie umbenannt.

(leicht veränderte und gekürzte Auszüge aus Flemming, B.W. 2004. 75 Jahre Senckenberg am Meer – Aktualismus als Forschungsprinzip. Natur und Museum 134 (1), 1-20)

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