Senckenberg Naturhistorische Sammlungen Dresden

Mammalogie

Die Senckenberg Naturhistorischen Sammlungen Dresden mit einer langen Tradition

Kurzer Abriß der Geschichte mit Schwerpunkt Säugetiere

Die Staatlichen Kunstsammlungen Dresden feiern 2010 ihre 450jährige Geschichte mit verschiedenen Ausstellungen und Publikationen. Sie gehen aus der vom sächsischen Kurfürsten August (1526 – 1586) 1560 gegründeten Kunstkammer hervor; das erste Inventar stammt aus dem Jahr 1587 (TILLER 2005). Die Senckenberg Naturhistorischen Sammlungen Dresden, Museum für Tierkunde als auch Museum für Mineralogie und Geologie leiten sich ebenfalls von der Kunstkammer ab und können somit auch auf eine 450jährige Tradition zurückblicken.
Das eigentliche Gründungsjahr des Museums wird in der Regel mit dem Umzug der naturwissenschaftlichen Sammlungen in den Zwinger, 1728, vor 282 Jahren, angegeben.
Diese lange Geschichte war von Umzügen, Bränden und Verlusten aber auch von großem Sammlungsengagement geprägt, und beides spiegelt sich noch heute in der Sammlung - so auch in der Säugetiersammlung - wieder. Zur Geschichte der Sammlungen gibt es einiges an Literatur (z.B. SEIDLITZ 1889, HANTZSCH 1902, REICHERT 1954, 1956a, BACHMANN und PRESCHER 1991, MENZHAUSEN 1995, STEFEN in Vorbereit.; für die Mineralogie vor allem z. B. FISCHER 1975, KÜHNE et al. 2006).
Die Kunstkammer der sächsischen Kurfürsten im 16. und 17. Jahrhundert

Ein Horn von einem Einhorn wird im ersten Inventar von 1587 als erste Naturalie genannt; also ein Säugetier, der Narwal.

Aus zoologischer Sicht ist auch die Anatomie Kammer, die ab 1616 in vier Jahren eingerichtet wurde, bemerkenswert. Sie ist von Weck (1680: 30) beschrieben worden: es handelte sich um einen Raum an dessen Wände Landschaften gemalt waren, mit Pflanzen und nachgebildeten Früchten bestückt waren und Skelette von Menschen und Tieren oftmals jeweils von Männchen und Weibchen enthielt. Skelette von Säugetieren aus verschiedenen Regionen waren vorhanden, so beispielsweise Rehe, Bären, Biber, rentiere, Kamel, Dromedar, Löwen und Affen. Zusätzlich waren die Umrisse der Tiere auch gemalt. Heutigen Dioramen war sie wohl nicht unähnlich.

August der Starke (1670 – 1733) hatte schon zu Beginn seiner Regierungszeit im Jahr 1694 eine völlige Neuordnung der Kunstkammer festgelegt. Am 8. Dezember 1713 berief der Kurfürst den Wittenberger Professor Johann Heinrich Heucher als nach Dresden. Er wurde 1719 damit beauftragt die Museen nach den modernsten wissenschaftlichen Ansprüchen zu gestalten. In der Zeit von 1720 bis 1728 vereinte Heucher die naturwissenschaftlichen Objekte der Kunstkammer und erweiterte die Sammlung. Die stark angewachsenen Sammlungsbestände wurden in den von Matthäus Daniel Pöppelmann (1662-1736) fertiggestellten Zwinger. (KÜHNE et al. 2006: 22, HEBIG 1997:172, SEIDNITZ 1889: XIII; EILENBURG 1755: 4)
August II. veranlaßte eine Expedition von Johann Ernst Hebenstreit und Christian Gottlieb Ludwig 1732-1733 nach Afrika, um Tiere für die Menagerie zu beschaffen. Tiere aus der Menagerie landten später in den Sammlungen.

1820 wurde H. G. Reichenbach, Professor der Medizin in Leipzig, zum Professor für Naturgeschichte an der medizinisch-chirurgischen Akademie und zum Direktor der Naturalienkammer nach Dresden berufen. (HERTEL 1996: 191). Unter seinem Direktorat konnten die Sammlungen durch große Ankäufe aber auch durch Expeditionen von Beschäftigten des Museums erweitert werden.

Nach Reichenbach wurde 1874 Adolf Bernhard Meyer (1840-1911), der als Forschungsreisender ins indomalayische Gebiet bekannt war, Direktor des Museums. Er reiste 1870 nach Celebes und auf die Philippinen, 1872 in das unerforschte Neuguinea. (Hertel 1990) Seine Reisen und auch zoogeographischen Arbeiten standen in enger Beziehung zu den Studien zur Verbreitung der Tiere von Wallace. Das zusammenfassende Werk zur Tiergeographie von Wallace erschien 1876 in England und zeitgleich in einer deutschen Übersetzung von Meyer. Meyer hat vor allem über Vögel und Säugetiere gearbeitet, und das Material was er von seinen Reisen mitgebracht hat, wird heute von Wissenschaftlern aus verschiedenen Ländern untersucht.

Meyer entwickelte mit der Dresdner Firma Kühnscherf spezielle Sammlungs- und Ausstellungsschränke.

Nachfolger Meyers wurde Professor Arnold Friedrich Victor Jacobi 1906, der das Museum fast 30 Jahre lang leitete. Er hat vor allem Material von verschiedenen Forschungsreisen, bearbeitet. Zur Erweiterung der Sammlung führte er einerseits gezielt Expeditionen in Gegenden durch, die in den Sammlungen noch nicht vertreten waren, und andererseits baute er eine sächsische Heimatsammlung auf. Von Jacobi stammen einige säugetierkundliche Publikationen.

Vom Zweiten Weltkrieg bis zur Gegenwart

Am 7. Oktober 1944 traf eine Bombe das Museum in der Ostra Allee und ein Brand zerstörte einen Teil der Schausäle, Verwaltungs- und Arbeitsräume der Entomologie (BACHMANN und PRESCHER 1991).

Nach weiterem mehrfachen Leitungswechsel wurde am 1. Dezember 1947 Robert Reichert zunächst zum kommissarischen und am 1. Januar 1950 zum Direktor berufen. Er hatte bei Hermanus Hendricus ter Meer in Leipzig seine Präparatorenausbildung abgeschossen und war erst als Chefpräparator, dann als Kustos im Museum in Dresden beschäftigt. Von Mai 1931 bis Juni 1932 hatte er eine zoologische Expedition in das ostafrikanische Matengo-Hochland durchgeführt und einige der gesammelten Säugetiere stellte er selber auf. (MATTHIAS 1960/61). Seine Präparate zeichnen sich durch eine besonders große Natürlichkeit aus.

Zum heutigen Bestand der Säugetiersammlung

Die wechselvolle Geschichte der Sammlung hat zu erheblichen Verlusten von Objekten als auch von Sammlungsdaten geführt. Leider ist so die Geschichte und der Verbleib von einigen interessanten Stücken nicht rekonstruierbar, so beispielsweise vom dem Seehund aus Kotschenbröda von 1634, dem Narwal der am 31.1.1736  bei Hamburg gestrandet war und in die Sammlung nach Dresden kam (MOHR 1935: 345/6, 1962: 234), als auch von dem von MEYER (1889, 1903) erwähnten Pottwalschädel, der schon seit 1575 in Dresden gewesen sein soll.

Die Entwicklung des Bestands der mammalogischen Sammlung ist in den Eingangsbüchern seit 1874 dokumentiert. In den ersten Jahren ist es allerdings sehr unübersichtlich, weil parallel noch ein genauso mit fortlaufenden Nummern arbeitender Real-Katalog existiert. Der genaue Bestand der säugetierkundlichen Sammlung läßt sich momentan kaum ganz exakt angeben. Zum Ende des Jahres 2009 wurde die Inventarnummer MTD B 27477 vergeben, was zumindest der Anzahl der inventarisierten Objekte entspricht. Soweit erkennbar sind die jährlichen Eingänge in Abb. 1 dargestellt. Die extrem hohen Zuwachszahlen in den Jahren 1998 und 1999 lassen sich durch den Umzug der Sammlungen 1999 erklären: In diesem Zusammenhang wurde die gesamte Sammlung verpackt und alle in der Sammlung vorgefundenen Objekte ohne Etiketten (z.B. durch Kriegsverluste) wurden inventarisiert; im Zweifelsfalle wurde ihnen damit zwei Nummern zugewiesen. Auch werden nicht mehr vorhandene Objekte von den Inventarnummern nicht abgezogen. 

Literatur

ANONYMUS (1880): Heinrich Gottlieb Ludwig Reichenbach : Nekrolog. Sitzungsber. Abh. naturwiss. Ges. Isis, 1879: 98-104, Dresden (1880).
BACHMANN, M. & PRESCHER, H. (Hrsg.) (1991): Museen in Dresden. Ein Führer durch 42 Museen und Sammlungen. 326 S., Leipzig (Edition).
DRAESEKE, J. (1962): Walter Stötzner – 80 Jahre. Enthomologische Abhandlungen und Berichte 28(1), 1-3.
EILENBURG, C. H. (1755): Kurzer Entwurf der königlichen Naturalienkammer zu Dresden. 102 S., Dresden, Leipzig (Walther).
FEILER, A. (1999): Ausgestorbene Säugetiere, Typusexemplare und bemerkenswerte Lokalserien von Säugetieren aus der Sammlung des Staatlichen Museums für Tierkunde Dresden (Mammalia). Zool. Abh. Mus. Tierkd. Dresden 50: 401-414.
FEILER, A. (ohne Datum): Staatliches Museum für Tierkunde Dresden Außenstelle Fasanenschlößchen Moritzburg. Staatliches Museum für Tierkunde, Dresden.
FISCHER, W. (1939): Mineralogie in Sachsen von Agricola bis Werner. Die ältere Geschichte des Staatlichen Museums für Mineralogie und Geologie zu Dresden (1560-1820). 347 S., Dresden (Heinrich).
GEINITZ, H. B. (1849): Über den Verlust der kgl. Sammlung in Dresden. - N. Jb. Mineral., 1849: 294-295, Stuttgart.
HANTZSCH, V. (1902): Beiträge zur älteren Geschichte der kurfürstlichen Kunstkammer in Dresden. N. Arch. sächs. Geschichte u. Altertumskunde, 23: 220-296, Dresden.
HEBIG, C. (1997): Arzt und Museumsbegründer Im Gedenken an Johann Heinrich von Heucher. Sächs. Heimatblätter 3/1997.
HENSEL, M. (1998): Die Menagerie zu Moritzburg. Sächsische Heimatblätter 2/1998: 61-70.
HERTEL, R. (1990): Zum Gedenken an Dr. Adolf Bernhard Meyer, Direktor des Königlichen Zoologischen und Anthropologisch-Ethnographischen Museums zu Dresden von 1874 bis 1906. Zoologische Abhandlungen 46(7), 117-120.
HERTEL, R. (1996): Heinrich Gottlieb Ludwig Reichenbach – ein bedeutender Naturforscher des 19. Jahrhunderts. Abh. Naturw. Ges. Isis Dresden 1993/94, 189-207.
KUMMERLÖWE, H. (1939): Rede zur Wiedereröffnung des Museums für Tierkunde 4. Oktober 1937. Abhandlungen und Berichte aus den Staatlichen Museen für Tierkunde und Völkerkunde in Dresden 20, 1-15.
KÜHNE, E., LANGE, J.-M., & ERLER, D. (2006): Die Geschichte des Museums für Mineralogie und Geologie Dresden S. 13-95. In: Das Museum für Mineralogie und Geologie. Lange, J.-M. & Kühne, E. (Hrsg.) Staatliche Naturhistorische Sammlungen Dresden, 199 S.
MATTHIAS, R. (1960/61): Robert Reichert †. Der Präparator 1960/61 (6/7), 60-61.
MENZHAUSEN, J. (1995): Kurfürst Augusts Kunstkammer. Eine Analyse des Inventars von 1587. N. Arch. sächs. Geschichte, 66: 147-156, Weimar.
MEYER, A. B. 1889. Zoologisches und Anthropologisch-Ethnographisches Museum. In: Führer durch die Königlichen Sammlungen zu Dresden. 105-110.
MEYER, A. B. 1892. Zoologisches und Anthropologisch-Ethnographisches Museum. In: Führer durch die Königlichen Sammlungen zu Dresden. 31-40.
MEYER, A. B. (1892/3): Bericht über einige neue Einrichtungen des Königlichen Zoologischen und Anthropologisch-Ethnographischen Museums in Dresden. Abh. Berichte Königl. Zool. Anthropol-Ethnogr. Mus Dresden, 1-27.
MEYER A. B. 1900
MEYER, A. B. 1903a. Über einige Europäische Museen und verwandte Institute. Reiseerfahrungen. Abh. Berichte Königl. Zool. Anthropol-Ethnogr. Mus Dresden, 1-66.
MEYER, A. B. 1903b. 3. Bericht über einige neue Einrichtungen des Königlichen Zoologischen und Anthropologisch-Ethnographischen Museums in Dresden. Abh. Berichte Königl. Zool. Anthropol-Ethnogr. Mus Dresden, 1-25.
MOHR, E. (1935): Historisch-zoologische Walfischstudien. Beiträge zur Heimatforschung in Schleswig-Holstein, Hamburg und Lübeck 11, 335-393.
MOHR, E. (1962): Ein Narwal in der Elbe und bei Hamburg. Natur und Museum 92(6), 231-234.
REICHENBACH, H. G. L. (1836): Das Königlich Sächsische Naturhistorische Museum in Dresden. Ein Leitfaden. – VIII, 64 S., Leipzig (Wagner).
REICHERT, R. (1954): Ein Stück Museumsgeschichte. Abhandlungen und Berichte aus dem Staatlichen Museum für Tierkunde – Forschungsstelle – Dresden 22, 1-12.
REICHERT, R. (1956a): Über 200 Jahre Museumsgeschichte. Dresdner Wissenschaftliche Museen Beiträge zur 750 Jahr Feier unserer Stadt. Verlag Theodor Steinkopf, Dresden & Leipzig. 1-7.
REICHERT, R. (1956b): Persönlichkeiten, von denen unsere Sammlungen erzählen. Dresdner Wissenschaftliche Museen Beiträge zur 750 Jahr Feier unserer Stadt. Verlag Theodor Steinkopf, Dresden & Leipzig. 8-34.
SEIDLITZ, W. von. (1889): Geschichte der Sammlungen. in Führer durch die Königlichen Sammlungen zu Dresden. IX-XIX.
STEFEN, C. & FEILER, A. (2006): Kommentiertes Überblicks-Verzeichnis der sächsischen Säugetiere im Museum für Tierkunde Dresden - Ein Beitrag zur Säugetierfauna Sachsens. Abhandlungen der Naturwissenschaftlichen Gesellschaft ISIS Dresden 2004-2005: 65-84.
STEFEN, C. (in Vorbereitung) Von der Sächsichen Kunstkammer zu Senckenberg – zur Geschichte der zoologischen Sammlung und ihre Bedeutung. In: Essayband zum 450 Jährigen Bestehen der Kunstkammer
STIMMEL, F., EIGENWILL, R., GOLDSCHEI, H., HAHN, W., STIMMEL, E. & TITTMANN, R. (1998): Stadtlexikon Dresden A – Z. Verlag der Kunst Dresden, 511 S.
TILLER, E. (2005): Räume, Raumordnungen und Repräsentation: Dresden und seine Kunstkammer als Exempel frühneuzeitlicher Fürstensammlungen (1660-1630). S. 40-71. In: Marx, B. (Hrsg.) Kunst und Repräsentation am Dresdner Hof. Deutscher Kunstverlag München Berlin 360 S.
WECK, A. (1680): Der Chur=fürstlichen Sächsischen weitberuffenen Residentz = und Haupt=Vestung Dresden Bescheib: und Vorstellung .... Nürnberg.
ZAUNICK, R. (1935): H. G. L. Reichenbach und H. B. Geinitz und ihre Bedeutung für die Entwicklung der Dresdner "Isis". Sitzungsberichte und Abhandlungen der Naturwissenschaftlichen Gesellschaft Isis in Dresden 1935, 151-158.
ZAUNICK, R. (1962): Arnold Jacobi (1870-1948), ein sächsischer Zoologe und Ethnograph. Beit. z. Vogelk. 8(3), 170-205.


https://die-welt-baut-ihr-museum.de