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BLINDE BLONDINEN IN LAOTISCHEN HÖHLEN UND DIE GEDULD DES FORSCHERS (Blind Blondes in Laotian caves and a researcher’s patience )

10.01.2014, 09:58

English version below

Zugegeben, die doppelte zweilettrige Alliteration ist nicht nur sehr offensichtlich, sondern biologisch auch höchst zweifelhaft. Im Reich der Spinnen gibt es keine Blondinen im humanen Sinn, es gibt vielleicht Albinos oder aber eine höhlenangepasste Reduzierung von Pigmenten. Von Letzterem handelt dieser Artikel. Aber Hand auf’s Herz: hätten Sie weitergelesen, wenn da gestanden hätte „Forscher benötigt 10 Jahre zur Entdeckung einer Höhlenspinne“? Wo Sie jetzt schon am Lesen sind: …

Im Jahr 2003 unternahm ich meine erste Expedition nach Laos, um die Laotische Riesenkrabbenspinne (Heteropoda maxima) zu finden. Diese Art hatte ich 2001 als neue Art beschrieben, allerdings nur auf Basis von wenigen Exemplaren im Naturhistorischen Museum in Paris. Ich wollte herausfinden, ob die Art noch existiert. Deshalb schloss ich mich einem französischem Höhlenforscherteam an. Unter der Leitung von Claude Mouret reisten wir –damals noch auf abenteuerlichen, zeitraubenden und staubigen Buckelpisten- von Thakek, der Provinzhauptstadt von Khammouan in Khammouan limestoneRichtung Osten, d.h. Vietnam. In den Höhlen fanden wir tatsächlich die gesuchte riesige Spinnenart, das Medienecho in den folgenden Jahren war überwältigend.

Eher versteckt, zunächst etwas abseits der Haupt-Medienroute verlief die Entdeckung einer anderen Riesenkrabbenspinne. In einer kleinen Höhle nicht weit von Thakek fand ich eine Art der Gattung Sinopoda, die vollkommen augenlos war und ihre Farb-Pigmente reduziert hatte, so dass sie mit ihrer bleichen Körperbehaarung schon etwas an eine menschliche Blondine erinnerte. Der Nachteil bei diesem Fund war, dass ich nur ein geschlechtsreifes Weibchen und einige Jungtiere fangen konnte. Nur das letzte Stadium zeigt die für uns Taxonomen wichtigen Merkmale der Kopulationsorgane, die im Prinzip alle 44.500 Spinnenarten voneinander unterscheiden. Eine Aufzucht der sensiblen Jungtiere misslang, ebenso waren Expeditionen in den Folgejahren nicht von Erfolg gekrönt. So oft ich „in der Gegend war“, stattete ich der kleinen Tham ScurionHöhle einen Besuch ab. Aber mehr als drei weitere Weibchen und ein paar Jungspinnen wollte die Höhle nicht preisgeben.

Nun hatte Sinopoda scurion, wie ich die Art 2012 getauft hatte, schon lange in der Höhle zugebracht, so lange, dass Körperfärbung und Augensinn obsolet geworden waren. Die Art hatte auch eine den kargen Lebensverhältnissen in der Höhle entsprechend eine sehr geringe Populationsdichte aufzuweisen, so dass auch nach einigen Besuchen durch mich das entsprechende Männchen noch unauffindbar schien.

Aber sie hatte wahrscheinlich nicht mit der zähen Ausdauer eines traditionellen Taxonomen gerechnet, der auch nach vielen „Niederlagen“ ein solches Juwel der Evolution einfach nicht vergessen kann. So passierte es, dass ich im Jahr 2012 (die Tinte der Beschreibung war noch nicht ganz getrocknet) nochmals zur Höhle zurückkehrte, auf dieser Expedition mit zwei chinesischen und zwei polnischen Kollegen. Erst bei allerletzten Besuch und als ich ein weiteres Mal die Höhle frustriert verlassen wollte, sah ich in einer Höhlung im Kalkstein ein paar bleiche Beine. Erst als ich mich näherte und die ganze Spinne sah, schlug mein Herz schneller: das Verhältnis von relativ kleinem Körper zu längeren Beinen deutete auf ein ausgewachsenes männliches Tier hin. ‚Peter“, schoss es mir durch den Kopf, ‚jetzt bloß keinen Mist bauen‘. Denn die Tiere sind nicht nur selten und in Höhlen gut versteckt, sie sind zu allem Überfluss auch flink und können so in kleinsten Ritzen verschwinden … und so meine nächste Expeditionen mit planen.Sinopoda scurion

Mit einem beherzten Griff bekam ich die Spinne zu fassen, allerdings nur an einigen Beinen, darum fasste ich mit der anderen Hand nach und drückte sie in ein lehmiges Stück, so dass sie sicher fixiert war. Erst als ich das gesamte Tier in einem Sammelröhrchen verstaut hatte, atmete ich durch. Draußen am Tageslicht wollte ich mich anhand der normalerweise deutlich sichtbaren Kopulationsorgane versichern, dass es ein Männchen war, jedoch machte der „mitgefangene“ Lehm und die dadurch entstandene trübe Suppe einen Strich durch die Rechnung.

So blieb die Ungewissheit, bis ich im Labor in Frankfurt mit Sicherheit sagen konnte: Ja, ich habe das bisher unbekannte Männchen der ersten und bisher einzigen augenlosen Riesenkrabbenspinne gefunden.


Dieses Männchen liegt nun gut verwahrt in der Sammlung und harrt seiner Beschreibung. Es wird wahrscheinlich Teil einer Doktorarbeit über die Evolution der Gattung Sinopoda und wie sie zu einer „blinden Blondine“ wurde.

Peter Jäger, Senckenberg Forschungsinstitut Frankfurt

 

 


 

BLIND BLONDES IN LAOTIAN CAVES AND A RESEARCHER’S PATIENCE

Admittedly, the double-letter alliteration is not only very obvious, it is also highly dubious from a biological Peter Jaegerstandpoint. In the world of spiders there are no blondes, at least not in the human sense – although there may be albinos or a reduction in pigments as a cave-dwelling adaptation. This article deals with the latter phenomenon. But let’s be honest: would you have continued reading if the title was, “Researcher needed 10 years to discover a cave spider?”  Well, since you are already reading this ...

In the year 2003 I conducted my first expedition to Laos in order to find the Laotian Huntsman Spider (Heteropoda maxima). I had described this species as new to science in 2001, albeit only on the basis of a few specimens from the Natural History Museum in Paris. I wanted to find out if this species still existed. Therefore, I joined a team of French speleologists. Led by Claude Mouret, we traveled from Thakek, the capital of Khammouan Province, toward the east, i.e., toward Vietnam – at that time still on adventurous, time-consuming and dusty rutted dirt roads. In the caves we actually discovered the sought-after giant spider, and the media response in the following years was overwhelming. The discovery of another huntsman spider occurred in a much more covert fashion, initially quite sheltered from the main media circus. In a small cave not far from Thakek I found a species belonging to the genus Sinopoda, which was completely lacking eyes and had reduced color pigments, so that with its pale body hair it actually showed a slight resemblance to a human blonde.
The drawback of this discovery was that I was only able to capture a single sexually mature female and a few young specimens. Only the latter state reveals the distinguishing characteristics of the copulation organs, important for us taxonomists since they allow us, in principle, to distinguish between the roughly 44,500 species of spiders. Our attempts to raise the sensitive young spiders failed, and subsequent expeditions in the following years did not lead to success either. Whenever I happened to be “in the area,” I paid a visit to the little cave. But it refused to give up any more than three additional females and a handful of young spiders. Trimerusurus Green Pit Viper

Sinopoda scurion – the name I gave this species in 2012 – had spent so much time in this cave that its body coloration and visual sense had become obsolete.  Moreover, in adaptation to the sparse living conditions in the cave the species showed a very low population density, so that even after repeated visits I remained unable to locate an appropriate male. But the species obviously didn’t count on the tenacity of a traditional taxonomist, who even in the face of numerous “defeats” could not let go of such an evolutionary gem. Thus it came to pass that I returned in 2012 (the ink of the original description hadn’t fully dried yet) to the cave in the company of two Chinese and two Polish colleagues. It was only during the final visit, when I was prepared to leave the cave one again in a state of frustration, that I spied a pair of pale legs in an indentation in the limestone. When I approached and saw the whole spider, my heart began beating faster:  the rather small body in relation to the much longer legs indicated an adult male spider. “Peter,” I thought at that moment, “do not blow this opportunity!” For not only are these animals very rare and live well-hidden in their caves, they are also extremely agile and able to disappear into the smallest cracks … forcing me to plan another expedition. With a courageous move I grabbed a hold of the spider; however, I only managed to grab a few of its legs, so I used my other hand to press it down into a loamy section, where it was securely fixated. I didn’t take a breath until the entire spider had been stowed away in a collection vial. Outside the cave, in broad daylight I wanted to confirm that it really was a male, based on the normally visible copulation organs, but the inadvertently “trapped” clay and the resulting milky soup rendered this attempt futile. So I had to live with a sense of uncertainty until I was able in the laboratory in Frankfurt to confidently aver, “Yes, I actually managed to capture the hitherto unknown male of the only eyeless species of huntsman spiders.”

Today, this male rests well preserved in the museum’s collection and awaits its formal description. It will likely become part of a doctoral thesis about the evolution of the genus Sinopoda, and how they turned into “blind blondes.”

Peter Jaeger, Senckenberg Reserach Institute Frankfurt


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