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SO 250 KuramBio II Blog

Meine Passion - Naturzeichnungen // My passion - natural history drawings

22.09.2016, 15:38

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Tagebuch, 22. September 2016

Meine Familie und Freunde fragen mich ab und zu, warum ich mir als Biologin die Taxonomie als Fachgebiet ausgesucht habe und wie ich dazu gekommen bin über so etwas wie Tiefseeasseln meine Doktorarbeit zu schreiben. Zugegeben, das war auch nicht der Berufswunsch, den ich als Grundschulkind immer in die Poesiealben meiner Freunde reingeschrieben habe. Meeresbiologin stand aber tatsächlich auf der Liste der Dinge, die ich mal werden wollte, wenn ich groß bin. Das lag allerdings vor allem daran, dass meine Freundinnen und ich der festen Überzeugung waren, dass man als Meeresbiologin notwendigerweise regelmäßig mit Walen und Delphinen schwimmen geht. Tatsächlich habe ich seit ich in der Tiefseeforschung arbeite auch schon einige Wale und Delphine auf offener See beobachten können und das waren jedes Mal großartige Momente, die diesen Beruf zu etwas ganz Besonderem machen. Mit meiner täglichen Arbeit an Land hat das aber natürlich wenig zu tun und dieser Anreiz allein hat mich auch nicht zur Tiefsee-Taxonomie gebracht. Stattdessen habe ich mir dieses Fachgebiet bewusst ausgesucht, weil ich hier eines meiner größten Hobbies mit meinem Beruf als Biologin verbinden kann: das Zeichnen.

Mit ca. 12 Jahren habe ich angefangen mit Bleistift zu zeichnen und mich seit dem Stück für Stück an eine möglichst naturgetreue Darstellung der Motive herangearbeitet. Bei der Beschreibung von neuen Arten ist die möglichst detaillierte Abbildung der äußerlich erkennbaren Merkmale der Tiere sehr wichtig um die Identifizierung von neuem Material zu erleichtern. Das merkt man ganz besonders dann, wenn man selbst vor einem Glasschälchen voller Tiefseeasseln sitzt, die innerhalb einer Familie auf den ersten Blick alle mehr oder weniger gleich aussehen können und dann anhand der Zeichnungen von Fachkollegen erkennen soll, welche der einzelnen Arten schon einmal beschrieben wurden und welche Neuentdeckungen sind.

Meeresassel der Familie Haploniscidae (Rückenansicht). Zeichnung von Nele Heitland
Meeresassel der Familie Haploniscidae (Rückenansicht).
Zeichnung von Nele Heitland

In meiner Doktorarbeit beschäftige ich mich mit den Haplonisciden, die zu der großen Gruppe der Isopoden gehören und von ihrem äußeren Erscheinungsbild her den Kellerasseln ähneln, die auch jeder Nicht-Biologe von Zuhause kennt. Ich kann gut verstehen, dass meine Freunde und Familie diese Tiere nicht so sehr mit der Meeresbiologie verbinden, wie Wale und Delphine, da diese Tiefseebewohner eine deutlich kleinere Lobby haben und die meisten Menschen nicht einmal wissen, dass sie existieren. Aber sie gehören zu einer der häufigsten und artenreichsten Gruppen von Meeresbewohnern, den Krebstieren, über deren Verbreitung und Vielfalt gerade in der Tiefsee noch so wenig bekannt ist, dass es in diesem Bereich viel für uns zu erforschen und zu beschreiben gibt.

In diesem Zusammenhang fertige ich Zeichnungen dieser Tiere an und bin dabei immer wieder erstaunt, wie viele filigrane Details und artspezifische Besonderheiten es an diesen nur wenige Millimeter großen Tieren zu entdecken gibt. Wenn andere Menschen meine Zeichnungen sehen, sind selbst die Nicht-Biologen überrascht, wie komplex so eine winzige Tiefseeassel aussehen kann. Dadurch wird das Interesse an den Tieren geweckt und es werden weitere Fragen danach gestellt, wie sie in der Tiefsee überleben können, was sie fressen, wie sie sich fortpflanzen, oder welche ökologische Funktion sie erfüllen.

Gleiches Individuum (Bauchansicht). Zeichnung von Nele Heitland
Gleiches Individuum (Bauchansicht)
Zeichnung von Nele Heitland

Nicht zuletzt kann auch das eine wichtige Funktion von wissenschaftlichen Zeichnungen sein: über die künstlerische Arbeit bei anderen Menschen das Interesse für die biologische Arbeit dahinter zu wecken und auf die Bedeutung unserer Forschung aufmerksam zu machen. Die Verknüpfung dieser unterschiedlichen Bereiche von Kunst, Forschung und Öffentlichkeitsarbeit machen für mich den Reiz an meinem Beruf als Biologin aus. Und dass ich dabei hin und wieder auch mal einen Wal in seiner natürlichen Umgebung sehen darf, ist ein perfekter Bonus.

geblogged von:
Nele Heitland
Centrum für Naturkunde, Universität Hamburg


 

Daily log, 22. September 2016

My passion – natural history drawings

 

Once in a while my family and friends are asking me why I decided to work as a taxonomist and why I chose deep-sea isopods as subjects of my PhD thesis. Honestly, that was not the profession I was aiming for as a child in primary school. Nevertheless, I really dreamed of becoming a marine biologist, as my friends and I imagined that a marine biologist necessarily swims with whales and dolphins regularly. Actually, I have observed several whales and dolphins at sea since I am working in deep-sea research and these were always very special moments. But that has nearly nothing to do with my work on land and that did not bring me to deep-sea taxonomy. Instead I chose this field of research because it gives me the opportunity to combine one of my favorite hobbies with my work as a biologist and that is drawing.

I started with pencil drawings at the age of 12 and since then I tried to develop a preferably naturalistic drawing style. In species descriptions detailed drawings of the specific characteristics are very important as they help to identify our animals from the samples. That is something I became very aware of, when I tried to sort a bowl of more or less similar looking isopods and wanted to find out which species have already been described by colleagues and which were new to science.

Marine isopod of the family Haploniscidae (dorsal view). Zeichnung von Nele Heitland
Marine isopod of the family Haploniscidae (dorsal view)
Zeichnung von Nele Heitland

For my PhD thesis I work on haploniscids, which belong to the group of isopods and show a similar morphology to typical terrestrial isopods, which even non-biologists know from their cellar or garden. I fully understand that my family and friends do not associate these animals with marine biology as much as whales and dolphins, because their lobby is rather small and most people are not even aware of their existence. Still, they belong to one of the most abundant and most diverse groups of marine inhabitants, the crustaceans, from which we know little about their distribution and diversification in the deep sea, so that there is a lot to study and describe.

In this context I make drawings of these animals and I am constantly surprised how many fragile details and specific characters can be found in these animals which are only a few millimeters in size. When other people see my drawings, even non-biologists are astonished how complex a deep-sea isopod can look like. That increases their interest in these animals and further questions arise, like how are they able to survive in the deep sea, what do they feed on, how do they reproduce or what is their ecological task?

 Same specimen (ventral view). Zeichnung von Nele Heitland
Same specimen (ventral view)
Zeichnung von Nele Heitland

Hence, this can also be an important function of scientific drawings: to use the art work as a medium to gain interest for the scientific work behind it and to draw attention to the relevance of our research. The linkage between art, research and public outreach is what makes it so attractive to me to work as a biologist. And besides that, I can see a whale in its natural environment once in a while, which is a perfect bonus.

blogged by:
Nele Heitland
Center of Natural History, University of Hamburg



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