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Bei Überlebenskünstlern am Ende der Welt // Among survival artists at the end of the earth

Wir dringen ein in die Welt der Überlebenskünstler // We Enter the World of Survival Artists

06.01.2016, 17:23

Der Winter ist in die Antarktis zurückgekehrt. Trotz Sommerzeit fällt hier gerade all der Schnee, der in Deutschland vermisst wird. Für unsere Arbeit ist das zwar nicht föderlich, aber es sieht wunderschön aus und - Schnee gehört schließlich hierher.

Potter Cove mit den Felsen der ‚Tres Hermanos‘ (links) nach frischem Schneefall. © Birgit Kanz
Foto 1: Potter Cove mit den Felsen der ‚Tres Hermanos‘ (links) nach frischem Schneefall. © Birgit Kanz

Ich schrieb in der Blogeinführung, dass wir hier auf King George Island Flechten sammeln wollen. Für das Forschungsprojekt wurden dazu acht Flechtenarten ausgesucht. Sie zeichnen sich dadurch aus, dass sie von Patagonien bis zum antarktischen Kontinent (bis wenigstens 70°) vorkommen und unterschiedliche Ausbreitungsstrategien (sexuell, vegetativ) besitzen. Wir haben diese Arten möglichst an drei verschiedenen Stellen, und zwar in zunehmendem Abstand zur Station, zu sammeln. Elisa wird die Proben später in Senckenbergs Grunelius-Möllgaard-Labor im Rahmen ihrer Doktorarbeit molekular untersuchen. Die Ergebnisse werden die Verwandtschaftsverhältnisse innerhalb der Arten klären. Weiterhin erhoffen wir uns Aussagen zur Bedeutung des menschlichen Einflusses (Forscher, Touristen) auf die genetische Diversität und auf die Ausbreitung der Flechten.

Elisa beim Flechtensammeln auf einer dicht mit Bartflechten bewachsenen Schotterfläche. © Birgit Kanz
Foto 2: Elisa beim Flechtensammeln auf einer dicht mit Bartflechten bewachsenen Schotterfläche. © Birgit Kanz

So stapfen wir also warm eingepackt im Gelände herum. Die Temperaturen lagen in der letzten Woche zwischen +1 °C und -3 °C. Die Antarktis-taugliche Kleidung wurde uns vom AWI zur Verfügung gestellt. Beim Laufen gerät man darin leicht ins Schwitzen; sobald wir aber mit dem Sammeln im nahezu ständig uns um die Ohren pfeifenden Wind beginnen sind wir dankbar dafür. Ein Muss im Schnee ist immer die Sonnenbrille. Neben dem Schutz vor den ungefilterten UV-Strahlen (Ozonloch!), ist sie schlicht notwendig, um überhaupt etwas in dem gleißenden Licht sehen zu können. Natürlich sind wir auch mit Sonnencreme des Schutzfaktors 50 eingecremt.

Die auffälligsten Arten auf den allgegenwärtigen Schotterböden sind die beiden Bartflechten Usnea antarctica und Usnea aurantiaca-atra. © Birgit Kanz
Foto 3: Die auffälligsten Arten auf den allgegenwärtigen Schotterböden sind die beiden Bartflechten Usnea antarctica und Usnea aurantiaca-atra. © Birgit Kanz

Unsere Sammelausrüstung besteht aus großen und kleinen Sammeltüten, Messer, Hammer und Meißel, Lupen und Kameras. Und natürlich einem Walkie-Talkie, ohne das man hier nicht das Haus verlässt. Wir haben uns bei Kollegen abzumelden, die Richtung unserer Wanderung und die voraussichtliche Dauer der Tour anzugeben und auch wieder Bescheid zu sagen, wenn wir zurück sind. Damit hier keine unbemerkt verloren geht.

Usnea aurantiaca-atra © Birgit Kanz
Foto 4:  Usnea aurantiaca-atra © Birgit Kanz

In den ersten Tagen bewegten wir uns nur in der Nähe der Station, um mit den hiesigen Begebenheiten vertraut zu werden. Ohne Begleitung Ortskundiger dürfen wir auch gar nicht weiter weg. Der Schnee taut schnell, wird matschig und weich, und unten drunter rauschen Schmelzbäche. Sie sind nicht unmittelbar zu sehen und deshalb ist man schnell eingebrochen, wenn man nicht acht gibt. Auch die Seen sind unter dem Schnee nicht gut zu erkennen. Fatal könnte es außerdem enden, wenn das Wetter umschlägt, die Sicht verschwindet und man den Heimweg nicht kennt. Es ist also lebensförderlich, sich an die Regeln zu halten.

In den nasseren Abflussrinnen wächst neben Usnea und Moose auch die gallertige Art Leptogium puberulum. © Birgit Kanz
Foto 5: In den nasseren Abflussrinnen wächst neben Usnea und
Moose auch die gallertige Art Leptogium puberulum. © Birgit Kanz

Wir stolpern aber auch gleich schon auf dem ersten Hügel hinter den Stationsgebäuden über die ersten Flechten auf unserer Liste. Die beiden Bartflechten – die die meisten vermutlich von Bäumen herabhängend kennen – sitzen in rauhen Mengen auf den kleinen Schottersteinen, die hier überall auf dem Boden herumliegen. Sie lassen sich leicht ablösen, und so sind die ersten erforderlichen 20 Exemplare von beiden Arten rasch eingetütet. Auch das gallertige Leptogium ist am selben Standort zu finden, und nach genauerem Hinsehen finden wir auch zweifelsfrei Pseudophebe. Mühe bereitet dagegen Placopsis. Hier mischen sich zwei Arten dieser Gattung, wobei unsere Art eindeutig die seltenere ist. Das macht das Suchen mühsamer. Aber wir haben fünf Arten auf einen Schlag gefunden ˗ was wollen wir mehr für den Anfang?!

An Stellen, die nicht so dicht mit den Usneen besiedelt sind, finden wir die beiden antarktischen  Placopsis-Arten. © Birgit Kanz
Foto 6: An Stellen, die nicht so dicht mit den Usneen besiedelt sind, finden wir die beiden antarktischen  Placopsis-Arten. © Birgit Kanz

Im nächsten Blog werde ich etwas detaillierter auf die Hintergründe unseres Forschungsprojekts zu sprechen kommen, weil ich gerne auf die naturschutzfachliche Problematik im Hinblick auf die Antarktis aufmerksam machen möchte.

Hier bloggt:
Dr. Birgit Kanz
Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung



We Enter the World of Survival Artists

Winter has returned to the Antarctic. Despite the fact that it is summertime, the area currently receives all the snowfall that is being missed in Germany. Although this is not conducive to our work here, is looks very beautiful – and after all, snow belongs to this landscape.

Potter Cove with the rocks of the ‘Tres Hermanos’ (left) after a fresh snowfall. © Birgit Kanz
Photo 1: Potter Cove with the rocks of the ‘Tres Hermanos’ (left) after a fresh snowfall. © Birgit Kanz

In the blog’s introduction, I wrote that we intend to collect lichens on King George Island. For the research project, eight species of lichens were selected. They are characterized by the fact that they occur from Patagonia to the Antarctic continent (at least to 70°) and possess different dispersal strategies (sexual, vegetative). If possible, we are supposed to collect these species at three different sites at an increasing distance from the station. Elisa will later molecularly examine the samples in Senckenberg’s Grunelius-Möllgaard laboratory as part of her doctoral dissertation. The results will shine a light on the relations among the species. In addition, we hope for information regarding the significance of human impact (researchers, tourists) on the lichens’ genetic diversity and distribution.

Elisa, collecting lichens on a gravel plain densely covered with Usnea. © Birgit Kanz
Photo 2: Elisa, collecting lichens on a gravel plain densely covered with Usnea. © Birgit Kanz

Thus, we wander about the area bundled in warm clothes. The temperatures in the past week lay between +1 °C and -3 °C. The Antarctic-proof clothing was supplied to us by AWI. When walking, it is easy to break into a sweat inside the clothes; but as soon as we start collecting in the cold wind that almost incessantly blows around our ears, we are thankful for them. Sunglasses are a must in the snow at all times. Besides offering protection against unfiltered UV rays (ozone hole!) they are simply necessary in order to be able to see anything in the blinding light. Of course, we also slathered on sunscreen with a protection factor of 50.

The most obvious species on the ubiquitous gravel soils are the two bearded lichens Usnea antarctica and Usnea aurantiaca-atra. © Birgit Kanz
Photo 3: The most obvious species on the ubiquitous gravel soils are the two bearded lichens Usnea antarctica and Usnea aurantiaca-atra. © Birgit Kanz

Our collection equipment consists of large and small collecting bags, knife, hammer and chisel, magnifying glasses and cameras. And, of course, a walkie-talkie – you don’t leave home without it around here. We have to check out with our colleagues, indicate the direction of our walk and the expected duration of the tour and check back in once we return from the field – to make sure that nobody gets lost here unnoticed.

Usnea aurantiaca-atra © Birgit Kanz
Photo 4:  Usnea aurantiaca-atra © Birgit Kanz

During the first days, we only move around in the vicinity of the station to become acquainted with the local conditions. Unaccompanied by people with local knowledge, we are not allowed to venture any farther afield, as it is. The snow melts quickly, becomes mushy and soft, and below it run streams of meltwater. They are not obvious at first glance, and therefore you can quickly break through if you don’t pay attention. The lakes are hard to notice under the snow cover as well. It could also end fatally if the weather changes, visibility disappears and you do not know the way home. Therefore, adherence to the rules is quite useful for survival.

Besides Usnea and various mosses, the wetter drainage gullies also support the gelatinous species Leptogium puberulum. © Birgit Kanz
Photo 5: Besides Usnea and various mosses, the wetter drainage
gullies also support the gelatinous species Leptogium puberulum. © Birgit Kanz

On the first hill behind the station building, we already encounter the first of the lichens on our list. The two bearded lichens – which are probably known to most people as hanging from tree branches – are attached in large quantities to the small gravel rocks that cover the ground everywhere. They can easily be removed; thus, we quickly manage to bag the required 20 specimens of both species. The gelatinous Leptogium can also be found in the same location, and a closer look undoubtedly reveals Pseudophebe. On the other hand, Placopsis proves to be more difficult.  Here, two species occur together, with our species clearly the rarer one. This renders the search rather more difficult. But we found five species in one fell swoop – what else can we ask for for starters?!

In areas that are not as densely covered with Usnea species, we discover the two Antarctic Placopsis species. © Birgit Kanz
Photo 6: In areas that are not as densely covered with Usnea species, we discover the two Antarctic Placopsis species. © Birgit Kanz

In my next blog, I will address the background of our research project in more detail, since I would like to draw attention to the nature conservation-related problems in regard to Antarctica.

The blogger:
Dr. Birgit Kanz
Senckenberg Research Institute



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