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Bei Überlebenskünstlern am Ende der Welt // Among survival artists at the end of the earth

Bei den Pinguinen und See-Elefanten // Among Penguins and Elephant Seals

12.01.2016, 09:43

Es ist Zeit, unseren Erkundungsradius zu erweitern. Wir kontaktieren dazu eine argentinische Forschergruppe. Wir wissen, dass sie regelmäßig die Halbinsel quert, um die Pinguin-Kolonien auf der anderen Seite der Küste zu besuchen. Auf den Felsen dort erwarten wir die drei fehlenden Flechtenarten von unserer Liste zu finden. Sie besiedeln bekanntermaßen nährstoffreiche Vogelfelsen.

Wir treffen Silvana und Alejandra von der Universität La Plata (Buenas Aires) vor dem argentinischen Laborgebäude und machen uns gemeinsam mit ihnen auf den Weg. Da die beiden den Weg seit Wochen jeden zweiten Tag zurücklegen, sind sie bestens trainiert und stapfen uns zügig bergan voraus. Wir sinken stellenweise bis zu einem halben Meter tief in den Schnee ein, gehen deshalb im Gänsemarsch hintereinander her und versuchen die Fußstapfen der Vorangehenden zu erwischen. Ich habe kaum Gelegenheit, das Panaorama um mich herum zu betrachten, so sehr bin ich damit beschäftigt das Gleichgewicht nicht zu verlieren. Oben auf dem Plateau müssen wir aber anhalten, um die dort üppig wachsenden Flechtenmatten näher zu betreachten. Es zeigt sich, dass wir dort unsere zweite Sammellokalität gefunden haben, denn wieder sind fünf unserer Arten versammelt. Wir werden sie auf dem Rückweg eintüten.

Küste mit Kolonien von Eselspinguinen © Birgit Kanz
Küste mit Kolonien von Eselspinguinen © Birgit Kanz

Mit der Umschau auf dem Plateau werden wir aber auch noch etwas Anderes gewahr: Die Luftqualität hat sich verändert. Eine deutlich fischige Note ist hinzugekommen – sie wird uns den ganzen Tag nicht mehr verlassen ...

Kolonie von Eselspinguinen © Birgit Kanz
Kolonie von Eselspinguinen © Birgit Kanz

Nun geht es bergab, und schon bald sehen wir das orangefarbige Refugium der Zoologen. Als wir hineingehen, schlägt uns eine warme Wolke entgegen, die uns den Schweiß aus allen Poren treibt. Wir pellen uns schnellstens aus unseren AWI-Klamotten. Neun Leute hausen in der kleinen Hütte, die aus einem Schlaf-, einem Küchen-/Ess- und einem Vorratsraum besteht. Uns zu Ehren kriecht alles aus den Federn und schon bald kreist der Mate-Tee. Im Gespräch stellt sich heraus, dass nicht nur Forschung an Pinguinen, sondern auch an See-Elefanten betrieben wird.

Elisa und ich im Refugium der argentinischen Pinguin-und See-Elefanten-ForscherInnen © Birgit Kanz
Elisa und ich im Refugium der argentinischen Pinguin-und See-Elefanten-ForscherInnen © Birgit Kanz

Gleich vor der Hütte sind wir inmitten einer Kolonie von Eselspinguinen. Wir pirschen uns langsam von einem vollgeschissenen (sorry, aber ein anderes Wort trifft es nicht so plastisch!) Felsen zum nächsten. Sie sind zwar allesamt mit nährstoffliebenden Flechtenarten besiedelt, aber noch nicht von den gesuchten. Wir gehen weiter und beobachten gleichzeitig fasziniert die Pinguine, die sich ungestört zeigen, solange wir eine gewisse Distanz einhalten und uns langsam bewegen.

Eselspinguine © Birgit Kanz
Eselspinguine © Birgit Kanz

Eselspinguine © Birgit Kanz
Eselspinguine © Birgit Kanz

Eselspinguine © Birgit Kanz
Eselspinguine © Birgit Kanz

Seit dem 1. Dezember haben sie Junge. Überall schauen niedliche, graue Puscheln aus den Nestern. Manchmal liegen die Alten schützend auf ihnen, meistens jedoch sitzen oder stehen die Jungen auf deren Füßen. Es sind in der Regel zwei Jungtiere im Nest, das durch Wälle kleiner Steinchen von der Umgebung abgegrenzt ist. Hat ein Paar nur ein Küken, so ist dieses schon deutlich weiter entwickelt. Es muss das Futter ja nicht mit einem Geschwister teilen.

Eselspinguin mit Jungtier © Birgit Kanz
Eselspinguin mit Jungtier © Birgit Kanz

Die Pinguine bevölkern diesen Küstenabschnitt nicht alleine. Sie teilen ihn sich mit den Südlichen See-Elefanten, der größten Robbenart der Welt. Während die Pinguine die mehr oder weniger erhöht liegenden, felsigeren Bereiche besiedeln, liegen die Robben überwiegend in den flachen Mulden dazwischen. Einige haben allerdings nicht die Mühe gescheut, den Strand weiter hinaufzurobben und liegen inmitten der Pinguine.

Eselspinguin mit See-Elefanten © Birgit Kanz
Eselspinguin mit See-Elefanten © Birgit Kanz

Wir laufen slalomartig um die verschiedenen Tier-Inseln herum. Das reichlich um die Pinguin-Kolonien verteilte Guano stinkt schon beachtlich, aber wann immer wir uns einer Gruppe von Robben nähern, verschärft sich der Geruch noch um Einiges.

See-Elefanten © Birgit Kanz
See-Elefanten © Birgit Kanz

See-Elefanten © Birgit Kanz
See-Elefanten © Birgit Kanz

See-Elefanten © Birgit Kanz
See-Elefanten © Birgit Kanz

In der Zwischenzeit haben wir uns einer Felsgruppe genähert, die über und über mit orangen Flechten bedeckt sind. Dies sieht für uns extrem vielversprechend aus, und in der Tat finden wir hier endlich  Xanthoria elegans und Candelariella flava.

See-Elefanten © Birgit Kanz
See-Elefanten © Birgit Kanz

Sich kratzender junger See-Elefant im Fellwechsel © Birgit Kanz
Sich kratzender junger See-Elefant im Fellwechsel © Birgit Kanz

Plötzlich bemerken wir, dass die Pinguine ihr Aussehen verändert haben. Wir sind von den Kolonien der Eselspinguine in die der Adelie-Pinguine gewechselt. Die rein schwarz-weiß gefiederten, etwas kleineren Adelie-Pinguine mit dem weißen Augenring sind noch emsiger unterwegs als die Eselspinguine. Sie wuseln ohne Ende und man fragt sich, was sie antreibt. Immer wieder legen sie lange Pausen ein, schauen sich um, nehmen einen Schluck Schnee und putzen sich angelegentlich das Gefieder. Sie werden Wichtiges zu tun haben, wie Futter- oder Materialsuche. Weshalb sonst sollten sie steile Berghänge auf der einen Inselseite hochklettern und auf dem Bauch liegend auf der anderen Inselseite wieder herunterrutschen und vice versa?

Kolonien von Adelie-Pinguinen © Birgit Kanz
Kolonien von Adelie-Pinguinen © Birgit Kanz

Adelie-Pinguine © Birgit Kanz
Adelie-Pinguine © Birgit Kanz

Adelie-Pinguin © Birgit Kanz
Adelie-Pinguin © Birgit Kanz

Später sehen wir noch eine dritte Art, die Zügel-Pinguine. Die haben ihre Kolonien in der entgegengesetzten Richtung und sind hier nur auf Ausflug. So wie das die Königspinguine auch schon einmal tun. Sie werden auch immer nur vereinzelt so weit südlich ihres eigentlichen Verbreitungsgebietes gesichtet.

Zügel-Pinguin © Birgit Kanz
Zügel-Pinguin © Birgit Kanz

Voll beglückender Eindrücke und und mit prall gefüllten Taschen kehren wir am Abend zur Station zurück und es ist klar, dass wir noch einmal hierher zurückkommen werden. Wir müssen ja noch Physcia caesia finden, die achte Flechtenart im Bunde.

Hier bloggt:
Dr. Birgit Kanz
Senckenberg Forschungsinstitut Frankfurt am Main


 

Among Penguins and Elephant Seals

The time has come to expand the radius of our explorations. For this purpose, we make contact with a group of Argentinean researchers. We know that they regularly cross the peninsula to visit the penguin colonies on the other side of the coast. On the rocks over there, we expect to find the three species of lichen still missing from our list. They are known to inhabit nutrient-rich bird rocks.

We meet Silvana and Alejandra from La Plata University (Buenas Aires) in front of the Argentinean lab building and set out as a group. Since these two have been making this journey every other day for weeks, they are well trained and briskly trudge along ahead of us. In some places, we sink up to half a meter into the snow; therefore, we proceed in single file and try to hit the footsteps of those who walked before us. I have little opportunity to enjoy the panorama around me; I am too busy trying not to lose my balance. But on top of the plateau, we have to stop to pay closer attention to the lush lichen mats that grow there in abundance. It turns out that we discovered our second collection locality, since again there are five of our species present. We will bag them on our way back.

Coastline with colonies of Gentoo Penguins © Birgit Kanz
Coastline with colonies of Gentoo Penguins © Birgit Kanz

But while we take in the view from the plateau, we also notice something else: the air quality has changed. It has taken on a decidedly fishy note – which will not leave us for the remainder of the day...

Gentoo Penguin colony © Birgit Kanz
Gentoo Penguin colony © Birgit Kanz

Now we go downhill, and soon we spot the zoologists’ orange refuge. As we enter, we are greeted by a warm cloud that draws sweat from every pore. As quickly as possible, we shed our AWI clothes. Nine people live in the small cabin, which consists of a dormitory, a kitchen/dining area and a storage room. In our honor, everyone crawls out of bed, and soon, steaming mugs of mate tea make the rounds. Our conversation reveals that the research is not limited to penguins, but also includes Elephant Seals.

Elisa and I at the refuge of the Argentinean penguin and Elephant Seal researchers © Birgit Kanz
Elisa and I at the refuge of the Argentinean penguin and Elephant Seal researchers © Birgit Kanz

Directly outside the cabin, we find ourselves in the midst of a colony of Gentoo Penguins. We slowly stalk from one shit-covered (sorry, but no other words hits it as graphically!) rock to the next. Although all of them are covered by nutrient-loving species of lichen, the species we are searching for are not among them. We continue on, all the while fascinated by the penguins who show no signs of disturbance as long as we keep a certain distance and move slowly.

Gentoo Penguins © Birgit Kanz
Gentoo Penguins © Birgit Kanz

Gentoo Penguins © Birgit Kanz
Gentoo Penguins © Birgit Kanz

Gentoo Penguins © Birgit Kanz
Gentoo Penguins © Birgit Kanz

Since the 1st of December, they have chicks. Everywhere, adorable gray fluff balls peek from the nests. Sometimes the adults lie protectively on top of them, but most of the young sit or stand on the parents’ feet. As a rule, there are two young in each nest, which is marked off from its surroundings by a wall of tiny rocks. In pairs with only one single chick, this shows a noticeably advanced development. After all, it doesn’t have to share its food with a sibling.

Gentoo Penguin with young © Birgit Kanz
Gentoo Penguin with young © Birgit Kanz

The penguins do not inhabit this section of the coast by themselves. They share it with the Southern Elephant Seals, the world’s largest species of pinniped. While the penguins inhabit the more or less elevated rocky areas, the seals mainly lie in the intervening shallow depressions. However, some of them did not shun the effort to drag themselves further up on the beach and now rest squarely among the penguins.

Gentoo Penguin with Elephant Seals © Birgit Kanz
Gentoo Penguin with Elephant Seals © Birgit Kanz

We wend our way around the various animal islands in a slalom-like fashion. The guano, which is generously spread throughout the penguin colonies, already fills the air with a remarkable stench, but each time we approach a group of seals, the smell becomes significantly more noxious.

Elephant Seals © Birgit Kanz
Elephant Seals © Birgit Kanz

Elephant Seals © Birgit Kanz
Elephant Seals © Birgit Kanz

Elephant Seals © Birgit Kanz
Elephant Seals © Birgit Kanz

In the meantime, we have come close to a group of rocks that are covered from top to bottom with orange lichens. This looks extremely promising to us, and indeed, we finally discover Xanthoria elegans and Candelariella flava here.

Elephant Seals © Birgit Kanz
Elephant Seals © Birgit Kanz

Young Elephant Seal in changing fur, scratching itself © Birgit Kanz
Young Elephant Seal in changing fur, scratching itself © Birgit Kanz

Suddenly we notice that the penguins have changed their appearance. We traded the colonies of Gentoo Penguins for colonies of Adelie Penguins. Clad entirely in black-and-white feathers, the somewhat smaller Adelie Penguins with their white eye ring are moving about even more busily than the Gentoo Penguins. They endlessly shuffle to and fro, and we wonder what makes them tick. Time and again, they stop for extended breaks, look around, take a beakful of snow and thoroughly preen their plumage. They must have important errands to run, such as searching for food or nest material. Why else would they climb up the steep slopes on one side of the island and then slide back down on their bellies on the other side, and vice versa?

Adelie Penguin colonies © Birgit Kanz
Adelie Penguin colonies © Birgit Kanz

Adelie Penguin © Birgit Kanz
Adelie Penguin © Birgit Kanz

Adelie Penguin © Birgit Kanz
Adelie Penguin © Birgit Kanz

Later, we encounter a third species, the Chinstrap Penguins. They have colonies on the opposite side and only pass through on their approach flight, same as the occasional King Penguin. These only show up singly and sporadically this far south of their actual area of distribution.

Chinstrap Penguin © Birgit Kanz
Chinstrap Penguin © Birgit Kanz

In the evening, we return to the station, filled with  exhilarating impressions and with overflowing bags, and it is clear that we will we return to this area again. After all, we still have to find Physcia caesia, the eighth lichen species of the bunch.

The blogger:
Dr. Birgit Kanz
Senckenberg Research Institute



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