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Bei Überlebenskünstlern am Ende der Welt // Among survival artists at the end of the earth

Unterwegs in Patagonien - Wir entdecken Punta Arenas // Traveling in Patagonia - We discover Punta Arenas

21.12.2015, 08:33

English version below

Seit neun Tagen stecken Elisa und ich in Punta Arenas fest. Wegen schlechter Wetterverhältnisse in der Antarktis konnten wir noch nicht weiterfliegen. Die Stadt und ihre Umgebung besitzt jedoch genug Potenzial, um uns die Wartezeit nicht lang werden zu lassen. Eindrücke von einer unfreiwilligen Urlaubswoche.

Mittlerweile ist es der 14. Dezember. Elisa und ich sind tatsächlich immer noch in Punta Arenas. Seit unserer Landung am 5.12. hat es drei Versuche gegeben, in die Antarktis vorzustoßen. Die geplanten Flüge wurden aber immer wieder gecancelt. Das Wetter lasse keine Landung auf King George Island zu, hieß es. Und nun soll morgen Nachmittag um 14:30 Uhr der nächste, der vierte Versuch starten. Wird es dieses Mal gelingen? Das Wetter ist ruhig. Die steife Brise der letzten Tage hat sich gelegt. Aber das sagt noch nicht viel über die Wetterverhältnisse 1.300 km weiter südlich aus. Wie dem auch sei: Elisa und ich werden abflugbereit sein und mit Spannung auf weitere Nachrichten warten ...

Remineszenz an alte Zeiten in Punta Arenas: das Schäfer-Denkmal in der Vorweihnachtszeit. © Birgit Kanz
Remineszenz an alte Zeiten in Punta Arenas: das Schäfer-Denkmal in der Vorweihnachtszeit. © Birgit Kanz


In der Wartezeit erkundeten wir Punta Arenas

Die Terminverschiebungen waren immer sehr enttäuschend. Dennoch verschmerzten wir sie immer recht schnell. Dazu bieten Punta Arenas und Umgebung doch zu viel Neues und Interessantes, als dass man sich über das Warten hier sehr grämen müsste. Natürlich zog es uns als allererstes zum Meer. Über die Magellanstraße hinweg ist in der Ferne die Küste Feuerlands zu erkennen. Bei sehr guter Sicht leuchten dort schneebedeckte Berggipfel auf, die mich immer wieder an unser eigentliches Ziel erinnern, wenn ich anfange, hier zu sehr im Frühling zu schwelgen. Auf den ufernahen Piers sitzen Hunderte von Möwen und Kormorane. Informationstafeln weisen darauf hin, dass es sich um Dominikaner-, Blutschnabel- und Patagonienmöwen sowie um Felsen-, Blauaugen-  und Olivenscharben handelt. Weniger spannend zeigt sich die Strand- bzw. Ufervegetation. Zur Uferbefestigung wurde auch hier, wie auf den Nordseeinseln, der Gewöhnliche Strandhafer angepflanzt. Darin eingemischt finden sich hauptsächlich nur weitere ‚Allerweltsarten‘, wie Einjähriges Rispengras, Knäuelgras, Weidelgras, Hirtentäschel, Spitzwegerich und jede Menge Löwenzahn. Am interessantesten war da noch die gelbblühende, strauchförmige Lupine (Lupinus arborea f. lutea), die ich bisher noch noch nicht gekannt hatte. Diese ist allerdings auch nicht einheimisch hier, sondern eine Zierpflanze aus Kalifornien.

Wolkenspiel (c) Birgit Kanz
Wolkenspiel über der Magellanstraße und dem Hafen von Punta Arenas, mit Pier und Vogelkolonien im Hintergrund. © Birgit Kanz

Nach einem ausgiebigen Spaziergang auf der leider ziemlich langweilig angelegten Uferpromenade, wandten wir uns der Stadt zu. Bald kamen wir zum zentralen Platz der Stadt, der ‚Plaza Muñoz Gamero‘. Inmitten unzähliger, in voller Blüte stehender Goldregen-Bäumen steht hier ein Denkmal von Fernando de Magallanes. Es geht die Sage, dass diejenigen, die seinen Fuß küssen, garantiert wieder nach Patagonien zurückkehren werden. Der blankpolierte Zustand des Fußes zeugt davon, dass nur die wenigsten Touristen wunschlos an ihm vorübergehen  ̶  auch wir tun es nicht. Allerdings habe ich ihn nur gekitzelt. Das ist vermutlich der Grund dafür, dass wir gar nicht erst von hier wegkommen ...

Um den Platz herum gruppieren sich einige der bedeutendsten Bauwerke der Stadt. Sie stammen aus den 1880er Jahren, als die Schafzucht der Stadt großen Reichtum bescherte. Besonders profitierte von dieser Entwicklung die baltisch-portugiesische Familie Braun-Menéndez. Ihr war es gelungen, unterstützt durch geschickte Heiratspolitik, ein riesiges Imperium aufzubauen und mehrere Millionen Hektor Ländereien in ihren Besitz zu bringen. Da an solchen extremen Reichtümern nicht selten auch Blut hängt  ̶  in dieser Zeit hatten besonders die Ureinwohner Patagoniens das Nachsehen, die ausnahmslos alle durch eingeschleppte Krankheiten und Gewalttaten dahingerafft wurden, besuchte ich den ‚Palacio Sara Braun‘ mit gemischten Gefühlen. Ich war dem Charme der mit Holz vertäfelten und geschmackvoll eingerichteten Räumlichkeiten dann aber doch bald erlegen, so dass ich mich in der Cafébar zu Cappuccino und Pisco Sour, einem typischen chilenisch-peruanischen Cocktail, niederließ. Der ist übrigens sehr zu empfehlen, durchaus auch in der Berberitzen-Variante (Calafate Sour).

Denkmal von Fernando de Magallanes inmitten prachtvoll blühender Goldregen-Bäume. © Birgit Kanz
Denkmal von Fernando de Magallanes inmitten prachtvoll blühender Goldregen-Bäume. © Birgit Kanz

 

Der vom französischen Architekten Numa Mayer entworfene ‘Palacio Sara Braun‘ im Pariser Stil des ausgehenden 19. Jahrhunderts. © Birgit Kanz
Der vom französischen Architekten Numa Mayer entworfene ‘Palacio Sara Braun‘ im Pariser Stil des ausgehenden 19. Jahrhunderts. © Birgit Kanz

Aber auch die Globalisierung macht vor Punta Arenas nicht Halt. Das beweisen sowohl die täglich per Flieger oder Schiff hereinschwappenden Touristenströme aus allen möglichen Ländern (am häufigsten dringen deutsche, französische, amerikanische und chinesische Gesprächsfetzen an mein Ohr) als auch der Anblick lustig bunt gekleideter Bäume oder Blumenkästen: ‚Urban Knitting‘ hat Einzug gehalten. ‚Urban Gardening‘ lässt dagegen noch auf sich warten. Die Grünanlagen in der Stadt sind ziemlich traurig anzusehen. Übrigens wird hier trotz aller Internationalität wenig englisch in der Bevölkerung gesprochen. Daran ist abzulesen, wie groß der spanischsprachige Raum in Südamerika ist.

‘Urban knitting’ am ‚Plaza Muñoz Gamero‘ in Punta Arenas. © Birgit Kanz
‘Urban knitting’ am ‚Plaza Muñoz Gamero‘ in Punta Arenas. © Birgit Kanz

 

 

Modernes Punta Arenas mit Casino und Hotel. © Birgit Kanz
Modernes Punta Arenas mit Casino und Hotel. © Birgit Kanz

 

Straßenzug in Punta Arenas. © Birgit Kanz
Straßenzug in Punta Arenas. © Birgit Kanz

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Natürlich haben wir uns auch den bemerkenswerten Friedhof der Stadt angesehen, mit seinen imposanten Mausoleen und den alten, getrimmten Zypressen. Meinen Geschmack trifft er zwar nicht, aber im Touristenbüro wurde uns mitgeteilt, dass er als einer der schönsten Friedhöfe der Welt angesehen werde. Gut gefallen hat mir hingegen das naturhistorische ‚Museo Regional Salesiano Maggiorino Borgatello‘. Neben der regionalen Flora und Fauna wurde den hier ehemals ansässigen Ethnien (Yamanas, Selk‘nam, Aonikenk, Kaweskar) großen Platz eingeräumt.

Bemalte Häuserwände entlang der Uferstraße in Punta Arenas. © Birgit Kanz
Bemalte Häuserwände entlang der Uferstraße in Punta Arenas. © Birgit Kanz

 

Hauptfriedhof in Punta Arenas. © Birgit Kanz
Hauptfriedhof in Punta Arenas. © Birgit Kanz

 Ausstellungsstück im ‚Museo Regional Salesiano Maggiorino Borgatello‘ © Birgit Kanz
Ausstellungsstück im ‚Museo Regional Salesiano Maggiorino Borgatello‘ © Birgit Kanz

Es bleibt noch, über die im Umland von Punta Arenas gelegenen Ausflugsziele, von Nothofagus-Wäldern und Magellan-Pinguinen, zu berichten, denn für diese fanden wir während unserer langen Wartezeit auch noch Zeit. Davon mehr in meinem nächsten Blog.

Geschrieben von:
Dr. Birgit Kanz
Senckenberg Forschungsinstitut Frankfurt am Main


Traveling in Patagonia – We discover Punta Arenas

For nine days now, Elisa and I have been stuck in Punta Arenas. Due to inclement weather conditions in Antarctica, we have not yet been able to continue our journey. But the town and its surroundings hold enough potential to ensure that we do not get bored during our wait. Here are some impressions from our involuntary vacation week.

By now, it is December 14, and Elisa and I are still in Punta Arenas. Since we landed here on December 5, we made three attempts to continue on to the Antarctic. But the planned flights were cancelled every time. The weather would not allow a landing on King George, so the official word. And now the next, our fourth, attempt is scheduled for tomorrow afternoon at 2:30 PM. Will we succeed this time? The weather is calm and the stiff breeze of the recent days has subsided. Yet, this does not say much about the weather conditions some 1,300 km farther south. In any case, Elisa and I will be ready for departure, and we eagerly await further news...

Reminiscence of olden days in Punta Arenas: the shepherd monument during pre-Christmas season. © Birgit Kanz
Reminiscence of olden days in Punta Arenas: the shepherd monument during pre-Christmas season. © Birgit Kanz

While we wait, we explore Punta Arenas
The delays are always very disappointing. Nevertheless, we get over it in a hurry, since Punta Arenas and its surroundings have so much new and interesting to offer that there is no need to fret about having to wait here. Of course, the very first place we were drawn to was the ocean. Across the Strait of Magellan, the coastline of Tierra del Fuego is visible in the distance. On a clear day, we can see the glistening snow-capped mountain tops, which keep reminding me of our actual destination whenever I begin to revel in the spring-like weather here. The piers near the shore are covered with hundreds of gulls and cormorants. Interpretive boards inform us that these are Kelp, Dolphin and Brown-hooded Gulls as well as Rock, Blue-eyed and Neotropic Cormorants. The beach and shore vegetation is less exciting. In order to stabilize the shoreline, European beach grass has been planted here, just as on the German North Sea islands. Intermixed are mainly a bunch of other ‘run-of-the-mill’ species, such as annual meadow grass, orchard grass, perennial rye-grass, shepherd’s purse, narrowleaf plantain and lots and lots of dandelions. The most interesting plant was the bush-like, yellow-flowering lupine Lupinus arborea f. lutea, which I had never seen before. However, it is also not native here, but an ornamental introduced from California.

Clouds. (c) Brigit Kanz
Clouds drifting over the Strait of Magellan and the harbor of Punta Arenas, with the pier and seabird colonies in the background. © Birgit Kanz

Following a stroll down the disappointingly uninspiring shoreline promenade, we turned our attention to the city. Soon we reached the town’s central square, the ‘Plaza Muñoz Gamero.’ It hosts a statue of Fernando de Magallanes, surrounded by countless golden laburnum trees in full bloom. Legend has it that those who kiss his feet are guaranteed to return to Patagonia. The polished condition of the statue’s foot bears witness that only few tourists pass him without making that wish – and we do not pass him, either. However, I only tickled his foot – maybe this is the reason why were are still stuck here...

The square is surrounded by some of the city’s most important buildings. They date back to the 1880s, when sheep-breeding brought great wealth to the town. Among those who profited most from this development was the Baltic-Portuguese family Braun-Menéndez. With the help of crafty marriage arrangements, this family managed to build a gigantic empire and bring several millions of hectares into its possession. Since such enormous wealth usually comes with bloodshed – in those days, it was mainly the native inhabitants of Patagonia who were at a disadvantage, as every last one of them succumbed to introduced diseases or violence – it was with rather mixed feelings that I visited the ‘Palacio Sara Braun.’ But soon I gave in to the charm of the wood-paneled and tastefully appointed rooms and took a break at a coffee bar for a cappuccino and pisco sour, a typical Chilean-Peruvian cocktail. By the way, I can highly recommend this drink, and also its barberries variant (calafate sour).

Statue of Fernando de Magallanes amidst beautiful golden laburnum trees in full bloom. © Birgit Kanz
Statue of Fernando de Magallanes amidst beautiful golden laburnum trees in full bloom. © Birgit Kanz

The ‘Palacio Sara Braun,’ designed by French architect Numa Mayer in the Parisian style of the late 19th century. © Birgit Kanz
The ‘Palacio Sara Braun,’ designed by French architect Numa Mayer in the Parisian style of the late 19th century. © Birgit Kanz

But Punta Arenas has not been left untouched by globalization. This is not only evidenced by the stream of tourists from countries all over the world (primarily, my ears catch snippets of German, French, American English and Chinese) that arrive daily by plane or boat, but also by the sight of gaily adorned trees or flower boxes in multiple colors: ‘urban knitting’ has arrived. On the other hand, ‘urban gardening’ is still lagging behind – most the town’s green spaces offer a rather sad display. Despite the international flair, the population only speaks little English. This shows the vast extent of the Spanish-speaking area in South America. 

‘Urban knitting’ at the ‘Plaza Muñoz Gamero’ in Punta Arenas. © Birgit Kanz
‘Urban knitting’ at the ‘Plaza Muñoz Gamero’ in Punta Arenas. © Birgit Kanz

Modern Punta Arenas with casino and hotel. © Birgit Kanz
Modern Punta Arenas with casino and hotel. © Birgit Kanz

A stretch of road in Punta Arenas. © Birgit Kanz
A stretch of road in Punta Arenas. © Birgit Kanz

Of course, we also visited the town’s remarkable cemetery with its imposing mausoleums and old, manicured cypress trees. It is not quite up to my taste, but the tourist office informed us that it is regarded as one of the world’s most beautiful cemeteries. On the other hand, I really enjoyed the natural history museum, ‘Museo Regional Salesiano Maggiorino Borgatello.’ Besides the local flora and fauna, it also places a strong emphasis on the ethic groups that once inhabited this area (Yamanas, Selk‘nam, Aonikenk, Kaweskar).

Painted walls of the houses along the coast road in Punta Arenas. © Birgit Kanz
Painted walls of the houses along the coast road in Punta Arenas. © Birgit Kanz

Main cemetery in Punta Arenas. © Birgit Kanz
Main cemetery in Punta Arenas. © Birgit Kanz

Display piece in the ‘Museo Regional Salesiano Maggiorino Borgatello.’ © Birgit Kanz
Display piece in the ‘Museo Regional Salesiano Maggiorino Borgatello.’ © Birgit Kanz

What is left is a report about our destinations in the surrounding areas of Punta Arena, the Nothofagus forests and the Magellanic Penguins, for which we found ample time during our extended wait. But more of this in my next blog post.

The blogger:
Dr. Birgit Kanz
Senckenberg Research Institute



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