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MSM55 - ARCA

Gastbeitrag: Boden unter den Füßen

23.06.2016, 10:59

Arctic Carbonate Factories (Svalbard) - M.S. Merian 55

Hauptsächlich wird vom Deck der Maria S. Merian aus geforscht. Aber während unseres Aufenthaltes in der Mosselbukta durfte an zwei Abenden eine kleine Gruppe Forscher an Land gehen, um dort Proben zu sammeln. Neele Meyer, Masterstudentin und Mitarbeiterin am Senckenberg-Institut, war dabei und berichtet.

Von Neele Meyer

„Nun gut, wenn man auf einer Schiffsexpedition mitfährt, sollte man eigentlich begeistert sein, dass man auf dem Schiff sein darf. Aber tatsächlich kann man noch zusätzlich begeisterter sein, wenn man als eine von wenigen aufs Land darf. Am 17.06. ging es für sechs von uns zur Enterung Spitzbergens, oder so ähnlich. Drei Wissenschaftler, eine Bärenwächterin, ein Fotograf und der zweite Offizier sollten von 20 bis 24 Uhr auf Erkundungstour gehen – zum Glück wird es ja hier nicht dunkel.

Nachdem wir uns alle in sogenannte Überlebensanzüge gekleidet und unsere Rucksäcke geschultert haben, ging es nach der Übergabe eines Gewehres vom Kapitän persönlich an unsere Waffenbeauftragte auf ins Schlauchboot. Das Gewehr ist Bedingung für einen Landgang auf Spitzbergen, da Eisbären hier noch in einer Population von bis zu 1000 auftreten und uns somit tatsächlich einen Überraschungsbesuch abstatten könnten. Glücklicherweise hatten wir mit Kerstin eine Jägerin an Bord, die die Aufgabe der Bärenwache übernommen hat.

Nach dem erfolgreichen Aussetzen des Landungsbootes waren wir startklar und fuhren los zur Entdeckung Spitzbergens. Nach dem erfolgreichen Aussetzen des Landungsbootes waren wir startklar und fuhren los zur Entdeckung Spitzbergens. © Viola Kiel

Nachdem wir alle Platz genommen haben, wurde langsam das Schlauchboot am Kran ins Wasser gelassen und der Blick vom kleinen Beiboot auf das große Hauptboot (ja, ich weiß, es ist ein Schiff!), die Maria S. Merian, und die ganze winkende Crew war einmalig. Auf den Wellen tanzend ging es geschwind in Richtung Land und nach einigen Minuten Eisbären-Sondierung aus sicherer Entfernung, ging es schließlich wirklich auf das „Land“ Spitzbergen. Ein Eisbär hat sich nämlich nicht gezeigt, sondern nur ein kleiner Seehund. Mit den Überlebensanzügen, die uns vor der Kälte und der Nässe schützen sollten, war das Aussteigen dank der integrierten Gummistiefel kein Problem. Zuerst hat Kerstin die Waffe überprüft, ist dann den kleinen Hang hochgestiefelt und hat von dort weiter nach Eisbären Ausschau gehalten. Aber auch vom Wasser aus wurde unsere kleine Erkundungstruppe beobachtet – der zweite Offizier blieb an Bord des Schlauchboots und beobachtete von dort aus die Lage. Währenddessen blieben wir anderen dicht beisammen und suchten unsere Proben zusammen. Dabei ging es hauptsächlich um Sediment und Organismen, aber auch alles andere, was ein Wissenschaftler interessant finden könnte, wurde eingetütet.

Die Probennahme an Land war deshalb von so großer Bedeutung, weil am Strand durch die Brandungszone noch andere Parameter Einfluss auf die Organismen bzw. Sedimente haben (könnten) – zum Beispiel Ebbe und Flut (und folglich mal Wasser, mal keins), Spritzer von Wellen oder natürlich auch Lichtverhältnisse. Für eine komplette Profil-Aufnahme kann folglich nicht nur der untermeerische Bereich, sondern muss auch der intertidale Bereich in die Betrachtung mit einbezogen werden.  Dabei erweisen sich die Überlebensanzüge als unglaublich praktisch. Es wird wirklich nicht kalt und man wird wirklich nicht nass und kann so auch zu etwas im Meer liegenden Steinen ohne Probleme gelangen und dort nach Organismen suchen.

Die Betrachtung der eingetüteten Organismen gehört natürlich auch zum Programm.
Die Betrachtung der eingetüteten Organismen gehört natürlich auch zum Programm. © Kerstin Nachtigall

Nach einer knappen Stunde erfolgreicher Sammelei ging es zurück an Bord des Schlauchbootes und weiter zur nächsten Stelle, wo jeder die vorherigen Aufgaben weiterführte. Die zweite Stelle stellte sich schnell als etwas günstiger heraus, was vor allem daran lag, dass sich hinter einem Sandrücken eine Art See mit Zugang zum Meer befand, wo deutlich mehr Organismen, wie Muscheln oder Seepocken, zu finden waren.

Auch während der zweiten Station am ersten Tag suchten wir fleißig nach allen möglichen Dingen, die für die Wissenschaft interessant sein könnten. Im Hintergrund sind die schneebedeckten Gipfel Spitzbergens zu sehen.
Auch während der zweiten Station am ersten Tag suchten wir fleißig nach allen möglichen Dingen, die für die Wissenschaft interessant sein könnten. Im Hintergrund sind die schneebedeckten Gipfel Spitzbergens zu sehen. © Kerstin Nachtigall

Nach einer weiteren Stunde ging es mit 46 km/h zurück zur MSM und nach einer kleinen Foto-Tour ums Schiff zurück an Deck, wo noch einige Crew-Mitglieder auf uns warteten und hören wollten, was wir denn erlebt und ob wir Eisbären gesehen haben. Haben wir aber leider nicht. Nur Plastik. Plastik hat es auch bis nach Spitzbergen gebracht und die großen Mengen haben mich persönlich sehr erschreckt.

Am nachfolgenden Abend ging es gleich noch ein zweites Mal an Land, dieses Mal etwas weiter in die Mosselbukta hinein und statt des Fotografen Solvin kam JAGO-Techniker Peter mit. Prinzipiell war es das gleiche Vorgehen: Kerstin hielt Ausschau nach Eisbären, der zweite Offizier wartete im Schlauchboot und wir anderen stapften über den Strand, buddelten nach Organismen, kratzen vorsichtig Seepocken von Felsen und tüteten alles sorgfältig ein. Leider war die Station nicht so gut geeignet wie die am Tag zuvor. Es gab nichts Neues zu entdecken und das Fazit war eine generell kleine Anzahl an nützlichen Proben. Somit ging es nach einem kleinem Abschiedsfoto zurück ins Boot und auf zur nächsten Stelle. Aber bis wir dort ankamen sollten, dauerte es noch ein kleines Weilchen.

Während unserer Weiterfahrt kam auf einmal ein lauter Aufschrei von den vorderen Plätzen – plötzlich tauchte der riesige Kopf eines Walrosses 10 Meter vor unserem Schlauchboot auf. Neugierig schaute es uns an, tauchte dann wieder ab und 5 Meter weiter wieder auf. Dieses Schauspiel mussten wir erst einmal einige Zeit beobachten.

Zwar nicht besonders scharf, aber ein Beweis für das Walross muss natürlich gezeigt werden.
Zwar nicht besonders scharf, aber ein Beweis für das Walross muss natürlich gezeigt werden. © Sören Janssen

Wir fuhren gut 20 Minuten an der kargen Küste Spitzbergens entlang und sichteten noch drei Rentiere an Land. Nebenher blickten wir auch immer wieder auf den Meeresgrund, weil als zweiter Punkt auf der Tagesordnung die Entnahme von Meeresboden mit einem Backengreifer stand. Bei diesem werden die Schaufelbacken zunächst gespannt, dann an einem Seil zu Boden gelassen und dort – bestenfalls – ausgelöst. Das Sediment im Greifer kann dann zum Beispiel auf Korngröße oder Kleinstorganismen untersucht werden und Informationen zur Bildung, Transport und Alter des Meeresbodens geben.

Nach einem dritten und kurzen Zwischenstopp an einer schönen Lagune, wo wir zwei Meter neben der Eisschicht ein kleines lila Blümchen entdeckt haben, ging es auf dem schaukeligen Schlauchboot zurück zur weit entfernten MSM. Ein wenig durchgefroren aber glücklich über die Möglichkeit, einen Fuß auf ein fast unberührtes Spitzbergen zu setzen (nur fast, weil wir zwei kleine Hütten von Trappern entdeckt haben), waren wir gegen 24 Uhr zurück an Bord. Ein Glück, dass der Polartag so lange Tage möglich macht.“



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