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Bei Überlebenskünstlern am Ende der Welt // Among survival artists at the end of the earth

Auf dem Weg nach King George Island (62°14´S, 58°40´W), Antarktis // On the way to King George Island (62°14´S, 58°40´W), Antarctica

15.12.2015, 15:09, Kommentare 1 Kommentar

English version below

Die beiden Wissenschaftlerinnen Elisa Lagostina und Dr. Birgit Kanz aus dem Senckenberg Forschungsinstitut Frankfurt am Main sind unterwegs zur argentinischen Forschungsstation Carlini auf King George Island (62°14´S, 58°40´W), Antarktis. Sie werden dort Flechten sammeln – Organismen, die im Schatten fotogener Pinguine und See-Elefanten im Allgemeinen kaum beachtet werden. Dabei gehören sie zu den wahren Überlebenskünstlern unter extremen klimatischen Bedingungen.

Dr. Birgit Kanz und Elisa Lagostina. Foto: (c) Birgit Kanz
Foto 1: Die Botanikerinnen Elisa Lagostina und Dr. Birgit Kanz aus dem Senckenberg Forschungsinstitut Frankfurt am Main. © Birgit Kanz

Kapitel 1: Reisevorbereitungen in die Antarktis verlangen sportliches Talent

Forschungsreisen in die Antarktis sind auch heute noch extreme Unternehmungen. Das liegt nicht nur, aber natürlich auch an ihrer extrem abgelegenen geographischen Lage. Auch die bürokratischen und organisatorischen Hürden  sind höher, als ich es mir vor Beginn der Reise hatte vorstellen können. Ohne Humor, Optimismus, festen Willen und sportliches Verständnis sind sie nur schwer zu nehmen.

Warmlaufen und Aufnahme der Jonglage-Bälle
Unsere Reisevorbereitungen begannen gleich mit einer Panne – leider von uns zunächst unbemerkt: Zuständig für die Koordination der deutschen Polarforschung ist das Alfred-Wegener-Institut (AWI) in Bremerhaven. Einmal im Jahr (hier: im Februar 2015) ergeht von dort eine Aufforderung, Projekte für die verschiedenen Forschungsstationen in der Arktis oder Antarktis anzumelden. Der Nutzerbeirat entscheidet dann, welches Projekt wie viel Zeit vor Ort zubemessen bekommt. Die angemeldeten Projekte stehen in Wettbewerb miteinander, und es ist deshalb möglich, dass selbst gut begründete Vorhaben scheitern können. Der Ausgang der Entscheidung ist also völlig offen. Um die Projekte zu finanzieren, stellen die meisten WissenschaftlerInnen bei der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) Finanzierungsanträge (Antragsfrist hier: 1. November 2014). Die Anmeldung beim AWI erfolgt damit, bevor man weiß, ob die beantragten Mittel auch bewilligt werden. Das im Projekt beschäftigte Personal (in diesem Fall ein Doktorand oder eine Doktorandin) kann wiederum erst dann eingestellt werden, wenn die Finanzierung gesichert ist. Solche Stellen müssen überdies mit einer realistischen Bewerbungsfrist ausgeschrieben werden. Soweit das vorgegebene Prozedere, das mich an eine Jonglage mit ziemlich vielen Bällen denken ließ.

Blick auf die schneebedeckten Anden. Foto: (c) Elisa Lagostina
Foto 2: Blick auf die schneebedeckten Anden während des Landeanflugs auf Punta Arenas (Chile). © Elisa Lagostina







Kaum zum Wettbewerb angetreten und schon gleich beinahe disqualifiziert
Unser Projektleiter, der Flechtenkundler Dr. Christian Printzen, Kurator für niedere Pflanzen (Kryptogamen) am Senckenberg Forschungsinstitut, hatte seinen Antrag auf Forschungszeit im Dallmann-Labor auf der argentinischen Forschungsstation Carlini jedenfalls fristgerecht beim Alfred-Wegener-Institut (AWI) eingereicht. Allerdings kam die Finanzierungszusage der DFG  dieses Jahr erst im Juli. Sogleich wurde die Doktorandenstelle mit einer Bewerbungsfrist bis Ende August ausgeschrieben. Als ob das Warten und die Spannung noch nicht nervenaufreibend genug wären, tat sich nun aber eine ganz unerwartete Schwierigkeit auf. Ebenfalls im Juli klopfte Christian beim AWI nochmal an, um sich nach dem Stand der Dinge zu erkundigen. Dank Ferienzeit dauerte es aber noch bis Mitte August, bis zum Entsetzen aller zu Tage trat, dass der Antrag beim AWI einem Computercrash zum Opfer gefallen und gar nicht bearbeitet worden war. Und alle Stationsplätze waren natürlich inzwischen schon längst vergeben.

Was nun, eine Doktorandin einstellen, die dann nicht in die Antarktis fahren kann? Nun liefen die Drähte zwischen Christian und dem Vorsitzenden des AWI-Nutzerbeirats, Prof. Thomas Brey, heiß, und es war nur dessen Organisationstalent zu verdanken, dass uns am 9. Oktober(!) nach Absprache mit den argentinischen Stationsbetreibern doch noch zwei Plätze auf Carlini zugeteilt wurden. Als Zeitraum wurde uns das Zeitfenster 21.-26. November 2015 bis ca. 10. Januar 2016 genannt. Abflug sollte am 19. November sein.

Blick auf die bunten Dächer Punta Arenas mit der Kathedrale im Vordergrund und den Nothofagus-Wäldern aud den Höhlen im Hintergrund. Foto: (c) Birgit Kanz
Foto 3: Blick auf die bunten Dächer Punta Arenas mit der Kathedrale im Vordergrund und den Nothofagus-Wäldern auf den Höhen im Hintergrund. © Birgit Kanz


100 m-Spurt gegen die Zeit mit mindestens einer eingebauten Hürde
Nun tickte die Uhr schneller. Elisa Lagostina aus Italien hatte die Doktorandenstelle trotz aller Kurzfristigkeit glücklicherweise akzeptiert. Jetzt galt es in den wenigen verbleibenden Wochen noch tausend Kleinigkeiten zu organisieren: Ein Umweltseminar in Bremerhaven musste besucht werden, dessen Teilnahme für alle deutschen AntarktisforscherInnen obligatorisch ist. Wir durchliefen medizinische Eignungsuntersuchungen, bestellten beim AWI Polarkleidung, beantragten Genehmigungen für das Flechtensammeln und Betreten des Schutzgebietes neben der Forschungsstation, organisierten den Transport der Materialkiste und die Flugtickets. Alles lief unter Hochdruck, weil es ja eigentlich schon für alles fast zu spät war. Um die Spannung weiter zu erhöhen, ging nun auch die E.Mail mit dem Antrag auf Sammelgenehmigung verloren. Ohne diese Genehmigung hätten wir aber das Projekt nicht durchführen können. Endlich, am 13.11., sechs Tage vor dem ursprünglich geplanten Abflug, kam sie dann.

Torkelnder Einlauf ins Ziel
Der Rest gehört zum normalen Wahnsinn einer Antarktisreise: Der Abflug erfolgte nicht am 19. November, sondern verschob sich von Tag zu Tag und Woche zu Woche. Über die Hintergründe der Verschiebungen erfährt man nur wenig. Waren es andere Forscher- und Technikergruppen, die Vorrang hatten, oder tatsächlich immer wieder die schlechten Wetterverhältnisse in der Antarktis, die einen Strich durch die Rechnung machten? Dann, buchstäblich von einem Tag auf den anderen, ging es doch los. Am Mittwoch, dem 2. Dezember, erhielten wir den Bescheid, die Flugtickets wurden gebucht und am Donnerstag, dem 3. Dezember, checkten Elisa und ich um 19:30 Uhr am Frankfurter Flughafen ein und landeten am Samstag, den 5. Dezember, nach Zwischenhalten in Madrid, Santiago de Chile und Puerto Montt abends um 17:30 Uhr Ortszeit nach 26 Stunden in Punta Arenas in Chile, der südlichsten Großstadt der Welt.

Der Hafen von Punta Arenas mit der stets präsenten militärischen Küstenwacht in der Magellanstraße. Foto: (c) Birgit Kanz
Foto 4: Der Hafen von Punta Arenas mit der stets präsenten militärischen Küstenwacht in der Magellanstraße. © Birgit Kanz

Ob wir nun inzwischen (heute ist der 10. Dezember) in der Antarktis angekommen sind? Nein, sind wir nicht! Aber davon mehr in meinem nächsten Blogbeitrag.

Geschrieben von:
Dr. Birgit Kanz
Senckenberg Forschungsinstitut Frankfurt am Main



Two female scientists from the Senckenberg Research Institute in Frankfurt/Main, Elisa Lagostina and Dr. Birgit Kanz, are en route to the Argentinean research station Carlini on King George Island (62°14´S, 58°40´W), where they will collect lichens – organisms that generally attract little attention in the shadow of photogenic penguins and elephant seals.  Yet they are among the true survival artists under extreme climate conditions.

The botanists Elisa Lagostina and Dr. Birgit Kanz from the Senckenberg Research Institute in Frankfurt/Main. © Birgit Kanz
The botanists Elisa Lagostina and Dr. Birgit Kanz from the Senckenberg Research Institute in Frankfurt/Main. © Birgit Kanz

Chapter 1: The preparations for the trip to Antarctica require athletic talent
Even today, research expeditions to the Antarctic are extreme undertakings. This is, of course, due to their extremely remote location, albeit not exclusively so. The bureaucratic and organizational hurdles are also much higher than I could have ever imagined before setting out on this journey. Without humor, optimism, firm determination and good sportsmanship, they would be hard to overcome.

Warming up and pickup of the juggling balls
Off the bat, our preparations started with a mishap – unfortunately one that we did not notice right away: The responsible organization for the coordination of German polar research is the Alfred Wegener Institute (AWI) in Bremerhaven. Once a year (here: in February of 2015), the institute issues a request to register projects for the various research stations in the Arctic and in Antarctica. The advisory board then decides which project will be allotted how much time on location. The registered projects are in tight competition with each other; therefore, it is possible that even well justified projects may fail. The final decision is completely open. In order to finance the projects, most of the scientists file financing applications with the Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG; German Research Association) (application deadline here: November 1, 2014). Thus, the registration with the AWI occurs before the applicants know whether the funds applied for will actually be granted. In turn, the personnel involved in the project (in this case, a doctoral student) can only be hired once the financing has been secured. Moreover, such positions must be announced with a realistic application deadline. So much for the prescribed proceedings, which reminded me of a juggling act with quite a few balls.

View of the snow-covered Andes during the final approach to Punta Arenas (Chile). © Elisa Lagostina
View of the snow-covered Andes during the final approach to Punta Arenas (Chile). © Elisa Lagostina

We barely entered the competition, yet we are already close to being disqualified
At any rate, our project leader, lichenologist Dr. Christian Printzen, curator for non-vascular plants (cryptogams) at the Senckenberg Research Institute, filed his application for research time in the Dallman laboratory at the Argentinean research station Carlini within the deadline at the Alfred Wegener Institute (AWI). However, this year the DFG’s confirmation of financing did not arrive until July. This was immediately followed by the announcement of the doctoral position with an application deadline set for the end of August. And if the waiting and suspense were not unnerving enough, a completely unexpected problem arose on top of it. In July, Christian once again inquired with the AWI to find out the current state of affairs. Due to vacation time, it was not until the middle of August that to everyone’s shock it turned out that the application with the AWI had been the victim of a computer crash and had never been processed. And of course, all slots at the research station had long since been assigned.

Now what? Hire a doctoral student who will not be able to travel to Antarctica? The wires between Christian and the chair of the AWI advisory board, Prof. Thomas Brey, were running hot, and it was only thanks to the latter’s organizational skills that on October 9 (!), after consultation with the Argentinean station operators, we were still assigned two spots on Carlini. The specified research period was the window between November 21 and 26, 2015 until approx. January 10, 2016. Our departure was scheduled for November 19.

A view across the colorful rooftops in Punta Arenas, with the cathedral in the foreground and the Nothofagus forests on the hillsides in the back. © Birgit Kanz
A view across the colorful rooftops in Punta Arenas, with the cathedral in the foreground and the Nothofagus forests on the hillsides in the back. © Birgit Kanz

100 m sprint against the time with at least one incorporated hurdle
Now the clock was ticking faster. Despite the short notice, Elisa Lagostina from Italy had fortunately accepted the doctoral position. Now, a thousand small details needed to be organized in the remaining few weeks: An environmental seminar in Bremerhaven had to be attended, participation in which is obligatory for all German Antarctic researchers. We underwent medical aptitude tests, ordered polar attire at the AWI, applied for permits to collect lichens and to enter the protected area next to the research station, organized the transport of the material box and the airline tickets. Everything happened under high pressure, since it was really almost too late. To increase the tension even more, the email with the application for a collecting permit got lost. And without this permit, we would not have been able to carry out our project. Finally, on November 13, six days before the originally planned departure, the permit arrived.

Staggering across the finish line
The rest is part of the normal madness of a journey to Antarctica: Our departure did not occur on November 19, but was delayed from day to day and from week to week. We only learned little about the reasons for the delay. Was it other teams of researchers and technicians that were given priority, or was it indeed the recurring inclement weather conditions in the Antarctic that foiled our plans? Finally, quite literally from one day to the next, we were ready to leave, after all. On Wednesday, December 2, we received the notification, our plane tickets were booked, and on Thursday, December 3 at 7:30 PM, Elisa and I checked in at Frankfurt airport. Twenty-six hours later, after layovers in Madrid, Santiago de Chile and Puerto Montt, on Saturday, December 5 at 5:30 PM local time we finally landed in Punta Arenas in Chile, the world’s southernmost major city. 

Photo 4: The harbor of Punta Arenas with the ever-present military coast guard in the Strait of Magellan.© Birgit Kanz
The harbor of Punta Arenas with the ever-present military coast guard in the Strait of Magellan.© Birgit Kanz

Have we arrived in Antarctica by now (today is December 10)? No, we have not! But you will read more about this in my next blog post.

The blogger:
Dr. Birgit Kanz
Senckenberg Research Institute

 





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Luise :-) schrieb am 15.12.2015 um 22:20
Kuschelt schön mit den Pinguinen

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