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Mongolei-Blog

25.09.2016 SAINSCHAND IN GOBI

14.10.2016, 11:00

Ulaanbaatar war, zumindest was die Mäuse angeht, nicht sehr erfolgreich, dafür konnte Lkhagva unseren Wunsch in die Gobi zu fahren erfüllen.

Am 25.09. machen wir uns also auf nach Sainschand, diesmal mit dem Reisebus. Wieder können wir bei einer mongolischen Familie, Lkhagvas Freunden, unterkommen und wieder sprechen sie kein Englisch, was uns allerdings am liebsten ist. Denn es macht Spaß diese Sprache zu lernen und unter solchen Bedingungen lernt man schließlich am effektivsten. Wir kennen das Paar, bei dem wir wohnen, durch ein kurzes Treffen am Kloster Amarbayasgalant, wo wir im August mit der Summer School waren. Sie können sich ebenfalls an uns erinnern und nehmen uns bei sich in die Wohnung auf.

Nach der achtstündigen Busfahrt kommen wir schließlich in Sainschand an. Es ist schon dunkel; man merkt deutlich, dass die Tage immer kürzer werden. Wir müssen nicht weit laufen bis wir zu einem Haus gelangen, von dem wir glauben, es sei das Haus von Khandaa und Baatar, unseren Gasteltern. Als wir hineingehen werden wir wie immer freundlich begrüßt und bewirtet mit Buuz (= mit Fleisch gefüllte Teigtaschen, in Dampf gegart) und Suutei Tsai und zum Abschluss bekommen wir ein Glas kaltes Bier gereicht. Es wird über uns gesprochen, wo wir herkommen und was wir vorhaben und einige Telefongespräche durchgeführt; nebenbei läuft ein deutscher Fernsehkanal. So langsam merken wir, dass das nicht das Zuhause von Khandaa und Baatar ist und wir brechen gleich nach dem Essen wieder auf.

Diesmal laden wir unsere Sachen in ein Auto, das uns zu einem großen Wohnblock bringt. Es ist schon witzig, wenn man eigentlich nie so genau weiß, was als nächstes passiert, wo wir hinfahren, warum wir auf eine bestimmte Person warten, wer diese Person überhaupt ist und was über uns geredet und geschmunzelt wird – obwohl, zumindest DAS wissen wir meist und wir lachen einfach mit ? Viel passiert heute nicht mehr, denn es ist schon spät und wir sind alle müde von der Fahrt. Khandaa bereitet uns eine kleine Schlafecke mit Matratzen vor, wo wir auch bald in unseren Schlafsäcken einschlummern.

Am nächsten Morgen werden wir mit einer Schüssel Nudel-Fleisch-Suppe im Wohnzimmer begrüßt. Die Fürsorge als Gast immer genug zu essen zu haben scheint hier in der Mongolei in der Prioritätenliste ganz oben zu stehen. Wir sind gerade fertig mit dem Frühstück, als Baatar uns auffordert mit ihm mitzukommen. Er fährt uns zu einer Autowerkstatt, wo man uns berichtet, es gäbe hier viele "Geriin Ogotno". Wir legen einige Fallen im Außen- und Innenbereich aus und sind guter Dinge. Baatar muss wieder zur Arbeit, sodass wir nach Hause zu Fuß gehen und dann auch noch etwas die Stadt erkunden. An sich sind wir doch recht wetterfest eingestellt, doch der eisige Wind am heutigen Tag überrascht uns doch ein wenig. Lkhagva berichtet uns sogar vom ersten Schneefall in Ulaanbaatar...

(c) K. Lammers

(c) K. Lammers

Da es heute zu keinem weiteren Fallenstandort mehr kommt, entschließen wir uns in der Nähe unseres Wohnhauses noch ein paar Fallen die Nacht über auszulegen. Dies muss alles im Dunkeln geschehen, da das Risiko sehr hoch ist, dass unsere Fallen gesehen und mitgenommen werden. Um fünf Uhr morgens klingelt dann der Wecker und wenig überrascht holen wir die leeren Fallen wieder ein – ein Versuch war es zumindest wert, dafür sind wir ja schließlich hier. Der Besuch in der Autowerkstatt aber zeigt bereits nach einer Nacht zumindest einen kleinen Erfolg (eine junge Hausmaus im Verkaufsbereich).

Ganz nebenbei bieten wir am Mittag unseren Gastgebern die Möglichkeit, einen kulinarischen Einblick in die europäische Küche zu bekommen und servieren Wiener Schnitzel. Wir selbst sind mit unserem ersten Versuch des Gerichts ganz zufrieden und auch Khandaa und Baatar scheint es zu schmecken.

Nach dem Essen gehen wir wieder mit Baatar auf Achse, um weitere Fallenstandorte zu erschließen. Er lässt seine Kontakte spielen und wir können noch in einem kleinen Schuppen in einer Ger-Siedlung, in zwei Wohnhäusern und in einem Lebensmittellager unsere Fallen platzieren. Es ist gar nicht so leicht immer alles unter einen Hut zu bekommen. Die Standorte sind alle recht weit voneinander entfernt und wir müssen noch klären, wer wann da ist, um uns die Fallen kontrollieren zu lassen. Wir vereinbaren staffelweise verschiedene Zeiten mit den Leuten, in der Hoffnung, dass dies auch am nächsten Tag alles so funktioniert.

(c) K. Lammers

Die Fallenkontrolle des zweiten Tages steht an und wir nutzen die Möglichkeit durch ein Auto, welches uns am Straßenrand einsammelt, für wenig Geld zu unseren Standorten zu gelangen. Hier in der Mongolei sind sog. Schwarztaxis gang und gäbe. Man stellt sich an den Straßenrand und gestikuliert, dass man mitgenommen werden will (ähnlich wie beim Trampen). Privatpersonen halten dann an und fahren einen zum gewünschten Ort. Eine super Sache wie wir finden, denn so ziehen alle ihren Nutzen daraus und die Kapazitäten eines einzelnen Fahrzeugs werden auch wirklich genutzt.

Unsere Zeitplanung mit den Leuten funktioniert an diesem Tag trotz ein paar Startschwierigkeiten sehr gut und wir können immerhin zwei neue Hausmäuse zu unserer Sammlung hinzufügen. Wir haben den Eindruck, dass die bisherigen Exemplare hier aus dem Süden etwas heller gefärbt sind und behalten diesen Gedanken für eine eventuell zu diskutierende geografische Variabilität der Fellfärbung im Hinterkopf.

Baatar möchte uns am Vormittag unseres letzten Tages in Sainschand noch seinen Arbeitsplatz und zwei Museen zeigen. Am Telefon mit Lkhagva kommunizieren wir, dass wir dieses Angebot sehr gern annehmen möchten. Gleichzeitig weisen wir aber auf unseren Zeitplan der Fallenkontrolle bei den Leuten hin, der ebenfalls in diese Zeit fällt. Uns wird versichert, dass dies kein Problem sei und wir die Arbeit nach dem Mittagessen machen können. Wir lassen uns darauf ein und treffen Baatar am nächsten Morgen in seinem Büro. Irgendwie haben wir das Gefühl, dass uns eine große Ehre zuteilwird, denn ein mongolischer Offizier (Baatar) lässt sich mit uns und seiner Frau auf einem Foto ablichten. Er druckt es anschließend sogar direkt aus, schenkt uns ein Bild und stellt sich eins auf seinem Bürotisch neben das Familienportrait – eine schöne Geste über die wir uns sehr freuen.

Nun geht es in die Museen, wo Lkhagva am Telefon mal eben über eine Stunde Dolmetscher spielt. Wir lernen ein paar Dinge über die mongolische Geschichte und Kultur sowie über einen Gelehrten in Sainschand aus dem 14 Jh.

(c) K. Lammers  (c) K. Lammers

Nach dem Mittagessen legen wir sofort mit unserer Arbeit los. Bis auf den kleinen Schuppen in der Ger-Siedlung, wo sich noch vier Fallen befinden, haben wir trotz enormer Verspätung überall die Fallen einsammeln können. Zu unserer Überraschung sind heute fünf Mäuse zu präparieren. Das bedeutet für uns nun sehr zügiges arbeiten und wir schaffen es gerade so damit fertig zu werden, unsere Sachen zu packen und noch ganz kurz einen Bissen zu essen, bevor wir von Bataar und Khandaa zum Bahnhof gebracht werden.

Auf dem Weg zum Bahnhof versuchen wir es ein letztes Mal in der Ger-Siedlung und jagen Rico über den Grundstückszaun. Endlich ist der alte Mann da, sodass wir unsere vier Fallen doch noch bekommen. Dies ist wahrscheinlich das erste Mal, dass wir uns keine Maus in der Falle wünschen. Wo und wann sollten wir diese denn auch präparieren? Wie wir von Lkhagva erfahren haben, beträgt unser Aufenthalt im Wohnheim in Ulaanbaatar nur etwa eine Stunde bevor es schon wieder zum nächsten Ort weitergeht. Doch wie das Leben immer so spielt, sitzt natürlich eine Maus in der Falle und muss erstmal mit in den Zug.

Wir verabschieden uns von unseren lieben Gastgebern auf mongolische Art mit Armdruck und Kuss auf die Wange und nehmen in unserem Zugabteil Platz. Wir überlegen, was wir mit der Maus machen sollen und kommen zu dem Entschluss, sie im Zug zu präparieren. Sie soll ja schließlich auch nicht die ganze Fahrt durchmachen müssen. Ironischerweise sind wir ausgerechnet heute das erste Mal nicht allein in der Vier-Bett-Schlafkabine. Also erklären wir dem jungen Mann, der mit uns im Abteil reist und schon neugierig unser Gepäck begutachtet, was wir vorhaben. Zu unserer Erleichterung hat er nichts dagegen und ist eher daran interessiert uns beim Präparieren zuzugucken. Das Geruckel des Zuges ist eine Herausforderung, aber irgendwie bekommen wir es recht schnell und gut hin.

So können wir auch dieses Kapitel abschließen und mit insgesamt neun Mäusen und neu dazu gewonnen Improvisationskünsten aus Sainschand zurückkehren.

(c) K. Lammers



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