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Mongolei-Blog

30.09.2016 KHARKHORIN UND DAS MÄUSEPARADIES

14.10.2016, 11:14

Kharkhorin soll die letzte Station unserer Mongolei-Reise werden. Eine Studentin Lkhagvas (Tsoomo) ermöglicht es uns, bei ihrer Familie unterzukommen. Tsoomo holt uns in Ulaanbaatar am Studentenwohnheim ab, führt uns zum Busbahnhof und besorgt für uns die Fahrkarten. Wir merken erst viel später, dass es ihre Eltern sind, bei denen wir unterkommen und, dass sie selber gar nicht mit nach Kharkhorin fährt. Wir verabschieden uns also und wissen nicht einmal, ob wir sie wiedersehen...

Sechs Stunden dauert die Busfahrt. Zwischendurch legen wir eine kurze Pause bei einer kleinen Raststätte ein.

Ich bemerke zwei alte Herren in ihrer mongolischen Tracht. Sie sind offenbar auch Mitreisende in unserem Bus. Mich faszinieren die beiden Alten, wie sie draußen auf einer Bank sitzen und Zigaretten rauchen. Ich frage sie, ob ich sie fotografieren dürfte und sie willigen freundlich ein. Als Dankeschön überreiche ich den beiden aus Deutschland mitgebrachte Zigarillos, die sie gerne annehmen. Nicht selten sehe ich, wie Tabak einfach in Zeitungspapier gerollt und geraucht wird – so ähnlich sah es auch diesmal aus – da muss dieser Zigarillo ja wie ein Gaumenschmaus sein...

(c) K. Lammers

In Kharkhorin erwarten uns Tsoomos Mutter Gana und ihr Onkel Gambad und halten ein Schildchen mit unseren Namen hoch.

Kharkhorin ist ein historisch bedeutsamer Ort und Touristenmagnet. Zu Zeiten Chinggis Khaans befand sich hier die Hauptstadt der Mongolei; heute steht hier das älteste buddhistische Kloster Erdene Zuu.

Nach Beladen des Autos mit unserem Gepäck fahren wir zu Ganas Haus. Sofort kommen die Kinder heraus und helfen uns das Gepäck zu tragen. Wie immer bekommen wir erst einmal etwas zu essen. Es gibt Buuz und Suutei Tsai. Wir unterhalten uns auf gewohnte Weise mit unserem Sprachführer und lernen zunächst die Kinder etwas kennen. Shinehuu ist zwölf Jahre und der Bruder von Tsoomo. Das Mädchen heißt Burenjargal und ist 16. Erst als wir das Familienfoto über dem Fernseher bemerken, wird uns klar, dass Burenjargal keine Schwester Tsoomos ist. Es hat eine ganze Weile gedauert, bis wir herausgefunden haben, dass sie eine Cousine ist und dort mit wohnt, weil sie in Kharkhorin zur Schule geht. Ihre Eltern wohnen weiter draußen auf dem Land.

Nach dem Essen wollen wir wissen, wo wir die Mausefallen auslegen dürfen. Wir gehen davon aus, dass wir – wie immer – in der Nachbarschaft auslegen und wollen gleich durchstarten. Gana greift sofort zum Telefon und geht mit uns in den Garten zu einem Schuppen. Während sie telefoniert legen wir in dem Schuppen Fallen aus. Dann, wenig später, kommt Ganas Bruder Gambad wieder mit dem Auto vorbei (er wohnt ein paar Häuser weiter und war schon vor dem Essen wieder gefahren). Rico und ich verstehen diese Situation erst gar nicht. Aber dann begreifen wir, dass wir zu der Arbeit von Tsoomos Vater gefahren werden sollen. Wir denken uns natürlich nichts dabei und steigen ein.

Mit jedem Kilometer bekommen wir mehr und mehr ein schlechtes Gewissen. Es wird außerdem schon langsam dunkel und die Stadt Kharkhorin haben wir schon längst hinter uns gelassen. Wir haben keine Ahnung wo wir hinfahren. Nach etwa 25 km erreichen wir in völliger Dunkelheit ein Erntelager und treffen auf viele neugierige Gesichter. Burenjargal und Shinehuu sind auch mit dabei und erklären den Erntearbeitern was wir vorhaben. Die überwiegend noch recht jungen Arbeiter sind wie immer belustigt und höchst engagiert. Sie zeigen uns das Kornlager – das Mäuseparadies schlechthin! Hier sehen wir die Mäuse ja schon so rumrennen!

(c) K. Lammers

Wir legen eine Falle nach der anderen aus. Doch auch in den Mitarbeiter-Ger sollen wir auslegen. Für drei Ger haben wir noch Fallen. Wir treten ein und werden in jeder freundlich begrüßt, bekommen Bonbons und Airag gereicht und erzählen bzw. lassen durch Shinehuu und Burenjargal erzählen, wer wir sind. Und, wir wollten es nicht glauben, aber schon nach 20 min haben wir die erste Maus in der Falle sitzen. Die nehmen wir an dem Abend natürlich gleich mit.

(c) K. Lammers

Ein Arbeiter spricht sehr gut Englisch. Von ihm erfahren wir auch, dass der Vater unserer Gastfamilie (Jamba) momentan gar nicht hier, sondern auf einem anderen Feld arbeitet. Ihn werden wir also wahrscheinlich erst später kennen lernen. Und, dass Gambad die ganze Zeit, die wir in Kharkhorin sind, zu unserer freien Verfügung steht. Wir haben also quasi unseren eigenen Fahrer. Das hätte Jamba wohl alles nur für Rico und mich so eingefädelt – Wahnsinn, wir sind sprachlos! Wir müssen uns also keine Gedanken machen, wie wir zu unseren Fallen kommen und verabreden uns mit Gambad für den nächsten Morgen um 10 Uhr.

Nach dem Frühstück packen wir unsere Fangsäcke ein und lassen uns von Gambad erneut zum Erntelager fahren. Shinehuu ist auch wieder mit dabei. Als erstes kontrollieren wir die Fallen in der Lagerhalle und das Ergebnis übertrifft alle unsere Erwartungen. Von 13 Fallen sind 10 besetzt. Das allein würde uns schon den kompletten Tag mit Präparieren beschäftigen. Aber es kommen ja auch noch die Ger hinzu. Hier erhalten wir noch einmal sechs Mäuse plus einen Handfang am Morgen durch einen Mitarbeiter. Insgesamt fahren wir also mit 17 Mäusen nach der ersten Fangnacht nach Hause. Das ist wirklich ein ausgesprochen gutes Ergebnis.

Wir präparieren bis spät in die Nacht und schaffen es nicht ansatzweise mit den Mäusen fertig zu werden. Vier müssen wir uns für den nächsten Tag aufheben, auch wenn uns wohl bewusst ist, dass dann noch einige hinzukommen werden.

Irgendwie taucht der Vater Jamba am nächsten Morgen auf, sodass wir uns bekannt machen und gemeinsam zum Lager fahren. Wir entschließen uns die Fallen schon heute abzubauen, denn wir haben erneut neun Mäuse gefangen. 27 Mäuse innerhalb von zwei Fangnächten reichen uns als Stichprobe aus dieser Region und zum anderen kommen wir sonst nicht mit Präparieren hinterher. Wieder wird es sehr spät und wieder haben wir nicht alle Mäuse fertigbekommen. Die Mäuse vom Vortag, welche wir im Kühlschrank aufbewahren durften (und dieser offenbar ausfiel, wie sich später herausstellte), sind leider nicht mehr präparierfähig, sodass wir von diesen Mäusen nur die Gewebeprobe und die Schädel nehmen.

Wir sind ziemlich K.O. als wir an diesem Abend ins Bett gehen. Die Familie ist schon längst schlafen gegangen, auf dem Sofa im Wohnzimmer. Uns haben sie die zwei Betten überlassen.

Den nächsten und letzten Tag in Kharkhorin wollen wir gerne mit ein wenig Sightseeing füllen. Wir verabreden uns mit Gambad und Shinehuu und fahren zusammen zum Erdene Zuu Kloster und zum großen Ovoo.

(c) K. Lammers

(c) K. Lammers

(c) K. Lammers

(c) K. Lammers

(c) K. Lammers

(c) K. Lammers

(c) K. Lammers

Wir haben einen wirklich schönen letzten Tag zusammen, den wir mit Gana und den Kindern und mit zwei Runden Schach im Wohnzimmer langsam zu Ende gehen lassen. Am nächsten Morgen stehen wir früh auf und backen Pancake für die Familie. Und Rico und ich bekommen Ganas ausgezeichneten Möhrensalat und Khuushuur (= mit Fleisch gefüllte Teigtaschen, in Öl gebraten) zum Frühstück und als Reiseproviant.

Um zehn Uhr fährt bereits der Bus vom Busbahnhof ab. Gana, Gambad, Burenjargal und Shinehuu bringen uns dorthin. Wir verabschieden uns und ich sehe nur, dass Burenjargal sehr traurig ist. Wir sind auch traurig. Wir haben diese wunderbare Familie in unser Herz geschlossen und wünschen uns, dass wir sie eines Tages vielleicht wiedersehen.



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