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MSM55 - ARCA

Gastbeitrag: Die Nachtschichtler

30.06.2016, 14:42

Arctic Carbonate Factories (Svalbard) - M.S. Merian 55

Auch Grundlagenforschung braucht eine Grundlage. Damit die Wissenschaftler an Bord wissen, wo sie ihre Proben nehmen sollen, brauchen sie eine genaue Karte des Gebiets. Und die wird erstellt, wenn fast alle schlafen. Der Geologe Alexander Bartholomä erzählt, womit er sich auf See die Nächte um die Ohren schlägt.

Von Alexander Bartholomä

Wenn die Tagschicht zu Ende geht und die meisten der Wissenschaftler sich in ihre Koje zurückziehen, kehrt Ruhe an Bord ein. Doch „schläft“ das Schiff tatsächlich? Schon ein kurzer Besuch auf der Brücke zeigt, auch nachts wird an Bord gearbeitet. Der wachhabende nautische Offizier steuert gerade auf einen neuen Kurs und gleichzeitig tönt es aus dem Bordlautsprecher: „Brücke von Lotzentrale, Ende des Profils, dann bitte mit Profil 04 beginnen“. Auf einem der vielen Bildschirme blinkt das Symbol für die aktuelle Schiffposition und dahinter ein Streifen mit unterschiedlichen Farben. Das ist unser Fächerecholot, hier werden Wassertiefen angezeigt. Wir sind die „Mapper“ in der Lotzentrale.

Mein Kollege Peter Holler und ich sitzen in der Lotzentrale vor einer Wand von Bildschirmen, auf denen Karten, bunte Farbstreifen und eine Art von Schwarz-Weiß-Fotographie zu sehen sind. Bei genauer Betrachtung zeigen die Karten Bewegung, ständig entstehen neue Muster und Farben. Was genau tun wir hier?

Auf dieser Karte der Mosselbukta im Norden von Spitzbergen ist das Bodenprofil farbig eingezeichnet – je tiefer, desto blauer.
Auf dieser Karte der Mosselbukta im Norden von Spitzbergen ist das Bodenprofil farbig eingezeichnet – je tiefer, desto blauer. © MarSedSam

Wir kümmern uns auf dieser Fahrt um die Hydroakustik. Das bedeutet: Immer dann, wenn die Tagschicht der wissenschaftlichen Arbeit beendet ist, beginnt das „Mapping“, die Kartierung des Meeresbodens. Auf Kurslinien in regelmäßigen Abständen senden spezielle Echolote an Bord akustische Signale zum Meeresboden aus. Das gleiche tut ein hinter dem Schiff geschlepptes Seitensichtsonar, unser „Fisch“.

Peter Holler (links) und Alexander Bartholomä setzen den „Fisch“ ins Wasser aus. Das Seitensichtsonar schwimmt etwa 30 Meter über dem Meeresgrund hinter dem Schiff hinterher.
Peter Holler (links) und Alexander Bartholomä setzen den „Fisch“ ins Wasser aus. Das Seitensichtsonar schwimmt etwa 30 Meter über dem Meeresgrund hinter dem Schiff hinterher. © Viola Kiel

 Vom Meeresgrund reflektiert werden die zurückgestreuten Signale wieder aufgefangen und erscheinen dann als Streifen auf den Bildschirmen. Stundenlang tasten die Instrumente in emsiger Kleinarbeit ein Streifen nach dem anderen ab und fügen sie zu Flächen auf den einzelnen Bildschirmen zusammen. Während wir uns weiter um die Messdaten kümmern, entsteht auf einem der Bildschirme eine Karte aus zusammengesetzten Farbstreifen, die gleiche wie oben auf der Brücke. Das sind die Wassertiefen aus den Rohsignalen des Fächerecholotes. Aus diesen Daten bauen wir eine vorläufige „Quick and Dirty“-Karte für den nächsten Morgen. Auf ihrer Grundlage werden alle Einsätze am Folgetag geplant. Wenn wir dann erschöpft in die Kojen fallen, beginnt der Fahrtleiter zusammen mit der Tagschicht, die nächsten Stationen für Greifer, Baumkurrentracks und Tauchbooteinsätze festzulegen.

Die Geologen sitzen in der Datenverarbeitungszentrale an einer Karte des zweiten Arbeitsgebiets bei der Bäreninsel.
Die Geologen sitzen in der Datenverarbeitungszentrale an einer Karte des zweiten Arbeitsgebiets bei der Bäreninsel. © Viola Kiel

Noch wichtiger sind für uns die Rückstreusignale, die Aufschluss über die unterschiedliche Beschaffenheit des Meeresbodens geben. Schon die erste Sichtung weist deutliche Wechsel in der Rauheit des Bodens auf, lässt Rippel- und Dünenfelder sowie Bereiche von Sanden und Hartsubstraten erkennen. Eine Interpretation der Strömungsverhältnisse ist bereits an Bord möglich.

Später, zurück in Wilhelmshaven, werden die Daten in einem aufwendigen „Postprocessing“ von Artefakten gesäubert und anschließend wird über eine akustische Seeboden-Klassifizierung eine Karte generiert, die den Meeresboden mit seinen Rückstreumustern darstellt. Zusammen mit den Ergebnissen aus den Greiferproben und Video-Tauchbeobachtungen können die akustischen Daten in eine Habitatkarte „übersetzt“ werden. Diese dient dann zur weiterführenden Diskussion zwischen den beteiligten Wissenschaftlern dieser Reise.



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