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Das Lied der Meerjungfrau // Song of the mermaid

16.09.2016, 08:56

Russian Version

Tagebuch, 15. September 2016

Das Lied der Meerjungfrau

„Am Grund des Meeres wo ich lebe,
sind die Tage schillernd;
dort gibt es Schwärme glitzernder Fische;
und die Städte sind aus Kristall.“
M.Y. Lermontov (1832)

Hallo Sie alle! Hier meldet sich wieder das “Wurm-Team!” Das letzte Mal haben wir Ihnen über die Schönheit des Mysteriösen berichtet, mystische Meeresbewohner, Fotos, die zeigen wie wunderbar diese Welt dort unten aussieht. Aber um die Wahrheit zu sagen: Wir waren nicht ganz ehrlich zu Ihnen. Wir müssen zugeben, dass all diese Fadenwürmer, Spritzwürmer, Schnurwürmer und auch Meeresborstenwürmer – zwar wunderschön sind – aber nicht wirklich die Organismen darstellen, die wir suchen. Wer von uns hat nicht schon Geschichten gehört oder gelesen über Tritone, Sirenen, Meeresgötter oder Meerjungfrauen? Viele Jahre lang sind Organismen wie Platypus, Echidna, Coelacanthen und viele andere als reine Fiktion oder als Mythen beschrieben worden. Die Fakten zeugen aber vom Gegenteil.

Eine der Autorinnen im Gespräch mit einer Meerjungfrau.
Eine der Autorinnen im Gespräch mit einer Meerjungfrau.

Die erste Erwähnung von Meerjungfrauen geht zurück bis 558 vor Christus. Seitdem tauchen Daten über Kreaturen, die sowohl Primaten als auch Fische sind in verschiedensten Quellen auf. Seit der Entwicklung des Homo sapiens, welcher sich immer weiter ausgebreitet hat, haben sich die Nachweise von Meerjungfrauen und ihren Lebensräumen allerdings sehr stark gewandelt. Humanoide Gestalten mit Füßen, Händen und einem Fischschwanz, die als weit verbreitet im Meer bezeichnet werden, wurden sogar von Gessner (1575) detailliert beschrieben, aber auch in anderen wissenschaftlichen Abhandlungen des 16. und 17. Jahrhunderts. Im 19. Jahrhundert ging dann die Zahl der nachgewiesenen Individuen drastisch zurück, während sie sich im 20. Jahrhundert wieder verzehnfacht hat und die Individuen vor allem in Tiefwasserregionen und in großer Entfernung des menschlichen Einflusses gesichtet wurden. Die Ökologie, Biologie, Taxonomie Phylogenetik dieser Anthrozoomorphen sind bisher nur anekdotisch bekannt und sehr schlecht untersucht. Daher stehen sie auch oft im Zentrum der Diskussionen von Cryptozoologen. Die Artgrenzen der Meeresvölker, Tritonen und Meerjungfrauen sind unklar. Es wird angenommen, dass sich alle Arten hauptsächlich von Fisch ernähren, gesellig sind und teilweise in großen Tiefen siedeln (Ivanova-Kazas, 2004). Es wurden sowohl sexuelle als auch asexuelle (parthenogenetische) Reproduktionswege nachgewiesen. Sie können lebendgebärend sein oder sich aus Eiern durch Metamorphose  entwickeln. Nach Banze (Banze, 1990) stehen die Meervölker phylogenetisch den Meeressäugern der Ordnung Sirenen nahe. Pikket and Dolphin (Pickett, Dolfin, 1996-1998) ordnen sie jedoch eher den Primaten zu. Nach jüngeren Erhebungen der Kommission für die Erforschung und den Schutz der Meeresvölker des südlichen Pazifiks (Mer-Qest Projekt - MQP), unter Vorsitz durch Walter N. Cartman, lebt Homo-Cetacea Boltenus in nomadischen Schwärmen von circa 30 Organismen beider Geschlechter mit Matriarchat als Sozialstruktur, da die Männchen als schwach und ängstlich gelten.

Arten von Meerjungfrauen: A) S. vulgaris, Übersichtszeichnung; B) S. vulgaris, postembryonale Entwicklung (Kondakov, 1982); C) S. japonica (Matthew Mayer), D) S. koreana (Ivanov, 2003)
Arten von Meerjungfrauen: A) S. vulgaris, Übersichtszeichnung; B) S. vulgaris, postembryonale Entwicklung (Kondakov, 1982); C) S. japonica (Matthew Mayer), D) S. koreana (Ivanov, 2003)

Im europäischen Teil des modernen Russlands und der umgebenden Gewässer wurden mindestens 2 Arten von Meeresjungfrauen nachgewiesen: 1) komplett anthropomorphische mit Beinen, die aber auch zwischen den oberen Baumspitzen umherschwingen oder in Wäldern mit wehenden Haaren beobachtet wurden (Karamzin, 1989); 2) Meerjungfrauen deren hinterer Körperabschnitt komplett die Form eines Fischschwanzes angenommen hat und die schwimmfähig sind. Die Verbreitung der ersten Spezies liegt ausschließlich im Süßwasser, die der zweiten Art im Süß- oder Meerwasser. Derzeit ist noch unklar, ob das Vorkommen der zweiten Art in so verschiedenen Lebensräumen ihre ökologische Flexibilität reflektiert oder es sich hier möglicherweise um zwei kryptische Arten handeln könnte.

Vorbereitung eines Trawls für den Fang von Meerjungfrauen.
Vorbereitung eines Trawls für den Fang von Meerjungfrauen.

Die Untersuchungen der Populationen im Nordwest Pazifik sind besonders interessant, denn nach einigen Literaturangaben gibt es mindestens vier verschiedene Typen von Meerjungfrauen:

- Syreni vulgaris wurde im Ochotskischen Meer, in der Bering See und im nördlichen Teil von Japanischen Meer nachgewiesen, aber auch auf der pazifischen Seite der Kurilen Inseln. Sie sind vermutlich zweigeschlechtlich, aber männliche Individuen wurden bisher selten gesichtet.

- Ningyo (人魚 – S. japonica) – war bis zum 19. Jahrhundert eine dominate Art der japanischen Küstengewässer. In ihrer perlig schimmernden Umgebung gibt es viel Kohlenstoff. Der Verzehr dieser Art hat jedoch starke Nebeneffekte. Er verlangsamt zwar den Alterungsprozess der Konsumenten erheblich, wirkt dafür aber fruchtschädigend. Unkontrollierte Befischung sowie Verschmutzung der küstennahen Gewässer und ihrer charakteristischen Habitate hat jedoch zu einem starken Rückgang der Population geführt und diese Art an die Grenze der Extinktion gebracht. In den letzten 20 Jahren wurden keine verlässlichen Nachweise dieser Art mehr verzeichnet.

- Ino (인어 - S. koreana) – leben im Japanischen Meer entlang der Küstenlinie der koreanischen Halbinsel. Ähnlich wie bei den Ningyo findet man Perlenformationen in ihren Wohngebieten. Diese Art ist vielfach anthropozoomorph und unterscheidet sich morphologisch sehr von allen anderen Meerjungfrauen durch den Besitz von 6-7 langen Beinen, dem Besitz eines langen Schwanzes mit haarähnlichem Besatz sowie einer Schuppenstruktur, die den vorderen Teil des Kopfes besetzt. Sie zeichnen sich durch direkte Entwicklung aus. In den letzten Jahren wurde diese Art jedoch ebenfalls sehr selten nachgewiesen, nur einmal nördlich der koreanischen Halbinsel im marinen Naturreservat des Fernen Ostens südlich von Primorsky Krai (Russische Föderation).

- Khantai (S. hantaensis) – ist im 18. Jahrhundert ausgestorben. Diese Art besiedelte den nördlichen Teil des Ochotskischen Meeres und die Gewässer um Kamtschatka im Pazifischen Ozean.

Wir haben den ersten Meerjungmann gefunden!
Wir haben den ersten Meerjungmann gefunden!

Vor dem Hintergrund dieser hohen Diversität, der großen Variabilität sowie der weiten biogeographischen Verbreitung müssen wir annehmen, dass der NW Pacific ein Zentrum des Ursprungs und der Artdiversifikation der Meerjungfrauen darstellt. Der relativ geringe anthropogene Einfluss sowie die Präsenz großer (hadaler) Wassertiefen lassen diese Region vielversprechend erscheinen hinsichtlich des möglichen Vorkommens bisher neuer unbekannter Arten. Daher sind wir hier im Kurilen-Kamtschatka Graben um neue Daten zu erheben, die unser Verständnis für diese Ozeanregion revolutionieren, neue Bewohner aus den großen Tiefen zu Tage bringen und unser Verständnis über Grundlagen der  Cryptoevolution grundlegend verändern.

geblogged von:
Vladimir Mordukhovich (Föderale Universität des Fernen Ostens, Vladivostok), Aleksei Chernyshev, Anastassya Maiorova und Inna Alalykina (A.V. Zhirmunsky Institut für Marine Biologie, Vladivostok)

 


 

Daily log, 15. September 2016

Song of the mermaid


“At the bottom, where I live,
Plays glimmering day;
There herds of small golden fishes flock;
The cities are crystal there”
M.Y. Lermontov (1832)

Hello to everybody! With you again is the “worms team”. Last time we talked about the beauty of mysterious, “mystical” underwater inhabitants, illustrating how peculiar our gorgeous models are with images from past photo shoots. But to be honest, we were not completely sincere with you. And now we have to admit that all these nematodes, sipunculans, nemertean, polychaete – are really beautiful, but it is not them what we really aim for. Who of us has not heard/read stories about tritons, sirens, merfolk, mermen and the mermaids (rusalki)? For many years, together the platypus, echidna, coelacanth and many other organisms, they have been considered to be a mere fiction and myth. Facts, however, say quite the contrary.

One of the authors at venues with mermaids.
One of the authors at venues with mermaids.

The first mention of mermaids dates back to 558 BC. Since then, data about creatures with features of both primates and "fish" repeatedly appeared in various sources. With the growth of Homo sapiens population and inhabiting of more and more areas, the accounts of mermaids and characteristic places where they could be met have changed. So, humanoids with feet, hands and a fish tail were described in detail as widespread throughout the ocean even in Gesner’s writings (1575) and in scientific treatises of 17-18 centuries. Then in the 19th century the number of detected specimens reduced to several hundreds, while in the 20th century – to tens, mainly in deep water areas, remote from civilization and with low level of human impact. Ecology, biology, taxonomy and phylogenetics of anthropozoomorphs are very poorly studied and are often the subject of fierce debate among cryptozoologists. Boundaries between the merfolk, tritons and mermaids are uncertain. It is believed that all species feed primarily on fish, lead a gregarious way of life, in some cases forming permanent settlements at greater depths (Ivanova-Kazas, 2004). The presence of both sexual and asexual (parthenogenetic) types of reproduction has been shown. There may be a viviparity, well as development with spawning eggs followed by metamorphosis. According to Banze (Banze, 1990), the merfolk are close to the sea marine mammals of the order Sirenia. However Pikket and Dolphin (Pickett, Dolfin, 1996-1998) do not put them closer to the sirens but to primates. According to the recent data of the Commission for the Study and Protection of the Merfolk living in the South Pacific (Mer-Qest Project - MQP), chaired by Walter N. Cartman, Homo-Cetacea Boltenus live in nomadic herds comprising approximately 30 animals of both sexes, with matriarchy as the social structure because males are weak and timid.

Species of mermaids: A) S. vulgaris, general view; B) S. vulgaris, postembryonic development (Kondakov, 1982); C) S. japonica (Matthew Mayer), D) S. koreana (Ivanov, 2003)
Species of mermaids: A) S. vulgaris, general view; B) S. vulgaris, postembryonic development (Kondakov, 1982); C) S. japonica (Matthew Mayer), D) S. koreana (Ivanov, 2003)

In the European part of modern Russia and adjacent areas at least two species of mermaids are noted: 1) fully anthropomorphic (having legs), like swinging on branches of trees and running around in the woods with her hair waving (Karamzin, 1989), so they can be called shifty; 2) mermaids, the entire lower half of the body of which looks like a fish tail, and so-called floating. Distribution of the first is restricted exclusively to freshwater. The latter can be observed in both fresh and marine waters. It remains unclear whether living in so many different habitats reflects the ecological flexibility of one species or the presence of two different species.

Preparation of trawl for fishing of mermaids.
Preparation of trawl for fishing of mermaids.

The study of the North-Western Pacific is of a particular interest. According to some literary sources there are at least 4 types of mermaids:

- Mermaid vulgaris (Syreni vulgaris) are found in the Sea of Okhotsk, the Bering Sea and the northern part of the Sea of Japan, as well as the Pacific side of the Kuril Islands. In all likelihood, they have both sexes, but males are rarely recorded.

- Ningyo (人魚 – S. japonica) - up to the 19th century it was a dominant species in the coastal zone of the Japanese islands. In the areas of their settlements small carbon formations with significant pearly layer are often found. The meat of S. japonica has a strong biological effect, significantly slowing down the aging process. Blood is teratogenic even in small concentrations. Uncontrolled fishing and pollution of characteristic habitats have led to a sharp reduction in the population level, putting it on the brink of extinction. No reliable encounter evidence has been registered for the last 20 years.

- Ino (인어 - S. koreana) – are found in the Sea of Japan along the coast of the Korean Peninsula. Similar to Ningyo small pearl formations can be found in settlement areas. The species is a trimorphic antropozoomorph and morphologically is very different from all known existing mermaids by the presence of 6-7 long legs and a tail consisting of long hair-like structures, as well as scales, covering most of the front of the head. Development is direct. In recent years, the species has been registered extremely rarely, only in the north of the Korean peninsula and in the Far Eastern Marine Reserve (the south of Primorsky Krai, Russian Federation).

- Khantai (S. hantaensis) - extinct in the 18th century, species was inhabiting the northern part of the Sea of Okhotsk and Kamchatka waters of the Pacific Ocean.

It's seemed we have the first waterman!
It's seemed we have the first waterman!

Given the high diversity and wide range of variability, we can assume that the NW Pacific is the center of speciation of mermaids. The relatively low level of human impact and availability of ultra-deep waters make this area extremely promising for finding large settlements of yet unknown species. And here, in the Kuril-Kamchatka Trench, we hope to obtain data that can radically change our understanding of the oceans, its inhabitants and the laws of cryptoevolution.

blogged by:
Vladimir Mordukhovich (Far Easter Federal University, Vladivostok), Aleksei Chernyshev, Anastassya Maiorova and Inna Alalykina (A.V. Zhirmunsky Institute of Marine Biology, Vladivostok)

 

 


 

 

 



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