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Arachno-Blog

WIE MIR IN LAOS ““FRAU JAENICKE““ AUF DEN TELLER SPRANG (How ““Mrs. Jaenicke”” jumped on my dinner plate in Laos)

01.01.2014, 09:07

English version below

Auch im Leben eines Spinnenforschers gibt es Situationen, die ihn wissenschaftlich überfordern und in denen eine gewisse Magie vorzuherrschen scheint. Doch bevor ich zu dem komme, was mir am 11.11.2012 im Süden von Laos passierte, muss ich kurz ausholen:

Mein Name ist Peter Jäger, in Paderborn beobachtete ich mit fünf Jahren Kreuzspinnen an Nachbars Hecke, in Köln studierte ich Biologie, in Mainz wurde ich über Riesenkrabbenspinnen im Himalaya promoviert und von Hannes Jaenicke Senckenberg2000 bis heute habe ich über 250 Spinnenarten für die Wissenschaft neu beschrieben,--- soweit mein Leben in fünf Kurzsätzen. Dabei habe ich gerade in den letzten Jahren immer wieder sogenannte Promi-Spinnen beschrieben: Heteropoda davidbowie, Otacilia loriot, Heteropoda helge usw.

Nachdem Hannes Jaenicke neben seinem Beruf des Schauspielers immer mehr Dokumentationen über Naturschutz bzw. Artenschutz produzierte, konnte ich nicht umhin, ihm für sein selbstloses Engagement eine Spinnenart zu widmen: Olios jaenicke. Eine Urkunde konnte ich ihm persönlich bei der Eröffnung der Sonderausstellung „Faszination Spinnen“ in Frankfurt überreichen. Seine Art stammte aus Süd-Laos und wurde nach einem einzelnen gefangenen Männchen beschrieben. Dieses Männchen wurde in Pakse gefangen, es lebte wie die meisten Olios-Arten nachtaktiv im Blattwerk und wurde daher eher per Zufall entdeckt. Für die Wissenschaft bedeutet das, dass wir nur die halbe Wahrheit kennen, das Weibchen mit seinen Merkmalen und Verhaltensweisen bleibt zunächst unbekannt.

Im Jahr 2011 fragte mich mein langjähriger Counterpart an der Universität in Laos‘ Hauptstadt Vientiane, ob ich ein spinnenkundliches Treffen in Laos abhalten wollte. Da ich mich schon länger mit einer ähnlichen Idee beschäftigte, sagte ich zu und organisierte ein Treffen eben in dem Pakse in der südlichen Provinz Champasak. Etwa 55 Teilnehmer aus Europa und Asien meldeten sich an, und so trafen wir uns vom 12. bis zum 15. November in einem Hotel nahe des Mekong. Ich war mit zwei Kollegen schon ein paar Tage vorher angereist. So saßen wir am Vorabend des Kongresses auf einer Holzterrasse nahe des Mekongufers an einem Tisch und hatten im Restaurant Essen und Trinken bestellt (großes Foto). Das Beer Lao genossen wir schon, die jungfräulichen Teller warteten auf die leckeren laotischen Speisen. Und genau da passierte es:

Pakse Laoseine Spinne sprang von Zweigen im Baum über uns (roter Pfeil) direkt auf meinen Teller. Blitzschnell griff ich wie im Reflex nach der Spinne, bekam sie mit einer Hand zwischen den Fingerspitzen zu fassen und bugsierte sie lebendig in eins von meinen ständig in meinen Taschen weilenden Fangröhrchen. Meine Tischgenossen bewunderten meinen Reflex. Ich konterte cool: „Wer mit Riesenkrabbenspinnen arbeitet, muss so schnell sein.“ Und in der Tat sind diese Spinnen enorm flink, zeigen beim Fluchtversuch keine mit bloßen Augen messbare Reaktionszeit. Nun würde man vielleicht annehmen, dass ein echter Forscher mit seinem Fund stolz auf sein Zimmer gehen würde, ihn genau inspizieren, eine Gewebeprobe für spätere molekulare Analysen entnehmen würde. Genau danach stand mir zwar der Sinn, jedoch war klar: die Spinne war gesichert, das Essen konnte kommen.

Also wurde das Prozedere kurzerhand auf die Nachtstunden verschoben. Erst später im Labor in Frankfurt wurde klar: es war ein geschlechtsreifes Weibchen der Gattung Olios, von der ich aus genau derselben Stadt Olios jaenicke beschrieben hatte.
An dieser Stelle muss ich wohl die doppelten Anführungszeichen in der Überschrift erklären. Zum einen handelt es sich natürlich nicht um die Lebensgefährtin von Hannes Jaenicke. Dagegen spricht die eher geringe Wahrscheinlichkeit, dass diese sich in einem Baum am Ufer des Mekong just zu unserem Abendessen in dünnen Zweigen tummelt. Das ist der offensichtliche Part. Das zweite Paar Anführungszeichen musste ich setzen, da keineswegs klar war und ist, dass es sich tatsächlich um ein und dieselbe Art handelt, die ich damals aus Pakse beschrieben habe, also die Frau oder hier besser: das Weibchen der Art Olios Olios jaenickejaenicke. Die Gattung Olios ist sehr wahrscheinlich viel diverser, als wir bisher nachweisen und daher vermuten konnten. Da sich Spinnen aus dieser
Gattung äußerlich in Größe und Färbung sehr ähneln, könnte es genauso gut einer anderen Art angehören. Daher bleibt dem hartnäckigen Forscher nur der Weg ins DNA-Sequenzierungslabor, um mithilfe der genetisch vererbten Fingerabdrücke der Evolution herauszufinden, ob wir zumindest auf diesem Weg Männlein und Weiblein posthum und nur nomenklatorisch vereinen dürfen.

Gerade in meinen elf Jahren Forschung in Laos ist mir immer wieder klar geworden: man kann Forschungsreisen lange Zeit im Vorhinein und ins kleinste Detail planen, man kann eine langjährige Erfahrung besitzen, aber manche Dinge entziehen sich der penetranten Logik eines Wissenschaftlers, nämlich die Antwort auf die Frage, warum ausgerechnet an diesem Abend ein Weibchen einer Olios-Art auf die kuriose Idee kam, ausgerechnet einem Spinnenforscher auf den Teller zu springen...

Peter Jäger, Senckenberg Forschungsinstitut Frankfurt

 


 

 

HOW ““MRS. JAENICKE”” JUMPED ON MY DINNER PLATE IN LAOS

Even in the life of a spider researcher, there are situations that exceed his scientific expertise and that are dominated by a sense of the magical.  But before I tell you what happened to me on 11/11/2012 in the south of Laos, allow me to expand for a moment: my name is Peter Jaeger; at the age of five I observed garden spiders in our neighbor’s hedge in Paderborn; I studied biology in Cologne; earned my doctorate in Mainz with a dissertation about the huntsman spiders in the Himalayas; and from 2000 until today I have described over 250 species of spiders new to science --- this wraps up my life in five short sentences. Especially in the past five years, I have repeatedly described so-called celebrity spiders: Heteropoda davidbowie, Otacilia loriot, Heteropoda helge, etc.

Once the German actor Hannes Jaenicke began to expand his work by producing an increasing number of documentaries about nature protection and the preservation of species, I couldn’t help but honor his selfless commitment by dedicating a new species of spider to him: Olios jaenicke. During the opening of the special exhibition “Fascinating Spiders” in Frankfurt (see photo on top) I was able to personally hand him a certificate. His species originated from southern Laos and was described on the basis of a single captured male. This male was caught in Pakse; like most Olios species, it leads a nocturnal existence among the cover of dense leaves and was therefore discovered by mere accident. From a scientific standpoint, this means that we only know half the truth – for the time being, the female with its characteristics and behavioral traits remains unknown.


In the year 2011 my long-term counterpart at the university in Laos’s capital Vientiane asked me if I would like to hold an arachnological conference in Laos. Since I had pondered a similar idea for quite a while, I agreed and organized a meeting in the very town of Pakse, in the southern province of Champasak. About 55 participants from Europe and Asia registered and we met from November 12 to 15 in a hotel near the Mekong River. Two of my colleagues and I had arrived a couple of days earlier. On the evening before the meeting, we sat together at a table on a wooden patio near the banks of the Mekong, where we had ordered food and drink from the hotel. We were already enjoying a glass of Beer Lao while our virgin plates were still awaiting the delicious Laotian dishes.

 And that was when it happened: a spider jumped down from the branches of an overhead tree and landed directly on my plate. With a lightning-fast reflex I reached for the spider, managed to grab it between my fingertips and quickly transferred it to one of the collecting vials I always carry in my pockets. My dinner companions marveled at my reflexes. I coolly countered, “When you work with huntsman spiders, you have to be this quick.” Indeed, these spiders are extremely fast and while attempting to flee show no reaction time measurable with the naked eye. Now you might expect that a true researcher would proudly retire to his room with his prize to inspect it in detail and take tissue samples for subsequent molecular analyses. And while my thoughts went exactly along those lines, one thing was certain: the spider had been secured, and the food was on its way. Thus, I simply postponed the proceedings until nighttime.

Only later, in the laboratory in Frankfurt, it dawned on me: this was a sexually mature female of the genus Olios, the same genus as Olios jaenicke, which I first described from that very town. At this point I will have to explain the double quotation marks in the title. For one, it obviously does not refer to Hannes Jaenicke’s spouse, since it seems highly unlikely that she would spend her evening cavorting in the thin branches of a tree at the banks of the Mekong just as we sit down for dinner. This is the obvious part. The second set of quotation marks is due to the fact that is was and still is not clear whether this is the exact species that I previously described from Pakse, that is, the wife, or - in this case - rather the female of the species Olios jaenicke. The genus Olios probably shows a much higher level of diversity than has been previously proven and expected. Since spiders from this genus can show great external similarities in size and coloration, the female in question may well belong to a different species. This leaves the dedicated researcher with only one option: the DNA sequencing lab, where we can use the genetically inherited evolutionary fingerprint to determine whether we can unite this male and female, if only posthumously and by way of nomenclature.

Particularly during my eleven years of research in Laos I have realized one thing again and again: you can plan a research expedition years in advance and down to the finest detail and you may have years of experience, but certain aspects elude the penetrating logic of a scientist - i.e., the answer to the question why on that particular evening a female of the genus Olios came up with the curious notion to jump on the dinner plate of a spider researcher, of all people …

Peter Jaeger, Senckenberg Research Institute Frankfurt

 

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