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Tiefsee-Expedition im antarktischen Weddellmeer

ANT-XXVIII/3 Expeditionsbericht Nr. 1

19.01.2012, 22:58

Am 7.01.2012 haben wir in der milden Abendsonne in Kapstadt abgelegt, um mit südlichem Kurs in Richtung Antarktis zu fahren. An Bord des Forschungsschiffs Polarstern befinden sich 50 Wissenschaftler aus 11 Nationen mit Dieter Wolf-Gladrow (Alfred-Wegener-Institut) als Fahrtleiter zusammen mit der Besatzung von etwa gleicher Größe unter Kapitän Uwe Pahl.

Abb. 1: Abfahrt aus Kapstadt, Foto Angelika Brandt, 7.01.12

Abb. 1: Abfahrt aus Kapstadt, Foto Angelika Brandt, 7.01.12

Abb. 2: Erste Wale, Foto Philipp Gumtow (Nautischer Offizier), 11.01.12

Abb. 2: Erste Wale, Foto Philipp Gumtow (Nautischer Offizier), 11.01.12

Ziel unserer Expedition ist einerseits ozeanographische Untersuchungen der physikalischen, chemischen und biologischen Prozesse in den großen temporären Wirbeln („Eddies“; Projektname: „Eddy-Pump“), die zwischen dem 50o und 60o S im Südpolarmeer verstärkt beobachtet werden.

Im zweiten Teilprojekt, SYSTCO II (System Kopplung), wollen wir unter Beteiligung eines interdisziplinären Teams von Biologen, Biochemikern und Sedimentologen die komplexen und wenig verstandenen Kopplungsprozesse zwischen der Wassersäule und dem Meeresboden erforschen. Die beiden Projekte greifen somit eng in einander und ergänzen sich als optimaler Ausgangspunkt für die intensive Zusammenarbeit der beteiligten Wissenschaftler auf engstem Raum an Bord während der kommenden gut zwei Monate. Unser Fokus liegt auf drei Stationen in drei unterschiedlichen biogeographischen Provinzen auf Höhe der Südpolarfront zwischen etwa 50o und 55oS. An diesen Stationen soll das volle Programm unserer Geräte zur Beprobung der Wassersäule, des Sediments, sowie verschiedene Schleppnetze (trawls) für das Einsammeln am und im Boden lebender Tiere zum Einsatz kommen.

Abb. 3: Einsatz des großen Planktonnetzes, Foto Angelika Brandt, 12.01.12

Abb. 3: Einsatz des großen Planktonnetzes, Foto Angelika Brandt, 12.01.12

Die erste große Herausforderung stellte sich gleich zu Beginn dieser Expedition, nämlich eine geeignete Lokalität für die erste Forschungsstation zu finden. Da die Wirbel temporäre Ereignisse sind, über längere oder auch nur für kürzere Zeit stabil, sind wir auf die Kooperation des Meeres angewiesen. Wir müssen mit Hilfe von Satellitenaufnahmen versuchen halbwegs stabile und produktive Wirbel zu finden. Dazu dient die Meeresoberflächenauslenkung - Wirbel verraten sich durch kleine Aus- oder Einbuchtungen der Meeresoberfläche um wenige Dezimeter – und die Ozeanfarbe, aus der die Menge an Chlorophyll und Algenbiomasse abschätzbar ist.

Da uns das Meer jedoch nicht den Gefallen tut, gerade bei unserer Ankunft einen stabilen „Eddy“ in erreichbarer Nähe zur Verfügung zu stellen, müssen wir auf ein Alternativprogramm ausweichen, um eine möglichst viel versprechende Lokalität für unsere erste große Station ausfindig zu machen. Wir haben uns daher entschieden, entlang eines Nord-Süd-Gradientens über die Polarfront, wo sich subantarktische und die wesentlich kältere antarktische Wassermassen begegnen, einen Transsekt mit mehreren kleineren Stationen zu fahren, um so den geeignetsten Ort unseres ersten Großeinsatzes festzulegen, und gleichzeitig auch die Geräte zu testen. Zur schreibenden Stunde haben wir bereits mehrere solcher Kleinstationen erfolgreich absolviert, wobei die Wasserchemie untersucht, das Sediment in der Wassersäule und am Boden beprobt, und Planktonnetze eingesetzt wurden, die vor allem viele Amphipoden und Salpen gefangen haben.

Wir Benthologen nutzen ansonsten die Zeit, um letzte Vorarbeiten für die großen Stationen zu erledigen, und um sicher zu stellen, dass alle Gerätschaften, Computer, Kisten usw. an Bord wirklich gut festgebunden sind. Da wir auf dieser Reise die ganze Zeit um die 50oS herum arbeiten, werden wir wohl nicht ins Packeis kommen, sondern auf dem offenen Meer bleiben, wo es auch ordentlich schaukeln kann.

Windstärken von 6-9 Beaufort und einen Seegang von 4 m Wellenhöhe sind hier eher die Regel als die Ausnahme; auch ohne Stürme die wir außerdem noch erwarten ...

Abb. 4: Das Agassiztrawl liegt bereit, Foto Dorte Janussen, 12.01.12

Abb. 4: Das Agassiztrawl liegt bereit, Foto Dorte Janussen, 12.01.12

 

Abb. 5: Albatrosse umkreisen das Schiff, Foto Dorte Janussen, 13.01.12

Abb. 5: Albatrosse umkreisen das Schiff, Foto Dorte Janussen, 13.01.12

Momentan ist aber der Wind auf 5 Beaufort abgeflaut, um das Schiff kreisen ständig Albatrosse und Sturmvögel. Erste Wale und auch ein paar Pinguine sind gesichtet worden, und so kommt doch ein Antarktis-Gefühl auf, obwohl das Thermometer draußen noch einige Grad plus anzeigt.
Auf die ersten Einsätze von Agassiztrawl und Epibenthosschlitten bin ich richtig gespannt!

 

Von Dorte Janussen

 



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