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Tiefsee-Expedition im antarktischen Weddellmeer

ANT-XXVIII SYSTCO II, Expeditionsbericht Nr. 3.

05.02.2012, 13:00

Zur Zeit sind wir etwas vom Pech verfolgt: Erst kürzlich hatten wir einen mittleren Sturm hinter uns gebracht, und als das Einsetzen der schweren Gerätschaften wettertechnisch wieder möglich war, wollten wir mit der mittleren Benthos-Station loslegen. Aber dann war die großen Friktionswinde defekt. Jetzt muss sie einer größeren Reparatur unterzogen werden, wobei die Schwierigkeit zunächst darin besteht, das Problem überhaupt zu entdecken; eine Aufgabe die nur die Techniker in der Besatzung, vor allem der Windenelektroniker, lösen können. Wir Meeresbiologen müssen uns also mit Geduld wappnen und aus der erzwungenen Sammel-Pause das Bestmögliche machen. Von den EBS- und AGT-Einsätzen der vorherigen Stationen haben wir noch einige Proben, die nach Tiergruppen sortiert werden müssen, und für solche Arbeiten am Mikroskop liegt das Schiff jetzt zumindest ruhig. Auch haben wir die Sedimentfallen nach 24 Stunden in der Wassersäule wieder geborgen. Über einen Tag hinweg haben sie die herunter sinkenden Sedimentpartikel gesammelt. Außerdem funktioniert die kleine Winde, und regelmäßige Beprobungen der oberen Wasserschichten sind weiterhin möglich.

Die stündlichen Messungen der Phytoplankton-Gruppe zeigen, dass wir uns jetzt bei 52oS, 12oW in einem Gebiet befinden, das durch sehr hohe Chlorophyll-Konzentrationen (bis zu 3,5 mg/m3) an der Wasseroberfläche und zu bis zu 100 m Tiefe charakterisiert ist. Dieses Chlorophyll stammt überwiegend von Kieselalgen (Diatomeen), einzelligen Mikroalgen, die sich z.T. zu langen Ketten von mehr als 100 Zellen zusammenlagern.

Wie Dieter Wolf-Gladrow erklärt, haben insbesondere die Kieselalgen im Südpolarmeer gute Bedingungen, weil hier südlich der Antarktischen Polarfront durch aufsteigendes Tiefenwasser, die  Kieselsäure(H4SiO4)-Konzentrationen auch an der Meeresoberfläche sehr hoch sind. Von den hohen Kieselsäurekonzentrationen  in der gesamten Wassersäule profitieren die Kieselalgen, aber auch andere Organismen mit kieseligen Skeletten, wie die bodenlebenden Glassschwämme die in der Hoch-Antarktis besonders häufig und großwüchsig sind.

Das Wachstum von Kieselalgen ist durch die Armut des Meerwassers an gelöstem Eisen, das sie für ihre Fotosynthese benötigen, begrenzt. Würde es im Südpolarmeer mehr gelöstes Eisen geben, dann könnten Diatomeen auch mehr Photosynthese betreiben und so mehr CO2 aus der Atmosphäre binden und ins Sediment überführen, ein für das Klima günstiger Nebeneffekt.

Abb11 _Aus dem Planktonnetz_Salpen- Salpen -Salpen_Foto DJanussen 220112

Abb11 _Aus dem Planktonnetz_Salpen- Salpen -Salpen_Foto DJanussen 220112

Abb12_Fisch aus dem grossenPlanktonnetz_Gymnoscopelus_Foto Brian Hunt

Abb12_Fisch aus dem grossenPlanktonnetz_Gymnoscopelus_Foto Brian Hunt

Abb13_Meerassel (Amphipode) aus derTiefsee_Foto Simone Nunes Brandao

Abb13_Meerassel (Amphipode) aus derTiefsee_Foto Simone Nunes Brandao 

Vor einigen Tagen befanden wir uns in einem außerordentlich Chlorophyll-armen Gebiet, wo das Wasser also sehr arm an Diatomeen war. Interessanterweise erzielten gerade dort die Planktonforscher absolute Rekordfänge, die Zooplanktonnetze waren voll von Medusen und vor allem Unmengen von Salpen (pelagische Tunikaten).

Vorläufige Ergebnisse der Zooplankton-Experten an Bord, Evgeny Pakhomov und Brian Hunt, zeigen, dass um 52oS, 8oW die Dichte der hier charakteristischen Art, Salpa thompsoni, bei 2,2 Individuen/m3 oder 440 Salben/m2 lag, eine für das Südpolarmeer  außergewöhnliche Salpen-Konzentration.

Offensichtlich hatten die Salpen erst vor Kurzem ihren komplizierten Reproduktionszyklus beendet und sich massenhaft vermehrt, und dabei bzw. danach den allergrößten Teil des Phytoplanktons einfach aufgefressen! Für die Flohkrebse (Copepoden), die sich ebenfalls von Diatomeen ernähren, und für die bodenlebenden Tiere erst recht blieb kaum etwas übrig.

Wahrscheinlich deshalb waren auf dieser Station unsere EBS-Fänge recht arm an Benthos. Auf bessere Fänge mit dem AGT hatte ich gehofft, weil sich die Filtrierer, z. B. Schwämme, möglicherweise von den Nährstoffen in den herabsinkenden Kotballen der Salpen ernähren könnten. Aber leider hatte durch das stürmische Wetter sich das AGT-Netz unterwegs überschlagen und entleert und enthielt nur drei kleine Seegurkenbabies, die in den Maschen hängen geblieben waren. Pech und Frust gehören eben auch manchmal zum Forscherleben.

 Abb14_Eisberg am Abend_FotoDJanussen 280112

Abb14_Eisberg am Abend_FotoDJanussen 280112

In schreibender Stunde hoffen wir alle auf die möglichst zügige Reparatur der großen Winde, und die Mannschaft arbeitet auf Hochdruck daran. Die Benthos-Arbeit wird wahrscheinlich um die Mitternachtszeit weiter gehen. Wir sind mehr als bereit.

Dorte Janussen

Abb15_Sonnenuntergang_FotoEJones

Abb15_Sonnenuntergang_FotoEJones 

 



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