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Tiefsee-Expedition im antarktischen Weddellmeer

ANT-XXVIII SYSTCO II, Expeditionsbericht Nr. 4.

14.02.2012, 22:23

Manchmal scheint die Welt schon etwas verrückt zu sein: Während die Nachrichten aus Deutschland von Eiswinter, Schnee, und frostigen Temperaturen von unter -20oC berichten, verzeichnen wir hier an der Südpolarfront  tagsüber 3-4 Plusgrade, und bei klarem Himmel kann man im Windschatten auf dem Achterdeck sogar die Sonne genießen und in Ruhe Riesenalbatrosse und Sturmvögel beobachten.

Das ist allerdings eher die Ausnahme, denn in letzter Zeit jagt uns ein Sturmtief nach dem anderen und die ruhigeren Abschnitte dazwischen sind kurz. Doch was kann einen Seemann oder eine Polarforscherin schon erschüttern? Das Leben und die Forschung an Bord geht weiter, auch bei Windstärken von 8 Beaufort und 4 m Seegang lässt sich am Mikroskop, im Labor und auf dem Deck arbeiten, alles eine Frage der Gewohnheit und natürlich der Sicherheitsmaßnahmen.

Abb16_Spannung im grossen Nasslabor aufdie neuen AGT-Fänge_Foto ABrandt

Abb16_Spannung im grossen Nasslabor aufdie neuen AGT-Fänge_Foto ABrandt

 

Abb17_Seegurken vom_AGT4_Foto Katharina Jörger

Abb17_Seegurken vom_AGT4_Foto Katharina Jörger

Zur Zeit arbeiten wir in einem Gebiet zwischen 51-52o Süd und 12-15o West, wo die pelagische Forschung auf Hochtouren läuft. Endlich haben wir, also die Ozeanologen, das gefunden, wonach wir  so lange und intensiv gesucht haben, nämlich einen relativ kleinen aber feinen mesoskaligen Wirbel, den wir - nach der englischen Bezeichnung – liebevoll `Eddy´ nennen.

Wir haben unseren Eddy auf von Satelliten aus gemessenen Höhen der Meeresoberfläche gesucht und schließlich mit Hilfe des im Schiffrumpf eingebauten Acoustic Doppler Current Profilers (ADCP) entdeckt. Jetzt fahren wir nach einem festgelegten Stationsnetz den Eddy ab, und beproben die Wassersäule systematisch mit der CTD und der Rosette aus großen 12-Liter Wasserflaschen  (CTD = Conductivity-Temperature-Depth, ein Gerät zur Messung von Salzgehalt und Temperatur in verschiedenen Wassertiefen). 

Außerdem  werden jetzt beim Fahren immer die Chlorophyllgehalte des Oberflächenwassers halb stündlich gemessen. Dieses ständige Messen, sowie unzählige Probennahmen und Analysen  bedeuten für die pelagischen Forscher, die Tag und Nacht diese Arbeiten im Schichtdienst erledigen müssen, einen ganz erheblichen  Stress, aber der Aufwand lohnt sich.

Die Messungen zeigen uns, dass die Chlorophyll-Gehalte im Bereich des Eddys weiterhin hoch sind, meistens zwischen 2-2,5 mg/m3, was eine hohe Algenkonzentration des Oberflächenwassers anzeigt. Die Fänge in den Planktonnetzen sind dementsprechend grün gefärbt und enthalten große Mengen an Kieselalgen (Diatomeen).

Die Werte für Nährstoffe wie gelöstes Nitrat und Phosphat  sind ebenfalls hoch, was uns anzeigt dass die Algen trotz der vorhandenen Blüte eben nicht alles umsetzen können, wahrscheinlich aufgrund des Mangels an gelöstem Eisen, der haupt-limitierende Faktor für das Algenwachstum im Südpolarmeer.

Abb20_CTD-Rosette auf dem Weg insWassr_Foto Angelika Brandt 10_1_2012

Abb20_CTD-Rosette auf dem Weg insWassr_Foto Angelika Brandt 10_1_2012

Abb18_Riesenalbatross umkreist dasSchiff_Foto Elisabeth Jones

 

Abb18_Riesenalbatross umkreist dasSchiff_Foto Elisabeth Jones

Abb19_Parasitische Schnecke d. FamilieEulimidaeaus AGT4_Foto Katharina Jörger

Abb19_Parasitische Schnecke d. FamilieEulimidaeaus AGT4_Foto Katharina Jörger

 

Die bisherigen Sedimentfallen, die in verschiedenen Wassertiefen bis zu 300 m über einen oder zwei Tage herabsinkendes  Material auffangen, haben ergeben, dass relativ wenig von dem reichen Phytoplankton an der Oberfläche tatsächlich unten ankommt. Das meiste wird unterwegs vom Zooplankton, vor allem Salpen, aufgefressen, und was in größeren Tiefen ankommt  sind hauptsächlich die von Flohkrebsen angefressenen und bakteriell umgesetzten Kotballen dieser Tiere. Dadurch erklären sich wahrscheinlich zumindest zum Teil die mengenmäßig  begrenzten Fänge, die wir bisher mit Schlitten und Schleppnetz (Trawl) erzielten, wobei sich hier überraschenderweise die Artenvielfalt als erstaunlich hoch herausstellt, wie wir jetzt beim Sortieren und Bestimmen der Tiere feststellen können.  Bei den Schwämmen habe ich jetzt, außer etlichen Raubschwämmen, auch einen kleinen Hexactinelliden (Glasschwamm) und einen sehr interessanten Demospongier identifiziert.

Abb21_5 mm kleiner Raubschwamm ausEBS_Asbestopluma sp. auf Stein_Foto Tomas Cedhagen

Abb21_5 mm kleiner Raubschwamm ausEBS_Asbestopluma sp. auf Stein_Foto Tomas Cedhagen

Beim Letzteren handelt es sich um eine neue Art der Gattung Cornulum, die bis vor kurzem aus der Antarktis noch unbekannt war, die wir aber bereits in 2008 während der SYSTCO I Expedition  bei 70o Süd in 600 m Tiefe gefunden hatten. Dass wir sie jetzt bei 51o Süd in 3760 m Tiefe nachweisen konnten, deutet auf eine große räumliche und bathymetrische Verbreitung dieser bis vor kurzem unbekannten Art hin. Aus den geschleppten Geräten haben wir außerdem interessante parasitäre Beziehungen von Schnecken auf Seegurken und von winzigen Krebstieren auf Meerasseln gefunden und dokumentiert. So sorgen auch mengenmäßig kleinere Fänge, zumindest wenn sie aus der Tiefsee stammen, immer noch für genügend Überraschungen. Auf die weiteren Benthosstationen sind wir natürlich gespannt!

Dorte Janussen



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