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Tiefsee-Expedition im antarktischen Weddellmeer

ANT-XXVIII SYSTCO II, Expeditionsbericht Nr. 6

28.02.2012, 19:09

 Abb27_Königspinguine_Polarstern im Hintergrund  Abb28_Pelzrobben lieben einen Platzin der Sonne!  Abb29_Aufgepasst_so putzig sie aussehen, aggressiv könnensie sein!

Abb27_Königspinguine_Polarstern im Hintergrund

Abb28_Pelzrobben lieben einen Platz in der Sonne!

Abb29_Aufgepasst_so putzig sie aussehen, aggressiv könnensie sein!

Am 23.02.12 sind wir bei South Georgia angekommen. Einige von uns waren schon früh morgens oben auf dem Peildeck, während die Polarstern an der Küste entlang fuhr. Der Tag sollte ein ganz Besonderer werden: Wir hatten die für die meisten wohl einmalige Gelegenheit, dieser schönen Insel und seinen Bewohnern einen Besuch abzustatten. Dr. Keiron Fraser, Government Officer von South Georgia ist persönlich an Bord gekommen, um uns alle zu begrüßen und für den Landgang zu instruieren.

Auf South Georgia gibt es strenge Artenschutzbestimmungen, die es genau zu befolgen gilt, um die dortige Fauna und Flora zu schützen. So ist das Mitbringen jeglicher Art organischer Stoffe, wie z.B. Lebensmittel, strengstens verboten. Unsere Schuhe wurden vor dem Landgang desinfiziert, und wir wurden instruiert, keinerlei Zigarettenkippen, Abfälle, oder sonstiges auf der Insel zu hinterlassen und auch von dort nichts mitzunehmen. Der freundliche Gouverneur hatte jedoch dafür gesorgt, dass mir eine Sondererlaubnis erteilt wurde, eine begrenzte Menge an Flechten für die Forschung durch Senckenbergs Kryptogamenexperten und Molekularbiologen, Dr. Christian Printzen, zu sammeln.

Vormittags brachten uns Rettungsboote zur  Landepier vor der Forschungsstation am King Edward Point. Von dort aus gibt es am Ufer einen Fußweg bis zum kleinen Ort Grytviken, der an einer verfallenen Walfänger-Station liegt, und der immerhin eine Post, ein Museum und eine schöne alte Kirche  vorzuweisen hat.  Außerdem gibt es überall wilde Tiere:  Robben und Königspinguine sind die wahren Einwohner dieses Ortes . Wir waren vorher instruiert worden,  den Tieren nicht zu nahe zu kommen, um das Wildleben der Insel nicht zu stören.

In der Praxis stellte sich jedoch heraus, dass sich die tonnenschweren Elefantrobben in ihrem Tiefschlaf durch gar nichts stören ließen, und was die Pelzrobben betrifft, wir eher die Gejagten waren.  Diese niedlichen kleinen Tiere zeigen nämlich ein ausgeprägt aggressives Territorialverhalten, und  da sie den gesamten Küstenstreifen als ihr Territorium betrachten, erlebten wir das Vorankommen zwischen den knurrenden und fauchenden Robben zuweilen wie ein Spießrutenlaufen.  Doch waren wir alle vorsichtig bzw. schnell genug, und niemand wurde gebissen.

Abb30__Wisssenschaftlerin auf derFlucht vor Robbe_Foto Thomas Völske

Abb30__Wisssenschaftlerin auf derFlucht vor Robbe_Foto Thomas Völske

Abb31_Blick Richtung verlassener Walfängerstation_Grytviken  Kirche im Hintergrund

Abb31_Blick Richtung verlassener Walfängerstation_Grytviken+ Kirche im Hintergrund

Abb32_Elefantrobben haben die Ruheweg ...

Abb32_Elefantrobben haben die Ruheweg ...

Abb33_ ... und werfen gerade das alte Winterfell ab._Foto Thomas Völske

Abb33_ ... und werfen gerade das alte Winterfell ab._Foto Thomas Völske

Hinter der alten Walfänger-Siedlung gibt es einen kleinen Friedhof, worauf sich das Grab des Polarforschers, Ernest Henry Shackleton (1874-1922), befindet;  der  berühmte englische Expeditionsleiter, der alle seine Leute lebendig wieder zurück brachte (damals  eher eine Ausnahme als die Regel!). Gegen 18 Uhr waren wir alle von Eindrücken benommen wieder an Bord der Polarstern.

Wir befinden uns jetzt an unserer letzten Tiefseestation, ein Becken unmittelbar nördlich von South Georgia.  Dieses ist ein Hochproduktionsgebiet, das durch hohe bis sehr hohe Chlorophyll-Konzentrationen gekennzeichnet ist;  3,5-4,0 mg Chlorophyll pro m3 Wasser sind hier keine Seltenheit, unser  bisher höchster gemessener Wert lag bei 2,9 mg/m3.

 

Unsere Planktonfänge ergeben, dass hier die Menge an Salpen der Art Salpa thompsoni, mit durchschnittlich 2,5 Individuen/m3, noch jener des Salpenreichen Gebiets um 8o West (2,2 Salpen/ m3, vgl. Bericht Nr. 3) deutlich übersteigt.  Zur Zeit fahren wir ein Netzwerk von kleinen Stationen ab, untersuchen die Strömungen, Wasserchemie und Plankton und suchen nach dem geeignetsten Ort für die letzte große Station, einschließlich unserer Benthosgeräte, von denen wir uns in diesem hoch-produktiven Bereich größere Fänge als bisher versprechen.

Die allerletzte Benthosstation wird danach eine ca 300 m flache Schelfstation in internationalen Gewässern auf dem Weg nach Punta Arenas  sein, wo wir Material für genetische und biochemische Untersuchungen sammeln wollen.

Abb34_Blick vom Berg auf die Forschungsstation bei Grytviken

Abb34_Blick vom Berg auf die Forschungsstation bei Grytviken 

Da die letzte intensive Forschungsarbeit mit dem Packen und Ausfüllen der Listen, Laborreinigung, usw. zusammen fällt, werden die letzten zwei Wochen dieser Expedition für uns Benthologen extrem anstrengend. Dies wird deshalb wahrscheinlich  mein letzter Bericht sein von dieser Fahrt. Bis zum nächsten Jahr um diese Zeit auf der ANT-XXIX/3 Expedition!

 

PS: Heute erreichte uns die schreckliche Nachricht, dass die brasilianische Station Comandore Ferraz in Admiralty Bay, King George  Island, niedergebrannt ist, die gesamte Crew evakuiert und zwei Menschen im Feuer das Leben verloren haben. Die Antarktisforschung ist zwar seit den Zeiten Ernest Henry Shackletons sehr viel sicherer geworden, aber eine vollständige Sicherheit kann es in der Polarforschung wie im Leben niemals geben. Wir alle auf dem FS Polarstern sind über dieses Unglück zutiefst betroffen und sprechen den Angehörigen und Kollegen der auf Comandore Ferraz Verunglückten unser tiefes Mitgefühl und Beileid aus.

Dorte Janussen



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