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Isla del Coco Expeditions-Blog

Jetzt aber schnell... Wir fahren zur Insel!

24.11.2013, 19:03 von Benutzer Sebastian Lotzkat, Kommentare 2 Kommentare

Am Sonntag, den 20.10.2013 begann für zwei Nachwuchs-Senckenberger die Erfüllung eines Traumes – in Form einer vierwöchigen Expedition zu einem sagenhaften Ort: der Kokosinsel im Pazifischen Ozean...

teamDie Herpetologen vor dem Tauchschiff: rechts Joseph Vargas, links Sebastian Lotzkat. Foto: Luis Cordero.

Doch halt, eigentlich war der Beginn dieser Unternehmung ganze fünf Tage früher: Am Dienstag, den 15.10. erhielt Joseph Vargas, seines Zeichens mehrfacher Gaststudent und zukünftiger Wunschdoktorand der Sektion Herpetologie des Senckenberg Forschungsinstitutes Frankfurt sowie deren wichtigster Kooperationspartner in Costa Rica, von den dortigen Naturschutzbehörden grünes Licht für einen kurz zuvor sozusagen "auf Gut Glück" gestellten Antrag. Die Entscheidungsträger im Ministerio del Ambiente y Energia erklärten sich überraschend schnell einverstanden mit seinem Vorschlag, ein aktuelles Inventar der auf der Isla del Coco vorkommenden Herpetofauna zu erstellen. Vier Wochen sollte die Inventarisierungsarbeit vor Ort dauern, und ein Datum für die Abreise wurde auch gleich festgelegt: eben der besagte Sonntag ganze fünf Tage später.

casa
Vor diesem Haus wurde 1860 ein Attentat auf einen ehemaligen
Präsidenten Costa Ricas verübt...

Nun musste alles sehr schnell gehen – in Costa Rica, besonders aber in Frankfurt, wo der Herpetologie-Doktorand Sebastian Lotzkat, in Josephs Antrag als zweiter Wissenschaftler aufgeführt und behördlich bewilligt, zum Zeitpunkt der Terminbekanntgabe nichts ahnend in den 16.10. hineinschlief... Nichtsdestotrotz erreichte er in der Nacht auf Samstag die costaricanische Hauptstadt San José, so dass unserem Zweierteam noch ein ganzer Tag für letzte Vorbereitungen blieb.

Am Sonntagmittag kamen wir beide dann gemeinsam in der Hafenstadt Puntarenas an. Nach einem letzten Mittagessen auf dem Festland erschienen wir wie vereinbart am Dock des Tauchreisen-Veranstalters Undersea Hunter Group, wo die 36 m lange Sea Hunter bereits zum Auslaufen bereit lag. Sie ist eines von ganzen fünf Tauchschiffen, denen Fahrten zur Kokosinsel erlaubt sind.


fischerboote
...ob diese Boote damals auch schon hier lagen?

Durch entsprechende Abkommen mit der costaricanischen Umweltbehörde sind die betreibenden Firmen zum Transport von Personen und Gütern zu und von der Insel verpflichtet, so dass auf jeder Fahrt ein gewisses Kontingent an Plätzen für Nationalparkpersonal zur Verfügung steht. Neben uns beiden waren diesmal noch zwei guardaparques (Parkranger) mit von der Partie, die genau wie wir etwa vier Wochen auf der Insel bleiben würden. Nachdem auch alle Tauchtouristen an Bord waren, legten wir gegen 15:00 ab und schipperten an kolonialer Bausubstanz (Foto oben) und teils ebenso historisch erscheinenden Fischerbooten (Foto rechts) vorbei aus dem Hafen von Puntarenas in den Golf von Nicoya.

 

cabo blancoCabo Blanco: Abschied vom Festland.

Etwa drei Stunden später hatten wir mit dem zur Nicoya-Halbinsel gehörenden Cabo Blanco das Festland endgültig hinter uns gelassen. Ab hier wurde die See wesentlich rauher, so dass einer von uns über die nächsten Stunden hinweg nähere Bekanntschaft mit einem sehr unangenehmen Phänomen namens Seekrankheit machen durfte. Den gesamten nächsten Tag fuhren wir mit Kurs Südwest über offenes Meer, in ständiger Begleitung von Fliegenden Fischen und gelegentlicher Gesellschaft verschiedener Seevögel. Zeit genug, uns noch einmal klarzumachen wohin diese Reise ging...

auf seeSonnenuntergang auf See.

Die politisch zu Costa Rica gehörende Isla del Coco liegt rund 500 km von der mittel- und etwa 900 km von der südamerikanischen Küste entfernt mitten auf dem unterseeischen Kokos-Rücken, dessen südliches Extrem die Galapagos-Inseln markieren. Wie diese weltberühmte Inselgruppe ist sie vulkanischen Ursprungs und wohl auf denselben Hotspot zurückzuführen, mit einem geschätzten Alter von 1,9–2,4 Millionen Jahren jedoch wesentlich jünger. Auf ihre Landfläche von rund 24 Quadratkilometern fällt mit durchschnittlich 7000 Litern pro Quadratmeter jedes Jahr eine selbst für tropische Verhältnisse gigantische Niederschlagsmenge. Infolgedessen ist die Kokosinsel die einzige Insel im Ostpazifik, die fast gänzlich von Regenwald bedeckt ist. Sowohl über als auch unter Wasser beherbergt sie eine einzigartige Lebewelt mit vielen endemischen (also nur hier vorkommenden) Arten und ist ein eine wichtige Station auf den Migrationsrouten unzähliger anderer.

Ihrer Einmaligkeit – niemand geringerer als Jacques Cousteau nannte sie einst "die schönste Insel der Welt" – wird vielfach Rechnung getragen: Der seit 1978 bestehende Isla del Coco-Nationalpark verleiht der Insel selbst und seit 1991 auch dem Meer 12 Meilen um sie herum absoluten Schutzstatus. Ein zusätzliches, 2011 ausgerufenes marines Schutzgebiet für Tiefseeberge umschließt inzwischen fast 10000 inselnahe Quadratkilometer Pazifik enlang des Kokos-Rückens. Seit 1997 steht die Insel zudem auf der UNESCO-Welterbeliste und seit 1998 auf der Ramsar-Liste für Feuchtgebiete internationaler Bedeutung. Zusätzlich wurde sie 2002 zum Nationalen Kulturerbe Costa Ricas erklärt, denn neben ihren Naturwundern ist auch die Kulturgeschichte der Insel recht bemerkenswert.

karteKarte der Kokosinsel mit den im Text erwähnten Orten. Küstenlinie und ungefähre Höhenlinien digitalisiert von Peter Minton, EVS Islands.

Im Jahre 1542 erstmals auf einer Seekarte verzeichnet wurde die an Holz und Süßwasser überreiche Insel für Jahrhunderte ein wichtiger Anlaufpunkt für Piraten, Walfänger und sonstige Seefahrer. Ab dem 19. Jahrhundert kamen dann vermehrt Schatzsucher, um diverse angeblich dort vergrabene Schätze zu heben – sogar der legendäre Long John Silver soll unter ihnen gewesen sein. Gegen Ende des letzten Jahrhunderts diente die Insel dem Autor Michael Crichton als Vorbild für die "Isla Nublar", den Schauplatz für seinen Bestseller Jurassic Park – und es ist auch tatsächlich die Kokosinsel, die im gleichnamigen Film in den An- und Abflugszenen zu sehen ist.

Die Kulturgeschichte der Kokosinsel hier umfassend vorzustellen würde allerdings den Rahmen dieses biologischen Reiseberichtes sprengen – wir verweisen die interessierte Leserschaft daher auf andere Quellen, wie etwa den entsprechenden Wikipedia-Eintrag oder das Buch von Dr. Ina Knobloch, die auch mehrere TV-Dokumentationen über dieses abgelegene Eiland produziert hat ("Das Geheimnis der Schatzinsel: Robert Louis Stevenson und die Kokosinsel - einem Mythos auf der Spur." 2009 erschienen im Mare-Buchverlag, Hamburg). Die Frankfurter Biologin und Journalistin war es auch, die uns Nachwuchs-Herpetologen vor einiger Zeit mit ihrer Begeisterung für diese "Mutter aller Schatzinseln" angesteckt hat.

transfer
Eine Bootsfahrt, die ist lustig... 

Und genau die rückte nun immer näher! Nach rund 36 Stunden voller Fahrt ging die Sea Hunter in den frühen Morgenstunden des 22. Oktober – von den noch schlafenden Herpetologen unbemerkt – in der geschützten Bahía Chatham (Chatham-Bucht) vor Anker. Ganz ohne Störung durch meterhohe Wellen konnten wir dann gegen vier Uhr morgens unseren Morgenkaffee unter dem hell über uns funkelnden Sternbild Orion genießen, im Angesicht der schroffen Steilwände am Rande der Bucht und zum Konzert der Grillen und Zikaden im Regenwald über ihnen. Nein, kein Traum – die Isla del Coco lag direkt vor uns, zum Greifen nah!

Pünktlich um fünf wurden wir abgeholt. Don Eduardo, ein Parkranger der mit seinem Kopftuch auch perfekt als Freibeuter durchgegangen wäre (Foto links) , war mit einem Zodiac erschienen und mahnte uns angesichts der einsetzenden Ebbe zur Eile. Flugs verluden wir unser Gepäck auf das robuste Schlauchboot und rasten dann in atemberaubendem Tempo zwischen den majestätischen Felswänden der Insel und mehreren vorgelagerten Inselchen hindurch in die Bahía Wafer, die einzige weitere geschützte und für den problemlosen Landgang geeignete Bucht der Insel, wo wir im Morgengrauen an der gerade noch befahrbaren Mündung des Río Genio anlegten und unsere Zehen erstmalig in den Sand der Kokosinsel gruben. Zwar konnten wir es immer noch nicht so ganz fassen, aber wir waren tatsächlich angekommen! Überglücklich bezogen wir sofort unser Quartier im ersten Haus am Strand, der Casa de Voluntarios. Neben Schlafgelegenheiten für die namengebenden Freiwilligen und Forscher wie uns befindet sich in dem mit Motiven des hiesigen Unterwasserlebens bedeckten Haus auch das Büro des Nationalparks.

strandblickcasa de voluntarios
Blick vom Strand in die Bahía Wafer im Morgengrauen und, etwas später, landeinwärts auf die Casa de Voluntarios.

Bis zum 17.11. würden wir nun den traditionellen Aufgaben eines Senckenberg'schen Herpetologen nachgehen: an so vielen Lokalitäten wie möglich so vieler Mitglieder der örtlichen Amphibien- und Reptiliengemeinschaften wie möglich habhaft werden, um deren Verbreitung und Variabilität zu erfassen und stichhaltig zu dokumentieren. Ausgewählte Individuen würden wir als Belegexemplare für die wissenschaftlichen Sammlungen der Universidad de Costa Rica und des Senckenberg Forschungsinstitutes konservieren, um sie im Labor eingehender zu untersuchen.

Die bisher bekannte Herpetofauna der Kokosinsel ist sehr überschaubar: Sie beinhaltet lediglich zwei Echsenarten, die bereits zu Beginn des 20. Jahrhunderts beschrieben wurden und in folgenden Einträgen dieses Blogs vorgestellt werden. Ein Vergleich mit den Artenzahlen vergleichbar gelegener Inseln und historische Berichte über die Sichtung einer Schlange lassen es aber durchaus möglich erscheinen, dass sich im Regenwald der Kokosinsel noch mehr verbirgt... wir waren jedenfalls gespannt.

von Sebastian Lotzkat und Joseph Vargas



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