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Isla del Coco Expeditions-Blog

Zuhause in der Piratenbucht

05.12.2013, 21:18 von Benutzer Sebastian Lotzkat

Die ersten Tage verbrachten wir hauptsächlich in der Bahía Wafer, die nach dem Schiffsarzt Lionel Wafer (1640–1705) benannt ist. Der kam einst an Bord eines Freibeuterschiffes hier an...

panorama
Abendstimmung in der Bahía Wafer...

placa
Info-Tafeln am Strand: hier ist übrigens Nationalpark.

Anders als die meisten seiner Gesinnungsgenossen hielt der sehr naturinteressierte Dr. Wafer seine Erlebnisse und Beobachungen aber schriftlich fest und wurde so zu einem der ersten Chronisten der Kokosinsel. Heute schlägt in dieser Bucht (zumindest verwaltungstechnisch gesehen) das Herz des Nationalparks, denn hier befinden sich ein gutes Dutzend Häuser und fast alle sonstigen Einrichtungen.

Das für uns erstmal bedeutsamste Gebäude war natürlich die direkt am Strand befindliche, von mehreren Geräteschuppen und Werkstätten flankierte Casa de Voluntarios, denn hier wohnten wir. Unser winziges Zimmer würde für die nächsten vier Wochen ein Multifunktionsraum sein: Schlafzimmer und Rümpelkammer, Büro und Labor, Ruhe- und Rückzugsraum. Nach dem Verschließen einiger Öffnungen in Wänden, Tür und Decke schien es uns dann auch rattensicher genug, um unsere mitgebrachten Leckereien darin aufzubewahren. Als der Zylinder unseres Türschlosses nach einiger Zeit begann im weichgegammelten Holz der Tür herumzuwackeln, namen wir die Reparatur in Ermangelung ortsansässiger Handwerker ebenfalls selbst in die Hand.

unterkunft
Zehn Quadratmeter für die Forschung - mit Staatsflagge und -wappen Costa Ricas.

do-it-yourself 
Selbst ist der Senckenberger: Dicke Schraube fixiert Schließzylinder.

Überhaupt wird jedem Neuankömmling auf der Kokosinsel sehr schnell klar(gemacht), dass man sich hier eben auf einer Insel befindet und die hiesige Gemeinschaft bei mehr als 500 km Entfernung zum Festland weitgehend auf sich selbst gestellt ist. Seit beispielsweise die Putzfrau vor einiger Zeit gekündigt hat (Gründe sind uns nicht bekannt) verteilen sich ihre Aufgaben auf alle Insulaner, was auch gut funktioniert. Mindestens einmal pro Woche kommen Lebensmittel und sonstige Versorgungsgüter mit einem der Tauchschiffe an. Dann lässt jede der 15 bis 30 Personen in Wafer alles stehen und liegen, um das zeitlich von den Gezeiten abhängige Entladen der lebenswichtigen Fracht so zügig wie möglich zu bewerkstelligen. Solche und andere Aufgaben werden jeden Morgen direkt nach dem Frühstück in einer Versammlung aller Anwesenden festgelegt.

landeinwärts la villa
Hinter dem Strand liegt ein kleines Dorf: Gewächshaus (weiß), Werkstätten, drei Wohnhäuschen und "La Villa" mit dem großen blauen Dach

 

 

Basilikum! 
So sieht ein zufriedener Gärtner aus! Luis del Valle weiß genau...

Wer von der Casa de Voluntarios landeinwärts geht kommt an prächtigen, ordentlich aufgereihten Kokospalmen vorbei zum Herzstück der kleinen Siedlung. Etwa 200 Meter vom Strand entfernt finden sich hinter weiteren Werkstätten und Lagerhäusern der Gemüsegarten mit Gewächshaus, einige Wohnhütten für das Parkpersonal und natürlich die "Villa". Neben zusätzlichen Schlafräumen umfasst dieser recht junge Gebäudekomplex die "Sala", in der gegessen, ferngesehen oder einfach nur entspannt wird, und das allerwichtigste: die Vorratskammer und die Küche!  

essen fassen! 
...dass sein Basilikum unser Essen noch schmackhafter machen wird:
Essensausgabe kurz nach dem Glockenschlag.

Ständig ist ein Parkbeamter ausschließlich mit der Ernährung der gesamten Mannschaft betraut – und diese ist, entgegen unseren vorherigen Befürchtungen, äußerst abwechslungsreich und üppig! Jeden Tag gibt es neben drei warmen Mahlzeiten, zu denen man pünktlich um 6:30, 12:00 und 17:30 zum Geläut der Küchenglocke auf der Matte stehen muss, noch zwei Imbisspausen um 9:30 und 14:30. Verhungern muss also niemand, ganz im Gegenteil – wir zumindest baten unseren Koch des öfteren, doch bitte etwas weniger Reis auf unseren Tellern zu platzieren. Wer der unvermeidlich erscheinenden Gewichtszunahme durch Überfütterung entgegenwirken möchte kann dies im örtlichen Fitnessraum tun und sich dabei vorstellen, welch ein Vergnügen es gewesen sein muss die diversen Heimtrainer und Hantelbänke von einem Schiff auf ein kleines Boot und dann von diesem auf die Insel und bis hierher zu bringen.

desayunoBeilagentechnisch gesehen zugegebenermaßen die Luxusvariante, mengenmäßig aber ein ganz normales Frühstück...
Auf dem Teller, rund um den zentralen Gallo Pinto ("angemalter Hahn", das costaricanische Nationalgericht aus zusammen angebratenem Reis und Bohnen) fast schon europäisch anmutende Brotscheiben mit Guavenmarmelade und Frischkäse, gebratener Speck, gebratene Bananen und Reste vom gestrigen Picadillo aus Hackfleisch und Gemüse. Dazu von links nach rechts Wassermelone, Papaya und Mango, Chilisauce für den Gallo Pinto, und natürlich café. Wer davon morgens um halb sieben nicht satt wird, der sollte sich ernsthafte Gedanken machen.

diciembre
Das Schwein "Diciembre" ist nach Futtergaben quasi freiwillig vom Wild- zum Nutztier geworden. Nomen est Omen: seine Zeit ist bald gekommen.

 

megaptera 
Dereinst von Drogenschmugglern zurückgelassen, ist die Megaptera
heute ein Nationalpark-Patrouillenboot.

Seit einigen Jahren wird die Siedlung in der Wafer-Bucht rund um die Uhr mit Strom aus einem kleinen Wasserkraftwerk versorgt, trinkbares Wasser (ohne die auf dem Festland übliche Chlorierung!) kommt über lange Rohre von einer Quelle in den Bergen frei Haus, und Satellitenschüsseln und Antennen sichern besten Telefon- und Funkempfang. Das alles erleichtert Leben und Arbeit des Parkpersonals ungemein. Zum Vergleich: Als die heute dienstältesten Parkwächter vor rund 20 Jahren hier anfingen bestand die hiesige Infrastruktur aus ganzen zwei Holzhütten und einem Gasherd. 

Langleinen
Ein ganzer Schuppen voll mit Kilometern konfiszierter Langleinen.

 

 

 

A propos Arbeit: Neben der Instandhaltung der vorhandenen Infrastruktur, was bei dem feucht-tropischen Klima ein Vollzeitjob für mehrere Personen ist, liegt der Fokus der Parkbehörde eindeutig auf dem marinen Bereich des Nationalparks. So wird beispielsweise der streng reglementierte Tauchtourismus penibel überwacht. Zu diesem Zweck, sowie für die Versorgung der zweiten Station in der Bahía Chatham, ist fast ständig eines der drei Zodiac-Schlauchboote unterwegs. Jede Nacht fahren zudem zwei bis vier Personen mit der "Cocos", einer winzigen Nussschale, auf Patrouille in die Zwölf-Meilen-Zone der Insel, um illegal hier operierende Fischerboote zum Verlassen derselben zu bewegen und bereits ausgebrachte Langleinen und Netze zu konfiszieren.

puenteWozu illegales Fischereigerät doch gut sein kann: die Puente de Boyas über dem Río Genio. Maximale Traglast 4 Personen.

Die beschlagnahmten Fischereigeräte türmen sich in Wafer Bay inzwischen zu kleinen Bergen auf. Ein Teil ist immerhin schon sehr ansprechend recycelt worden: Der costaricanische Künstler Pancho hat aus Langleinen, Netzen, Bojen und Karabinern eine zunehmend von Moosen, Farnen und Bromelien überwachsene Hängebrücke gebaut, die den Río Genio wenige hundert Meter oberhalb seiner Mündung ins Meer überspannt.

cascada 
Nichts für Warmduscher oder Nichtschwimmer: die Cascada Genio.

 

Jenseits dieser Brücke beginnt der Wald – ein wunderschöner tropischer Regenwald in all seiner Üppigkeit, der jenseits der Buchten Chatham und Wafer praktisch die ganze Insel bedeckt und nur selten von Menschen betreten wird. Im Tal des Río Genio ist er allerdings durch einen logistisch ungemein wichtigen Weg erschlossen. Dieser führt vorbei am Turbinenhaus des Wasserkraftwerks und immer an den Rohrleitungen entlang zum zugehörigen Staudamm, der sich einen guten Kilometer im Inselinneren etwa 100 Meter über dem Meeresspiegel befindet.

Kurz hinter dem Staubecken endet der begehbare Teil des Tales mit einem echten Hingucker: der Cascada Genio, also dem Genio-Wasserfall. Dessen tiefes Becken verführt unweigerlich zum Bad in dem klaren, überraschend kühlen Nass. Zur Sicherheit der Badenden sind am Beckenrand mehrere Rettungsringe und Schwimmwesten vorhanden, was für den deutschen Betrachter erstmal etwas komisch wirkt. Aber natürlich: Unfallprävention hat hier oberste Priorität, schließlich sind wir auf einer Insel...  

 

 

von Sebastian Lotzkat und Joseph Vargas 

Karte
Karte des nordöstlichen Teils der Kokosinsel mit den im Text erwähnten Orten.
Küstenlinie und ungefähre Höhenlinien digitalisiert von Peter Minton, EVS Islands. 

 



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