Blogansicht

Isla del Coco Expeditions-Blog

Endemische Echse Nr. 1: Flinker Fahnenschwinger

17.12.2013, 23:02 von Benutzer Sebastian Lotzkat

Wer bei einem Spaziergang auf der Kokosinsel die Augen offen hält kann sie unmöglich übersehen: Kleine, flinke, meist braune Echsen, die tagsüber allerorten herumhopsen...

maleDer helle Seitenstreifen ist ein typisches Merkmal von Anolis townsendi. Je nach Individuum und Gegebenheit können die Tiere einfarbig braun erscheinen...

male2
...oder sehr kontrastreich gemustert sein.

 

Bei diesen kleinen Hüpfern handelt es sich um eine der beiden für die Isla del Coco endemischen Reptilienarten: die Saumfingerechse Anolis townsendi (zu deutsch am ehesten Townsend's oder Kokosinsel-Anolis bzw. -Saumfinger). Die Tierchen werden bis etwa 15 cm lang, wobei rund zwei Drittel auf den schlanken Schwanz entfallen. Wie alle Anolis haben auch sie Haftlamellen (ähnlich denen vieler Geckos) unter ihren Fingern und Zehen. Mit diesen und ihren spitzen Krallen sind Saumfingerechsen exzellente Kletterer. Anolis townsendi ist zudem durch seine relativ langen Hinterbeine recht sprungstark.

foot
Anolis-Fuß von unten: die verbreiterten Lamellenfelder bilden
die namengebenden Säume - zumindest an einigen Fingern.

Der Kokosinsel-Anolis war auch die erste Echsenart der Insel, die wissenschaftlich beschrieben wurde. Bereits 1891 sammelte der amerikanische Naturforscher Charles H. Townsend, der gemeinsam mit seinem Kollegen Alexander Agassiz während einer Galapagos-Expedition einen kurzen Zwischenhalt auf der Kokosinsel einlegte, die erste Serie von Exemplaren. Neun Jahre später wurden diese dann zu den Typusexemplaren, also sozusagen dem "Eichmaß", der von Leonhard Stejneger 1900 beschriebenen und zu Ehren des Sammlers benannten Art Anolis townsendi.

Townsend's Saumfingerechse bewohnt offensichtlich alle Landlebensräume der Kokosinsel – von der Strandvegetation bis zum Nebelwald. Die Tiere sind tags aktiv und dann meist in den unteren Metern der Vegetation und am Boden unterwegs. Dabei fressen sie alles was ihren Weg kreuzt und bewältigt werden kann, ganz gleich ob es sechs, acht oder mehr Beine hat.

dewlap1      dewlap2
Männliches Territorialverhalten: An einer gegebenen Stelle angekommen wird erstmal innegehalten und sich nach möglichen Kontrahenten umgesehen...

dewlap3
Ist die Luft rein oder man fühlt sich überlegen, dann wird nach ein paar Kopfnickern die auffällige Kehlfahnt aufgespannt.

 

regenerat
Kurios: abgeworfene Schwänze regemerieren relativ häufig mit Knick
und/oder Gabelung.

 

Erwachsene Männchen ziehen dabei immer wieder durch ihr meist nicht allzu großes Revier und zeigen ihre territorialen Ansprüche, indem sie an verschiedenen Stellen ihre auffällig gefärbte Kehlfahne in einer bestimmten Choreographie zeigen. Gleichzeitig soll dies nach Möglichkeit die Damenwelt positiv beeindrucken.

Die Populationsdichte ist meistenorts sehr hoch. In geeigneten Lebensräumen scheucht man alle paar Schritte einen Anolis auf und stellenweise gewinnt man den Eindruck, dass von jedem zweiten Baumstamm ein Männchen seine Kehlfahne zeigt.

  

 

pushup
Sieht irgendwie ungemütlich aus: gerade erst aufgewachtes Männchen in üblicherweise unter Anolis eher unüblicher "Liegestütz"-Schlafstellung.

 

couple
Erwischt! Saumfinger-"Pärchen" schläft handchenhaltend an Liane.

 

Nachts schlafen alle Geschlechter und Altersgruppen wie für die Gattung Anolis üblich auf dünnen Zweigen oder Blättern. Hierbei fiel uns etwas untypisches auf: Statt dicht an ihren Zweig oder ihr Blatt angeschmiegt, wie wir es von Anolis des lateinamerikanischen Festlandes ausschließlich gewohnt sind, schliefen auffallend viele Exemplare mit gegen die Unterlage gestemmten Vorderbeinen quasi "im Liegestütz".

 

Außer der Morphologie (äußere Gestalt) einiger und der Kehlfahnen-Choreographie weniger Exemplare ist über Anolis townsendi wenig bekannt. Wir sind daher sicher, dass das von uns gesammelte Material zu einer besseren Kenntnis der morphologischen Variationen innerhalb dieser Inselart beiträgt. Unsere Fotos tun es jedenfalls schon: In der Literatur wird die männliche Kehlfahne dieser Spezies schlicht als "amber" (bernsteinfarben) beschrieben. Wir fanden hingegen die meisten Männchen mit einer eindeutig zweifarbigen Kehlfahne vor, wobei ein dunkleres orangenes Zentrum von einem helleren gelben Rand mehr oder weniger umgeben wird. Die Ausdehnung beider Elemente und ihr farblicher Kontrast zueinander scheinen dabei recht variabel, bis hin zu Individuen deren Kehlfahne einfarbig erscheint.

 

von Sebastian Lotzkat und Joseph Vargas

 

dewlap4
Am Strand der Bahía Wafer ist zu bestimmten Zeitpunkten an nahezu jedem Baum ein Flagge zeigender Saumfingermann in Stellung. Zwischendurch wird gegessen was zufällig vorbeikommt.



Vorheriger Eintrag | Nächster Eintrag

https://die-welt-baut-ihr-museum.de