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Isla del Coco Expeditions-Blog

Haarige Aliens

31.12.2013, 17:13 von Benutzer Sebastian Lotzkat

Auf der Kokosinsel gibt es derzeit mindestens sechs verschiedene Arten von landlebenden Säugetieren. Doch keine von ihnen gehört eigentlich hierher...

Bereits im Zusammenhang mit dem jüngst auf der Insel aufgetauchten Gecko hatten wir die Problematik der eingeschleppten Arten angesprochen (siehe "Invasiver Neuzugang"). Tatsächlich sind die pflanzlichen (Neophyta) und tierischen (Neozoa) Neubürger auf der Insel unmöglich zu übersehen. Da wir schon während der ersten Woche in den Buchten Wafer und Chatham nähere Bekanntschaft mit den meisten Vertretern der ausnahmslos eingeschleppten Säugetierfauna und ihrem offensichtlichen Einfluss auf die hiesigen Lebensräume machen durften, möchten wir diese hier kurz vorstellen.

Ratte       coco
Überall auf der Insel präsent und überaus flink: Ratten...                                                                 ...ernten die meisten Kokosnüsse, bevor jemand anders dazu kommt.

 

Wohl schon auf den ersten Schiffen im 15. oder frühen 16. Jahrhundert kamen Nagetiere als blinde Passagiere hier an, von denen heute eine Maus- und zwei Rattenarten für die Insel belegt sind. Während die Mäuse ein verborgenes Leben führen, sind Wanderratte (Rattus norvegicus) und die Hausratte (R. rattus) auf der Insel allgegenwärtig und selbst tagsüber oft zu sehen.

Katze
Nicht streicheln: die verwilderten Katzen sind wahrlich keine Schmusetiger.

 

Ihre jeweils mehrere zigtausend Individuen wüten nicht nur als Fressfeinde unter der heimischen Fauna, sondern verbreiten auch eingeschleppte Pflanzen wie den Kaffeestrauch über die Insel. Sehr zu unserem Leidwesen lieben sie Kokosnüsse, die sie zuerst vom Fruchtstand lösen und dann am Boden öffnen. Das erhöht einerseits die Gefahr durch herabfallende Kokosnüsse (tatsächlich haben wir noch nirgends so oft den dumpfen Aufschlag dieser Früchte hören und beobachten können) und behindert andererseits die Verjüngung der Palmenhaine.

Essensreste
Reste einer Katzenmahlzeit, die wohl aus einer Schwalbe bestand. Drumherum, wie überall auf der Insel, reichlich Rattenkot.

 

Im Jahre 1793 setzte die Mannschaft der Rattler unter ihrem Kapitän James Colnett Katzen (Felix catus) auf der Insel aus, um die bereits zur Plage gewordenen Ratten zu dezimieren. Natürlich finden diese seither in der heimischen, nicht an solche Landraubtiere gewöhnten Fauna eine wesentlich einfachere Nahrungsquelle als in den vergleichsweise verschlagenen und wehrhaften Ratten. Schon Henri Pittier bemerkte 1898, dass "...ihre Lieblingsnahrung Echsen und Vögel..." seien.

Schweine
Zwei sozusagen re-domestizierte, nicht mehr ganz so wilde Schweine:
links Diciembre, rechts dahinter sein Nachfolger Junio.

 

Colnetts Bestreben, ihren Nutzen als Versorgungsstützpunkt für nachfolgende Händler und Walfänger zu erhöhen, verdankt die Insel nicht nur diverse von ihm dort eingeführte Nutzpflanzen – er war es auch, der Schweine und Ziegen auf der Insel aussetzte. Von aktuellen Lebenszeichen der Ziegen oder sonstiger zwischenzeitlich eingeführter Schafsverwandter fehlt derzeit jede Spur. Die Schweine hingegen genießen das Inselleben in vollen Zügen.

 

diciembre
Ob Pflanze oder Tier, Frucht oder Rinde: vor einem Schwein ist nichts sicher.

 

 

Um die 500 europäische Schweine (Sus scrofa) sollen es sein, zum größten Teil gescheckt wie die Mischlinge zwischen Wild- und Hausschwein die man z.B. auf Sardinien antrifft. Diese robusten Allesfresser dezimieren ebenfalls die heimische Fauna. Darüber hinaus haben sie wohl von allen anwesenden Säugern den größten Einfluss auf die Vegetation der Insel: Allerorten pflügen sie den Waldboden – teilweise großflächig – regelrecht um und fördern so die Erosion der meist steilen Hänge, während sie gleichzeitig die natürliche Waldverjüngung verhindern.

Verwüstung
Schweinerei: hier hat vor kurzem eine Rotte im Boden nach Nahrung gesucht. Im Hintergrund erkennt man, wie dicht der Unterwuchs einst war.

 

Letzteren Einfluss üben auch die Weißwedelhirsche (Odocoieleus virginianus, besser bekannt als Bambi) aus, die wohl erst um 1935 zu Jagdzwecken eingeführt wurden. Heute zeigen sie kaum mehr Scheu vor Menschen und äsen täglich seelenruhig auf den Wiesen in Wafer Bay.

Bambi
Ein schönes Leben, auch ohne Klopfer: Weißwedelhirsche beim gemütlichen Äsen auf der Wiese vor "La Villa".

 

Nach den Seefahrern der früheren Jahrhunderte, die vor allem Nutztiere und jagbares Wild zu Zwecken der Frischfleischversorgung ansiedelten, setzten selbsternannte "Naturfreunde" mit heute überkommenen Idealvorstellungen och bis in die 90er Jahre des vergangenen Jahrhunderts diverse weitere Arten von Säugern und anderen Tiergruppen auf der Insel aus, um deren "arme Fauna zu bereichern". Die meisten dieser Arten (etwa Affen, Hunde oder Pacas) haben sich nach unserem Wissen glücklicherweise nie auf der Insel eingelebt.

totem
Schweineschädel als Neo-Totem in der Chatham-Bucht.
Den Lebenden zur Mahnung?

Die oben genannten Ratten, Katzen, Hirsche und Schweine hingegen werden wegen ihrer immensen Störung der hiesigen Ökosysteme inzwischen auf der Grundlage costaricanischer Naturschutz-Gesetzgebung als invasive Neozoen bekämpft. Diese Bekämpfung reicht vom massenhaften Aufstellen von Rattenfallen bis zur Zahlung von Kopf- bzw. Schwanzprämien an Vertragsjäger. Tatsächlich fanden wir während unserer Streifzüge in den Wäldern der Insel mehrfach Ansitze dieser Jäger mit künstlich angelegten Suhlen. Sie waren es auch, die viele der inzwischen zugewachsenen, scheinbar kreuz und quer verlaufenden Pfade in den Wäldern um die Chatham-Bucht mit Plastikbändchen markiert hatten.

Ob diese Strategien zur Ausmerzung der invasiven Säugerarten Früchte tragen werden ist, vom Weißwedelhirsch vielleicht abgesehen, unseres Erachtens zweifelhaft. Höchstwahrscheinlich bleibt die Kokosinsel ein drastisches Beispiel für das typische "die Geister, die ich rief..."-Szenario menschengemachter Veränderung natürlicher Gefüge. Ähnlich wie auf Galapagos und anderen isolierten Inselwelten haben wir es hier mit einem unvergleichlichen "Labor der Evolution" zu tun, dessen auf natürliche Weise langsam gewachsener Versuchsaufbau mittlerweile durch das Wirken unserer Spezies erheblich "verunreinigt" wurde. Wie genau sich die Vielzahl der eingeschleppten Arten auf die einheimische Flora und Fauna auswirkt ist in den meisten Fällen noch ungenügend bekannt und bleibt abzuwarten. Hier besteht jedenfalls noch enormer Forschungsbedarf!

Falle
Die Geister, die ich rief...                                                                                                                                                                            ...gehen unmöglich alle in die Falle.


von Sebastian Lotzkat und Joseph Vargas

 

 



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