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Isla del Coco Expeditions-Blog

Unter Tölpeln

02.01.2014, 17:32 von Benutzer Sebastian Lotzkat

Kurz nach unserer Rückkehr aus der Chatham-Bucht spendierte uns die Parkverwaltung eine Suchaktion der ganz anderen Art...

isla
Blick aus der Bahía Chatham nach Westen auf die Isla Manuelita, die rund 200 Meter vor dem nördlichsten Punkt der Kokosinsel aus dem Ozean ragt.

abfahrt
Abfahrt! Am flachen Strand in Wafer kein Problem.

 

Das Gros unserer Inventarisierungsarbeit hier auf der Insel fand typischerweise nachts (weil für Herpetologen in den Tropen vielversprechender) und im Wald (von dem die Insel schließlich fast gänzlich bedeckt ist) statt. Um ein vollständigeres Bild der hiesigen Herpetofauna zu erhalten wollten wir allerdings die kleinen, der Kokosinsel vorgelagerten Felsinseln mit einbeziehen. Bevor wir also wieder für jeweils mehrere Tage in weitab der Wafer-Bucht gelegene Waldstücke aufbrachen, statteten wir der größten dieser Felsinseln vormittags bei strahlendem Sonnenschein einen Besuch ab: Der Isla Manuelita am Westrand der Bahía Chatham.

 

cara
Südseite der Isla Manuelita mit der "Piratenfratze": Der Legende zufolge
entstand das verzerrte Teilgesicht, als ein berüchtigter Piratenkapitän von
diesem Felsen hinab in den Tod gestürzt wurde...

 

Schon die Anreise war für uns Landratten recht abenteuerlich. In der Bahía Wafer bestiegen wir zusammen mit Don Isaac (Parkwächter und gleichzeitig Meeresbiologe) eines der Zodiac-Schlauchboote und fuhren im gewohnten Eiltempo an das nördliche Ostufer der Isla Manuelita. Nur hier ist das Ufer der Insel, die im Grunde genommen ein einziger langer, schmaler, sehr steil aufragender Fels ist, für den Landgang geeignet. Zugegeben, das Wort Landsprung scheint eher angebracht: Unser Bootsführer fuhr einfach möglichst nah an den scharfkantigen Fels und wir sprangen hinüber.

  

Ufer
Bequem ist das nicht: Die Stelle unseres "Landsprungs"

 

 

Ab da waren wir im Reich des Federviehs: Wie alle Felsinseln hier beherbergt auch sie eine Brutkolonie von Seevögeln, in diesem Fall vor allem Tölpel, namentlich Rotfußtölpel und Weißbauchtölpel (siehe nächsten Eintrag, der ganz der Vogelwelt gewidmet sein wird). Durch die mussten wir unweigerlich durch, um ein wenig von dem steilen Fels nach unseren vierbeinigen Freunden abzusuchen...

 

Krabbe
It's a crab-eat-crab world: hübsch bunte Krabbe verzehrt kleineren Artgenossen.

 

Zuerst hatten wir noch einen Heidenrespekt, denn diese Tölpel sind ja nicht gerade klein und ihre Schnäbel nicht gerade stumpf. Schnell wurde uns aber klar dass der steile, durch den flächendeckenden Überzug mit ätzendem Vogelkot großteils bröckelige Fels die weitaus größere Gefahr darstellte. Die Tölpel sahen uns zwar durchdringend an und meckerten laut krächzend herum, machten sonst aber nichts als im Zweifelsfall wegzufliegen.

weißbauchtölpel
Verkehrte Welt: hier werden Eier vor Überhitzung geschützt statt gewärmt.

 

 

Man muss sich das ganze vorstellen wie in einer dieser typischen Fernseh-Dokumentationen über Seevogelfelsen: überall haufenweise Vögel mit Küken jeden Alters und dementsprechend alles, wirklich alles, voller Vogelkot. Den hatte die brennende Sonne schwups in Staub verwandelt, den wir mit jedem Schritt und jeder Berührung der spärlichen Vegetation aufwirbelten – lecker!

panorama
Endlich oben! Blick entlang des schmalen Felsrückens der Isla Manuelita nach Süden auf die Kokosinsel. Links Bahía Chatham, rechts Isla Pájara und Bahía Weston.

Grashorst
Das endemische Gras Chloris paniculata ist eine von nur zwei Arten von
Blütenpflanzen auf der Isla Manuelita. An der Basis der sehr dichten Horste
sammeln sich abgestorbene Blätter und bilden mit anderem organischen
Material den einzigen schattigen Rückzugsort für Geckos und ihre Nahrung.

 

In den gut zwei Stunden unseres Aufenthaltes schafften wir es bei der gebotenen Vorsicht gerade so, einmal auf den schmalen Felskamm der Insel hinauf- und dann wieder hinunterzukraxeln. Auf dem Weg machten wir nicht nur hunderte von Vogelfotos, sondern suchten auch alle Oberflächen und erdenklichen Verstecke (von denen es auf Manuelita kaum welche gibt) nach Echsen ab.

 

female
Premiere: dieses Kugelfinger-Weibchen von der Isla Manuelita ist der erste
zweifelsfreie Nachweis einer Echse von einer der Felsinseln.

 

 

 

 

Erst während des Abstieges fanden wir in einem der hier und da am Fels klebenden Grashorste dann tatsächlich noch, was wir gesucht hatten: drei Geckos, Ein Weibchen und zwei noch sehr kleine Jungtiere. Dieser Fund ist – von anekdotischen Erzählungen mal abgesehen – der erste wissenschaftliche Nachweis des Vorhandenseins von Sphaerodactylus pacificus, genauer genommen sogar überhaupt irgendeiner Echse, auf einem der vorgelagerten Inselchen.

 

juvenile
Klein und braun sein hat auch Vorteile: Eines der winzigen Jungtiere von Sphaerodactylus pacificus zwischen den abgestorbenen Blattbasen "seines" Horstes.

 

Den tagaktiven Anolis konnten wir übrigens auch während eines zweiten Besuches kurz vor unserer Heimreise nicht aufstöbern. Allerdings räumen wir ihm auf diesem Fleckchen Fels aber auch keine große Überlebenschance ein – es gibt hier einfach zu viele hungrige Schnäbel...

 

karte
Karte der Kokosinsel mit den im Text erwähnten Orten. Küstenlinie und ungefähre Höhenlinien digitalisiert von Peter Minton, EVS Islands.

 

von Sebastian Lotzkat und Joseph Vargas



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