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Isla del Coco Expeditions-Blog

Auf dem Dach der Insel

23.01.2014, 08:51 von Benutzer Sebastian Lotzkat

Zwei Nächte nach unserer Rückkehr aus den Llanos verließen wir den relativen Luxus der Bahía Wafer schon wieder. Diesmal ging es einfach immer bergauf...

 

Wafer
Traumhaft... Blick vom entwaldeten Bergrücken nach Nordwesten auf die rund 150 m tiefer gelegene Bahía Wafer.

cyathea
In offenen Bereichen in Küstennähe ist die endemische Cyathea nesiotica
der prägende Baumfarn. Im Hintergrund liegt der Strand von Wafer.

 

 

...denn unser letzter Trip führte uns nach Westen, auf die höchsten Berge der Insel: Den über 500 m hohen Cerro Pelón und den mit ihm durch einen schmalen Grat verbundenen Cerro Iglesias, der mit 600 m den höchsten Gipfel der Insel darstellt. Auch diesen Weg hatten wir direkt nach unserem Aufenthalt in Chatham schon kennengelernt und hier und da wieder freigemacht.  

 

Anders als an jenem diesigen Tag stiegen wir diesmal die ersten 200 Höhenmeter durch offenes Gelände bei strahlendem Sonnenschein hinauf und wurden mit einer atemberaubenden Aussicht auf die Umgebung der Wafer-Bucht belohnt. Die Sicht blieb auch weiterhin ungewohnt klar und bot uns hier und da schöne Blicke über die Llanos und auf den Ozean im Süden und Norden der Insel.

 

Südblick
Zeltplatz mit Aussicht! Von links nach rechts: Cerro Jesus Jimenez,
Tal des Río Iglesias, südliche Ausläufer des Cerro Iglesias.

 

 

 

 

 

Nach etwa drei Stunden Aufstieg erreichten wir den Gipfelbereich des langgestreckten Höhenzuges des Cerro Pelón. Etwa 480 m über dem Meeresspiegel schlugen wir unser Camp in der Nähe des höchstgelegenen uns bekannten Baches auf. Wegen der Knappheit halbwegs ebener Flächen mussten wir uns diesmal mit einem weniger geräumigen Vorraum begnügen.

Die Abstriche in puncto Komfort wurden aber durch das Panorama mehr als wettgemacht: neben einem Teil der Llanos und dem sie östlich begrenzenden Cerro Jesus Jimenez blickten wir direkt durch das tief eingeschnittene Tal des Río Iglesias, der sich vom gleichnamigen Berg in die gleichnamige Bucht ergießt. Aus letzterer drang sogar das Donnern der großen Wellen bis zu uns herauf.

Camp
Unter Farnen: unser recht beengtes und leicht geneigtes Camp auf dem Cerro Pelón.

Farn
Vor allem Lebermoose bedecken jede verfügbare Oberfläche.
Da muss man als höhere Pflanze ständig neue Blätter austreiben – die dann,
kaum dass sie sich entfaltet haben, wiederum von Moosen besiedelt werden...

 

 

Hier waren wir schon mitten in echtem Nebelwald, der zu den absoluten Besonderheiten der Insel gehört. Während diese Vegetationsform auf dem Festland frühestens ab 1000, meist aber erst ab 1500 m Meereshöhe anzutreffen ist, bieten die immensen Massen feuchter Meeresluft auf der Isla del Coco die nötige Humidität um den Wald schon ab etwa 450 m fast durchgehend in Wolken zu hüllen. Dementsprechend ist jede Oberfläche mit dicken Moospolstern überzogen, in denen eine Vielzahl weiterer Epiphyten wächst. Und die Farne stehen noch dichter gedrängt als in den tieferen Lagen.

 

Hautfarn
Die Blätter von Hautfarnen sind nur eine einzige Zellschicht dick. Deswegen
findet man diese zarten Pflänzchen nur an dauerfeuchten Standorten.

 

 

In puncto Bewölkung war der Tag unserer Ankunft allerdings eine große Ausnahme, so dass wir auch unsere abendliche Suche vollkommen trocken durchführen konnten. Diese führte uns an Heerscharen putziger Tierchen mit vier oder mehr Beinen vorbei bis zur waldlosen westlichsten Kuppe des Cerro Pelón, auf der ein Holzschild mit dem Namen dieses Berges dem Finder seinen Aufenthaltsort bestätigt.

Nebelwald
Märchenhaft... Der Nebelwald des Cerro Iglesias entlang des Weges zum Gipfel. Unter dem endemischen Sacoglottis holdridgei bildet der ebenfalls endemische Baumfarn Cyathea alfonsiana im Unterwuchs sozusagen ein zweites Kronendach.

Gipfel
Geschafft! Auch der höchste Gipfel der Kokosinsel ist beschildert.
Benannt ist er nach Rafael Iglesias Castro (1861–1924), der von 1894–1902
Präsident von Costa Rica war und als solcher zwei wissenschaftliche
Expeditionen auf die Insel entsandte. Erst im letzten Jahr seiner Amtszeit
begann er, seinen Nachnamen mit "Y" zu schreiben.
Wir als ernsthafte Taxonomen müssen diese Schreibweise daher als so
genanntes Junior-Synonym ablehnen.

 

 

Am nächsten Morgen weckte uns der Nebelwald, wie er es üblicherweise zu tun pflegt: mit konstantem Tröpfeln auf unsere Plastikplane und dem Rauschen der Baumkronen. Dazu kamen noch die seltsam gutturalen Laute des Kokos-Kuckucks, der etwa eine Viertelstunde lang wenige Meter neben unserem Zelt verschiedene Äste probesaß ohne sich wirklich von uns stören zu lassen. Alles in allem doch sehr zauberhaft...

 

townsendi
Hier oben auf den Bergen sind die Kokos-Saumfingerechsen in der Regel 
wesentlich kontrastreicher gemustert als in den tieferen Lagen...

 

 

 

 

 

Bald nach dem Frühstück brachen wir zum Cerro Iglesias auf und verbrachten den Rest des Tages in dessen Gipfelbereich. Nach Einbruch der Dunkelheit gingen wir langsam suchend zurück zum Camp und durften dabei den Nebelwald noch ein letztes Mal in Bestform erleben: Während eigentlich nur Wolken bzw. Nebel vom Wind durch die Baumkronen getrieben werden kämmen letztere so viel Wasser aus ersteren heraus, dass es unter den Bäumen wahrhaftig stark regnet. Alles trieft und tropft, ist weich und moderig, und alle paar Meter wandert der Schein der Stirnlampe über eine botanische Besonderheit oder ein für Europäer seltsam anmutendes Tier.

 

Doch auch von diesem wunderbaren Wald mussten wir uns bald wieder verabschieden. Diesmal wirklich schweren Herzens stiegen wir bei inseltypischem (also regnerischem) Wetter wieder in die Bahía Wafer ab, wo uns nun nur noch wenige Tage bis zur Abreise blieben.

  

Sphaerozinho
...und die Kugelfingergeckos erfreuen uns mit einer weiteren Zeichnungsvariante

 

Karte
Karte der Kokosinsel mit den im Text erwähnten Orten. Küstenlinie und ungefähre Höhenlinien digitalisiert von Peter Minton, EVS Islands. 

 

 

von Sebastian Lotzkat und Joseph Vargas



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