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BOMBENSTIMMUNG IN LAOS? NEIN, DANKE! (Fire works in Laos? No, thank you!)

24.01.2014, 09:27, Kommentare 2 Kommentare

Schule Ban Na DeuaEnglish version below

„Sabai di! Tham mi bo? Ju sai?“ Mein Laotisch ist nicht berauschend, für einige basale Redewendungen und Fragen reicht es aber. Am Straßenrand fragen wir nach Höhlen, in denen wir Spinnen suchen können. Zum einen bieten die Höhlen eine interessante weil meist endemische Fauna, zum anderen bieten sie ein wenig Kühle in der mittäglichen Hitze. Der Gegenüber ist aus Thailand, antwortet auf fast akzentfreiem Deutsch. Wir wundern uns, er erklärt: sein Arbeitgeber und Vorgesetzter ist aus Deutschland. Er arbeitet einen Steinwurf entfernt auf dem Feld vor einer typischen Schule und er lädt uns ein mitzukommen.

Gewöhnt an solche spontanen Begegnungen in diesem so gastfreundlichen Land sagen wir gerne zu. Rings um das aus zwei Klassenräumen bestehenden Holzgebäude arbeiten etwa ein halbes Dutzend Laoten, bewaffnet mit Metalldetektor, kleinen roten Fähnchen. Aus dem Schulgebäude dringen Kinderstimmen, es ist Unterricht. Es ist eine skurrile Situation: hier der Unterricht für die nächste Generation, dort die gefährlichen Hinterlassenschaften der letzten und vorletzten Generation.

Der sogenannte „Geheime Krieg“ der Amerikaner gegen Juergen HinderlichLaos machte das Land zum am meisten bombardierten Land der Welt. Es gibt diverse Zahlen, die das eindrücklich belegen. Mir reicht die Tatsache, dass heute immer noch Bauern bei der Feldarbeit, Frauen beim „Altmetall sammeln“ oder Kinder beim Spielen umkommen.

„Hinderlich, du kannst Jürgen zu mir sagen.“ Jürgen ist einer von zwei Teamleitern von SODI, die Laoten ausbilden, vor allen Dingen Streubomben ausfindig und unschädlich zu machen. Solange die etwas mehr als Tennisball-großen Metallklumpen im Boden sind, ist es unbedenklich auf der Oberfläche zu laufen. Aber wehe, wenn man gegen eine aktivierte Bombe tritt. Dann kann auch noch nach Jahrzehnten ein Mensch in Stücke gerissen werden.

Nachdem die Mine-Sweeper ein Signal erhalten, werden die Stellen zunächst mit den Fähnchen markiert. Danach wird Streifen für Streifen (ebenfalls säuberlich markiert) abgearbeitet und die Bomben vorsichtig freigelegt, bis sie nur noch auf einem kleinen Erdsockel liegen. Am Ende des Tages, wenn die Schule aus ist, sammeln Arbeiter alle Bomben, und in einer Sprenggrube werden sie durch eine kontrollierte Explosion unschädlich gemacht.

Diesen Tag werde ich nicht vergessen, da mir die Gefahr der sogenannten UXO (unexploded ordnance) nie so deutlich vor Augen geführt wurde. Wir verabreden uns für den nächsten Tag an einer anderen „Baustelle“ und fahren jetzt erst einmal zu einer Höhle, um unsere Arbeit für den Tag fortzusetzen. Am Abend werden wir dann eingeladen, lernen neben Jürgen Hinderlich auch Robby Dehondt, seinen belgischen Kollegen und weitere Kollegen aus Laos kennen. Neben unseren Fragen zum Bombenräumen geht es dann auch um alltägliche Themen, ein kühles Bier am Abend eines heißen Tages darf schließlich auch nicht fehlen.

Am zweiten Tag in Lak Sao fahren wir gemeinsam mit Jürgen und Robby zum Arbeitsgebiet an der sogenannten Hospital Cave. Hier haben sich Laoten im Vietnam-Krieg in Höhlen vor den amerikanischen Luftangriffen verschanzt. Für uns Biologen eine dramatische Verquickung, finden wir doch beim Erforschen der Höhlenfauna immer wieder Überreste wie Ampullen und Spritzen, die an die schlimme Zeit erinnern. Bei einer Sprengung von Streubomben draußen im Gelände spüren wir, welche ungeheure Kraft bei der Detonation frei gesetzt wird und welchen Gefahren die Arbeiter ständig ausgesetzt sind. Ich bewundere diese Menschen, die ihr Leben riskieren, um anderen zu helfen. Ich beschließe, neue Spinnenarten nach den beiden zu benennen, damit ihre Namen niemals vergessen werden.

Zu der Zeit weiß ich noch nicht, dassArgiope hinderlichi ich auf dieser Expedition eine neue Wespenspinnenart gesammelt habe. Genau die heißt heute Argiope hinderlichi und erinnert mich immer wieder an die eindrucksvollen Begegnungen mit dem mutigen Team der Bombenräumer.

Peter Jäger, Senckenberg Forschungsinstitut Frankfurt

  


 

 

 FIREWORKS IN LAOS? NO, THANK YOU!

“Sabai dee! Tham mee bo? Yu sai?” My Laotian is far from impressive, but I can get by with a few basic expressions and questions. On the side of the road we inquire about caves where we may search for spiders. On the one hand, caves offer an interesting fauna, since it is often endemic, and on the other hand they offer some cool relief from the midday heat. The person I speak to replies in almost accent-free German. We are astonished, and he explains that his employer and boss is from Germany. He works in the field in front of a school, only a stone’s throw away, and invited us to follow him.

Used to such spontaneous encounters in this extremely hospitable country, we gladly agree. All around the wooden building, which constitutes two school rooms, about half a dozen Laotian men are busy working with metal detectors and little red flags. Children’s voices can be heard from the school building, a lesson is under way. It is a bizarre situation: on the one side, a new generation is educated, on the other side there is the dangerous heritage from the two previous generations. America’s so-called “secret war” against Laos has made the country one of the most intensely bombed countries in the world. This is impressively documented by a variety of figures. All I need is the fact that even today there still are farmers who die while working their fields, women die while collecting “scrap metal” and children are killed while playing outside. “Hinderlich, but you can call me Juergen.” Juergen is one of the two team leaders from SODI who train Laotians, primarily to detect and disarm cluster bombs. As long as the metal chunks, which are slightly bigger than a tennis ball, remain below the soil surface, you can walk on top of them without danger. But woe to those who happen to step on an activated bomb. Even after decades, they can tear a person to pieces.Bombe in Laos

Once the mine sweepers receive a signal, they first mark the respective location with a little flag. Then the area is carefully examined strip by strip (and again diligently marked) and the bombs will be carefully exposed until they rest on just a small earthen pedestal. At the end of the day, once school is out, the workers collect the bombs and disarm them with a controlled explosion in a demolition pit.

I will never forget this day, since I had never before been exposed so clearly to the danger of this so-called UXO (unexploded ordnance). We agree to meet the following day at another “construction site” and drive to a cave to continue our day’s work. In the evening we receive an invitation, and besides Juergen Hinderlich we also meet Robby Dehondt, a colleague from Belgium, and other colleagues from Laos. In addition to our questions about bomb disposal we also address everyday topics, and this wouldn’t be complete without an evening beer after a hot day.

On our second day in Lak Sao we drive with Juergen and Robby to our work area in the so-called Hospital Cave. Here, Laotians were entrenched in caves during the Vietnam War to avoid the American air attacks. This is a dramatic combination for us biologists, since during our exploration of the caves we repeatedly discover the remains of ampoules and syringes, stark reminders of those horrible times. During the detonation of cluster bombs we experience the incredible force that is released during the explosion and realize the extent of the danger constantly faced by the workers. I admire them and decide that I will name a couple of new spider species in honor of those two.

At this time, I am not yet aware that I have actually collected a new species of wasp spider during this very expedition. It is now called Argiope hinderlichi and continues to remind me again and again of the impressive encounter with this courageous team of bomb disposal experts.


Peter Jaeger, Senckenberg Research Institute Frankfurt

 

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