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Arachno-Blog

Nat Ma Taung – Spinnenforschung in Myanmar (Nat Ma Taung – Spider Research in Myanmar)

28.11.2014, 08:37

English version below.

Pristine forest at Nat Ma Taung

Wie schon 1997 fragt mich mein Doktorvater: „Hast du Lust, für einen Kollegen einzuspringen und mich auf einer Forschungsreise nach Myanmar zu begleiten?“ Damals ging es nach China, in vier Wochen zwischen 1300 und 3000 Metern nahm ich als junger Student und unerfahrener Reisender sieben Kilo ab. Trotzdem war ich von dieser Initialreise infiziert und danach weitere vier Mal in China und elf Mal in Laos sowie in weiteren Ländern wie Indien, Thailand, Malaysia und Singapur. Die Spinnenfauna vor Ort zu erforschen, die Ergebnisse einer Reise später unter dem Binokular zu betrachten und neue Arten zu beschreiben, ist der faszinierende Teil meiner Forschungsarbeit.

Ich zögere keinen Moment und sage sofort zu, im KopfChin woman schiebe ich bereits Termine hin und her. Es bedarf nur weniger Telefonate und Treffen, dann stehen Datum und Reiseziel: der Nat Ma Taung (besser bekannt als Mount Victoria) im südlichen Chin-Staat wird unser Ziel sein. Zwei Wochen lang wollen wir dort im Mai (hoffentlich vor Einsetzen der Regenzeit) die Fauna erforschen. Vor allem die verschiedenen Höhenstufen sollen im Vordergrund stehen. Als südlicher Vorposten der himalayanischen, an höher gelegene Lebensräume angepassten Fauna beherbergt der Berg Endemiten, Arten, die es nur hier und sonst nirgendwo im Umland gibt. Ich bin gespannt, ob das auch für die Spinnen zutrifft.

Beide, Jochen Martens und ich, haben keinerlei Erfahrungen mit diesem Land, planen die Reise mit wenigen Tipps von Kollegen, die schon mal dort waren. So verwerfen wir eine vorgebuchte, aber sehr teure Tour, sondern nehmen in Kauf, dass wir vor Ort organisieren müssen. Es geht von Frankfurt nach Rangun [Yangon trifft die lokale Aussprache besser]. Von dort buchen wir einen Flug nach Bagan, in die Pagodenstadt. In einem Hotel treffen wir uns noch am selben Abend mit einem Reiseveranstalter, der uns am nächsten Morgen mit dem Jeep nach Kampetlet [ausgesprochen: Kampellet] bringt. Ein ehemaliger Nationalparkleiter hat ein Resort eröffnet, es liegt auf 1700 Meter und ist idealer Ausgangspunkt, um die Höhenstufen bis zum Gipfel zu erkunden.
In den kommenden zwei Wochen werden wir zu Fuß oder mit dem Motorrad an für uns neue Orte gelangen, um hauptsächlich Spinnen und Weberknechte zu fangen. Es ist immer wieder ein einmaliges und besonderes Gefühl, wenn man zum ersten Mal Lebensräume untersucht, auch mit der Gewissheit, unbeschriebene Arten zu finden. An diesem Gefühl hat sich von Darwin und Humboldt bis heute wenig verändert.

Nat Ma Taung bulldozer

Als wir unsere erste Tour zum Gipfel mit den Führern des Nationalparks machen, sind wir zunächst ernüchtert. Zu Beginn der Regenzeit sind weite Landstriche trocken, von Kiefern besiedelt, ohne jeglichen Unterwuchs. Unter der Nadelschicht….verkohlte Erde! Dass Brände am ach so sagenumwobenen Mount Victoria solch starken Einfluss haben, das hätten wir uns nicht vorgestellt. Wie sich später herausstellt, ist es neben den natürlichen Feuerquellen wie Blitze und das Aneinanderreiben von Zweigen in der Trockenzeit hauptsächlich der Mensch: seit jeher brennen die Bewohner, um mit dem frisch austreibenden Gras Wild zur Jagd anzulocken. Heute sind es vor allem die Brandrodung und die Baustellen bzw. die Feuer der Wanderarbeiter entlang der Straße, die der natürlichen Vegetation für lange Zeit den Garaus machen.
Von diesem Schock erholt machen wir uns dann vermehrt in den natürlichen Eichen- und Rhododendronwäldern auf die Suche und werden nicht enttäuscht! Ich finde in den verschiedenen Höhenstufen fünf verschiedene und, wie sich später im Labor herausstellt, unbeschriebene Pseudopoda-Arten. Diese Gattung war Hauptgegenstand meiner Dissertation vor mehr als zehn Jahren. Die Evolution hinterließ ganze Artenschwärme im Himalaya, insgesamt 49 neue Arten beschrieb ich 2001 aus gebirgigen Regionen v.a. in Südasien. Dabei war die stark ausgeprägte Höhenzonierung und  einnischung besonderes Merkmal der Gattung. Das scheint sich auch am Nat Ma Taung zu bestätigen. Allerdings lassen sich die Arten keiner bisher bekannten Artengruppe zuordnen, sondern stellen mit ihren einmaligen Strukturen der Kopulationsorgane völlig isolierte Linien dar.

Aber auch andere Spinnenfamilien warten am Nat Ma Taung mit Überraschungen auf. Da ist die Wolfsspinne, die eigentlich keine ist. Zwei Weibchen finde ich am Ufer eines kleinen Bachlaufs, jeweils mit einem Kokon an die Spinnwarzen geheftet. Das allein ist in dieser Region Alleinstellungsmerkmal für die Lycosidae oder Wolfsspinnen. Als ich das Foto auf Facebook poste, kommt umgehend ein Kommentar aus Japan: das kann nur eine Trechaleidae sein. Diese TRechaleidaeFamilie kommt ausschließlich in Amerika vor, daher hatte ich sie nicht auf meinem Radar. Allerdings gibt es eine Art in Japan. Der Fund am Mt. Victoria ist also eine kleine Sensation und der Erstnachweis für Südostasien.
Aus der Familie der Kammspinnen (Ctenidae) hatte ich im Jahr 2012 eine Art von diesem Berg beschrieben, ein einzelnes Männchen, 1937 gesammelt. Dieses Mal ist die Ausbeute reichhaltiger. Einige Arten, darunter das bisher unbekannte Weibchen von ebendieser Ctenus cladarus.Argiope pulchelloides female

So sind es meist nur kleine Puzzleteile wie im Fall der Wespenspinne Argiope pulchelloides. Diese war 1989 aus Sichuan, China beschrieben worden. Auf dem Mt. Victoria konnte ich Männchen und Weibchen dieser hübschen Art in einem Netz nachweisen, das bekannte Verbreitungsgebiet wird so um einiges nach Südwesten erweitert.

Auswertungen im heimischen Senckenberg-Labor werden weitere Erkenntnisse bescheren, da bin ich mir sicher. Und so macht jede Reise und ihre Mitbringsel Appetit auf mehr Forschungsreisen in unbekannte Gebiete, um die Vielfalt unseres Planeten zu entdecken.


 

 

Nat Ma Taung – Spider Research in Myanmar

canopy at Nat Ma TaungJust like he did in 1997, my thesis supervisor asks me, “How would you like to fill in for a colleague and join me on a research trip to Myanmar?” Back then, our destination was China, and as a young student and inexperienced traveler I ended up losing 7 kilos in four weeks, traveling at elevations between 1300 and 3000 meters. Nevertheless, I caught the bug on this initial journey and kept traveling – four additional trips to China, eleven to Laos, and journeys to many other countries, including India, Thailand, Malaysia and Singapore. To explore the local spider fauna on site and to later study the results under a binocular microscope and describe new species - that is the most fascinating part of my work as a researcher.

Thus, I do not hesitate for a second and immediately agree, already juggling travel dates in my head. A few telephone calls and meetings later, our date and destination have been set: we will travel to Nat Ma Taung (better known as Mount Victoria) in the southern Chin State. For two weeks in May (hopefully before the onset of the rainy season) we plan to explore the local fauna. Our main focus will be on the life zones at different elevations. As a southern outpost of the Himalayan fauna, which is adapted to higher elevation habitats, the mountain is home to a number of endemics, i.e., Pseudopodaspecies that only occur here and nowhere else in the area. I am curious if this will be true for spiders, as well.
The two of us, Jochen Martens and myself, have no prior experience with this country and plan our journey based on a few tips from colleagues who have visited here before. We reject the idea of a pre-planned, but very expensive tour and accept the fact that we will have to organize our trip on location. From Frankfurt, we fly to Rangoon (or Yangon, which more correctly matches the local pronunciation). From there, we book a flight to Bagan, the city of pagodas. That same night, we meet with a tour operator at our hotel who will take us by jeep to Kampetlet (pronounced Campellet) the next morning. A former National Park warden has opened a resort there, which is located at an elevation of 1700 metres and serves as an ideal starting point for excursions through the various altitudinal zones toward the peak.Scutigeromorpha with prey

During the next two weeks we will travel to new locations on foot or by motor bike, mainly in order to collect spiders and harvestmen. As always, it is a unique and special experience to explore a habitat for the first time, knowing that you may find new, undescribed species. This experience has changed very little since the days of Darwin and Humboldt.
Our first trip to the peak with our National Park guides is somewhat sobering. Right before the rainy season, large stretches of the countryside are dry, covered with pine forest lacking any undergrowth. Below the pine needles, we find burnt soil! We never expected that fires played such a significant role around the legend-clad Mount Victoria. As we find out later, besides the natural fire sources such as lightning and the rubbing together of branches during the dry season, many of the fires are caused by humans: for centuries, the locals have set fires and used the newly sprouting grass to lure in game species for hunting. Today, it is mainly slash-and-burn practices and the construction of roads and the fires of migrant workers that destroy the vegetation for long periods of time.

Once we recover from the initial shock, we concentrate our search on the natural oak and rhododendron forests, and we are not disappointed!  The various altitudinal levels yield five different species of Pseudopoda, which during subsequent studies in the lab turn out to be undescribed. This genus was the main subject of my dissertation more than ten years earlier. Evolution led to entire species flocks in the Himalayas; in 2001, I was able to describe a total of 49 new species from the mountainous regions, primarily in Southern Asia. Strongly developed vertical zoning and establishment of niches at various altitudinal levels proved to be a special feature of this genus. This also appears to be the case at Nat Ma Taung. However, so far the species cannot be assigned to any known species group; with their uniquely structured copulation organs, they appear to represent completely isolated lineages.

peak Nat Ma Taung

But there are other spider families, as well, that hold surprises for us at Nat Ma Taung. Such as the wolf spider that really isn’t one. I find two females on the banks of a small creek, each with a cocoon attached to its spinneret. In this region, that alone is a unique characteristic of the Lycosidae, or wolf spiders. But when I post the photo on Facebook, I immediately receive a comment from Japan: this must be a member of the Trechaleidae. This family is restricted to the Americas; therefore, it did not even show up on my radar. However, there is a single species from Japan. The discovery on Mt. Victoria thus represents a small sensation and a first record from Southeast Asia.

In 2012, I described a species from the family Ctenidae (Wandering Spiders) from this mountain – a single male collected in 1937. This time, the yield is more extensive: we find several species, including the previously undescribed female of that very species, Ctenus cladarus.

Mostly, we deal only with a few small puzzle pieces, as in HIppasas mother with offspringthe case of the wasp spider Argiope pulchelloides. This species was described in 1989 from Sichuan, China. I am able to confirm males and females of this handsome species in a web, thereby extending their known distribution well toward the southwest.

The analyses in the Senckenberg laboratory back home will reveal additional findings – I am certain of this. Thus, every journey with its souvenirs wets our appetite for additional research expeditions to unknown areas in order to discover the diversity of our planet.



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