Blogansicht

Bei Überlebenskünstlern am Ende der Welt // Among survival artists at the end of the earth

Welche kulinarischen Genüsse bietet die Antarktis? // What Culinary Delights does Antarctica Hold?

24.01.2016, 17:40, Kommentare 2 Kommentare

Essen hat in der Ab- und Eingeschlossenheit der Antarktis eine große Bedeutung für die Gemütsverfassung. Als tagtägliches Grundbedürfnis natürlich eine noch größere als die wöchentlichen Kino- oder Tanzvergnügen. Wie werden wir auf der argentinischen Carlini-Station versorgt?

Speisesaal auf Carlini (c) Birgit Kanz
Speisesaal auf Carlini (c) Birgit Kanz

Frühstück

Wir essen in der Regel im Haupthaus (‚Casa principal’). Hier kocht ein professioneller Koch. Heute sind Elisa und ich dort ‚Maria’. Das ist hier die wenig frauenfreundliche Bezeichnung für den Küchendienst. Der Dienst routiert und bezieht alle Anwesenden (inkl. Soldaten, die auch für den Tag Maria heißen) ein, um dem Küchenteam für einen Tag zur Hand zu gehen. Um 7:30 Uhr stehen wir bereit und bekommen erst einmal selbst Frühstück: Mate-Tee und frisch gebackene Tortas fritas, das sind in Öl ausgebackene Hefeküchlein. Kurz nach 8 Uhr wird die Glocke zum Frühstück für alle geschlagen. Es hat sich schon eine Warteschlange gebildet, und diese defiliert nun am Buffet vorbei. Darauf sind Kuchen, frisch gebackenes Weißbrot und Tortas fritas sowie Kaffee, Tee, Saft und Wasser bereit gestellt. Manchmal auch Joghurt. Sind alle fertig, räumen wir ‚Marias’ die Tische ab, spülen, räumen auf und fegen. Der Wasser- und Spülmittelverbrauch wird natürlich so gering wie möglich gehalten.

Zentrales Lebensmitteldepot auf der Carlini-Station (c) Ramón Santos
Zentrales Lebensmitteldepot auf der Carlini-Station (c) Ramón Santos

Mittag- und Abendessen

Für das Mittagessen um 13 Uhr  haben sie uns zu früh einbestellt und so bleibt Zeit für einen Plausch mit dem Koch. Er ist ein Koch auf Reisen und hat schon auf etlichen Antarktisstationen gearbeitet. Auf Carlini gefällt es ihm aber am besten, da hier der Frauenanteil am höchsten sei – wegen des Tanzens versteht sich. Außerdem wechselt hier die Besetzung häufiger. Es herrscht ein beständiges Kommen und Gehen auf Carlini. Das gestaltet den Aufenthalt für Überwinterer natürlich abwechslungsreicher.

Zentrales Lebensmittellager auf Carlini (c) Ramón Santos
Zentrales Lebensmittellager auf Carlini (c) Ramón Santos

Es gibt sowohl mittags als auch abends warmes Essen. Das Spektrum ist relativ eng und auf jeden Fall zuverlässig fleischlastig. Frisches Gemüse ist natürlich Mangelware, denn nur alle paar Wochen bringt ein Schiff neue Lebensmittel. Es gibt trotzdem zwei oder drei hartgesottene Vegetarier unter uns. Manchmal sind sie um ihre alternativen Mahlzeiten zu beneiden, manchmal macht der Mangel den Koch jedoch auch allzu erfinderisch, zum Beispiel wenn er ihnen Spaghetti mit Roter Bete aus der Dose oder trockenem Reis mit Parmesan serviert.

Für die anderen gibt es Fleisch in allen Varianten: mal mit Pasta, mal mit Reis, mal mit Gemüse; gekochtes Fleisch, gebratenes Fleisch, Hauptsache Fleisch. Es hätte hier auch einmal Fisch gegeben, erzählt mir ein argentinischer Kollege, aber den habe kaum jemand gegessen. Man sei es in Argentinien gewohnt, Fleisch zu essen. Damit gehen für uns Europäer zwei Sachverhalte eine unglückliche Verbindung ein: argentinische Gewohnheiten und eingeschränkte Vorratshaltung. Dem Fleisch ist oft Chorizo beigemischt, das sind gekochte grobe Würstchen aus gemischtem Schweine- und Rindfleisch spanischer Art. Das Essen ist dadurch tendenziell übersalzen. Bei empfindlichen Überwinteren führt das zu erhöhtem Blutdruck, erzählte mir eine Überwinterin. Da die Überwinterer aber monatlich ärztlich untersucht werden, können sie bei Auffälligkeiten versuchen, sich da und dort einer Speise zu enthalten, was aber nicht leicht ist. Durchdacht und ausgewogen ist die Ernährungsweise beim argentinischen Militär also eindeutig nicht. Meiner Meinung nach steckt da noch viel ungenutztes Potenzial drin.

 Hinterseite des Dallmann-Labors mit eigenem Lebensmittel-Depot (c) Birgit Kanz
Hinterseite des Dallmann-Labors mit eigenem Lebensmittel-Depot (c) Birgit Kanz

Wir im Dallmann sind deshalb froh, in unserer eigenen Küche mit eigenen Lebensmitteln - bei Bedarf und soweit vorhanden ergänzt durch Beigaben aus dem argentinischen Depot - nach eigenem Gusto selber kochen zu können. Allerdings verfügen wir ebenso wenig über frische Lebensmittel. Somit ist Essen latent immer Gesprächsthema. Vor ein paar Tagen haben wir uns einen Apfel und eine Apfelsine zu neunt geteilt ....

Vorratszwischenlager im Dallmann-Labor (c) Birgit Kanz
Vorratszwischenlager im Dallmann-Labor (c) Birgit Kanz

Zwei Abendessen in der Woche heben sich vom Rest ab: donnerstags gibt es Empanadas, das sind mit Fleisch(!) oder mit Käse und Mais gefüllte Teigtaschen, und samstags Pizza. Dann wird auch nicht in gewohnter Tischordnung gegessen, sondern die Tische werden zu einer langen Reihe zusammengeschoben. Die ‚Marias’ gehen mit Tabletts umher und verteilen die Empanadas bzw. Pizzen. Samstags wird dazu Rot- und Weisswein angeboten. Hat Dallmann genügend Bier vorrätig, wird davon auch schon mal eine Runde für die gesamte Station gestiftet. Das Samstagabendessen beginnt nicht, ohne dass der Stationschef zur Räson hinsichtlich des Alkoholkonsums aufruft und das Ende des Samstagabends festlegt. Schließlich sind wir bei Militärs hier. Das vergisst man immer wieder, weil hier niemand in Uniform herumläuft. Besonders bei widrigem Wetter kann es auf dem Heimweg aber tatsächlich gefährlich werden. Da ist im alkoholisierten Zustand schnell mal ein Fuß in Eis und Schnee falsch gesetzt.

Weihnachtsbuffet auf Carlini (c) Elisa Lagostina
Weihnachtsbuffet auf Carlini (c) Elisa Lagostina

Weihnachtsbuffet auf Carlini (c) Elisa Lagostina
Weihnachtsbuffet auf Carlini (c) Elisa Lagostina

Weihnachten und Silvester auf Carlini

Dieses Jahr fielen Heiligabend und Silvester auf Donnerstage, sprich: Empanadas-Tage. Da sich hier in der Antarktis Raum und Zeit auflösen, habe ich mittlerweile Mühe einzelne Donnerstage, Samstage und Feiertage auseinander zu halten. Nach meinem Gefühl gab es eine Zeitlang ständig Buffets mit Empanadas und/oder Pizzen, mal ohne, öfters mit Tanz. Dass dabei irgendwo ein kleiner Plastik-Tannenbaum nebst Weihnachtsmann in der Ecke herumstand, habe ich nur am Rande wahrgenommen. Eine besondere bzw. mir vertraute Weihnachtsstimmung verspürte ich also nicht. Dass es eine Weihnachtsmesse gegeben hatte, hatte ich gar nicht mitbekommen. Heiligabend und Silvester stachen nur insofern heraus, als dass um Mitternacht der Countdown am Fernseher verfolgt und um 0 Uhr mit Cidre angestoßen wurde. Bis sich alle 90-100 Anwesende abgeküsst hatten, war eine gute Weile vergangen. Danach ging die Feier in Tanz zu argentinischen Rhythmen über. Um fünf Uhr wurde die Party beendet, weil am nächsten Tag vormittags ein Boot zu beladen war.

 Weihnachten – Kindersegen bei den Eselspinguinen (c) Birgit Kanz
Weihnachten – Kindersegen bei den Eselspinguinen (c) Birgit Kanz

Hier bloggt:
Dr. Birgit Kanz
Senckenberg Forschungsinstitut Frankfurt am Main

 



What Culinary Delights does Antarctica Hold?

In the remote and isolated Antarctic, food is very important for the state of mind – as a daily requirement, it plays an even greater role than the pleasures of movies or dancing. So what does the food supply look like on Carlini?

Dining hall at Carlini (c) Birgit Kanz
Dining hall at Carlini (c) Birgit Kanz

Breakfast at Carlini

As a rule, we take our meals in the main building (‘casa principal’), where a professional chef does the cooking. Today, Elisa and I play the role of ‘Maria’ – the somewhat sexist term used here to refer to kitchen duty. The duties rotate and include everyone present (even the soldiers, who are also called Maria for the day) to support the kitchen team for one day. We are ready at 7:30 am and start with a breakfast of our own: mate tea and freshly baked tortas fritas, small yeast cakes deep-fried in oil. Shortly after 8 o’clock, the breakfast bell is struck for everyone. People are already standing in line and now file past the buffet, where cake, freshly baked white bread and tortas fritas are available, along with coffee, tea, juice and water – and occasionally, yogurt as well. Once everyone has finished, we ‘Marias’ clear the tables, wash the dishes, put everything away and sweep the floor. Of course, we try to limit the use of water and dish soap to the absolutely necessary minimum.

Central food depot on the Carlini Station (c) Ramón Santos
Central food depot on the Carlini Station (c) Ramón Santos

Lunch and dinner at Carlini

We have been called in too early for the lunch at 1 pm, so we have time for a chat with the cook. He is a traveling chef who has previously worked on several other Antarctic stations. However, he likes it best on Carlini, since it has the highest proportion of women – for the dancing, of course! In addition, the staff changes more frequently here. People continuously come and go on Carlini, which makes the stay more exciting for the overwinterers.

Central food depot on the Carlini Station (c) Ramón Santos
Central food storage at Carlini (c) Ramón Santos

Warm food is served both for lunch and dinner. The spectrum is rather limited and quite heavy on the meats, in any case. Naturally, fresh vegetables are rare, since new food supplies are only brought in every few weeks by boat. Nevertheless, the crew includes two or three dyed-in-the-wool vegetarians. Sometimes we envy their alternative meals, but at times, the lack of ingredients inspires the chef to somewhat questionable flights of fancy, e.g., when he serves them spaghetti with beets from a can or dry rice with parmesan. The rest of us are served meat in all of its varieties: sometimes served with pasta, sometimes with rice or with vegetables; boiled meat, fried meat ... as long as there is meat! In the past, they occasionally served fish, but hardly anyone touched it – so I am told by a colleague from Argentina. In Argentina, people are used to eating meat. Thus, for us Europeans, two facts come together in an unfortunate combination: Argentinean customs and limited provisions. The meat is often mixed with chorizo – a Spanish-style, coarse, cooked sausage made of pork and beef. Due to this, the food has a general tendency to be overly salty. I am told that this can lead to high blood pressure in some of the more sensitive winter guests. But since the winterers are subject to monthly medical checkups, they can try to skip a meal here and there if they are diagnosed with a problem – although this is not an easy feat. At any rate, it is clear that the Argentinean military does not offer the most thought-out and balanced diet. In my opinion, there remains a large, unchartered potential.

Back side of the Dallmann laboratory with its own food depot (c) Birgit Kanz
Back side of the Dallmann laboratory with its own food depot (c) Birgit Kanz

At the Dallmann, we are therefore happy that we can cook to our own liking, using our own food supplies in the kitchen – occasionally supplemented by additions from the Argentinean depot, if needed. Of course, we have the same shortage of fresh produce. Therefore, food is always a latent topic. A few days ago, nine of us shared a single apple and one orange...

Interim food storage in the Dallmann laboratory (c) Birgit Kanz
Interim food storage in the Dallmann laboratory (c) Birgit Kanz

Two dinners during the week stand out from the rest: on Thursdays, we have empanadas – meat (!) or cheese and corn-filled pastry turnovers – and Saturday is pizza day. On those days, the normal seating arrangement is changed: the tables are pushed together in a long row, and the “Marias” walk around with trays and hand out the empanadas or pizzas. On Saturdays, red or white wine is served with the meal. And if the Dallmann has enough beer in store, there may be an occasional free round for the entire station. Saturday’s dinner never starts without the station chief’s caution about the responsible use of alcohol and the declaration of Saturday night’s curfew. After all, we are guests of the military here. This is easy to forget, since nobody walks around in uniform. But especially during inclement weather, the walk home can turn treacherous, and in an alcoholized state it is only too easy to take a misstep in the ice or snow.

Christmas buffet on Carlini (c) Elisa Lagostina
Christmas buffet on Carlini (c) Elisa Lagostina

Christmas buffet on Carlini (c) Elisa Lagostina
Christmas buffet on Carlini (c) Elisa Lagostina

Christmas and New Year’s Eve on Carlini

This year, Christmas Eve and New Year’s Eve fell on Thursdays, i.e., the empanada days. Since here in Antarctica time and space lose their meaning, it is already difficult for me to distinguish between the individual Thursdays, Saturdays and holidays. I feel like there was a time of constant buffets with empanadas and/or pizzas, sometimes without, but more often with dancing. In all this, I was only marginally aware of the fact that a little plastic Christmas tree and a Santa Claus were tucked into a corner somewhere. At any rate, the usual, familiar Christmas spirit failed to materialize, at least for me. I never even noticed that a Christmas mass had been held. Christmas Eve and New Year’s Eve only stood out since we followed the midnight countdown on TV and toasted with cider at 12 am. It took quite a while for all 90-100 people present to exchange hugs and kisses. After that, the party turned into a dance fest with Argentinean rhythms. At five o’clock, the party ended, since a boat had to be loaded the next morning.

 Christmas – Gentoo Penguins blessed with children (c) Birgit Kanz
Christmas – Gentoo Penguins blessed with children (c) Birgit Kanz

The blogger:
Dr. Birgit Kanz
Senckenberg Research Institute



Vorheriger Eintrag | Nächster Eintrag

2 Kommentare zu "Welche kulinarischen Genüsse bietet die Antarktis? // What Culinary Delights does Antarctica Hold?"

englewRok schrieb am 03.06.2018 um 08:31
!
englisRok schrieb am 09.03.2018 um 02:35
Неожидано как то;)

Eigenen Kommentar hinzufügen




Kommentar absenden

https://die-welt-baut-ihr-museum.de