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01.02.2017 - Senckenberg trauert um Eiszeitforscher Hans-Dietrich Kahlke

Weimar, den 01.02.2017. Die Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung trauert um Prof. Dr. phil. habil. Dr. rer. nat. Hans-Dietrich Kahlke, der am 30.01.2017 im Alter von 92 Jahren verstorben ist.

Hans-Dietrich Kahlke, ehrenamtlicher Mitarbeiter der Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung, 2004  (Foto: T. Korn, Senckenberg Weimar)
Hans-Dietrich Kahlke, ehrenamtlicher
Mitarbeiter der Senckenberg Gesellschaft
für Naturforschung, 2004
(Foto: T. Korn, Senckenberg Weimar)

Hans-Dietrich Kahlke, geboren und aufgewachsen in Weimar, wurde kurz nach Erlangung der Reifeprüfung im Jahr 1942 zum Kriegsdienst einberufen und geriet im Zuge dessen 1944 in britische Gefangenschaft. 1948 kehrte er in seine Heimatstadt Weimar zurück und begann sein Studium an der Friedrich-Schiller-Universität Jena. Schon während seines Studiums hatte er eine Stelle am Weimarer Museum für Ur- und Frühgeschichte Thüringens inne.

Seine erste Veröffentlichung aus dem Jahr 1951 behandelt die Entstehung der Riesenhirsche und seine erste Doktorarbeit, bereits im Dezember 1952 bei der Philosophischen Fakultät der Universität Jena eingereicht, beschreibt die frühmittelpleistozänen Cervidenreste von Süßenborn. Die Erforschung paläarktischer pleistozäner Hirscharten blieb zeitlebens eines seiner wichtigsten Interessen- und Forschungsgebiete.

Im Jahr 1952 legte er ebenfalls eine archäologische Diplomarbeit vor, die den Bestattungssitten der jungsteinzeitlichen Bandkeramik-Kultur von Sondershausen gewidmet ist. Die frühneolithischen Fundstellen von Sondershausen und Bruchstedt (ebenfalls Thüringen) spielten im Leben von Hans-Dietrich Kahlke eine entscheidende Rolle, führte er hier doch seine ersten professionellen Flächengrabungen durch.

Während sich Hans-Dietrich Kahlke in der Archäologie auf Regionalkulturen konzentrierte, gingen seine paläontologischen Forschungen bald über den mitteleuropäischen Raum hinaus. Mittels der von ihm untersuchten pleistozänen Großsäugetiere konnte er kontinentübergreifende Faunenkorrelationen vornehmen. Seine Studien über Megaceriden der berühmten chinesischen Homininen-Fundstelle Zhoukoudian begannen 1957, als er erstmals in China arbeitete. Die Erforschung der ostasiatischen Riesenhirsche begründete sein Interesse an vergleichenden Analysen von Faunenkomplexen westlicher und östlichen Regionen Eurasiens.

Im Jahr 1954 begannen umfängliche Grabungen in frühmittelpleistozänen Seeablagerungen nahe Voigtstedt (Thüringen). Hans-Dietrich Kahlke gelang es hier erstmals, zahlreiche namhafte Fachvertreter aus Ost und West an der interdisziplinären Auswertung der Funde und Befunde zu beteiligen. 1963 mündeten die Kooperationen im ersten Internationalen Paläontologischen Kolloquium in Weimar. Damit war der Grundstein für eine Serie erfolgreicher quartärpaläontologischer „Ost-West-Treffen“ in Weimar gelegt, die während der kommenden Jahrzehnte zu kontinuierlichem fruchtbarem wissenschaftlichen Austausch, auch über den „Eisernen Vorhang“ hinweg, führte.

In diese produktive Zeit fiel auch die auf Initiative von Hans-Dietrich Kahlke im Jahre 1962 erfolgte Gründung des Instituts für Quartärpaläontologie in Weimar. Als Gründungsdirektor und Mitglied der Quartärkommission der Akademie der Wissenschaften der DDR, später als Kommissionspräsident, wurde es ihm möglich, Thüringen zu einem regionalen und transregionalen Zentrum quartärpaläontologischer Forschung zu entwickeln.

Parallel zu diesen Aktivitäten, forschte Hans-Dietrich Kahlke am Institute of Vertebrate Paleontology and Paleanthropology der Academia Sinica in Peking. Im Jahr 1962 legte er der Philosophischen Fakultät der Humboldt-Universität zu Berlin eine Habilitationsschrift unter dem Titel „Die chronologische Stellung der Choukoutien-Kultur. Versuch einer Interkontinental-Korrelation auf geologisch-paläontologischer Grundlage“ vor.

1963 und 1964 leitete er zwei deutsch-vietnamesische Quartär-Expeditionen. Die Ausgrabungen führten zur Entdeckung der ersten bekannten vietnamesischen spätmittelpleistozänen Hominiden-Fundstelle, ebenso zum ersten Nachweis von holozänen Orang-Utan-Resten auf dem südostasiatischen Festland. Das daraus resultierende Manuskript „Die pleistozänen Pongo-Reste Ost- und Südost-Asiens. Untersuchungen zur Fossilgeschichte, zur Taxonomie und zur Frage des Aussterbens der Gattung auf dem Kontinent“ reichte er im Jahr 1965 als seine zweite Dissertation an der Mathematisch-Naturwissenschaftlichen Fakultät der Humboldt-Universität zu Berlin ein.

Im Jahr 1972 begründete Hans-Dietrich Kahlke die Zeitschrift „Quartärpaläontologie - Abhandlungen und Berichte des Instituts für Quartärpaläontologie Weimar“, die er bis 1990 edierte. Als zum Ende des Jahres 1990, nur wenige Wochen nach der deutschen Wiedervereinigung, das Weimarer Institut für Quartärpaläontologie geschlossen werden sollte, spielte Hans-Dietrich Kahlkes große internationale Reputation eine Schlüsselrolle für dessen Erhalt: Weltweit folgten Eiszeitforscher seiner Bitte um Unterstützung mit vehementem Protest. „Sein“ Institut hatte und hat Bestand.

Hans-Dietrich Kahlke selbst beendete seine erfolgreiche berufliche Laufbahn im Jahr 1991. Seit 2000 war er ehrenamtlicher Mitarbeiter der Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung.

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Tel. 069- 7542 1434
pressestelle@senckenberg.de

Die Natur mit ihrer unendlichen Vielfalt an Lebensformen zu erforschen und zu verstehen, um sie als Lebensgrundlage für zukünftige Generationen erhalten und nachhaltig nutzen zu können - dafür arbeitet die Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung seit nunmehr 200 Jahren. Diese integrative „Geobiodiversitätsforschung“ sowie die Vermittlung von Forschung und Wissenschaft sind die Aufgaben Senckenbergs. Drei Naturmuseen in Frankfurt, Görlitz und Dresden zeigen die Vielfalt des Lebens und die Entwicklung der Erde über Jahrmillionen. Die Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung ist ein Mitglied der Leibniz-Gemeinschaft. Das Senckenberg Naturmuseum in Frankfurt am Main wird von der Stadt Frankfurt am Main sowie vielen weiteren Partnern gefördert. Mehr Informationen unter www.senckenberg.de.

200 Jahre Senckenberg! 2017 ist Jubiläumsjahr bei Senckenberg – die 1817 gegründete Gesellschaft forscht seit 200 Jahren mit Neugier, Leidenschaft und Engagement für die Natur. Seine 200-jährige Erfolgsgeschichte feiert Senckenberg mit einem bunten Programm, das aus vielen Veranstaltungen, eigens erstellten Ausstellungen und einem großen Museumsfest im Herbst besteht. Natürlich werden auch die aktuelle Forschung und zukünftige Projekte präsentiert. Mehr Infos unter: www.200jahresenckenberg.de.

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