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17.11.2017 - Da geht noch was: Europäische Wälder schöpfen ihr volles Potential noch nicht aus

Frankfurt am Main, den 17.11.2017. In Europas Wäldern könnte man mit dem richtigen Management gleich drei Fliegen mit einer Klappe schlagen: eine hohe Holzproduktion sowie gute Werte bei der Kapazität zur Klimaregulierung und der Artenvielfalt. Bislang leisten die meisten europäischen Waldgebiete aber deutlich weniger als in den drei Funktionen möglich wäre. So lautet das Ergebnis einer soeben in „Ecology Letters“ erschienenen Studie eines internationalen Forscherteams, darunter Wissenschaftler des Senckenberg und der Universität Leipzig.

Forest Gustav Gullstrand
Das Potenzial europäischer Wälder, gleichzeitig
viel Holz zu produzieren sowie Klima- und Naturschutz
zu leisten ist nocht nicht ausgeschöpft.
Copyright: Gustav Gullstrand / Unsplash

Wälder erfüllen zahlreiche Funktionen: Sie produzieren Holz, speichern Kohlenstoff in Böden und Stämmen und sind Lebensraum einer großen Vielfalt an Tieren und Pflanzen. In der Bewirtschaftung eines Waldstücks stehen häufig ein oder zwei dieser großen Ökosystemfunktionen im Mitttelpunkt. Eine neue Studie zeigt: Sich zu beschränken ist möglicherweise nicht notwendig, denn nur selten geht die Verminderung einer Ökosystemfunktion zu Lasten der andereren.

„Holzproduktion und Naturschutz – so eine gängige Annahme – sind gegensätzliche Ziele. Wenn beispielsweise Bäume sehr dicht gepflanzt werden, um den Ertrag des Waldstücks zu maximieren, könnte sich das nachteilig auf die Vielfalt der Pflanzen im Unterholz und der dort heimischen Vögel und damit auf den Naturschutz auswirken“, erklärt Dr. Peter Manning, Senckenberg Biodiversität und Klima Forschungszentrum. „Wir konnten aber zeigen, dass ein Erfolg der einen auf Kosten anderer Ökosystemfunktionen eher die Ausnahme statt die Regel in europäischen Wäldern ist.“

Manning und seine Kollegen haben dies durch eine Bestandsaufnahme in sechs Waldgebieten in Finnland, Polen, Deutschland, Rumänien und Italien herausgefunden. Das Team maß und korrelierte 28 Ökosystemprozesse und -leistungen, die für die Holzproduktion, Klimaregulierung und Artenvielfalt wichtig sind. Die Waldgebiete sind Teil des wissenschaftlichen Großprojekts FunDivEurope, in dem der Zusammenhang zwischen Biodiversität und Ökosystemfunktionen in Wäldern erforscht wird. Zusätzliche Informationen lieferten Daten nationaler Forstbehörden. Die Studie ist damit eine der bislang umfassendsten Untersuchungen zur Funktionalität von Waldökosystemen auf europäischer Ebene.

„Ingesamt betrachtet beflügeln sich die einzelnen Ökosytemfunktionen gegenseitig. Wenn in einem Wald beispielsweise viele Bäume angepflanzt werden, speichern diese Bäume Kohlendioxid und leisten einen Beitrag zur Klimaregulierung", erläutert Dr. Fons van der Plas, Forscher an der Universität Leipzig, der die Studie während seiner Zeit am Senckenberg Biodiversität und Klima Forschungszentrum durchführte. Außerdem kann sogar, das zeigt die Studie, eine gute Ausbeute bei der Holzproduktion und der gleichzeitig besseren Klimaregulierung Hand in Hand mit einer hohen Artenvielfalt im selben Wald gehen.

Gegenwärtig werden solche möglichen Synergien von der Forstwirtschaft aber nicht genügend ausgeschöpft. Die Forscher fanden nur wenige Wälder in Europa, in denen verschiedene Ökosystemprozesse, die für die Holzproduktion oder die Klimaregulation oder die Artenvielfalt wichtig sind, gleichzeitig hohe Werte erreichen. Im Vergleich zu diesen Flächen leisten die meisten Waldgebiete lediglich die Hälfte ihres möglichen Maximalwertes.

Die Forscher plädieren dafür, die bisherige Waldbewirtschaftung auf den Prüfstand zu stellen. Mit neuen Strategien könnte man viele Ökosystemprozesse gleichzeitig maximieren und  das verborgene Potential europäischer Wälder besser ausschöpfen. Bis dahin ist jedoch noch viel zu tun. „Als nächstes müssen wir die Wälder, in denen es Synergien zwischen verschiedenen Ökosystemfunktionen gibt, genauer untersuchen, um zu sehen, wie es dort abläuft und auf andere Wälder übertragbar ist“, resümmiert Manning.

Kontakt

Dr. Peter Manning
Senckenberg Biodiversität und Klima Forschungszentrum
Tel. +49 (0)69- 7542 1913
peter.manning@senckenberg.de

Sabine Wendler
Pressestelle Senckenberg Biodiversität und Klima Forschungszentrum
Tel +49 (0)69- 7542 1818
pressestelle@senckenberg.de

Publikation

van der Plas, F., Ratcliffe, S., Ruiz-Benito, P. et al. (2017): Continental mapping of forest ecosystem functions reveals a high but unrealized potential for forest multifunctionality. Ecology Letters. doi 10.1111/ele.12868

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