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25.05.2009 - Darwinius alias "Ida" – Ein neuer Primat

Frankfurt a.M., 25. Mai 2009 _ „Darwinius masillae ist eines der best erhaltenen Primatenfossilien, die je gefunden wurden“, heißt es in der am 19. Mai 2009 unter www.plosone.org veröffentlichten wissenschaftlichen Publikation. Dr. Jens L. Franzen und Dr. Jörg Habersetzer, beide Senckenberg Forschungsinstitut, gehören zu den Autoren, die den Sensationsfund aus dem UNESCO Weltnaturerbe Grube Messel als neue Art im Stammbaum der Primaten beschreiben. Das zu 95 Prozent erhaltene Skelett, an dem noch nach 47 Millionen Jahren die Umrisse des Weichkörpers sowie der Inhalt des Verdauungstrakts deutlich zu sehen sind, wurde der Weltöffentlichkeit kürzlich unter dem Namen „Ida“ vorgestellt.

 darwinius

Darwinius masillae alias Ida © PLoS ONE

„Darwinius masillae ist bedeutend“, schreibt das internationale Team von Wissenschaftlern in der Publikation mit dem Titel „Complete Primate Skeleton from the Middle Eocene of Messel in Germany: Morphology and Paleobiology“. Die in den sauerstoffarmen Ablagerungen am Boden des einstigen Maarsees konservierten Merkmale gestatten eine nahezu vollständige Rekonstruktion der Lebensgeschichte, der Fortbewegung sowie der Ernährung des jungen Primatenweibchens.

Darwinius masillae alias „Ida“ ist vor etwa 47 Millionen Jahren im Alter von neun bis zehn Monaten im einstigen Messelsee verendet. Die erst durch Röntgenbilder vollständig erkennbar gewordenen Milchzähne und das noch im Kieferknochen verborgene Dauergebiß lassen den Zahnwechsel des Jungtieres erkennen und Schlüsse auf das Alter des Exemplares zu. Vergleiche mit heutigen Primaten ergeben, dass „Ida“ ausgewachsen mit etwa 650 bis 900 Gramm ein ähnliches Gewicht erreicht hätte, wie kleine weibliche Lemuren. Das Skelett misst insgesamt 58 Zentimeter, wovon 34 Zentimeter auf den Schwanz mit 31 Wirbeln entfallen. Auf Sprünge oder langsames Klettern war „Ida“ nicht spezialisiert. Dass sie dennoch als flinker Vierfüßler in den Bäumen lebte, zeigen die Gliedmaßen mit kräftig ausgebildeten Händen und Füßen. Auf den Abbildungen der Publikation sind fünf lange Finger bzw. Zehen zu sehen, die – ähnlich wie bei heute lebenden Primatenarten – Nägel und jeweils opponierbare Daumen bzw. Großzehen erkennen lassen. Ein Indiz dafür, dass „Ida“ nachtaktiv war könnten die vergleichsweise großen Augenhöhlen sein. Der untersuchte Mageninhalt belegt, dass die neue Primatenart sich von Blättern und Früchten ernährt hat.

Zu dem Schluss, dass Darwinius masillae eine neue Art und Gattung im frühen Stammbaum der Trockennasenaffen ist, kommen die Autoren Jens Lorenz Franzen, Senckenberg Forschungsinstitut, Philip D. Gingerich, Universität Michigan (USA), Jörg Habersetzer, Senckenberg Forschungsinstitut, Jørn H. Hurum, Universität Oslo (Norwegen), Wighart von Koenigswald, Universität Bonn, und B. Holly Smith, Universität Michigan (USA), aufgrund der minutiös durchgeführten Vermessungen aller fossilen Skelettteile und weiterer Analysen. Dreidimensionale Computertomografien und der Vergleich mit anderen Funden früher Primaten stützen das Ergebnis.

Als Belege für die Zuordnung zur Unterordnung der Trockennasenaffen führen die Wissenschaftler fünf besondere Merkmale sowie das Fehlen eines Zahnkamms und der Putzkralle an, die eher für Feuchtnasenaffen typisch sind. Damit gehört Darwinius zu einer Stammgruppe, aus der sich später die höheren Primaten entwickelt haben.

Doch nicht nur die Zuordnung des Primatenfundes war bis zur vorliegenden Beschreibung des Skeletts unklar. Da Darwinius vor rund 26 Jahren von einem bis heute unbekannt gebliebenen Privatsammler aus dem Ölschiefer der Grube Messel geborgen und in zwei Teilen auf dem Fossilienmarkt veräußert wurde, kannte man viele Jahre lediglich die weniger gut erhaltene Gegenplatte. Erst die von dem Paläontologen Jørn H. Hurum für das Naturmuseum der Universität Oslo erworbene „Osloer Platte“ ergänzte den Messelfund zu dem nahezu komplett erhaltenen Fossil. Jørn Hurum hat es nach seiner fünfjährigen Tochter Ida benannt.

Der offizielle Gattungsname Darwinius ehrt den britischen Naturforscher Charles Darwin, dessen 200. Geburtstag in dieses Jahr fällt. Der Artname masillae erinnert an eine alte Bezeichnung für den Ort Messel, der im Lorscher Codex als Masilla erwähnt ist. (dve)

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