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04.09.2012 - Pinguine in der Patsche - Neue Zahlen zu Pinguin-Rückgang auf Antarktischer Halbinsel

Frankfurt am Main, 04. September 2012. Große Pinguinkolonien sind ein attraktives Ziel für Antarktistouristen. Da liegt die Vermutung nahe, dass der Touristenandrang mitverantwortlich für den beobachteten Rückgang der Anzahl brütender Paare ist. Eine aktuelle Studie eines amerikanisch-deutschen Teams, dem auch ein Wissenschaftler des Biodiversität und Klima Forschungszentrums (BiK-F) angehört, widerlegt diese Annahme: Die erstmals durchgeführte Zählung aller Zügelpinguin-Brutpaare auf der Antarktis-Insel Deception Island bestätigt zwar den Rückgang, lässt aber nicht auf den Tourismus als Hauptursache schließen. Die Studie ist vor kurzem online im Fachjournal Polar Biology erschienen.

 

ZügelpinguinDeception Island, eine vor der antarktischen Halbinsel gelegene Vulkaninsel, beherbergt mehrere große Kolonien von Zügelpinguinen. Sie ist eines der beliebtesten Ziele von Antarktistouristen. Steigende Besucherzahlen und schrumpfende Pinguinpopulationen führten unlängst zu Forderungen, den Tourismus deutlich einzuschränken. Da es jedoch kaum fundierte Erkenntnisse zum tatsächlichen Einfluss des Besucherandrangs auf den Pinguinbestand gibt, verschafften sich die Wissenschaftler durch eine großangelegte Zählung auf Deception Island erstmals einen genauen Einblick in die tatsächliche Populationsgröße der Zügelpinguine.

Volkszählung im Dienste der Antarktisforschung
Dr. Thomas Müller (BiK-F) wirkte als einziger deutscher Wissenschaftler an diesem Pinguin-Zensus mit. Die Erfassung im Winter 2011 fand unter Federführung der non-profit Organisation „Oceanites“ statt, die zahlreiche Forschungsprojekte in der Antarktis unterhält. Sie führt das Antarctic Site Inventory durch, ein seit 17 Jahren bestehendes, u. a. von der U.S. National Science Foundation getragenes Programm zur detaillierten Erfassung und Dokumentation des Lebens auf der gesamten antarktischen Halbinsel. Die erhobenen Daten tragen zum besseren wissenschaftlichen Verständnis der antarktischen Umwelt und der Veränderungen bei, die sie derzeit durchläuft.  Außerdem dienen sie der Erarbeitung fundierter Empfehlungen für ein nachhaltiges Management dieser Region, die sich an die Adresse der Mitgliedsstaaten des Antarktisvertrags richten.

Zügelpinguinbestand hat sich seit 2002/2003 um fast 40 % verringert
Von einer als Operationsbasis vor der Insel liegenden gecharterten Yacht aus erfasste das amerikanisch-deutsche Team unter oft ungemütlichen Bedingungen bei eisigem Regen und stürmischem Wind in einer knapp zweiwöchigen Zählaktion alle Pinguin-Brutpaare (bzw. bebrüteten Nester) der 137 Quadratkilometer großen Insel. Gezählt wurde mit einer standardisierten Methode, die durch mehrere Wiederholungen einen Fehler von höchstens fünf Prozent zulässt. Auf der Grundlage der Resultate konnten Referenzwerte für aktuelle hochauflösende Satellitenbilder ermittelt werden. Ein Vergleich mit Satellitenbildern der Region aus dem Winter 2002/2003 ergab einen Rückgang des Zügelpinguinbestandes auf Deception Island um fast vierzig Prozent. Der Abgleich mit einer Anfang 1987 durch eine andere Forschergruppe durchgeführten Schätzung deutet sogar auf einen Rückgang von über 50 Prozent des Bestandes hin. 

Tourismus hat keinen Einfluss auf Rückgang
Die Zählung erfasste gleichermaßen die „Touristenhotspots“ der Insel wie auch Kolonien, die nicht vom Tourismus betroffen sind. Ein Zusammenhang des Rückgangs der Tiere mit hohen Besucherzahlen konnte bei diesem Vergleich jedoch nicht festgestellt werden. Schätzungen anderer Wissenschaftler bestätigen dies auch auf mehreren in der Nähe von Deception Island liegenden Inseln, wo ebenfalls Zügelpinguine leben.  „Die Ergebnisse unserer Zählungen zeigen, dass der Tourismus wohl nicht der Grund für den starken Rückgang der Zügelpinguine ist“, so BiK-F-Wissenschaftler Thomas Müller, und er ergänzt: „Die Pinguine werden auch dort weniger, wo überhaupt keine Touristen hinkommen“.

Klimawandel eine der Ursachen?
Möglicherweise macht auch ein anderer vom Menschen zumindest mit verursachter Umwelteinfluss den Pinguinen das Leben schwer, der Klimawandel. Thomas Müller: „Die Antarktische Halbinsel erwärmt sich schneller als jeder andere Ort auf der Südhalbkugel; die Durchschnittstemperaturen sind in den letzten 50 Jahren um 2.8 Grad Celsius gestiegen. Es wäre erstaunlich, wenn dies die Pinguine „kalt“ ließe“. Auch die Bestände des ebenfalls auf der Antarktischen Halbinsel lebenden nah verwandten Adélie-Pinguins nehmen derzeit rapide ab. Viele Wissenschaftler vermuten, dass der Klimawandel und die damit verbundenen Veränderungen der Meereisausdehnung und der biologischen Produktivität des Meeres zumindest Mitursache für den beobachteten Pinguinrückgang sind. Falls der Tourismus ebenfalls einen Einfluss hat, so wird dieser durch die Erwärmung der Antarktis wahrscheinlich überdeckt; als Hauptursache ist er nach den Ergebnissen der Studie auszuschließen.

Für weitere Informationen kontaktieren Sie bitte:

Dr. Thomas Müller
LOEWE Biodiversität und Klima Forschungszentrum (BiK-F)
muellert@gmail.com 
 
oder
 
Sabine Wendler
LOEWE Biodiversität und Klima Forschungszentrum (BiK-F), Pressereferentin
Tel. 069 7542 1838
sabine.wendler@senckenberg.de
 
Publikation:
Naveen, R., Lynch, H. J., Forrest, S., Mueller, T., Polito, M. (2012): First direct, site-wide penguin survey at Deception Island, Antarctica, suggests significant declines in breeding chinstrap penguins. Polar Biology, DOI 10.1007/s00300-012-1230-3. Online verfügbar unter http://www.springerlink.com/content/l8qh21u848850222/

LOEWE Biodiversität und Klima Forschungszentrum, Frankfurt am Main
Mit dem Ziel, anhand eines breit angelegten Methodenspektrums die komplexen Wechselwirkungen von Biodiversität und Klima zu entschlüsseln, wird das Biodiversität und Klima Forschungszentrum (BiK-F) seit 2008 im Rahmen der hessischen Landes-Offensive zur Entwicklung Wissenschaftlich ökonomischer Exzellenz (LOEWE) gefördert. Die Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung und die Goethe Universität Frankfurt sowie weitere direkt eingebundene Partner kooperieren eng mit regionalen, nationalen und internationalen Institutionen aus Wissenschaft, Ressourcen- und Umweltmanagement, um Projektionen für die Zukunft zu entwickeln und wissenschaftlich gesicherte Empfehlungen für ein nachhaltiges Handeln zu geben. Mehr unter
www.bik-f.de

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