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20.03.2015 - 25 Millionen Jahre alte Gewölle

Frankfurt/Mainz, den 20.03.2015. Die Fossillagerstätte Enspel nahe der gleichnamigen rheinland-pfälzischen Gemeinde ist bekannt für ihre außergewöhnlich gut erhaltenen Fossilien. Dr. Krister Smith vom Senckenberg Forschungsinstitut in Frankfurt und Dr. Michael Wuttke vom Referat Erdgeschichte des Landes Rheinland-Pfalz in Mainz haben 25 Millionen Jahre alte fossile Gewölle einer bisher noch nicht identifizierten Vogelart beschrieben und konnten so Wechselbeziehungen zwischen den früher am Enspel-See lebenden Tieren rekonstruieren. Die beiden Wissenschaftler sind -  zusammen mit Dr. Thomas Schindler (ebenfalls Referat Erdgeschichte) - Herausgeber des kürzlich erschienen Sonderheftes zur Fundstelle Enspel in der Senckenberg-Fachzeitschrift „Palaeobiodiversity and Palaeoenvironments“.

25 Millionen Jahre altes Gewölle, das vermutlich von einer Eule ausgewürgt wurde. © M. Poschmann/GDKE
25 Millionen Jahre altes Gewölle, das vermutlich
von einer Eule ausgewürgt wurde. © M. Poschmann/GDKE

Bis zu 50 Metern hoch lag vor etwa 25 Millionen Jahren die Asche an einigen Stellen im Westerwald –  vulkanische Aktivität prägten im Zeitalter des späten Oligozäns das deutsche Mittelgebirge. „Zu dieser Zeit entstand auch der Krater der heutigen Fossillagerstätte Enspel nahe der Ortschaft Enspel“, erzählt Dr. Michael Wuttke, Leiter des Referats Erdgeschichte der Generaldirektion „Kulturelles Erbe“ in Mainz.

Der Enspel-See hat eine bewegte Vergangenheit: „Durch einen Maarausbruch entstanden und schnell mit Grundwasser verfüllt, wurde das Stillgewässer und dessen Flora und Fauna immer wieder von katastrophalen Hangrutschungen betroffen,“ erläutert Dr. Thomas Schindler vom Referat Erdgeschichte. „Dies führte zu wiederkehrender Zerstörung von Flora und Fauna am See“, ergänzt Dr. Krister Smith vom Senckenberg Forschungsinstitut in Frankfurt und fügt hinzu: „Ein Vulkanausbruch in unmittelbarer Nähe machte das Leben am See dann etwa 230.000 Jahre später endgültig zunichte.“ Eine gut 100 Meter dicke Lavaschicht legte sich auf die Seesedimente und konservierte diese und die darin enthaltenen Fossilien. „Aus heutiger Sicht ein Glücksfall. Sonst hätten wir jetzt kein Sonderheft über diese Fossillagerstätte herausgeben können“, scherzt Smith.

Gut erhaltener Blütenstand aus der Fossillagerstätte Enspel.  © Springer Verlag
Gut erhaltener Blütenstand aus der
Fossillagerstätte Enspel. © Springer Verlag

Wuttke und Smith haben sich mit den fossilen Hinterlassenschaften einer noch nicht identifizierten Vogelart beschäftigt. „Wir haben Dutzende fossile Gewölle – ausgewürgte unverdauliche Nahrungsreste – untersucht und konnten daraus Rückschlüsse auf die Wechselbeziehungen zwischen den Tieren des Enspel-Sees ziehen“, erklärt Wuttke. Ökologische Interaktionen vor vielen Millionen Jahren können über indirekte Beweise wie Mageninhalte rekonstruiert werden. Und auch über die ehemalige Artenvielfalt  können die Gewölle Auskunft geben: „In einer der Proben haben wir Reste einer Eidechse entdeckt – das ist der erste Fund dieser Reptilien in Enspel“, erläutert Smith. Zudem haben die beiden Wissenschaftler diverse Überreste von Nagetieren, Fischen, Fröschen sowie Pflanzensamen in den Gewöllen nachgewiesen. „Die Nahrungszusammensetzung passt zu keiner der bisher gefundenen Enspeler Vogelarten. Wir glauben, dass es sich um eine Art Eule handelte, weil die Beutezusammensetzung derer heutiger Tiere ähnlich ist. Sicher

Cover des Sonderbandes zur Fossillagerstätte Enspel © Springer
Cover des Sonderbandes zur
Fossillagerstätte Enspel © Springer

können wir aber erst sein, wenn ein entsprechendes Fossil gefunden wird“, fügt Smith hinzu.
Auch der Fundort der fossilen Gewölle gibt noch Rätsel auf: Die Überreste wurden in der Mitte des Sees abgelagert,

können dort von den Vögeln aber nicht ausgewürgt worden sein. Der Frankfurter Paläontologe Smith vermutet, dass die

„ausgetrockneten Gewölle über den Kraterrand in den See gespült wurden, auf dem Wasser trieben und dann vollgesogen auf den Seeboden absanken, wo sie dann fossilisierten.“

Gemeinsam mit seinen Mainzer Kollegen hat Smith die aktuellen Forschungsergebnisse zur Fossillagerstätte im aktuellen Sonderheft der Fachzeitschrift „Palaeobiodiversity and Palaeoenvironments“ 95(1) herausgegeben. Die Beiträge von Wissenschaftlern aus ganz Europa reichen von einem verbesserten Modell zur Entstehung der Seeablagerungen und der erstmaligen Beschreibung von exzellent erhaltenen fossilen Blüten über die Bestimmung der vergangenen Lufttemperatur und neuen Erkenntnissen zu den Enspel-Kormoranen bis hin zur Rekonstruktion des Verendens des fossilen „Enspeler Maulwurfes“.

Kontakt
Dr. Krister T. Smith
Senckenberg Forschungsinstitut und Naturmuseum Frankfurt
Paläoanthropologie und Messelforschung
Tel. 069 7542-1218

Dr. Michael Wuttke
Generaldirektion Kulturelles Erbe
Referat Erdgeschichte
Große Langgasse 29
D-55116 Mainz
Tel: +49-(0)6131-2016-400

Judith Jördens
Pressestelle
Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung
Tel. 069- 7542 1434

Publikation
Michael Wuttke, Thomas Schindler, Krister T. Smith : The Fossil-Lagerstätte Enspel – reconstructing the palaeoenvironment with new data on fossils and geology. Palaeobiodiversity and Palaeoenvironments
Volume 95, Issue 1, March 2015 
Die Artikel sind bis zum 10.Mai 2015 unter http://link.springer.com/journal/12549/95/1/page/1 frei zugänglich.
 

Die Natur mit ihrer unendlichen Vielfalt an Lebensformen zu erforschen und zu verstehen, um sie als Lebensgrundlage für zukünftige Generationen erhalten und nachhaltig nutzen zu können - dafür arbeitet die Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung seit nunmehr fast 200Jahren. Diese integrative „Geobiodiversitätsforschung“ sowie die Vermittlung von Forschung und Wissenschaft sind die Aufgaben Senckenbergs. Drei Naturmuseenin Frankfurt, Görlitz und Dresden zeigen die Vielfalt des Lebens und die Entwicklung der Erde über Jahrmillionen. Die Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung ist ein Mitglied der Leibniz-Gemeinschaft. Das Senckenberg Naturmuseum in Frankfurt am Main wird von der Stadt Frankfurt am Main sowie vielen weiteren Partnern gefördert. Mehr Informationen unter www.senckenberg.de.

Pressekontakt

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Tel.: 069 7542-1580

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