Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung

Presse

zur Übersicht

02.10.2015 - Vor 48 Millionen Jahren: Rot-braun war die Fledermaus

Frankfurt, den 02.10.2015. Wissenschaftler des Senckenberg Forschungsinstitutes in Frankfurt haben gemeinsam mit internationalen Kollegen erstmalig die Farbe eines fossilen Säugetiers bestimmt. Anhand von konservierten Melanin konnten die Forscher nachweisen, dass zwei 48 Millionen Jahre alte Fledermäuse aus der Grube Messel zu Lebzeiten rötlich-braunes Fell hatten. Die entwickelte Methodik erlaubt es weitere Farben fossiler Tiere zu bestimmen. Die Studie erschien kürzlich im Fachjournal “Proceedings of the National Academy of Sciences of the United States of America” (PNAS).

Die untersuchte Fledermaus-Art Palaeochiropteryx tupaiodon hatte vor 48 Millionen Jahren rot-braunes Fell. © Senckenberg
Die untersuchte Fledermaus-Art Palaeochiropteryx
tupaiodon hatte vor 48 Millionen Jahren rot-braunes Fell.
© Senckenberg

Versteinerte Knochen, Zähne, Klauen, Federn und sogar Mageninhalte – Fossilien können ein relativ genaues Bild davon zeichnen, wie Tiere der Vergangenheit aussahen, was sie fraßen und wie sie lebten. „Das Merkmal ‚Farbe‘ ist allerdings in den allermeisten Fällen schwer überlieferbar“, sagt Dr. Renate Rabenstein aus der Abteilung Messelforschung am Senckenberg Forschungsinstitut in Frankfurt und ergänzt: „Unwichtig ist diese Eigenschaft aber nicht: Die Farbe eines Tieres kann uns verraten, wo dieses lebt, wie es sich vor Feinden schützt oder sich bei der Partnerwahl verhält.“

Mehrere Wissenschaftler aus der Senckenberg-Abteilung für Messelforschung haben zusammen mit internationalen Partnern nun erstmals die Farbe eines fossilen Säugetiers bestimmt. „Unter der Federführung von Dr. Jakob Vinther von der Universität in Bristol haben wir das konservierte Fell von zwei 48 Millionen Jahre alten Fledermäusen aus dem UNESCO Welterbe Grube Messel untersucht und festgestellt, dass diese zu Lebzeiten rötlich-braun gefärbt waren“, erläutert die Frankfurter Paläontologin.

 Das UNESCO Welterbe Grube Messel ist bekannt für die exzellente Erhaltung von Fossilien – wie hier an der untersuchten Fledermaus-Art Palaeochiropteryx tupaiodon zu erkennen. © Senckenberg
Das UNESCO Welterbe Grube Messel ist
bekannt für die exzellente Erhaltung von Fossilien –
wie hier an der untersuchten Fledermaus-Art
Palaeochiropteryx tupaiodon
zu erkennen.
© Senckenberg

Das Forscherteam hat hierfür mit einer Kombination aus morphologischen, chemischen und experimentellen Methoden fossiles Melanin nachgewiesen. Melanine sind rötliche, braune oder schwarze Pigmente, die die Färbung von Haut, Haaren, Federn und Augen bewirken. Rabenstein erklärt: „Es gibt zwei Varianten von Melanin: das braun-schwarze Eumelanin und das gelblich-rote Phäomelanin.“ Deren mikroskopisch kleinen Strukturen unterscheiden sich auch optisch stark – Phäomelanine bilden im Durchmesser etwa 500 Nanometer große, rundliche Strukturen, Eumelanine sind langgestreckt und etwa eine Mikrometer groß. „Ein Glück für uns“, freut sich Rabenstein und fährt fort: „So haben wir ein optisches Unterscheidungsmerkmal, dass wir bei unseren fossilen Sammlungsstücken anwenden können.“

Lange Zeit wurde in der Wissenschaft diskutiert, ob es sich bei den winzigen Strukturen tatsächlich um Melanine oder eher um Bakterien handelt, die am toten Tier fraßen, während die Konservierung einsetzte. Das internationale Wissenschaftlerteam hat in seiner Studie anhand von verschiedenen Experimenten die zweite These widerlegt: Sie stellten Fossilisationsprozesse – hoher Druck und hohe Temperatur – mit heutigen Pigmenten nach und fanden heraus, dass die Melanine die Fossilisation überdauern.

Die beiden Fledermausarten Palaeochiropteryx und Hassianycteris hatten demnach rot-braunes Fell und ähnelten den heutigen Fledermäusen sehr. „In diesem Fall also keine große Überraschung“, meint Rabenstein und ergänzt: „Wir können aber nun unser Wissen auf weitere Tierarten – bis hin zu Dinosauriern und Co – anwenden und versuchen das Farbrätsel zu lösen.“

Kontakt
Dr. Renate Rabenstein
Senckenberg Forschungsinstitut und Naturmuseum Frankfurt
Tel. 069 7542-1278

Judith Jördens
Pressestelle
Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung
Tel. 069- 7542 1434

Publikation
Caitlin Colleary, Andrei Dolocan, James Gardner, Suresh Singh, Michael Wuttke, Renate Rabenstein, Jörg Habersetzer, Stephan Schaal, Mulugeta Feseha, Matthew Clemens, Bonnie F. Jacobs, Ellen D. Currano, Louis L. Jacobs, Rene Lyng Sylvestersen, Sarah E. Gabbott, and Jakob Vinther (2015): Chemical, experimental, and morphological evidence for diagenetically altered melanin in exceptionally preserved fossils
PNAS 2015 ; published ahead of print September 28, 2015, doi:10.1073/pnas.1509831112

Download der Pressemitteilung

Pressebilder können kostenfrei für redaktionelle Bericht­erstattung verwendet werden unter der Voraussetzung, dass der genannte Urheber mit veröffentlicht wird. Eine Weiter­gabe an Dritte ist nur im Rahmen der aktuellen Berichterstattung zulässig.


Nahezu 38,5 Millionen naturhistorische und naturwissenschaftliche Sammlungsstücke bewahrt die Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung an ihren Standorten in Frankfurt, Dresden, Görlitz, Weimar und Müncheberg. Die sehr umfangreichen Daten aus diesen Sammlungen stellen die Basis jeder taxonomisch-systematisch, ökologisch, biogeographisch oder biostratigraphisch ausgerichteten Grundlagenforschung wie auch angewandter umweltrelevanter Forschung dar. Dem Thema „Sammlungen“ ist die derzeitige Wanderausstellung „Senckenbergs Verborgene Schätze“ gewidmet, die aktuell im Senckenberg Naturmuseum Frankfurt gezeigt wird.

Die Natur mit ihrer unendlichen Vielfalt an Lebensformen zu erforschen und zu verstehen, um sie als Lebensgrundlage für zukünftige Generationen erhalten und nachhaltig nutzen zu können - dafür arbeitet die Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung seit nunmehr fast 200 Jahren. Diese integrative „Geobiodiversitätsforschung“ sowie die Vermittlung von Forschung und Wissenschaft sind die Aufgaben Senckenbergs. Drei Naturmuseen in Frankfurt, Görlitz und Dresden zeigen die Vielfalt des Lebens und die Entwicklung der Erde über Jahrmillionen. Die Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung ist ein Mitglied der Leibniz-Gemeinschaft. Das Senckenberg Naturmuseum in Frankfurt am Main wird von der Stadt Frankfurt am Main sowie vielen weiteren Partnern gefördert. Mehr Informationen unter www.senckenberg.de.

Pressekontakt

Dr. Sören Dürr
Tel.: 069 7542-1580

Judith Jördens
Tel.: 069 7542-1434
Mobil: 0172-5842340

Anna Lena Schnettler
Tel.: 069 7542-1561

Email: pressestelle@senckenberg.de

Fax: 069 7542-1517

Senckenberg
Forschungsinstitut und Naturmuseum
Senckenberganlage 25
60325 Frankfurt

15.12.2018 13:40:11


14.12.2018 11:11:18


14.12.2018 08:05:11


https://die-welt-baut-ihr-museum.de