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06.07.2016 - Kannibalismus unter den späten Neandertalern im nördlichen Europa

Eingang zur „Troisième caverne“ von Goyet, Belgien: Ein internationa-les Forscherteam hat Überreste von Neander-talern aus der Höhle neu identifiziert, die Belege für Kannibalismus auf-weisen. Die Höhle wurde vor fast 150 Jahren aus-gegraben. Foto: Préhis-tomuseum de Ramioul, © A. C. Pottier. 
Eingang zur „Troisième caverne" von Goyet, Belgien:
Ein internationa-les Forscherteam hat Überreste von
Neander-talern aus der Höhle neu identifiziert, die
Belege für Kannibalismus auf-weisen. Die Höhle wurde
vor fast 150 Jahren aus-gegraben. Foto: Préhis-tomuseum
de Ramioul, © A. C. Pottier.

An Neandertalerknochen aus der Ausgrabungsstätte in den Höhlen von Goyet in Belgien hat ein internationales Forscherteam klare Belege für intentionelle Schlachtungen gefunden. Dies ist der erste Nachweis von Kannibalismus unter Neandertalern im nördlichen Europa. Die Skelettüberreste wurden mit Hilfe der Radiokarbonmethode auf ein Alter von ca. 40.500 bis 45.500 Jahren bestimmt. Diese späten Neandertaler verwendeten die Knochen ihrer Mitmenschen auch als Werkzeuge, mit denen sie Steinwerkzeuge nachbearbeiteten. Vom Senckenberg Center for Human Evolution and Palaeoenvironment an der Universität Tübingen waren Professor Hervé Bocherens und Professor Johannes Krause als auch von der Universität Tübingen Cosimo Posth und Christoph Wißing an den Untersuchungen beteiligt. Bei der neuen Auswertung der Fundsammlung aus der „Troisième caverne“ von Goyet flossen die Ergebnisse verschiedener Disziplinen mit ein, 99 bisher unbestimmte Knochenfragmente konnten eindeutig als Überreste von Neandertalern identifiziert werden. Damit erbrachte die Fundstelle den größten Bestand an Neandertaler-Überresten im nördlichen Europa. Durch die komplette Analyse der Mitochondrien-DNA von zehn Neandertalern verdoppelten die Forscher den genetischen Datenbestand zu dieser vor rund 30.000 Jahren ausgestorbenen Menschenart. Sie bestätigten die Ergebnisse vorhergehender Studien, die untereinander eine geringe genetische Vielfalt – beziehungsweise eine enge Verwandtschaft   – der späten Neandertaler in Europa ergeben hatten. Die neuen Ergebnisse wurden in der Fachzeitschrift Scientific Reports veröffentlicht.

Diese Sammlung von stark fragmentierten Überresten von Neandertalern aus der „Troisième caver-ne“ von Goyet stammt von mindestens fünf Individuen. Das Alter der mit einem Stern markierten Fragmente wurde direkt mit 40.500 bis 45.500 Jahren bestimmt. Der Maßstab entspricht drei Zenti-metern. Foto: Royal Belgian Institute of Natural Sciences.
Diese Sammlung von stark fragmentierten Überresten
von Neandertalern aus der „Troisième caver-ne“ von
Goyet stammt von mindestens fünf Individuen. Das Alter
der mit einem Stern markierten Fragmente wurde direkt
mit 40.500 bis 45.500 Jahren bestimmt. Der Maßstab
entspricht drei Zenti-metern. Foto: Royal Belgian
Institute of Natural Sciences.

Die „Troisième caverne“ von Goyet wurde bereits vor fast 150 Jahren ausgegraben. Neue Erkenntnisse gewinnen die Forscher jedoch durch moderne Untersuchungsmethoden, wie eine präzise digitale Vermessung und Beschreibung der Knochen, die Untersuchung der ursprünglichen Ablagerungsbedingungen, der Isotopenanalyse und genetischen Analysen.

Manche Überreste der Neandertaler in Goyet zeigen menschengemachte Veränderungen wie Schnitt- und Schlagspuren, was den Forschern zufolge klar auf Schlachtungen hinweist. Die Überreste wurden sehr intensiv genutzt und tragen Hinweise auf Enthäutung, Zerteilung und Extraktion des Knochenmarks. „Diese Nachweise lassen auf Kannibalismus unter den Neandertalern schließen“, sagt Hervé Bocherens. Es sei allerdings nicht möglich zu bestimmen, ob die menschlichen Überreste im Rahmen symbolischer Handlungen bearbeitet worden seien oder ob die Mitmenschen ausschließlich als Nahrung dienten. „Die zahlreichen in Goyet gefundenen Überreste von Pferden und Rentieren wurden in der gleichen Weise bearbeitet“, so der Wissenschaftler. Unter Wissenschaftlern unumstrittene Nachweise für Kannibalismus unter Neandertalern waren bisher von den beiden Ausgrabungsstätten El Sidrón und Zafarraya in Spanien und zwei weiteren in Moula-Guercy und Les Pradelles in Frankreich bekannt. Die Höhlen von Goyet liefern das erste Beispiel aus dem nördlichen Europa.

Der Archäozoologe Cédric Beauval von „Archéosphère“ (links), die Paläo-anthropologin Hélène Rougier von der California State University Northridge (Mitte) und Isabelle Crevecoeur von der Universität Bordeaux (rechts) identifi-zieren menschliche Skelettreste in der Sammlung aus den Höhlen von Goyet. Foto: Damien Flas
Der Archäozoologe Cédric Beauval von „Archéosphère“ (links), die
Paläo
anthropologin Hélène Rougier von der California State
University Northridge (Mitte) und Isabelle Crevecoeur von der
Universität Bordeaux (rechts) identifizieren menschliche Skelettreste
in der Sammlung aus den Höhlen von Goyet. Foto: Damien Flas

Dass die Neandertalerknochen aus Goyet von den Mitmenschen auch als Werkzeuge eingesetzt wurden, zeigen unter anderem vier Knochen eindeutig – ein Oberschenkelknochen und drei Schienbeine –, die zur Nachbesserung der Kanten von Steinwerkzeugen dienten. Solche Werkzeuge für die Nachbearbeitung wurden sonst häufig aus Tierknochen gefertigt. „Der Einsatz von Neandertalerknochen für diesen Zweck war nur von sehr wenigen Ausgrabungsstätten bekannt, und nirgends wurden sie so zahlreich gefunden wie in Goyet“, sagt Bocherens. Für die Wissenschaftler ergibt sich mit den neuen Erkenntnissen eine beträchtliche Vielfalt an Verhaltensweisen im Umgang mit Toten bei den späten Neandertalern – in der letzten Periode vor ihrem Verschwinden. Keine der Neandertalerfundstätten in der gleichen Region liefere Hinweise auf einen ähnlichen Umgang mit Leichen wie in Goyet, so Bocherens. Stattdessen seien sogar Bestattungen bekannt. Außerdem kennen die Wissenschaftler von anderen Fundstätten der späten Neandertaler im nördlichen Europa weitere und verschiedene Arsenale an Steinwerkzeugen. „Die großen Unterschiede im Verhalten dieser Menschen einerseits und ihrer geringen genetischen Diversität andererseits gibt uns viele Fragen zum Sozialleben und dem Austausch zwischen verschiedenen Gruppen der späten Neandertaler auf“, sagt der Wissenschaftler.

 

 Verschiedene Kategorien menschengemachter Ver-änderungen, die an den Neandertalerknochen aus Goyet zu finden sind: Oberschenkelknochen I (links) weist Vertiefungen und eine Kerbe auf, die von der Schlagbearbeitung stammen, und Oberschenkelkno-chen III (rechts) zeigt Schnittkerben, die eine Bear-beitung bei einer Schlachtung belegen. Oberschen-kelknochen III weist außerdem Spuren auf, die auf eine Benutzung zur Nachbearbeitung der Kanten von Steinwerkzeugen hindeuten. Der Maßstab entspricht einem Zentimeter. Foto: Royal Belgian Institute of Natural Sciences.
Verschiedene Kategorien menschengemachter Ver-
änderungen, die an den Neandertalerknochen aus
Goyet  zu finden sind: Oberschenkelknochen I (links)
weist Vertiefungen und eine Kerbe auf, die von der
Schlagbearbeitung stammen, und Oberschenkelkno-
chen III (rechts)  zeigt Schnittkerben, die eine
Bearbeitung bei einer  Schlachtung belegen.
Oberschen-kelknochen III weist  außerdem Spuren auf,
die auf eine Benutzung zur  Nachbearbeitung der Kanten
von Steinwerkzeugen hindeuten.  Der Maßstab
entspricht einem Zentimeter.
Foto: Royal Belgian Institute of Natural Sciences.

Bildmaterial zur Verwendung mit dieser Pressemitteilung zum Download unter http://www.pressefotos.uni-uebingen.de/UT_20160706_PM_Neandertaler.zip - Bitte nennen Sie die Bildnachweise (siehe PDF-Datei).

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Publikation:
Rougier, H., Crevecoeur, I., Beauval, C., Posth, C., Flas, D., Wißing, C., Furtwängler, A., Germonpré, M., Gómez-Olivencia, A., Semal, P., van der Plicht, J., Bocherens, H. & Krause, J., 2016. Neandertal cannibalism and Neandertal bones used as tools in Northern Europe. Scientific Reports 6: 29005; doi: 10.1038/srep29005.

Kontakt:
Prof. Dr. Hervé Bocherens
Universität Tübingen
Senckenberg Center for Human Evolution and Palaeoenvironment (HEP)
Mathematisch-Naturwissenschaftliche Fakultät
Paläobiologie – Arbeitsgruppe Biogeologie
Telefon +49 7071 29-76988

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Hochschulkommunikation
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