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09.10.2018 - Homo georgicus - der Schädel aus dem Ursprungsland der ersten Europäer

Frankfurt, 10.10.2018. Georgien ist das Gastland der diesjährigen Frankfurter Buchmesse. Aus diesem Anlass zeigt das Senckenberg Naturmuseum Frankfurt in Zusammenarbeit mit dem Georgischen Nationalmuseum ein außerordentliches Fossil. In Georgien wurden die bisher ältesten Überreste von Menschen außerhalb Afrikas
gefunden. Sie werden der Zeit vor 1,8 Millionen Jahren zugeschrieben und gelten somit als die Vorfahren der ersten
Europäer. Von besonders großer wissenschaftlicher Bedeutung sind fünf aus der gleichen Fundschicht stammende, gut erhaltene Schädel. Eines dieser Fossilien, „Schädel 5“, wird in der Schatzkammer des Museums ausgestellt. Er ist der weltweit vollständigste fossile Menschenschädel, bei dem auch der Unterkiefer erhalten ist. Der Originalschädel wird erstmals außerhalb Georgiens zu sehen sein.

Prof. Dr. Andreas Mulch, Direktor des Senckenberg Forschungsinstituts
und Naturmuseums, eröffnete die Ausstellung und dankte dem
Georgischen Nationalmuseum sowie anwesenden Vertretern des
georgischen Ministeriums für Bildung, Wissenschaft, Kultur und Sport für
die Möglichkeit, diesen Sensationsfund aus der Grabungsstätte Dmanisi
dem Frankfurter Museumspublikum im Original zu präsentieren. Mulch
verwies dabei auf die paläoanthropologische Tradition des
Senckenberg-Forschungsinstituts und auf die Chancen, die sich aus der
Forschung zur Entwicklung des Menschen ergeben: „Ich freue mich
sehr, dass in unserem Haus, mit seiner bereits 1968 von Gustav
Heinrich Ralph von Koenigswald gegründeten paläoanthropologischen
Abteilung, nun ein für die Forschung so bedeutendes Originalfossil
gezeigt werden kann“.

1991 wurden bei Grabungen in der Nähe des Dorfes Dmanisi Reste von
fossilen Menschen gefunden. Der Ort liegt etwa 85 Kilometer
südwestlich der georgischen Hauptstadt Tiflis. In den Folgejahren
wurden auf einer Fläche von etwa 400 m² fünf Menschenschädel,
zahlreiche weitere Skelettelemente sowie einfache Steinwerkzeuge
entdeckt. Das Alter der Fossilien konnte auf etwa 1,8 Millionen Jahre
datiert werden. Sie sind damit die ältesten Frühmenschenfunde
außerhalb Afrikas und gelten als Vorfahren der ersten Europäer.
Senckenberg-Anthropologe Prof. Dr. Friedemann Schrenk nennt die
Grabungsstätte Dmanisi eine „spektakuläre Homininen-Fundstelle“, die
mit über 20 geborgenen Homininenfragmenten „in die kleine
Spitzengruppe der bedeutendsten Hominiden-Fundstellen der Welt
aufgerückt ist“.

Die vollständige Erhaltung der fünf Schädel aus Georgien erklärt man sich damit, dass Hyänen sie in unterirdische Höhlen schleppten und sie
dort vor Zerfall geschützt waren. Die Überreste von drei Männern und
zwei Frauen unterschiedlichen Lebensalters weisen eine Mischung
anatomischer Merkmale auf, die vor deren Funden verschiedenen
Frühmenschenarten zugeordnet wurden. „Hätte man die einzelnen
Schädel an voneinander weiter entfernten Fundorten entdeckt, wären
sie aufgrund ihrer großen anatomischen Verschiedenheit wahrscheinlich
unterschiedlichen Arten zugeordnet worden“, so Schrenk. Doch die
tatsächliche Fundsituation lässt für die internationale
Forschergemeinschaft nur den Schluss zu, dass sie alle Angehörige
derselben Population waren.

Der im Jahr 2005 entdeckte Originalschädel „Schädel 5“ ist der am
besten erhaltene und kompletteste der fünf Schädel und zugleich der
weltweit vollständigste eines fossilen Menschen. Ihm wurde später ein
fünf Jahre zuvor gefundener Unterkiefer zugeordnet. Auffällig sind der
große Gesichtsschädel mit den prominenten Überaugenwülsten und das
kleine Gehirnvolumen von nur 546 cm³. Damit besaß dieses Individuum
unter den Dmanisi Frühmenschen das kleinste Gehirnvolumen, obwohl
es mit einer Körperhöhe von etwa 1,60 Metern größer war als die
anderen. Man geht davon aus, dass es sich um eine männliche Person
im Alter von etwa 40 Jahren handelt.

Friedemann Schrenk und Grabungsleiter David Lordkipanize sprachen
über die neueste Forschung an „Schädel 5“ sowie über den Kaukasus
als Hotspot der Evolution früher Menschen. Aktuelle
Forschungsmethoden erlauben Einblicke in die biologische und soziale
Variabilität der frühen Homininen-Population. „Die Zähne sind völlig
abgenutzt, die Zahnwurzel war entzündet. Der rechte Wangenknochen
war aufgrund einer Fraktur deformiert, das linke Unterkiefergelenk weist
Anzeichen einer chronischen Arthritis auf“, erklärt Schrenk und ergänzt:
„Durch die Funde aus Dmanisi wissen wir heute, dass die ersten
Frühmenschen spätestens vor 2 Millionen Jahren zum ersten Mal den
afrikanischen Kontinent verließen. Ressourcenreiche Flusstäler
erlaubten ein rasches Vordringen der Homininen in den Südkaukasus.
Die dortigen Lebensräume boten ideale Lebensbedingungen und waren
daher das früheste Zentrum der Menschhheitsgeschichte in Europa.“

Der „Schädel 5“ ist vom 11. Oktober bis zum 18. November 2018 im
Senckenberg Naturmuseum Frankfurt zu sehen. Begleitet wird die
Präsentation des einzigartigen Exponats von Repliken der anderen vier
Schädel, von einigen großformatigen Fotos sowie von einem Kurzfilm
über die Arbeiten an der Grabungsstätte Dmanisi.

Die Präsentation kann nur in Verbindung mit der Dauerausstellung
besichtigt werden.
Eintritt: 10 Euro für Erwachsene, 5 Euro für Kinder und Jugendliche (6 bis 15 Jahre) sowie 25 Euro für Familien (2 Erwachsene und bis zu 3 Kinder).
Öffnungszeiten: Mo, Di, Do, Fr 9 – 17 Uhr,
Mi 9 – 20 Uhr, Sa, So und Feiertage 9 – 18 Uhr.

Die Ausstellung ist in Zusammenarbeit mit dem Georgischen
Nationalmuseum und dem Ministerium für Bildung, Wissenschaft,
Kultur und Sport Georgiens im Rahmen des Gastlandauftritts
Georgiens auf der Frankfurter Buchmesse 2018 entstanden.

Der in der Ausstellung gezeigte Kurzfilm über die Grabungsstätte
Dmanisi wurde mit Mitteln des Aktionsplans der Leibniz-
Forschungsmuseen finanziert.
1
Das Original des weltweit vollständigsten
fossilen Menschenschädels – Schädel 5 aus
Dmanisi – für fünf Wochen zu sehen im
Senckenberg Naturmuseum.
Foto: Guram Bumbiashvili,
Nationalmuseum Georgien


2
Mikheil Giorgadze, stellvertretender
Minister für Bildung, Wissenschaft,
Kultur und Sport in Georgien bei der
Einweihung des „Schädel 5“.
Foto: Senckenberg/Tränkner


3
Senckenberg-Paläoanthropologe
Prof. Dr. Friedemann Schrenk (links),
im Gespräch mit Prof. Dr. David Lordkipanidze,
Generaldirektor Georgisches Nationalmuseum,
über neueste Forschungen zu „Schädel 5“
und den Kaukasus als Hotspot der Evolution früher Menschen.
Foto: Senckenberg/Tränkner


4
Von links nach rechts:
Levan Kharatishvili (Ministerium für
Bildung, Wissenschaft, Kultur und Sport, Georgien),
Prof. Dr. Friedemann Schrenk, Prof. Dr. Andreas Mulch,
Mikheil Giorgadze, Prof. Dr. David Lordkipanidze
und Museumsleiter Dr. Bernd Herkner.
Foto: Senckenberg/Tränkner

Kontakt

Dr. Bernd Herkner
Leiter Abteilung Museum
Senckenberg Forschungsinstitut und Naturmuseum
Tel. 069 – 7542 1557
bernd.herkner@senckenberg.de

Dr. Sören Dürr
Anna Lena Schnettler
Pressestelle
Senckenberg Gesellschat für Naturforschung
Tel. 069- 7542 1561
pressestelle@senckenberg.de

Die Natur mit ihrer unendlichen Vielfalt an Lebensformen zu erforschen und zu verstehen, um sie als Lebensgrundlage für zukünftige Generationen erhalten und nachhaltig nutzen zu können - dafür arbeitet die Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung seit nunmehr 200 Jahren. Diese integrative „Geobiodiversitätsforschung“ sowie die Vermittlung von Forschung und Wissenschaft sind die Aufgaben Senckenbergs. Drei Naturmuseen in Frankfurt, Görlitz und Dresden zeigen die Vielfalt des Lebens und die Entwicklung der Erde über Jahrmillionen. Die Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung ist ein Mitglied der Leibniz-Gemeinschaft. Das Senckenberg Naturmuseum in Frankfurt am Main wird von der Stadt Frankfurt am Main sowie vielen weiteren Partnern gefördert. Mehr Informationen unter www.senckenberg.de.

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