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Isla del Coco Expeditions-Blog

Zwischen Petroglyphen und Plastikbändchen

30/12/2013, 12:51 von |Benutzer| Sebastian Lotzkat

Nachdem wir die Umgebung unserer Wohnung in Bahía Wafer die ersten Tage und Nächte ausgiebig erkundet hatten zogen wir erstmal für einige Nächte um...

aussicht
Blick vom Weg (waldloser Rücken auf nächstem Foto) über den Westteil der Bahía Chatham. Der längliche Fels links hinten ist die Isla Manuelita (siehe eigenen Eintrag).

aufsicht
Blick vom Boot in das Zentrum der Chatham-Bucht.
Rechts entwaldeter Bergrücken mit sichtbar gepflegtem Weg nach Wafer,
links bewaldeter Rücken mit selbst geschlagenem Pfad Richtung Ostküste.

 

...und zwar in die zweite, wesentlich kleinere Parkwächterbasis in der nahegelegenen Bahía Chatham, der wir bereits zuvor während eines Kurzbesuchs kennengelernt hatten. Ganz im Gegensatz zu dem regelrechten Dorf in "Wafer" besteht die "Base Chatham" aus nur drei Bauwerken: dem Wohnhaus mit Küche und sanitären Einrichtungen, einem kleinen Geräteschuppen und einer Hütte für den Dieselgenerator, der hier nur im Bedarfsfall Strom liefert. Wesentlich weniger zivilisatorischer Komfort also, und einen designierten Koch gibt es auch nicht – da kommt fast schon Freibeuterstimmung auf.

 

alcyone
Blick auf die Base Chatham. Das Relief im Vordergrund stammt von Jaques
Cousteau und zeigt die Verwandlung der Alkyone (eine der sieben Plejaden,
nach der Cousteaus revolutionäres zweites Forschungsschiff benannt wurde) 
in einen Vogel und schließlich einen Stern.

 

 

Die Chatham-Bucht hat ihren Namen von einem der Schiffe, mit denen George Vancouver (1757–1798) im Zuge seiner Weltumseglung im Jahre 1795 hier vor Anker ging. Seit dieser Zeit haben unzählige Besucher ihre eigenen Namen oder die ihrer Schiffe in einen der vielen Felsen am Ufer eingraviert.

Wie in der Bahía Wafer ist auch in dieser Bucht eine gewisse Waldfläche dem menschlichen Bedarf an Holz, sonstigen Rohstoffen und Anbaufläche zum Opfer gefallen. Im späten 19. Jahrhundert befand sich hier sogar ein paar Jahre lang eine Strafkolonie. Für deren Vieh wurde damals das invasive Guineagras entlang der entwaldeten Hänge ausgesät und bedeckt diese bis heute.

Nachdem wir die Einschleppung des Asiatischen Hausgeckos in Wafer Bay festgestellt hatten waren wir sehr gespannt: Hatte der Eindringling es in irgendeinem Rucksack oder Materialtransport vielleicht auch schon hierher geschafft?

Dementsprechend verbrachten wir den ersten Abend rund um die Basis selbst und sahen uns jeden der die Wände, Dächer und Umgebung des Postens überaus zahlreich bevölkernden Geckos ganz genau an. Mit Erleichterung beendeten wir unsere Suche noch vor Mitternacht, ohne einen einzigen Hemidactylus entdeckt oder gehört zu haben.

 

vorgarten
Repräsentativer Ausschnitt des Bereiches vor der Basis – einer von vielen genutzten Lebensräumen der beiden heimischer Echsenarten.  
Von links nach rechts: Strand, Steine, Steinwall mit Boje, junger Kokospalme, Schweineschädel und Farn, dann sandiger "Vorgarten" des Gebäudes.

 

funk       cocina
Funkverbindung mit Wafer klappt wegen steiler Berge nur über die ankernden Schiffe.                     Luxus geht anders: Gasherd mit Leck in der kleinen Küche der Basis.

 

logo
An einer Rückwand in Chatham überdauert eine frühe Version des Logos
des marinen Schutzgebietes mit einem etwas plump wirkenden Hammerhai.

Neben der Klärung möglicher Neozoen-Präsenz in der Bahía Chatham selbst wollten wir unseren Aufenthalt nutzen, um im östlichen Teil der Insel auf Echsensuche zu gehen. Zu unserem Leidwesen mussten wir feststellen dass die Landwege im Kokosinsel-Nationalpark, abgesehen von den beiden Ausnahmen Wafer–Chatham und Wafer–Staudamm/Wasserfall, nicht gepflegt werden... Wir waren keinesfalls die ersten Menschen hier in den Wäldern des Ostens – nur die ersten innerhalb der letzten paar Jahre, weswegen inzwischen allerorten die verschiedensten Pflanzen jeden einstmals dagewesenen Weg verstellten und uns über den unvermeidlichen Macheteneinsatz veritable Blasen an den Händen bescherten.

Von der Base Chatham aus öffneten wir einen Pfad auf den nächsten Bergrücken und fortan immer auf diesem entlang in Richtung Ostküste. Dabei bewegten wir uns fast ständig entlang einer Reihe von Plastikbändern, die spätestens alle paar Dutzend Meter an Ästen und Stämmen festgeknotet waren. Diese meist signalfarbenen Bändchen werden in Lateinamerika quasi überall verwendet, um die schnell zuwachsenden Wege im Wald mehr oder weniger dauerhaft zu markieren.

kokosfinken
Die für die Insel endemischen Kokosfinken (Männchen links, Weibchen rechts) scheinen in der Chatham-Bucht besonders zutraulich zu sein.

 

wald
Einige typische Komponenten des Inselwaldes: Baumfarne (Wedel rechts),
die rötlich alternde Bromelie Guzmania sanguinea (auf Baum im Zentrum)
und viel Wasser in der Luft... gerne in Form dicker Tropfen, stundenlang.

Da unsere Route uns immer entlang der Höhenkämme führte hätten wir die Bändchen eigentlich gar nicht als Bestätigung gebraucht. Tatsächlich sahen wir bald davon ab ihnen allzuviel Bedeutung beizumessen, da sich ihre Spur bei nahezu jeder Verzweigung "unseres" Bergrückens mit diesem verzweigte, sie an manchen Stellen zu unserer anfänglichen Verwirrung einfach an jedes tragfähige Gewächs geknotet schienen, und wir sowieso nicht wissen konnten wer mit ihnen einen Weg wohin oder was auch immer sonst markiert hatte.

Den jeweils nachmittags geschaffenen Weg nutzten wir dann nach Einbruch der Dunkelheit zur nächtlichen Tiersuche. Dabei konnten wir uns einmal mehr von der teils unwirklich erscheinenden Abundanz von Anolis townsendi überzeugen: Buchstäblich alle paar Schritte schlief eine dieser Echsen auf einem Blatt oder Ast zwischen Hüft- und Augenhöhe. Teils waren es gleich mehrere auf einer Pflanze, in einem Fall – wie putzig – sogar Händchen haltend.

drama
Drama! Ein junger Kugelfingergecko ist unter dem Dach der Basis einer etwa daumennagelgrossen Stachelspinne ins Netz gegangen und versucht sich wieder freizuzappeln. Zu unserer und sicher auch seiner eigenen Freude hat er das auch geschafft.

 

Nicht ganz so oft, aber immer noch häufig fanden wir auch die zierlichen Kugelfingergeckos. Mit ihrer bedächtigen aber sehr geschickten nächtlichen Kletterei scheinen sie hier die Rolle übernommen zu haben die auf dem Festland den Salamandern zukommt – Greifschwanz und Glupschaugen eingeschlossen. Spätestens während dieser nächtlichen Streifzüge im Osten der Insel hat Sphaerodactylus pacificus mit seiner Eleganz und Niedlichkeit endgültig unsere Herzen erobert, weswegen er von uns fortan mit dem geographisch etwas weit hergeholten Diminuitiv "Sphaerozinho" bezeichnet wurde.

karte
Karte der Kokosinsel mit den im Text erwähnten Orten. Küstenlinie und ungefähre Höhenlinien digitalisiert von Peter Minton, EVS Islands.

 

von Sebastian Lotzkat und Joseph Vargas

 



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