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world of biodiversity

Senckenberg Forschungsinstitut und Naturmuseum Frankfurt

Herpetologie

Biodiversität, Ökologie und Zoogeographie der Herpetofauna der Zentralkordillere im westlichen Panama

Beteiligte Institute und Organisationen (außer Forschungsinstitut Senckenberg):
Abteilung Ökologie und Evolution, Johann Wolfgang Goethe Universität, Siesmayerstrasse D-60323, Frankfurt am Main, Deutschland
Universidad Autónoma de Chiriquí (UNACHI), Davíd, Chiriquí, Panama


Panama liegt im Bereich des geologisch jüngsten Teils Mittelamerikas. Vor etwa zwölf Millionen Jahren wanderten durch tektonische Verschiebung Inseln in den Spalt zwischen Süd- und dem zentralen Mittelamerika, das sogenannte Panamaportal, bis vor etwa drei Millionen Jahren mit der Ausbildung des heutigen Panamas und Costa Ricas eine Landbrücke entstanden war. Die Tier- und Pflanzenwelt breitete sich über diese Landbrücke aus, so dass heute süd-, nord- und mittelamerikanische Faunenelemente in dieser Region zu finden sind. Panama wird als eines der Länder mit der höchsten Biodiversität (Vielfalt der Lebensformen) weltweit angesehen.

Im Gegensatz zu seinem Nachbarland Costa Rica ist Panama bislang allerdings noch unzureichend erforscht. Das gilt insbesondere für die schwer zugänglichen Gebirgsregionen im Westen, die sich durch bis knapp 3500 m hohe Gipfel und weitläufige, intakte Nebelwälder auszeichnen. Ein deutlicher Hinweis auf den extrem hohen Artenreichtum dieser Hochlagen - und gleichzeitig auf das Ausmaß unserer Unkenntnis desselben - ist die Entdeckung von vier neuen Echsenarten innerhalb von nur 24 Stunden während einer Senckenberg-Expedition im Jahre 2006.

  Karte

Im Rahmen ihrer im Herbst 2007 angelaufenen Dissertationsprojekte erforschen Andreas Hertz (Amphibien) und Sebastian Lotzkat (Reptilien) die Herpetofauna eines etwa 250 km langen und 30 km breiten Transektes (die grüne Fläche in der oben stehenden Karte), der die westliche Zentralkordillere ab einer Höhe von etwa 1000 m NN einschließt. Untersucht werden vor allem taxonomisch-systematische und biogeographische Fragestellungen, zu deren Beantwortung eine möglichst vollständige Inventarisierung des Gebietes nötig ist. Dementsprechend ist das primäre Ergebnis der Untersuchung ein Inventar der im Untersuchungsgebiet vorkommenden Amphibien- und Reptilienarten. Zu erwarten sind dabei diverse Neubeschreibungen bisher unbekannter Arten, sowie Erstnachweise von Arten für Panama. Hierauf aufbauend werden sowohl morphologisch-anatomische als auch molekulargenetisch gestützte taxonomische und zoogeographische Analysen durchgeführt, die neue Erkenntnisse zu Verwandtschaft, Verbreitung, Ökologie, Evolution und Gefährdungen der vorgefundenen Populationen liefern werden. Die Kalkulation von Diversitätsindices ermöglicht die Identifikation so genannter Biodiversitäts-Hotspots, die bei Schutzvorhaben prioritär behandelt werden sollten.

Im Angesicht des gegenwärtigen, wohl vor allem durch menschliche Einwirkung hervorgerufenen Artensterbens sind derartig grundlegende Maßnahmen der Biodiversitätsforschung von höchster Bedeutung. Dies gilt in besonderem Maße im Falle den verschiedenen Umwelteinflüssen wesentlich schutzloser ausgesetzten Amphibien, für die Lebensraumzerstörung von Menschenhand zwar die gravierendste, aber bei weitem nicht die einzige ernsthafte Bedrohung darstellt. Ihre hoch permeable Haut stellt für Umweltgifte kaum eine Barriere da. So ist ihr in der Regel aquatisches Larvenstadium der Verschmutzung der Gewässer ausgeliefert, während die erwachsenen Frösche unter Klimawandel und Luftverschmutzung zu leiden haben. Das macht die Amphibien zu guten Bioindikatoren. Zudem häuft sich seit etwa 30 Jahren die Anzahl der amphibienspezifischen EIDs (Emerging Infection Disease). Seit den 1980er Jahren wurden im Hochland des südlichen Mittelamerikas gravierende Rückgänge und Totalverluste von Froscharten festgestellt, die ursächlich mit dem Chytrid-Pilz (Batrachochytrium dendrobatidis) in Verbindung gebracht werden. Der Rückgang der Frösche betraf dabei auch Populationen in Schutzgebieten mit Primärvegetation. Im Rahmen unserer Studie konnten wir mehrere Populationen solcher stark zurückgegangenen oder sogar ausgestorben geglaubten Arten entlang der Cordillera Central im Westen Panamas entdecken (siehe Pressemitteilung) und Stichproben von ausgewählten Populationen auf den Pilz untersuchen - mit unterschiedlichen Ergebnissen.

Bolitoglossa jugivagans

Die erste Feldarbeitsphase im Rahmen dieses Projektes fand zwischen Mai und August 2008 statt. Andreas Hertz, Sebastian Lotzkat sowie die beiden Diplomanden Leonhard Stadler und Nadim Hamad suchten - anfangs unterstützt von Dr. Köhler, später gelegentlich in Begleitung des panamaischen Biologen Arcadio Carrizo - während ihres viermonatigen Aufenthaltes ausgewählte Lokalitäten innerhalb der Zentralkordillere auf. Im Jahr 2009 wurden zwei weitere, jeweils zweieinhalbmonatige Forschungsreisen nach Panama durchgeführt. Auch in diesem Jahr waren mit Joe-Felix Bienentreu und Frank Hauenschild zwei Diplomanden dabei. Von panamaischer Seite wurden diverse Expeditionen durch die Teilnahme von Rosalba De Leon, Abel Batista, Arcadio Carrizo, Marcos Ponce und Juan Castillo bereichert. Zwischen Mai und August 2010 folgte die bisher letzte Forschungsreise nach Panamá.

Sibon noalamina

Das Ergebnis dieser vier Forschungsreisen nach Panamá ist eine Aufsammlung von etwa 80 Amphibien- und 114 Reptilienarten. Unter diesen stechen schon nach vorläufigen Analysen einige sehr interessante Funde hervor: So z.B. neue Arten wie etwa der zierliche Salamander Bolitoglossa jugivagans, der bisher nur von einem einzigen Exemplar bekannt ist, oder die Schneckennatter Sibon noalamina (siehe Pressemitteilung) die jüngst zu einer der "Top 10 New Species 2012" erklärt wurde. Darüber hinaus konnten mehrere aus dem benachbarten Costa Rica bekannte Arten erstmals für Panama nachgewiesen werden. Angesichts diverser Exemplare deren Artzugehörigkeit bislang ungeklärt ist dürfen nach eingehenden Untersuchungen weitere interessante Ergebnisse erwartet werden.

Fotos:   Expeditionen   2008   2009      Amphibien      Reptilien

Publikationen

Bestimmungstafeln für Amphibien und Reptilien im westlichen Panama