Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung

 
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Schlangentoxine: Mangel an Gegengiften

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) veröffentlicht Verbreitungskarten und Fotos von über 200 Giftschlangen-Arten im Internet. „Sie unterstreicht damit die Bedeutung der Erforschung der Artenvielfalt und Verbreitung dieser Tiere“, sagt Ulrich Kuch vom LOEWE Biodiversität und Klima Forschungszentrums (BiK-F) . „Schlangenbiss-Vergiftungen sind vor allem in Entwicklungsländern ein großes Gesundheitsproblem.“

Schätzungen belaufen sich auf jährlich 2,5 Millionen Fälle. Diese Zahl hält Kuch für zu niedrig: „Wo Giftschlangenbisse häufig sind, werden oft gar keine Statistiken geführt. Selbst wenn es Krankenhäuser gibt, fehlt es oft am Gegengift“, weiß der BiK-F-Forscher aus seiner Arbeit in den Tropen. 

Da diese Immunglobulin-Präparate zu den unverzichtbaren, den so genannten „essentiellen“ Medikamenten gehören, etabliert die WHO jetzt Richtlinien zur Herstellung und Qualitätskontrolle der lebensrettenden Gegengifte. „Damit trägt die WHO den UN-Mitgliedsstaaten auf, ihren Beitrag zu leisten, damit alle Bissopfer weltweit mit wirksamen Medikamenten behandelt werden können.“
 
Der Mangel hat viele Ursachen:  In Ländern wie Laos ist die Behandlung von Schlangenbissen mit Gegengiften noch gar nicht etabliert. In Bangladesch gibt es oft keine, weil die Medikamente aus Indien importiert werden müssen. In Bolivien, wo Klapperschlangen und Lanzenottern auch rund um die neue Senckenberg-Forschungsstation  häufig sind, wird genug Gegengift produziert – aber die Verteilung im Land klappt nicht. 

„Auch die Herausforderungen an die Forschung sind entsprechend vielschichtig“, betont Kuch: „In einigen Bereichen müssen wir systematisch Grundlagenforschung betreiben. An anderen Stellen wird Forschung eher in Form von begleitend-kontrollierenden Maßnahmen bei der Umsetzung von klinischen Programmen benötigt.“

Senckenberg sieht der Biologe hier in einer wichtigen Rolle, hat doch die Erforschung von Giftschlangen lange Tradition in Frankfurt. Damit untrennbar verbunden ist auch die Erinnerung an den tragischen Tod des Senckenberg-Direktors Prof. Robert Mertens durch einen Schlangenbiss im Jahr 1975: Thelotornis capensis, die afrikanische Baumschlange, die Mertens vergiftet hatte, ist ebenfalls auf den Internet-Seiten der WHO zu finden – als eine der vielen Arten, für die es noch immer kein Gegengift gibt.  

Grüne Bambusotter

Grüne Bambusotter (Cryptelytrops erythrurus) © Senckenberg

Weitere Informationen:
http://www.bik-f.de/files/press/pm_schlangen_6-mai.pdf
http://www.who.int/mediacentre/factsheets/fs337/en/index.html
http://www.who.int/bloodproducts/snake_antivenoms
http://www.who.int/neglected_diseases/diseases/snakebites


https://die-welt-baut-ihr-museum.de