Die Saumfingerechsen sind mit knapp 400 anerkannten Arten die umfangreichste Echsengattung überhaupt, wobei die Erfassung aller Arten noch nicht abgeschlossen ist, wie zahlreiche Neubeschreibungen in der jüngsten Literatur zeigen. Die Systematik und Taxonomie der Anolis sensu lato befindet sich noch immer in einem unbefriedigenden Zustand. Die in der Literatur vorgeschlagenen »Artengruppen« können nur sehr bedingt als monophyletische Einheiten verstanden werden. Vielmehr handelt es sich nur zum Teil um natürliche Gruppen von Arten, während andere künstliche Gruppierungen darstellen, deren Arten sich lediglich ähneln und durch eine bestimmte Merkmalskombination zusammenfassen lassen. Zum jetzigen Zeitpunkt sind die Kenntnisse über die stammesgeschichtlichen Verwandtschaftsbeziehungen der Saumfinger noch zu gering, um die natürlichen Gruppierungen gesichert definieren zu können.
Ziel unserer Studien ist, zunächst die morphologischen und geografischen Artgrenzen der einzelnen Anolis-Arten zu evaluieren. Dabei beziehen wir externmorphologischen Merkmale (Pholidose, Körperproportionen), genitalmorphologische Daten (Hemipenismorphologie) und molekulargenetische Marker (mitochondriale Sequenzdaten) ein. Neben eigenen Aufsammlungen bei Expeditionen in die Herkunftsländer der Anolis werden die umfangreichen Sammlungsbestände in europäischen, nordamerikanischen und lateinamerikanischen Museen in die Untersuchungen einbezogen. Neue Aufsammlungen sind vor allem auch wichtig, um Farbbeschreibungen lebender Individuen durchzuführen und frisches Gewebematerial für genetische Studien zu erhalten.
Die Hemipenismorphologie als Informationsquelle für Systematik und Taxonomie wurde bei Anolis bislang kaum genutzt. Die vergleichende Untersuchung von Form und Oberflächenstruktur der männlichen Kopulationsorgane dieser Echsen ergab eine große Vielfalt. Innerhalb einer Art ist die individuelle und geografische Variation minimal. Hingegen bestehen zwischen den Arten immense Unterschiede bei diesen Organen. In Mittelamerika haben wir inzwischen 12 Artenpaare dokumentiert, die in ihrer Externmorphologie (Färbung, Körperproportionen, Beschuppung) kaum zu unterscheiden sind, aber drastische Unterschiede in ihrer Hemipenismorphologie aufweisen. Meist hat dann die eine Art einen großen zweilobigen Hemipenis, während die andere ein kleines einlobiges Organ hat. Es handelt sich also um kryptische („versteckte“) Arten, die nur aufgrund ihrer abweichenden Hemipenismorphologie identifiziert wurden. In allen untersuchten Fällen haben wir eine enge Korrelation zwischen weiblicher Kloakenmorphologie und männlicher Hemipenismorphologie gefunden. Wir gehen davon aus, dass die Artdifferenzierung jeweils in Isolation (Allopatrie) stattgefunden hat, mit Coevolution der Männchen und Weibchen. Die vorliegenden molekulargenetischen Daten sprechen dafür, dass diese kryptischen Artenpaare nahe miteinander verwandt sind, die Differenzierung der Kopulationsorgane also schnell abgelaufen ist, möglicherweise durch einen sich selbst verstärkenden evolutiven Prozess wie z.B. „Runaway Evolution by Cryptic Female Choice“ oder „Chase Away Evolution by Sexual Conflict“.
Entlang von Kontaktzonen nahe verwandter Arten haben wir Individuen mit einer intermediären Hemipenismorphologie gefunden, was wir als Hinweis für Hybridisierung deuten. Diese Vermutung wurde durch die Untersuchung der Hemipenismorphologie von im Labor erzeugten Hybriden bestätigt. Durch dieses Phänomen drängt sich die Frage nach der funktionellen Neutralität der Hemipenismorphologie auf. Da wir in allen untersuchten Fällen eine enge Korrelation zwischen weiblicher Kloakenmorphologie und männlicher Hemipenismorphologie gefunden haben, ist die Hemipenismorphologie vermutlich nicht funktionell neutral. Allerdings konnten keine Hinweise auf Reinforcement entlang der Kontaktzonen nahe verwandter Anolis-Arten gefunden werden. Die Unterschiede in der Hemipenismorphologie verhindern nicht Hybridisierung, was anzeigt, dass bei Anolis die Genitalmorphologie nicht als „Schlüssel-Schloss“-Mechanismus operiert.
Die Genitalmorphologie bei Anolis ist ein vernachlässigtes aber dennoch vielversprechendes Forschungsgebiet. Es gibt zahlreiche mögliche Projekte zur Untersuchung der Bedeutung der Genitalmorphologie für Artbildungsprozesse bei Anolis, so zum Beispiel zu den Paarungssystemen bei Anolis, zu den Prozessen während der Kopula, zur Spermienspeicherung und zum Einfluss der Genitalmorphologie auf die Spermienspeicherung.