Der Warzenbeißer Decticus verrucivorus (LINNAEUS, 1758)
Mit einer Körperlänge von oft über drei, zuweilen sogar vier Zentimetern ist der Warzenbeißer eine unserer größten und markantesten Langfühlerheuschrecken in Mitteleuropa. Der Körper der Tiere ist recht bullig mit breitem Kopf, kräftigem Halsschild und verhältnismäßig kurzen Flügeln. Wie alle Langfühlerheuschrecken besitzt der Warzenbeißer lange dünne Fühler. Die Flügelspitzen überragen knapp den Hinterleib, nicht jedoch die Knie der Hinterbeine. Der Warzenbeißer ist zwar flugfähig, scheint davon jedoch kaum Gebrauch zu machen. Langstreckenflüge sind beim Warzenbeißer eher selten zu beobachten. Aber die langen Sprungbeine ermöglichen weite Sprünge und, zumindest theoretisch, eine schnelle Flucht. Zumeist lässt sich der Warzenbeißer bei Gefahr jedoch einfach von der Vegetation auf den Boden fallen.
Die Färbung der Tiere ist ausnehmend variabel, von fast rein grün bis überwiegend braun. Das würfelartige Muster auf den Vorderflügeln gilt als markantes Bestimmungsmerkmal der Art. Am häufigsten werden Individuen mit grüner Grundfärbung und braunen Zeichnungselementen gefunden. Die beiden Geschlechter sind sich sehr ähnlich. Im Gegensatz zu den Männchen besitzen die Weibchen jedoch einen langen, leicht säbelartig gebogenen Legebohrer. Durch diesen legen sie die Eier in den Boden ab.
Warum Warzenbeißer?
Seinen Trivialnamen erhielt die Art aufgrund eines alten Volksglaubens. Auch sein wissenschaftlicher Artname verrucivorus bedeutet „Warzenfresser“. Früher wurde angenommen, dass der, zuweilen sogar blutende Biss und der scharfe Verdauungssaft der Tiere Hautwarzen verschwinden ließen. Ob diese „Therapie“ Warzen wirklich erfolgreich bekämpfen kann, ist jedoch bis heute umstritten. Auf jeden Fall ist sie schmerzhaft!
Verbreitung, Lebensraum und Naturschutz
Der Warzenbeißer ist eine in Europa und Asien weit verbreitete Art mit 11 beschriebenen Unterarten. Im Norden kommt er bis ins südliche Großbritannien und nach Skandinavien vor, und auch im Gebirge bis weit über 1.000 m über NN. In Deutschland ist die Art in allen Bundesländern nachgewiesen, jedoch mit den größten Vorkommen in den Mittelgebirgen in Bayern, Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz und Thüringen. In Ostdeutschland besiedelt der Warzenbeißer bevorzugt sandige Gebiete und Moore. Eher selten wird er in Nordwest-Deutschland angetroffen. In der Schweiz und Österreich gilt er aktuell noch als weit verbreitet. Doch wohl insbesondere durch intensivierte Landwirtschaft wird ein starker Rückgang verzeichnet. Daher ist er dort leider heute größtenteils nur noch in isolierten Schutzgebieten zu finden.
Besiedelt werden sonnenexponierte halbtrockene Lebensräume auf Sand- und Kalkmagerrasen sowie Magerweiden, die sich durch ein Mosaik verschiedener Aufwuchshöhen und offene feuchte oder zumindest bodenverdichtete Stellen auszeichnen. Durch ihre spezifischen Ansprüche an den Lebensraum sind Warzenbeißer abhängig von einer extensiven Grünlandnutzung und Pflege der Habitate. Aufgrund ihrer hohen ökologischen Ansprüche sind die Individuendichten zumeist gering. Das ist auch der Grund, dass überwiegend nur Einzelnachweise gelingen. Größere Populationen sind nur dann anzutreffen, wenn ausreichend große Flächen zur Verfügung stehen.
Durch den Landnutzungswandel hin zu immer intensiverer Bewirtschaftung sind viele Habitate verschwunden, dezimiert und separiert, was zu stark isolierten Populationen führt. Die Möglichkeiten des genetischen Austauschs zwischen Vorkommen werden durch die immer stärker zunehmende Isolierung immer weiter eingeschränkt. Die Art ist allerdings dringend auf bestehende Korridore zwischen Flächen angewiesen, um Lebensräume zu vernetzen. Bereits mäßig befahrene Straßen können Ausbreitungsbarrieren darstellen. Seit Mitte des 20. Jahrhunderts ist der Populationstrend des Warzenbeißers deshalb deutlich rückläufig. Gründe für das Verschwinden sind neben der intensivierten Landwirtschaft vor allem Grundwasserabsenkungen, Grünlandumbruch und Aufforstung. Bisher liegen keine klaren Ergebnisse vor, ob der Klimawandel zum weiteren Rückgang der Art führt.
Lebenszyklus und Ernährung
Der Lebenszyklus von Decticus verrucivorus ist ein wahres Wunder. Die Art gilt als univoltin (eine Generation pro Jahr). Die Paarung erfolgt im Spätsommer. Die erwachsenen Weibchen legen nach der Paarung im Herbst Eipakete von meist vier Eiern ab. Sie stecken ihren ca. 2 Zentimeter langen Legebohrer in feuchten und eher offenen Boden. Insgesamt werden so schätzungsweise 200 bis 300 Eier abgelegt, die bis zu sieben Jahre im Boden verweilen können, bevor die Embryonalentwicklung einsetzt. In der Regel kommt es erst zwei Jahre nach der Eiablage Mitte April zum Schlupf der Larven. Die Larven haben einen hohen Wärmeanspruch und sind deshalb auf eine hohe Sonneneinstrahlung angewiesen. Nach dem Schlupf bevorzugen die Jungtiere eine höhere Vegetation. Hier sind sie besser vor Fressfeinden geschützt. Trotzdem ist die Larvensterblichkeit mit schätzungsweise 99 % sehr hoch und nur wenige Larven entwickeln sich erfolgreich bis zum adulten Tier. Diese treten von Mitte Juni bis Anfang Oktober auf; am häufigsten sind sie im August zu finden. Decticus verrucivorus gilt besonders in seinen Jungstadien als räuberisch. Die Art ernährt sich vorwiegend von anderen Insekten. Die ausgewachsenen Tiere nehmen jedoch auch pflanzliche Nahrung zu sich.
Gesang und Revierverhalten
Der Gesang des Warzenbeißers ist in Mitteleuropa eine einfach zu erkennende Melodie. Für das menschliche Gehör klingt es wie ein metallisches „Zick“, fast so, als würde der Motor eines alten Traktors laufen. Dabei ist der Gesang eigentlich ein viersilbiger Vers, der 6 bis 10 Mal pro Sekunde wiederholt wird. Mit einem Frequenzspektrum von 10‒80 kHz dominiert der Warzenbeißer häufig die Geräuschkulisse der Wiesen. Der Gesang erklingt ausschließlich tagsüber bei Sonnenschein.
Anders als bei der konstanten Melodie zur Anlockung von Weibchen singen Warzenbeißer auch gegen konkurrierende Männchen an. Es wird vermutet, dass Decticus Rivalen mit einer unregelmäßigen Versfolge zu verdrängen versucht. So verteidigen die Männchen ihre wenige Quadratmeter großen Reviere gegen konkurrierende Artgenossen. Ob auch Kämpfe zwischen den Männchen stattfinden, wurde bisher nicht wissenschaftlich belegt. Aufgrund seiner spezifischen Habitatansprüche sind Warzenbeißer meist nur in kleiner Anzahl pro Fläche anzutreffen.
Das „Ohr“ am Vorderbein
Langfühlerheuschrecken haben im ein faszinierendes Hörorgan. Dieses sogenannte Tympanalorgan befindet sich unterhalb des Knies der Vorderbeine. Es ähnelt dem menschlichen Trommelfell. Durch eine verdünnte Stelle der Außenhaut (Cuticula), die mit speziellen Rezeptoren ausgestattet ist, können Schallgeräusche wahrgenommen werden. Möglich ist somit Ortungshören (sowohl die Richtung als auch die Entfernung) als auch die Erkennung der männlichen Lock- oder „Stör“-rufe.
Natürliche Feinde
Die größten Feinde der adulten Heuschrecken sind Vögel, doch diese haben es nicht leicht, ihre Beute zu ergattern. Zur Anlockung von Weibchen klettert das Männchen in die Spitzen eher halbhoher Vegetation, um zu singen. Naht Gefahr, so verstummen sie und lassen sich auf den Boden fallen. Vögeln fällt es dann schwer, die gut getarnten Insekten ausfindig zu machen. Im Jahr 1886 wurde von Hugo Grimm in den Biologischen Notizen der Kampf zwischen einem Warzenbeißer und einer Goldammer beschrieben. Der Autor berichtete vom verbissenen Kampf zwischen den beiden Kontrahenten wie folgt: „[…] sobald der Vogel auf sie losging, flog sie eine Spanne in die Höhe, streckte die Füsse gegen den sich auch erhebenden Vogel aus und spritzte ätzenden Saft von sich. Dieser Kampf hatte viel Aehnlichkeit mit dem zweier Hähne. Mich wunderte nur, dass die Heuschrecke dem Vogel so lange Stand hielt, schliesslich besass sie kein Bein mehr, zeigte sich aber trotzdem noch sehr kampfrüstig und schnellte sich immer wieder in die Höhe. […]“.
Doch der Feind lauert nicht nur von oben. In dem 1749 durch August Johann Rösel von Rosenhof veröffentlichten Kupferstich „Insecten-Belustigungen“ wird bereits ein Saitenwurm, der „Zwirn-Wurm“, als häufiger Gegenspieler der Art erwähnt: „§ 10. […] An dem sogenannten Zwirn-Wurm haben sie einen innerlichen Feind: dieser wird zuweilen eine Vierthel-Ellen lang in ihnen angetroffen, hat aber daher nur die Dicke eines Zwirn-Fadens und zehrt sie so aus, daß sie vielmals, vor der ihnen sonst bestimmten Zeit, ihr Leben endigen müssen. Statt dieses Wurms findet man sie auch öfters, sonderlich nicht lange vor ihrem instehenden Tod, mit Maden angefüllet, welche von denen Mücken ihren Ursprung haben.“
Nahverwandte und ähnliche Arten
Decticus verrucivorus ist bei uns nahezu unverwechselbar. Er gehört neben dem Grünen Heupferd (Tettigonia viridissima Linnaeus, 1758) zu den größten Heuschrecken und hat einen ausgesprochen markanten Gesang. Seine auffallenden Würfelflecken auf den verkürzten Vorderflügeln sind in der hiesigen Heuschreckenfauna einmalig. In Südeuropa kann man den Südlichen Warzenbeißer (Decticus albifrons Fabricius, 1775) antreffen, der noch etwas größer als unser Warzenbeißer ist und niemals grüne Flügel besitzt.
