Jede Art, egal ob Tier, Pflanze, Pilz oder Protist, besitzt eine Verbreitung. Aber diese Verbreitungen sind sehr unterschiedlich und darüber hinaus permanenten Veränderungen unterworfen. So können Verbreitungsgebiete sehr klein sein, zum Beispiel auf eine kleine Insel oder einen Bergbereich begrenzt, oder sich über die ganze Welt erstrecken (Kosmopoliten wie der Wanderfalke). Verbreitungen können auch auf bestimmte klimatische Bereiche oder spezifische Lebensräume (wie tropische Regenwälder, Wüsten oder boreale Nadelwälder) beschränkt sein. Somit besitzt die ökologische Spezialisierung und ihr Ausmaß einen großen Einfluss auf die Verbreitung von Arten. Auch die Ausbreitungsfähigkeit beeinflusst maßgeblich die Verbreitungsdynamik: Je ausbreitungsstärker eine Art ist, desto schneller kann sie ihre Verbreitung an veränderte Umweltbedingungen anpassen.
Sektion
Biogeographie

Die klassische Biogeographie befasst sich deshalb seit jeher mit der Analyse von Verbreitungsgebieten, den sogenannten Arealen. Ein basales (aber ausnehmend arbeitsaufwändiges) Ziel der Biogeographie ist es somit, die Verbreitungen von Arten weltweit zu erfassen. Diese Arbeit wird von Faunisten und Floristen in mühevoller Kleinarbeit oft ehrenamtlich geleistet. Die Existenz guter Verbreitungskarten ist jedoch die wesentliche Grundlage für die Beantwortung aller weiteren biogeographischen Fragestellungen.
Seit Mitte des 19. Jahrhunderts wird über den Vergleich von Verbreitungsgebieten, der Suche nach gemeinsamen Verbreitungsmustern und die regionale faunistisch-floristische Zusammensetzung an der Einteilung der Erde in unterschiedliche biogeographische Einheiten, den Bioreichen, also der makrogenetischen Struktur der Erde, gearbeitet. Der von Alfred R. Wallace in 1876 mit einfachsten Methoden erarbeitete Gliederungsvorschlag hat bis heute weitgehende Gültigkeit! Verbesserte Datengrundlagen, hohe Rechenkapazitäten und neue Modellansätze haben jedoch in der letzten Zeit zu deutlichen Fortschritten und Präzisierungen geführt.
Von besonderem Interesse in der Biogeographie ist die Arealdynamik. Diese konnte bis vor wenigen Jahrzehnten fast ausschließlich durch den Vergleich von Verbreitungsdaten (= Chorologie) und über morphologische Merkmalsverteilungen untersucht werden. Eine echte Revolution in der Biogeographie erfolgte durch den Einsatz der sich rasant entwickelnden molekulargenetischen Methoden, welche heute die Beantwortung von Fragestellungen mit einer Präzision und Genauigkeit erlauben, wie man es noch vor wenigen Jahrzehnten für absolutes Science-Fiction gehalten hat. Es entwickelte sich die eigenständige Forschungsrichtung der Phylogeographie. Wenn ausreichend Probenmaterial vorhanden ist, so ist mittlerweile die Rekonstruktion der raum-zeitlichen Dynamik von Arten mit vertretbarem Aufwand an Arbeitskraft und Finanzen auf sehr hohem Niveau möglich.
Die Sektion Biogeographie leistet vor allem in diesem Bereich ihre Beiträge. Hierbei werden meist unterschiedliche Tagfalterarten als Modellorganismen eingesetzt, jedoch auch andere Invertebratengruppen untersucht. Der regionale Forschungsschwerpunkt liegt auf der Paläarktis, also dem außertropischen Eurasien. Im Fokus stehen hierbei Arten der europäischen Hochgebirge, des Mittelmeerraumes und der angrenzenden Sahara und von Inselgruppen wie den Kanaren sowie Waldarten mit weiter Verbreitung in Eurasien. Größere zusammenfassende Arbeiten wurden in der Sektion ebenfalls erstellt. So entstand das umfangreiche Lehrbuch „Molekulare Biogeographie“ (Schmitt 2020). Auch mehrere Übersichtarbeiten zu diversen biogeographischen Themen und verschiedenen Regionen wurden von Mitgliedern der Sektion publiziert (Schmitt 2007 & 2009, Varga & Schmitt 2008, Schmitt & Varga 2012, Husemann et al. 2014, Schmitt et al. 2021).
Der Sektionsleiter Thomas Schmitt bekleidet neben seinen Funktionen bei Senckenberg auch die Professur Entomologie und Biogeographie in der mathematisch-naturwissenschaftlichen Fakultät der Universität Potsdam. Im Rahmen seiner Lehre unterrichtet er das Modul „Biogeographie“, welches aus einer Vorlesung und zugehörigen Exkursionen bzw. Geländeübungen besteht. Die Sektion bietet interessierten Studierenden auch die Möglichkeit von Qualifizierungsarbeiten über biogeographische Themen an.
Schmitt, T., Fritz, U., Delfino, M., Ulrich, W. & Habel, J.C. (2021) Biogeography of Italy revisited: genetic lineages confirm major phylogeographic patterns and a pre-Pleistocene origin of its biota. — Frontiers in Zoology 18: 34.
Schmitt, T. (2020) Molekulare Biogeographie: Gene in Raum und Zeit. UTB. — Haupt Verlag, Bern, 504 pp.
Husemann, M., Schmitt, T., Zachos, F.E., Ulrich, W. & Habel, J.C. (2014) Palaearctic biogeography revisited: Evidence for the existence of a North African refugium for western Palaearctic biota. — Journal of Biogeography 41: 81–94.
Schmitt, T. & Varga, Z. (2012) Extra-Mediterranean refugia: The rule and not the exception? — Frontiers in Zoology 9: 22.
Schmitt, T. (2009) Biogeographical and evolutionary importance of the European high mountain systems. — Frontiers in Zoology 6: 9.
Varga, Z.S. & Schmitt, T. (2008) Types of oreal and oreotundral disjunction in the western Palearctic. — Biological Journal of the Linnean Society 93: 415–430.
Schmitt, T. (2007) Molecular Biogeography of Europe: Pleistocene cycles and postglacial trends. — Frontiers in Zoology 4: 11.
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Leitung

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