Schlange

Herpetologie

Forschung


Die Erforschung der Herpetofauna der Neotropen (Mittel- und Südamerika, Mexiko und Antillen) steht im Mittelpunkt der wissenschaftlichen Arbeit in der Sektion Herpetologie. 

Weiterhin gab es Forschungsaktivitäten in Malawi.

Grundlage unserer Forschungsarbeit ist in der Regel eine Bestandsaufnahme der Herpetofauna (Arteninventar) der jeweiligen Region mit taxonomischer Bearbeitung der Faunenelemente. Darauf aufbauend werden anhand extern- und genitalmorphologischer Merkmale sowie molekulargenetischer Marker die phylogenetischen Verwandtschaftsbeziehungen der Arten ergründet und Hypothesen zur Evolution der Taxa formuliert. Untersuchungen und statistische Analysen zur Zoogeographie der Artengemeinschaften sind ebenfalls Bestandteil der Studien.

Die Gattung Anolis ist seit 1995 die von uns am intensivsten erforschte Tiergruppe – mehr als ein Drittel der heute aus Mittelamerika bekannten 96 Anolis-Arten wurde von uns beschrieben bzw. revalidiert. Mit fast 400 anerkannten Arten bietet sie hervorragende Möglichkeiten zum Studium verschiedener Aspekte der Artbildung.

Diversität, Taxonomie und Phylogenie der Herpetofauna Lateinamerikas

Seit 1995 führen wir herpetologische Forschungsprojekte in allen Ländern Mittelamerikas sowie ausgewählten Ländern Südamerikas durch. Projekte auf den Antillen sind in Vorbereitung – eine erste Forschungsreise nach Hispaniola ist für diesen Herbst geplant. Entsprechend verfügen wir über hervorragende Kontakte und zum Teil langjährige Zusammenarbeit mit Wissenschaftlern, Universitäten, Museen und Ministerien in Lateinamerika. Die Arbeitsgruppe der senckenbergischen Herpetologie in Frankfurt ist weltweit die einzige, die im Bereich der herpetologischen Diversitätsforschung, Taxonomie und Zoogeografie in ganz Mittelamerika arbeitet (Mexiko, Belize, Guatemala, Honduras, El Salvador, Nicaragua, Costa Rica, und Panama).

Dies ermöglicht uns überregionale Vergleiche und einen Blickwinkel „über den Tellerrand“ eines Landes hinaus, wodurch zum einen manche Probleme erst offensichtlich werden, zum Beispiel bezüglich der geografischen Variation einer „Art“, die sich bei näherer und überregionaler Betrachtung dann auch als Artenkomplex entpuppen kann. Auch bei der Beurteilung überregionaler Phänomene wie Populationsschwankungen bei Anuren ist die „gesamt-mittelamerikanische“ Perspektive hilfreich, da man so leichter Musterbildungen erkennen kann.

In Südamerika konzentriert sich die herpetologische Forschung seit einigen Jahren auf die Länder Bolivien, Paraguay, Peru und Ecuador, auf den karibischen Inseln auf Hispaniola. In Bolivien unterhält Senckenberg eine Forschungsstation (Ökologische Forschungsstation Chiquitos, San Sebastian), deren Infrastruktur u.a. Grundlage zweier Doktorarbeiten und mehrerer Diplomarbeiten war. In Costa Rica sind wir federführend an einem langfristigen herpetologischen Monitoring-Projekt beteiligt. Neben zahlreichen Publikationen in internationalen Zeitschriften, wurden als Ergebnis unserer Arbeit in Lateinamerika mehrere Bücher zur Diversität, Taxonomie und Bestimmung der Herpetofauna Mittelamerikas sowie zu ausgewählten Regionen publiziert. Hervorzuheben sind in diesem Zusammenhang zwei umfassende Bestimmungswerke zur Herpetofauna Mittelamerikas:

Köhler, G. (2008): Reptiles of Central America. 2nd edition – Offenbach (Herpeton): 400 S. 
Köhler, G. (2011): Amphibians of Central America. – Offenbach (Herpeton): 379 S.

 

Diversität, Taxonomie und Phylogenie der Saumfingerechsen (Gattung Anolis)

Die Saumfingerechsen sind mit knapp 400 anerkannten Arten die umfangreichste Echsengattung überhaupt, wobei die Erfassung aller Arten noch nicht abgeschlossen ist, wie zahlreiche Neubeschreibungen in der jüngsten Literatur zeigen. Die Systematik und Taxonomie der Anolis sensu lato befindet sich noch immer in einem unbefriedigenden Zustand. Die in der Literatur vorgeschlagenen »Artengruppen« können nur sehr bedingt als monophyletische Einheiten verstanden werden. Vielmehr handelt es sich nur zum Teil um natürliche Gruppen von Arten, während andere künstliche Gruppierungen darstellen, deren Arten sich lediglich ähneln und durch eine bestimmte Merkmalskombination zusammenfassen lassen. Zum jetzigen Zeitpunkt sind die Kenntnisse über die stammesgeschichtlichen Verwandtschaftsbeziehungen der Saumfinger noch zu gering, um die natürlichen Gruppierungen gesichert definieren zu können.

Ziel unserer Studien ist, zunächst die morphologischen und geografischen Artgrenzen der einzelnen Anolis-Arten zu evaluieren. Dabei beziehen wir externmorphologischen Merkmale (Pholidose, Körperproportionen), genitalmorphologische Daten (Hemipenismorphologie) und molekulargenetische Marker (mitochondriale Sequenzdaten) ein. Neben eigenen Aufsammlungen bei Expeditionen in die Herkunftsländer der Anolis werden die umfangreichen Sammlungsbestände in europäischen, nordamerikanischen und lateinamerikanischen Museen in die Untersuchungen einbezogen. Neue Aufsammlungen sind vor allem auch wichtig, um Farbbeschreibungen lebender Individuen durchzuführen und frisches Gewebematerial für genetische Studien zu erhalten.

Die Hemipenismorphologie als Informationsquelle für Systematik und Taxonomie wurde bei Anolis bislang kaum genutzt. Die vergleichende Untersuchung von Form und Oberflächenstruktur der männlichen Kopulationsorgane dieser Echsen ergab eine große Vielfalt. Innerhalb einer Art ist die individuelle und geografische Variation minimal. Hingegen bestehen zwischen den Arten immense Unterschiede bei diesen Organen. In Mittelamerika haben wir inzwischen 12 Artenpaare dokumentiert, die in ihrer Externmorphologie (Färbung, Körperproportionen, Beschuppung) kaum zu unterscheiden sind, aber drastische Unterschiede in ihrer Hemipenismorphologie aufweisen. Meist hat dann die eine Art einen großen zweilobigen Hemipenis, während die andere ein kleines einlobiges Organ hat. Es handelt sich also um kryptische („versteckte“) Arten, die nur aufgrund ihrer abweichenden Hemipenismorphologie identifiziert wurden. In allen untersuchten Fällen haben wir eine enge Korrelation zwischen weiblicher Kloakenmorphologie und männlicher Hemipenismorphologie gefunden. Wir gehen davon aus, dass die Artdifferenzierung jeweils in Isolation (Allopatrie) stattgefunden hat, mit Coevolution der Männchen und Weibchen. Die vorliegenden molekulargenetischen Daten sprechen dafür, dass diese kryptischen Artenpaare nahe miteinander verwandt sind, die Differenzierung der Kopulationsorgane also schnell abgelaufen ist, möglicherweise durch einen sich selbst verstärkenden evolutiven Prozess wie z.B. „Runaway Evolution by Cryptic Female Choice“ oder „Chase Away Evolution by Sexual Conflict“.

Entlang von Kontaktzonen nahe verwandter Arten haben wir Individuen mit einer intermediären Hemipenismorphologie gefunden, was wir als Hinweis für Hybridisierung deuten. Diese Vermutung wurde durch die Untersuchung der Hemipenismorphologie von im Labor erzeugten Hybriden bestätigt. Durch dieses Phänomen drängt sich die Frage nach der funktionellen Neutralität der Hemipenismorphologie auf. Da wir in allen untersuchten Fällen eine enge Korrelation zwischen weiblicher Kloakenmorphologie und männlicher Hemipenismorphologie gefunden haben, ist die Hemipenismorphologie vermutlich nicht funktionell neutral. Allerdings konnten keine Hinweise auf Reinforcement entlang der Kontaktzonen nahe verwandter Anolis-Arten gefunden werden. Die Unterschiede in der Hemipenismorphologie verhindern nicht Hybridisierung, was anzeigt, dass bei Anolis die Genitalmorphologie nicht als „Schlüssel-Schloss“-Mechanismus operiert.

Die Genitalmorphologie bei Anolis ist ein vernachlässigtes aber dennoch vielversprechendes Forschungsgebiet. Es gibt zahlreiche mögliche Projekte zur Untersuchung der Bedeutung der Genitalmorphologie für Artbildungsprozesse bei Anolis, so zum Beispiel zu den Paarungssystemen bei Anolis, zu den Prozessen während der Kopula, zur Spermienspeicherung und zum Einfluss der Genitalmorphologie auf die Spermienspeicherung.

Taxonomische Studien an ausgewählten Gattungen der Familie Gymnophthalmidae

Die Familie Gymnophthalmidae wird manchmal auch als „Microteiiden“ bezeichnet, da diese aus mehreren hundert Arten, meist kleinwüchsiger Echsen bestehende Gruppierung historisch als Unterfamilie der Familie Teiidae aufgefasst wurde.

Basierend auf morphologischen Merkmalen (Pholidose, Körperproportionen und Hemipenismorphologie) führen wir Revisionen ausgewählter Gattungen dieser Familie durch. Ziel der Studien ist es, vorhandene taxonomische Probleme zu klären, und eine Synopsis der untersuchten Arten mit Darstellung der morphologischen Variation, einem Bestimmungsschlüssel zu den Arten der Gattung (auf gewisse Länder beschränkt, wenn dies sinnvoll erscheint) und Punktverbreitungskarten. Neben eigenen Aufsammlungen bei Feldarbeit in die Herkunftsländer der Arten werden die verfügbaren Sammlungsbestände in Museen weltweit in die Untersuchungen einbezogen.

Bislang wurden die Revisionen der Gattungen Alopoglossus, Echinosaura, Euspondylus und Proctoporus vorläufig abgeschlossen und publiziert. Dabei wurden eine neue Echinosaura-Art, drei neue Euspondylus-Arten und zwei neue Proctoporus-Arten beschrieben.

Forschungs- und Schutzprojekt Utila Iguana

Der Utila-Leguan (Ctenosaura bakeri) ist ein Großleguan, der nur auf der kleinen Karibikinsel Utila (Islas de la Bahia, Honduras) vorkommt und durch übermäßige Bejagung sowie Lebensraumzerstörung vom Aussterben bedroht ist. Das „Schutzprojekt Utila-Leguan, Honduras“ wurde 1994 als gemeinsames Projekt der Zoologischen Gesellschaft Frankfurt von 1858 e.V. – Hilfe für die bedrohte Tierwelt und der Senckenbergischen Naturforschenden Gesellschaft ins Leben gerufen. Im Jahre 2008 wurde die Leitung des Projekts planmäßig in die Verantwortung der Bay Islands Foundation übergeben.

Das Projekt hat zum Ziel, den dauerhaften Fortbestand des Utila-Leguans (Ctenosaura bakeri) im natürlichen Lebensraum auf Utila zu gewährleisten. Im Vordergrund stehen Aufklärungsarbeit, Durchsetzung des Jagdverbotes, Erforschung der Biologie von C. bakeri, die Schaffung und Unterhaltung von Schutzgebieten sowie die Vermehrung von C. bakeri im Rahmen von in-situ- und ex-situ-Zuchtprogrammen.

Für Volontäre bietet das “Forschungs- und Schutzprojekt Utila Iguana” vielfältige Möglichkeiten und Arbeiten auf der „IGUANA Research & Breeding Station“ auf Utila, u.a. im Bereich Umwelterziehung, Öffentlichkeitsarbeit, Versorgung der Leguane, Gartenarbeit, Instandhaltungsarbeiten an der Station sowie Mitwirkung an Freilandforschung.

http://www.utila-iguana.de/

Weltweite herpetologischen Diversitätsforschung

Malawi

Analyse der herpetologischen Artenvielfalt als Instrument für Naturschutz und nachhaltige Entwicklung in Malawi

Beteiligte Institute und Organisationen (außer Forschungsinstitut Senckenberg):

Abteilung Ökologie und Evolution, Johann Wolfgang Goethe Universität, Siesmayerstrasse D-60323, Frankfurt am Main, Deutschland; Cultural and Museum Centre Karonga (CMCK), Private Bag 16, Karonga, Malawi.

Malawi ist ein längliches Land Mittelafrikas, im Südosten eingefasst von Mozambique, im Norden an Tansania und im Westen an Sambia grenzend. Die Grundfläche des Landes beträgt circa 120.000 Quadratkilometer, von denen ungefähr 20% durch den Malawisee bedeckt sind. Tatsächlich finden sich in Malawi einige der wichtigsten Feuchtgebiete der Welt, nämlich die Küstenlinie der Seen Malawi, Chiuta und Chilwa, die vielfältigen Miombo-Ökosysteme und die Marschen des Fluß Shire. Das Klima ist subtropisch mit einer Regenzeit von November bis Mai. Trotz der recht geringen Ausdehnung des Landes ist Malawi aufgrund der Habitatvielfalt reich an Biodiversität. Die beinahe 1.500 Wirbeltierarten sind folgendermaßen unterteilt: 163 Säugetiere, 80 Amphibien, 140 Reptilien, 550 Fische und 620 Vögel.

Bisher ist der Kenntnisstand über Amphibien und Reptilien in Malawi rudimentär. Die meisten Informationen über Verbreitung dieser Tiere sind unvollständig und vor allem veraltet. Die stattgefundene Veränderung der Landschaft durch menschliche Aktivitäten, hauptsächlich in den letzen beiden Jahrzehnten, führt dazu, dass der beschriebene Kenntnisstand nicht mehr die reelle Situation der Herpetozönose widerspiegelt.

Die ständige Ausweitung der Anbaugebiete, einhergehend mit radikaler Entwaldung und nachfolgender Zersplitterung der Habitate stellen heutzutage eine ernste Bedrohung für die natürlichen Populationen dar. Ohne Informationen auf dem neusten Stand ist es nicht möglich, sowohl die Tragweite des Biodiversitätsverlustes einzuschätzen als auch wirksame Naturschutzprogramme zu entwickeln.

Mit Hilfe der gewonnenen Erkenntnisse über die Vielfalt der Amphibien und Reptilien sowohl in den verschiedenen Landwirtschaftssystemen als auch in anthropogen beeinflussten Waldgebieten, soll der Einfluss der jeweiligen Landnutzung auf die herpetologischen Lebensgemeinschaften eingeschätzt werden.

Während der letzten zwanzig Jahre ist es zu einer Selbstverständlichkeit geworden, dass Natur- und Biodiversitätschutz nur möglich ist, wenn die ortsansässigen Einwohner mit einbezogen werden und einen wirtschaftlichen Nutzen von den Maßnahmen haben. In diesem Sinne will das vorliegende Projekt die Wichtigkeit der Zusammenführung der Anstrengungen für Biodiversitätsschutz und für örtliche wirtschaftliche Entwicklung, vor allem nachhaltige Entwicklung des Territoriums, hervorheben.

Aus dieser Sicht gelten Amphibien und Reptilien als Modellgruppe, um die Biodiversität verschiedentlich genutzter Gebiete zu erproben. Insbesondere sind Amphibien wegen ihrer Abhängigkeit von beiden Ökosystemen, terrestrisch und aquatisch, sehr empfindlich gegenüber Veränderungen der Umwelt.

PUBLIKATIONEN

Channing, A., Hillers, A., Lötters, S., Rödel M.-O, Schick, S., Conradie, W., Rödder, D., Mercurio, V., Wagner, P., Dehling, J.M., Du Preeez, L.H., Kielgast, J. & Burger, M. Taxonomy of the super-cryptic Hyperolius nasutus group of long reed frogs of Africa (Anura: Hyperoliidae), with descriptions of six new species. Zootaxa, 3620(3): 301-350.

Mercurio V. 2011. Amphibians of Malawi, an analysis of their richness and community diversity in a changing landscape; Chimaira Verlag, Frankfurt am Main, Germany, pp. 393.

Mercurio, V. 2009. Reproductive diversity of Malawians anurans; Herpetology Notes, 2: 175 –183.

Mercurio, V. 2009. Advertisement calls of three species of Arthroleptis (Anura: Arthroleptidae) from Malawi; Journal of Herpetology, 43(2): 345–350.

Mercurio V., 2007. Polemon christyi and Elapsoidea boulengeri: two new snakes distribution records for Malawi; Salamandra, 43(4): 253-255.

Mexiko

In jüngerer Zeit wurden mehrere nominale Arten mexikanischer Anolis mit anderen Arten synonymisiert (siehe Publikationen: Köhler 2011, 2012): Die Untersuchung des Holotypus von Anolis baccatus Bocourt 1873 ergab, dass es sich dabei um ein Exemplar von A. carolinensis Voigt 1832 handelt, weshalb dieses Taxon mit letzterem Epithet synonymisiert wurde. Weiterhin wurden die nominalen Arten A. cumingii Peters 1863 und A. guentherii Bocourt 1873 mit A. sericeusHallowell 1856 bzw. A. grahami Gray 1845 synonymisiert.

Auf der Pazifikseite des südlichen Mexikos (Bundesstaten Oaxaca und Guerrero) kommt eine morphologisch gut abgegrenzte Artengemeinschaft von Anolis vor. Die Mehrzahl dieser Arten zeigt als gemeinsames Merkmal eine Ovale Supraokularscheibe, bestehend aus drei enorm vergrößerten Schuppen (alle Arten der Pazifikseite des Mexikos außer A. macrinii und A. unilobatus). Die gegenwärtig von der Pazifikseite Mexikos westlich des Isthmus von Tehuantepec bekannten Anolis-Arten können grob in Arten mit gekielten Bauchschuppen (A. forbesi, A. isthmicus, A. megapholidotus, A. microlepidotus, A. nebuloides, A. nebulosus, A. quercorum, A. subocularis und A. unilobatus) und solche mit meist perfekt glatten Bauschschuppen – schwach gekielt bei einigen Exemplaren von A. macrinii (A. dunni, A. gadovii, A. liogaster, A. macrinii, A. omiltemanus, und A. taylori) unterteilt werden.

Während zweier Expeditionen (Oktober/November 2012 und Februar/März 2013) haben wir die Anolis-Arten der Bundesstaaten Oaxaca und Guerrero bearbeitet. Dabei haben wir Individuen aller gegenwärtig aus dieser Region bekannten Arten gesammelt, einschließlich Material nahe der jeweiligen Typuslokalitäten. Zudem haben wir eine noch unbeschriebene Anolis-Art gefunden, der als Kronenbewohner in den Kiefernwäldern der südlichen Sierra Madre del Sur lebt.

Belize

Im Oktober 2005 haben wir eine Forschungsreise nach Belize unternommen, um die dort vorkommenden Anolis-Arten zu bearbeiten. Vor allem hat uns die geografische Variation der Arten aus dem Anolis sericeus-Komplex interessiert, da die Artzugehörigkeit der in diesem Land vorkommenden Saumfingerechsen aus dieser Artengruppe unklar war. Aufgrund der Hemipenismorphologie (großes zweilobiges Organ) ist sind die Populationen in Belize eindeutig der Art A. sericeuszuzuordnen (vgl. Köhler & Vesely 2010: A revision of the Anolis sericeus complex with the resurrection of A. wellbornae and the description of a new species (Squamata: Polychrotidae). Herpetologica 66 (2): 207-228). Weitere, häufige Anolis-Arten in Belize sind A. lemurinus, A. rodriguezii, A. sagrei und A. uniformis.

 

Guatemala

Im Rahmen dieses Vorhabens werden die Norops -Arten Guatemalas bearbeitet.  Die Ergebnisse dieser Studie werden in einer Serie veröffentlicht, wobei die Arten nach zoogeografischen Regionen behandelt werden: 1. Pazifikseite;  2. Karibikseite; 3. Hochland.

Sieben Arten der Gattung Norops sind von der Pazifikseite Guatemalas unterhalb 1500 m N.N. bekannt ( N. cristifer, N. dollfusianus, N. laeviventris, N. macrophallus, N. petersii, “ Norops sericeus -Komplex (Pazifikseite)“ und N. serranoi ). Norops cristifer ist in Guatemala nur von wenigen Exemplaren aus dem Südwesten des Landes bekannt. Die Art unterscheidet sich von allen anderen Norops -Arten der Pazifikseite durch sehr kurze Hinterbeine und einen meist deutlich ausgebildeten Rückenkamm. Norops dollfusianus bewohnt die Abhänge der Pazifikseite des westlichen Guatemalas (400-1700 m N.N.) und unterscheidet sich von allen anderen Norops -Arten der Pazifikseite durch das Vorhandensein einer ungeteilten Pränasalschuppe und eine gelbe Kehlfahne bei den adulten Männchen. Norops macrophallus bewohnt das Tiefland und die Abhänge der Pazifikseite des südöstlichen Guatemalas (nahe Meeresspiegel bis 1200 m N.N.) und unterscheidet sich von allen anderen Norops -Arten der Pazifikseite durch folgende Merkmalskombination: Langbeinig, Pränasalschuppe geteilt, 19-25 Lamellen unter der 4. Zehe und eine fleischfarbene Kehlfahne mit orangegelbem Fleck an der Basis bei den adulten Männchen. Norops serranoi bewohnt das Tiefland und die Abhänge der Pazifikseite Guatemalas (nahe Meeresspiegel bis 1040 m N.N.) und unterscheidet sich von allen anderen Norops -Arten der Pazifikseite durch folgende Merkmalskombination: Langbeinig, Pränasalschuppe geteilt, 25-33 Lamellen unter der 4. Zehe und eine rote Kehlfahne bei den adulten Männchen. Norops sericeus -Komplex (Pazifikseite) ist auf der Pazifikseite Guatemalas weit verbreitet (nahe Meeresspiegel bis 1040 m N.N.) und unterscheidet sich von allen anderen Norops -Arten der Pazifikseite durch folgende Merkmalskombination: Kurzbeinig, eine auffallend lange Superciliarschuppe vorhanden, äußere Ohröffnung sehr klein, ohne vergrößerten Postanalschuppen; Kehlfahne der adulten Männchen gelb oder gelborange mit zentralem blauen Fleck.   An einem Standort kommen typischerweise mehrere (bis zu vier) Norops -Arten sympatrisch vor.

Honduras

Mit einer Fläche von 112.088 qkm ist Honduras nach Nicaragua der zweitgrößte Staat der mittelamerikanischen Landbrücke. Gemäß der jüngsten Artenliste (McCranie 2009) sind für Honduras 129 Amphibien- und 244 Reptilienarten bekannt. Diese atemberaubende Vielfalt wird durch die reiche Strukturierung des Landes bedingt, die Honduras zu einem Mosaik aus Regenwäldern, Kiefernwäldern, Nebelwäldern, Trockenwäldern, Kakteenwäldern, Savannen, Sümpfen und Mangroven macht. Oftmals sind nur wenige Kilometer Distanz zu überwinden, um von einem hinsichtlich Klima, Flora und Fauna extremen Lebensraum in einen anderen zu gelangen. 
Für einen Forschungsreisenden sind nicht nur diese Gegensätze reizvoll, sondern auch der Umstand, dass noch große Gebiete als nahezu unerforscht gelten. Das Forschungsdefizit spiegelt sich in der Zahl der zahlreichen in den letzten 20 Jahren in Honduras entdeckten neuen Amphibien- und Reptilienarten wider. Die Herpetofauna von Honduras war in den Jahren 1995 bis 2002 einer der Forschungsschwerpunkte der senckenbergischen Herpetologie. In diesem Zeitraum wurden von Mitarbeitern der senckenbergischen Herpetologie 1-2 Expeditionen pro Jahr nach Honduras unternommen, die zur Entdeckung zahlreicher unbeschriebener Arten geführt haben.

El Salvador

Die Herpetofauna von El Salvador, dem kleinsten mittelamerikanischen Staat, ist immer noch wenig erforscht. Seit ihrer monografischen Bearbeitung durch Mertens (1952: Abh. senckenb. naturf. Ges. 487) sind nur verhältnismäßig wenige herpetologische Arbeiten über dieses Land erschienen, vgl. Aufstellung bei Köhler (1996: Senckenbergiana Biologica 76: 29-38). Die wissenschaftlichen Aktivitäten senckenbergischer Forscher im mittelamerikanischen Staat El Salvador in den fünfziger Jahren haben dazu geführt, dass die SNG über eine umfangreiche Sammlung Amphibien und Reptilien aus diesem Land verfügt. 
Im Rahmen mehrere Reisen nach El Salvador (1997 und 1998) wurden die Untersuchungen zur Diversität und Taxonomie der salvadorianischen Herpetofauna weitergeführt. Neben mehreren Zeitschriftenartikeln wurde 2006 eine monographische Gesamtbearbeitung der Herpetofauna El Salvadors veröffentlicht.

Nicagarua

Nicaragua ist das größte Land Mittelamerikas. Im Vergleich zu seinen Nachbarländern Costa Rica und Honduras ist es aber weniger reich physiografisch strukturiert, was sich in einer deutlich artenärmeren Herpetofauna niederschlägt. Während mehrerer Forschungsreisen nach Nicaragua (1996-2008) wurden mehrere neue Arten entdeckt sowie Arten erstmals im Land nachgewiesen. 1999 wurde eine monographische Abhandlung über die Herpetofauna von Nicaragua veröffentlicht, die illustrierte Bestimmungsschlüssel zu Ordnungen, Gattungen und Arten enthält. Am 12. Oktober 2001 wurde im Ministerio del Ambiente y los Recursos Naturales (MARENA), Managua, das von G. Köhler verfasste Buch „Anfibios y Reptiles de Nicaragua“ öffentlich vorgestellt, unter Anwesenheit des Umweltministers, ranghohen MARENA-Mitarbeitern, der Deutschen Botschafterin und KfW- und GTZ-Vertretern. Die Produktion dieses Buches wurde von dem Weltbankprojekt „Corredor Biologico Atlantico“ finanziert. Javier Sunyer hat im Rahmen seiner Doktorarbeit (Abschluss 2009) intensiv über die Herpetofauna Nicaraguas gearbeitet und eine große Aufsammlung von Amphibien und Reptilien aus diesem Land zusammengetragen.

Costa Rica

In vielen Gebieten Mittelamerikas werden durch nicht-nachhaltige Landnutzungsformen und durch falsche wirtschaftliche Rahmenbedingungen immer mehr ökologische Systeme zerstört. Die negativen Aspekte dieser Landnutzungspraktiken auf die Ökosysteme und deren Artenvielfalt werden dabei oft missachtet oder sind schlichtweg nicht bekannt. Weiterhin erhöht sich stetig der Druck auf die natürlichen Ökosysteme durch regionale Armut, der fehlenden Bildung der lokalen Bevölkerung sowie den weitreichenden Folgen des weltweiten Klimawandels.

Landwirtschaftliche Aktivitäten haben immer auch Einfluss auf die lokale Biodiversität, doch müssen sie nicht zwangläufig im Gegensatz zur Sicherung der Artenvielfalt stehen. Anpflanzungen – und in diesem Zusammenhang sind nicht nur reine Aufforstungsprojekte gemeint – können durchaus die lokale Diversität der Organismen erhöhen. Um den Einfluss der landwirtschaftlichen Aktivitäten, aber auch den Erfolg von Biotopvernetzungsprojekten auf die lokale und regionale Artenvielfalt zu messen, sind kontinuierliche und standardisierte Erhebungen der organismischen Vielfalt – also ein Monitoring – nötig.

Panama

Beteiligte Institute und Organisationen (außer Forschungsinstitut Senckenberg): 
Abteilung Ökologie und Evolution, Johann Wolfgang Goethe Universität, Siesmayerstrasse D-60323, Frankfurt am Main, Deutschland 
Universidad Autónoma de Chiriquí (UNACHI), Davíd, Chiriquí, Panama

Panama liegt im Bereich des geologisch jüngsten Teils Mittelamerikas. Vor etwa zwölf Millionen Jahren wanderten durch tektonische Verschiebung Inseln in den Spalt zwischen Süd- und dem zentralen Mittelamerika, das sogenannte Panamaportal, bis vor etwa drei Millionen Jahren mit der Ausbildung des heutigen Panamas und Costa Ricas eine Landbrücke entstanden war. Die Tier- und Pflanzenwelt breitete sich über diese Landbrücke aus, so dass heute süd-, nord- und mittelamerikanische Faunenelemente in dieser Region zu finden sind. Panama wird als eines der Länder mit der höchsten Biodiversität (Vielfalt der Lebensformen) weltweit angesehen.

Im Gegensatz zu seinem Nachbarland Costa Rica ist Panama bislang allerdings noch unzureichend erforscht. Das gilt insbesondere für die schwer zugänglichen Gebirgsregionen im Westen, die sich durch bis knapp 3500 m hohe Gipfel und weitläufige, intakte Nebelwälder auszeichnen. Ein deutlicher Hinweis auf den extrem hohen Artenreichtum dieser Hochlagen – und gleichzeitig auf das Ausmaß unserer Unkenntnis desselben – ist die Entdeckung von vier neuen Echsenarten innerhalb von nur 24 Stunden während einer Senckenberg-Expedition im Jahre 2006.

Bolivien

Die Amphibien der Chiquitanía, Bolivien: Erfassung der Genetik, Larvenstadien und Bioakustik

Schlüsselworte: Amphibien, Bioakustik, Bolivien, Diversität, DNA-barcoding, Kaulquappen, Langzeituntersuchung, Ökologie, Rufphänologie.

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Zusammenfassung der Projektinhalte:

Das östliche Tiefland Boliviens, insbesondere die Region Chiquitanía, ist eine hochinteressante klimatische und biogeografische Übergangszone. Hier treffen unterschiedliche Großlandschaften Südamerikas aufeinander: der Amazonas-Regenwald aus dem Norden, von Süden kommend der trockene und heiße Gran Chaco, und von Osten her erstrecken sich die offenen Trockensavannen des Cerrado. Die Folge ist ein kleinräumiges und sehr artenreiches Mosaik verschiedener Habitate. Darüber hinaus hat sich hier eine einzigartige Ökoregion herausgebildet: der Chiquitano-Trockenwald. Typisch für diese klimatische Übergangszone sind Extremwettereignisse, wie z. B. verlängerte Trockenzeiten oder kalte surazo-Winde aus dem Süden, die drastische Folgen für Amphibienpopulationen haben können. Für ein grundlegendes Verständnis der Zusammenhänge zwischen Biodiversität und Klima sind phylo- und biogeografische Studien genauso bedeutend wie Langzeitstudien.

Noch ist die Region wenig erforscht und vom Menschen kaum beeinflusst. Ziel dieses Projektes ist es deshalb, eine möglichst vollständige Inventarisierung der Froschgemeinschaften der Chiquitanía im „Ist-Zustand“, um auf diesem Weg zukünftige Veränderungen (etwa durch zunehmende menschliche Einflüsse oder den Klimawandel) besser zu erfassen. Die Besonderheit des Vorhabens liegt vor allem darin, dass gleichermaßen die Genetik, Reproduktion und Bioakustik der Froscharten dieses Gebietes erfasst und in einer „Datenbank“ zusammengeführt werden sollen; ein derartiges Vorhaben in einem klar definierten Gebiet wurde in dieser Form bisher nur selten durchgeführt. Weiteres Ziel des Projektes ist ein automatisiertes (d.h. computerbasiertes) Monitoring-Programm, das langfristig einen Beitrag zum lokalen Naturschutz liefern soll.

Durch die Entwicklung und Evaluierung dieser bisher wenig erprobten Methoden, aber auch durch das Zusammentragen von Informationen über Genetik, Reproduktion, bis hin zur Rufphänologie einzelner Arten, nimmt das Projekt sicher eine Pionierrolle ein. Die resultierende Datenbank kann die Grundlage für zahlreiche weiterführende Fragen sein, die mit modernsten Methoden in einem darauffolgenden Schritt beantwortet werden können – Dabei ist die Frage nach der Geschichte der Landschaft ebenso bedeutend wie die Beobachtung der Populationen über einen längeren Zeitraum oder die Modellierungen der zukünftigen Einflüsse aufgrund des Klimawandels.

Die Senckenberg-Station in San Sebastián bietet hierfür eine ideale Basis. Das Projekt wurde u.a. von der Erika und Walter Datz-Stiftung unterstützt.

Paraguay

Cacciali, P. & Köhler, G. (2014): Notes on daily activity patterns in Teius teyou (Squamata: Teiidae) in the dry Chaco. The Herpetological Bulletin 129: 24-25.

Cacciali, P. Morando, M, Köhler, G. & Avila, L. (2016): On the distribution of the genus Teius Merrem, 1820 (Reptilia: Squamata: Teiidae). Zootaxa 4136 (3): 491–514.

Cacciali, P., Cabral, H., Ferreira, V.L. & Köhler, G. (2016): Revision of Philodryas mattogrossensis with the revalidation of P. erlandi (Reptilia: Squamata: Dipsadidae). Salamandra 52 (4): 293–305.

Motte, M., Cacciali, P. & Köhler, G. (2016): Leptodactylus chaquensis (Amphibia: Leptodactylidae): predación sobre ranas de la familia Hylidae. Boletín del Museo Nacional de Historia Natural del Paraguay 20 (2): 93–97.

Cacciali, P., Morando, M., Medina, C. D., Köhler, G., Motte, M. & Avila, L. J. (2017): Taxonomic analysis of Paraguayan samples of Homonota fasciata Duméril & Bibron (1836) with the revalidation of Homonota horrida Burmeister (1861) (Reptilia: Squamata: Phyllodactylidae) and the description of a new species). PeerJ 5:e3523; DOI 10.7717/peerj.3523.

Cacciali, P., Martinez, N. & Köhler (2017): Revision of the phylogeny and chorology of the tribe Iphisini with the revalidation of Colobosaura kraepelini Werner, 1910 (Reptilia, Squamata, Gymnophthalmidae). ZooKeys 669: 89-105. https://doi.org/10.3897/zookeys.669.12245

Cacciali, P., Morando, M., Avila, L. J. & Köhler, G. (2018): Description of a new species of Homonota (Reptilia, Squamata, Phyllodactylidae) from the central region of northern Paraguay. Zoosystematics and Evolution 94 (1): 147–161. DOI 10.3897/zse.94.21754

Hispaniola

Köhler, G. & Hedges, S.B. (2015): Case 3672. Anolis chlorocyanus Duméril & Bibron, 1837 and Anolis coelestinus Cope, 1862 (Reptilia, Squamata): proposed conservation of the specific names and designation of a neotype for A. chlorocyanus. Bulletin of Zoological Nomenclature 72(1).

Köhler, G. & S.B. Hedges (2016): A revision of the green anoles of Hispaniola with description of eight new species (Reptilia, Squamata, Dactyloidae). Novitates Caribaea 9: 1-135.

Köhler, G., Rodriguez-Bobadilla, M.J. & Hedges, S.B. (2016): A new dune-dwelling lizard of the genus Leiocephalus (Iguania, Leiocephalidae) from the Dominican RepublicZootaxa 4121 (5): 517–532.