Auslesen einer archäobotanischen Probe auf bestimmbare Taxa im Labor für Archäobotanik

Senckenberg packt aus

Wieso sind wir so, wie wir sind?

Interview mit Archäologin Bárbara Rodríguez Álvarez


Wieso sind wir so wie wir sind und was musste dafür passieren? Seitdem ihr Vater Bárbara Rodríguez Álvarez als Kind einmal das Fossil eines Ammoniten geschenkt hat, befasst sich die Archäologin mit den Spuren der Vergangenheit. Manche dieser Spuren sind so klein, dass sie nur unter dem Mikroskop zum Vorschein kommen – und dennoch bergen sie eine Menge an Informationen. Mosaikstein für Mosaikstein fügt sie somit das Bild einer Gesellschaft zusammen, die vor hundert tausenden von Jahren gelebt hat.

Frau Rodríguez Álvarez, warum sind Sie Archäologin geworden?

 Soweit ich mich erinnern kann, geht meine Faszination für die Vergangenheit auf ein Erlebnis aus meiner Kindheit zurück. Eines Tages gab mir mein Vater das Fossil eines Ammoniten, das er irgendwo gefunden hatte. Das weckte in mir eine unglaubliche Neugier auf die Vergangenheit – ich habe es bis heute aufbewahrt. Für mich war es als kleines Mädchen unglaublich faszinierend, mir vorzustellen, dass es schon vor Millionen von Jahren Leben gab.
Ich war da gerade zehn Jahre alt und Steven Spielbergs „Jurassic Park“ kam in die Kinos. Ich weiß noch genau, wie ich den Film gesehen habe – von der zweiten Reihe aus, in einem überfüllten Saal.  Natürlich jagten mir manche Szenen Angst ein, aber ich konnte mir schon damals vorstellen, einmal selbst an Dinosauriern zu forschen.

Sie spielten also zunächst mit dem Gedanken, Paläontologin zu werden?

Ja, zumindest ein bisschen. In dieser Zeit gingen aber auch die Funde der altsteinzeitlichen spanischen Ausgrabungsstätte Atapuerca durch die Medien. Mich faszinierten – noch mehr als Fossilien – die Hinweise und Spuren, die in den Überbleibseln der ersten Menschen verborgen waren. Ich wollte mehr über die Entwicklung der Menschen, über unsere direkten Vorfahren, herausfinden – so bin ich in der Archäologie gelandet. 

Bolivien
Ein Werkzeug aus Stein wurde zwischen den Knochen eines Pferdes gefunden.

Wie würden Sie jemandem Ihr Forschungsgebiet erklären, der noch nie davon gehört hat?

Die Archäologie ist eine Wissenschaft, die ein breites Spektrum abdeckt: von der Prähistorie und den ersten Werkzeugen bis zur industriellen Archäologie der letzten Jahre. Was wir Tag für Tag versuchen, ist die Spuren vergangener Hominini durch die sogenannte „materielle Kultur“ wiederherzustellen – also durch die Objekte, die sie zurückgelassen haben.
Auch die Verhaltensweisen und Aktivitäten längst vergessener Menschengruppen lassen sich so rekonstruieren: Zum Beispiel durch den Schnitt eines Steinartefakts auf einem Tierknochen. In manchen Fällen sind diese Spuren so klein, dass sie nur unter einem Mikroskop mit starker Vergrößerung sichtbar werden. Dann kommen zum Beispiel Pflanzenfasern zum Vorschein, die an den Werkzeugen kleben geblieben sind.
Damit keine Informationen verloren gehen, müssen die Arbeiten – die an der archäologischen Stätte beginnen und im Labor enden – so sorgfältig wie nur möglich durchgeführt werden. Denn sobald wir anfangen zu graben, besteht auch immer das Risiko, dass etwas zerstört wird. Deswegen muss alles ganz genau dokumentiert sein.

Und wie funktioniert das?

Wir unterteilen den Arbeitsbereich normalerweise in Quadratmeter und geben jedem Fundstück eine x-, y- und z-Koordinate. Dies ist essentiell, weil die räumliche Verteilung der Artefakte uns viel darüber verrät, wie der Bereichs insgesamt genutzt wurde.
Wir sammeln dabei nicht nur Steine ​​oder Knochen, sondern auch das Sediment, das wir mit Wasser sieben. Dafür gibt es zwei Gründe: Erstens verringert sich das Risiko, etwas zu übersehen und zweitens können wir auf diese Weise auch Pollen oder die Knochen und Zähne der Mikrofauna, also kleinerer Säugetiere, sammeln. Diese wiederum tragen Informationen über die Landschaft sowie die klimatischen Bedingungen der vergangenen Zeit in sich.

Schöningen
Sorgfältig zugerichteter Schaber aus Feuerstein aus der Fundstelle Schöningen 13 II-4 (Obere Berme)

Sie befassen sich besonders mit der Quartären Archäologie und der menschlichen Evolution.  Was fasziniert Sie an diesen Forschungsgebieten besonders?

Gute Frage! Im ersten Jahr meines Studiums war ich mir ehrlich gesagt noch unsicher, auf welchen Zeitraum ich meinen Fokus legen sollte.  Ich fand vieles interessant, aber am meisten faszinierte mich die Entwicklung des Menschen: Wieso sind wir so wie wir sind und was musste dafür passieren?  
Am Spannendsten fand ich den Beginn des Quartärs, der Altsteinzeit, also die Zeitspanne von vor 2,6 Millionen bis ungefähr 10.000 Jahren. Ich wollte mehr wissen über die Menschen von damals,  welche Werkzeuge sie nutzten; wie sie sich verhielten, lebten und kommunizierten. Manche unserer Vorfahren verschwanden, andere kämpften blutige Schlachten, rückten vor und eroberten unbekannte und gefährliche Gebiete. Und hier liegt das eigentlich Verblüffende: Dass wir ihren Spuren folgen und sie wieder zum Leben erwecken können.

Woran genau forschen Sie zurzeit?

Ich arbeite momentan an der archäologischen Ausgrabungsstätte Schöningen. Hier lebten vor etwa 300.000 Jahren Hominini in der Nähe eines Sees und jagten Pferde mit den bis dato ältesten jemals gefundenen Holzspeeren. Sie produzierten außerdem Werkzeug aus Stein, welches ich klassifiziere und analysiere. Außerdem vergleiche ich die verschiedenen morphotechnischen Eigenschaften der hier gefundenen Artefakte.
Mein Ziel ist es, zu verstehen, wie unsere Vorfahren Ressourcen während des sogenannten Reinsdorfer Interglazials genutzt haben und herauszufinden, ob die Art der Nutzung im Laufe der Zeit gleichblieb oder sich veränderte.
Eine der faszinierendsten Eigenschaften meiner Arbeit ist die Möglichkeit, einer der ersten Homo sapiens zu sein, der Steinwerkzeuge sehen und berühren kann, die von einer anderen Art hergestellt wurden – wahrscheinlich vom ausgestorbenen Homo heidelbergensis oder von frühen Neandertalern.
 
Was können die vorgefundenen Artefakte über den Alltag und die Kultur der Menschen erzählen, die vor Tausenden von Jahren dort lebten?

Der Einsatz von Werkzeugen ist eine enorme Errungenschaft in der menschlichen Evolution,  so viele alltägliche Aktivitäten wurden dadurch ermöglicht oder erleichtert – das gilt für damals genauso wie für heute.
Ich finde den Gedanken spannend, dass diese Werkzeuge im Grunde genommen nichts weiteres als Steine, Tierhaut oder Tierknochen sind, die von Menschen transformiert wurden und ihnen dann einen Vorteil verschafften – dass Tiere eben mehr waren als eine Nahrungsquelle und Pflanzen auch als Medikamente oder zum Feuermachen dienten.
Die Nutzung von Werkzeug bedeutete gleichzeitig, dass die Menschen sich gegenseitig helfen und ihr Wissen miteinander teilen mussten. Das Werkzeug allein bringt mir nichts: Ich muss wissen, wie ich es herstelle und richtig einsetze. Erst wenn mir jemand beibringt, wie ich einen Speer oder einen Abschlag – ein Stück Stein mit einer scharfen Kante – herstelle, oder wie ich ein erlegtes Tier zerteile, bevor Raubtiere oder Aasfresser kommen, kann ich sowohl Gefahren verringern als auch Energie und Zeit sparen.
Was ich damit sagen will: Technologischer Fortschritt hängt mit sozialen und kulturellen Aspekten zusammen und setzt die Koordinierung und Aufteilung von Arbeit voraus. All diese Informationen verbergen sich in den Artefakten. Wir erwecken sie zum Leben und versuchen, das Puzzle der Menschheit zu vervollständigen.

Zur Person

Die in Spanien aufgewachsene Archäologin Bárbara Rodríguez Álvarez ist Doktorandin an der Forschungsstation Schöningen und beschäftigt sich unter anderem mit der Charakterisierung von Steinartefakten und deren Implikationen für ökonomisches und soziales Verhalten. Ihr Forschungsschwerpunkt liegt auf Kognitiver Archäologie und Kulturökologie.