Mensch, Natur, Berge: ERC Synergy Grant zur Erforschung der sozial-ökologischen Dynamik ostafrikanischer Gebirge


Senckenberg-Forscher Prof. Dr. Thomas Hickler erhält zusammen mit drei Kolleg*innen aus Südafrika, Spanien und Großbritannien einen ERC Synergy Grant des Europäischen Forschungsrats (ERC). Mit knapp 10 Millionen Euro fördert der ERC ihr Forschungsprojekt „AFRI-CAN“.  Das interdisziplinäre Projekt untersucht, wie Menschen und Natur in den Gebirgsregionen Ostafrikas interagieren. Die Forschenden werden über die nächsten sechs Jahre die Dynamik der sozialökologischen Systeme von der Vergangenheit über die Gegenwart bis in die Zukunft analysieren. Berge sind nicht nur Lebensraum für zahlreiche Arten und wichtige Kohlenstoffspeicher, sie versorgen auch Millionen von Menschen mit Wasser, Nahrung und Energie. Modernste Forschungsmethoden helfen dabei, nachhaltige Wege aufzuzeigen, wie Mensch und Natur in den Bergen koexistieren, die Biodiversität geschützt und Ressourcen langfristig gesichert werden können.

Weltweit geraten Gebirge zunehmend unter Druck: Klimawandel, wachsende Bevölkerungen, der Verlust biologischer Vielfalt und tiefgreifende Veränderungen in der Landwirtschaft treffen an den Hängen und Gipfeln aufeinander. „Diese Entwicklungen betreffen nicht nur die Menschen, Tiere und Pflanzen, die in den Bergen leben. Auch die tiefergelegenen Regionen spüren die Folgen, denn sie sind in vielerlei Hinsicht von den Hochlagen abhängig – allen voran bei der Wasserversorgung“, erläutert Prof. Dr. Thomas Hickler vom Senckenberg Biodiversität und Klima Forschungszentrum Frankfurt und fährt fort: „Die Bedeutung der Berge reicht weit über regionale Grenzen hinaus. Sie sind Hotspots der Artenvielfalt, speichern große Mengen an Kohlenstoff und leisten damit einen wichtigen Beitrag zum globalen Klimaschutz.“

Gemeinsam mit Prof. Rob Marchant (University of York, Großbritannien), Prof. Unai Pascual (Basque Centre for Climate Change, Spanien) und Prof. Laura Pereira (Wits University, Südafrika) sowie weiteren Partnern aus Ostafrika wird Hickler zukünftig im Projekt AFRI-CAN die Gebirgsregionen Ostafrikas erforschen. Ermöglicht wird dies durch einen ERC Synergy Grant des Europäischen Forschungsrats. In dem groß angelegten Forschungsprojekt stehen neun – sehr unterschiedliche – Gebirgsregionen in Ostafrika im Fokus. „Die Berge Ostafrikas sind ein idealer Ort, um zu erforschen, wie sich menschliche Gesellschaften und Ökosysteme über die Zeit entwickelt haben. Gleichzeitig lassen sich hier die aktuellen Herausforderungen und Chancen untersuchen, die sich aus der Geschichte ergeben, besonders angesichts globaler Umwelt- und Wirtschaftsveränderungen. Faktoren wie Klimawandel, starkes Bevölkerungswachstum, Übernutzung natürlicher Ressourcen, wirtschaftliche Unsicherheiten und schnelle Veränderungen in der Landnutzung bedrohen die reiche Natur- und Kulturlandschaft der Berge. Die Gebirgsökosysteme liefern wichtige Leistungen für uns Menschen wie Nahrung, Energie und Wasser. Ein besseres Verständnis ihrer Entwicklungen ist entscheidend, um Anpassungsstrategien an den Klimawandel zu entwickeln und die dortige Vielfalt und Lebensgrundlage der Menschen zu schützen“, erläutert Hickler.

Das Forschungsteam möchte zeigen, wie die Ökosysteme in der Vergangenheit funktioniert haben, wie sie sich heute verändern – und wie eine nachhaltige Zukunft aussehen könnte. Dafür kombinieren sie modernste Modellierungsverfahren mit Methoden zur ökologischen und ökonomischen Bewertung von Naturleistungen. Hickler hierzu: „Unsere Arbeit betrachtet die Entwicklung der Bergregionen aus drei zeitlichen Perspektiven: die Vergangenheit von vor 6000 Jahren bis heute, die Gegenwart von 1970 bis 2025 und die Zukunft mit Szenarien für 2030, 2063 und 2100. Ziel ist es, gemeinsam mit lokalen Partnern Wege in eine nachhaltige Zukunft zu entwickeln. Im Mittelpunkt stehen dabei die drei zentralen Lebensgrundlagen: Ernährung, Energie und Wasser.“

Prof. Dr. Klement Tockner, Generaldirektor der Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung, gratuliert Prof. Dr. Thomas Hickler und seinem Team zur Förderung: „Das Projekt AFRI-CAN zeigt eindrucksvoll, wie interdisziplinäre Wissenschaft globale Herausforderungen wie Klimawandel, Biodiversitätsverlust und nachhaltige Ressourcennutzung adressieren kann. Es betont die Bedeutung unserer Arbeit für den Schutz von Natur und Gesellschaft. Mit dem erneuten ERC Grant unterstreicht Senckenberg seinen Anspruch internationale, kooperative Spitzenforschung voranzutreiben.“ 

Prof. Dr. Thomas Hickler ist Professor für Biogeographie am Senckenberg Biodiversität und Klima Forschungszentrum in Frankfurt am Main sowie an der Goethe-Universität Frankfurt. Nach dem Studium der Biologie an den Universitäten Frankfurt, Jena und Lund in Schweden, das er 1998 mit dem Master of Science abschloss, promovierte Hickler 2004. Seit 2010 ist er Professor für Quantitative Biogeographie am Senckenberg Biodiversität und Klima Forschungszentrum und an der Goethe-Universität Frankfurt. Seine Forschungsinteressen umfassen Wechselwirkungen zwischen Biodiversität, der Funktion von Ökosystemen, Klima und Gesellschaft, oft in interdisziplinären Projekten, die natur- und sozialwissenschaftliche Ansätze verbinden. Seit 2021 ist Hickler Mitglied der Senatskommission für die Grundlagen der Biodiversitätsforschung der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) und seit Juli 2024 Mitglied des Vorstands des Deutschen Klima-Konsortiums (DKK). Er war Autor mehrerer internationaler Umweltbewertungsberichte, darunter Beiträge zum IPBES (Intergovernmental Science-Policy Platform on Biodiversity and Ecosystem Services) und zum IPCC (Intergovernmental Panel on Climate Change).

Der ERC, der 2007 von der Europäischen Union gegründet wurde, ist die führende europäische Förderorganisation für exzellente Spitzenforschung. Er finanziert kreative Forschende jeder Nationalität und jeden Alters, die Projekte in ganz Europa durchführen. Die ERC Synergy Grants fördern die Zusammenarbeit zwischen herausragenden Forschenden und ermöglichen es ihnen, ihre Expertise, ihr Wissen und ihre Ressourcen zu bündeln, um die Grenzen wissenschaftlicher Entdeckungen zu erweitern. Diese Förderung ist Teil des Forschungs- und Innovationsprogramms Horizont Europa der EU.

Pressematerial

Prof. Dr. Thomas Hickler. Foto: Privat